Beobachtungen aus dem Krankenhaus (Tag 2): Don’t go breaking her heart (3/3)

Tag 2 (1/3)
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Ich rufe die Kinder an. Die beiden freuen sich sehr über die gute Nachricht. Sie erzählen, sie hätten heute das Judo-Training beziehungsweise den Geigen-Unterricht ausfallen lassen, weil sie so aufgeregt waren. Stattdessen hätten sie sich mit YouTube-Videos und Monopoly-Spielen abgelenkt. Ich verzichte auf die Frage, warum sie sich nicht mit Hausaufgaben abgelenkt hätten. Das wäre heute unangemessen kleinlich.

Anschließend telefoniere ich kurz mit meiner Schwiegermutter sowie meinen Eltern und schreibe in die WhatsApp-Gruppe „Die krummbucklige Sippe“, um die Geschwister meiner Frau zu informieren. Außerdem hat meine Frau eine Gruppe mit Freundinnen, Bekannten und Kolleginnen erstellt, damit ich diesen ebenfalls mitteilen kann, dass alles gut gelaufen ist. Kaum habe ich meine Nachricht abgeschickt, explodiert mein Handy. Im Sekundentakt kommen Antworten rein. Kurz überlege ich, die Gruppe zu verlassen, aber das wäre unhöflich. Stattdessen schicke ich ein paar Daumen-hoch-, Smiley- und Herz-Emoticons in die Runde. Und versehentlich ein Kackhaufen-Symbol, dass ich sofort wieder lösche.


Schließlich kann ich zu meiner Frau. Ich erschrecke ein wenig, als ich sie sehe. (Kein schöner Satz über die eigene Frau. Auch nicht nach 22 Jahren Partnerschaft.) Sie liegt blass und erschöpft im Bett und schläft. Ihr Hals ist vom Jod braun-orange verfärbt, am Ausschnitt des OP-Hemdes leuchtet rötlich die frische Narbe hervor und an verschiedenen Stellen ihres Körpers kommen kleinere und größere Schläuche heraus. Am Ende des Betts hängen zwei schuhkartongroße Kästen, in die bräunlich-gelbe Flüssigkeit läuft.

Aber was habe ich auch erwartet? Nach einer Zehn-Stunden-OP am offenen Herzen ist es eher unwahrscheinlich, wie ein Sports-Illustrated-Cover-Model auszusehen.

Neben ihrem Bett steht ein Ständer mit unzähligen Infusionsspritzen, die irgendwelche Medikamente, Schmerzmittel und Kochsalzlösungen in sie reinpumpen. Über dem Kopfende zeigt ein Monitor zahlreiche Werte an, die mir größtenteils nichts sagen.

Im Mund meiner Frau steckt noch der Beatmungsschlauch, der sie mit Sauerstoff versorgt. Er ist ziemlich groß. Geradezu riesig. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie der in die Luftröhre passen soll. (Was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass ich nicht die geringste Ahnung habe, wie groß so eine Luftröhre ist.) Es sieht auf jeden Fall extrem unangenehm aus. Aber wenn dir das Brustbein zersägt, die Rippen auseinandergebogen und dein Herz angehalten wurde, fällt so ein Beatmungsschlauch vielleicht doch in die Kategorie „vernachlässigenswerte Unannehmlichkeit“. Trotzdem verursacht der Anblick bei mir einen leichten Würgereiz.

Ich setze mich auf einen Hocker und schiebe mich an die Bettkante. Meine Frau wacht kurz auf und schaut mich mit glasigen Augen an. Sie scheint mich nicht wirklich wahrzunehmen und dämmert sofort wieder weg. Ich streichle etwas unbeholfen ihre Hand, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun könnte. Draußen konnte ich wenigstens essen.

Plötzlich verschluckt sich meine Frau. Sie röchelt und schnappt hektisch und hilflos nach Luft. Die Werte auf dem Überwachungsmonitor schießen in die Höhe beziehungsweise fallen rapide ab und es piepst und blinkt wie bei einem einarmigen Banditen, der den Jackpot ausspuckt. Sofort ist eine Krankenschwester da und saugt meine Frau über den Beatmungsschlauch ab. Die Vitalwerte bewegen sich wieder im Normalbereich und der Monitor beruhigt sich. Für die Krankenschwester war das reine Routine, für mich eine Erfahrung, die ich nicht noch einmal machen muss. Für meine Frau sicherlich auch. Aber auch daran wird sie sich später nicht erinnern.

Um 20 Uhr ist die Besuchszeit um. Ich küsse meine Frau zum Abschied auf die Stirn, sie nimmt es schlafend zur Kenntnis.


Als ich das Krankenhaus verlassen habe, komme ich erneut meinen nachrichtendienstlichen Pflichten nach. Ich spreche kurz mit der Schwiegermutter, meinen Eltern und den Kindern und erzähle drei Mal das Gleiche. Dass es ihr so weit gut geht, sie noch erschöpft ist und fast die ganze Zeit schläft. Den Erstickungsanfall unterschlage ich lieber. Als Propagandaminister zählt es zu meinen Aufgaben, die Moral hochzuhalten.

In meiner Hotelbox mache ich Katzenwäsche am Waschbecken, putze mir die Zähne und gehe ins Bett. Obwohl es erst kurz nach 21 Uhr ist, schlafe ich sofort ein. Im Traum liege ich auf der Intensivstation. Im Gegensatz zu meiner Frau sehe ich aber nicht blass und matt aus, sondern rosig und ziemlich propper. Möglicherweise liegt das daran, dass ich intravenös belegte Brötchen, Sandwiches, Kekse und Käsekuchen verabreicht bekomme.

Gute Nacht!


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4 Kommentare zu “Beobachtungen aus dem Krankenhaus (Tag 2): Don’t go breaking her heart (3/3)

  1. Auch für uns war 2019 das Jahr, in dem ich gelernt habe den langjährigen Partner an Schläuche und Kabel angeschlossen, mit flirrenden und manchmal piependen Überwachungsgeräten im Hintergrund, vor sich hin dämmernd mit angespanntem Gesichtsausdruck langsam wieder „ins Leben“ zu begleiten… selbst in einem Gefühlswirrwar zwischen Demut, Dankbarkeit, Optimismus, aber manchmal auch Angst, fast Panik, Trauer, Wut und Verzweiflung und immer wieder an die eigenen Grenzen stoßend.
    Letztlich werden wir alle daran wachsen!
    Es ist bewundernswert und gut, dass du diese Erfahrung teilst.
    Alles Gute für euch!!!

  2. Durch ähnliche Vorkommnisse im Familienkreis weiß ich, wie sich „verzweifeltes“ Warten anfühlt. Ich drücke sämtliche Daumen, dass sich Ihre Frau vollständig erholt und drücke Sie und Ihre Kinder symbolisch an mein Oma-Herz. :-)

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