Beobachtungen aus dem Krankenhaus (Tag 3): Her heart will go on (2/3)

Tag 3 (1/3)


Meine Frau sieht immer noch sehr erschöpft aus. Wenigstens steckt der Beatmungsschlauch nicht mehr in ihrem Mund. Ein erster Fortschritt. Allerdings sind ihre Stimmbänder von dem Schlauch ein wenig in Mitleidenschaft gezogen. Beim Reden krächzt sie, als hätte sie schon im Grundschul-Alter angefangen, täglich eine Schachtel Rot-Händle-ohne-Filter wegzuquarzen.

In ihrem Zimmer gibt es drei weitere Patienten. Meine Frau mit eingerechnet liegt das Durchschnittsalter bei ungefähr elf Jahren. Die anderen Betten sind allesamt mit Babys und Säuglingen belegt. Wegen des angeborenen Herzfehlers liegt meine Frau auch hier auf Intensiv auf der Kinderstation.

Was die kleinen Würmchen genau haben, weiß ich nicht. Ich möchte es auch gar nicht wissen. Es wird sich um irgendwelche schaurigen Herz- und Hirn-Geschichten handeln. Darauf ist die Intensivstation spezialisiert.

Auf jeden Fall haben diese Babys mit ihren wenigen Monaten schon mehr durchmachen müssen, als ich mit meinen 44 Jahren. Ich war noch nie im Krankenhaus. Zumindest nicht als Patient, sondern immer nur als Besucher und nach der Schule als Zivi. Ich erfreue mich einer sehr robusten Gesundheit und muss deswegen so gut wie nie zum Arzt. Mein Zahnarzt, den ich seit acht Jahren nicht mehr aufgesucht habe, ist da möglicherweise anderer Meinung.


Meine Frau schläft wieder und erholt sich von den OP-Strapazen. Ich übe mich in der Rolle des guten Partners, der brav Händchen hält und einfach da ist. Ich hoffe, dass es ihrer Genesung hilft. Oder zumindest nicht schadet.

Nur so rumzusitzen hat etwas sehr Entschleunigendes. Einfach mal nichts tun und ungestört den eigenen Gedanken nachhängen. Dazu kommst du im Alltag ja viel zu selten. Allerdings stelle ich recht schnell fest, dass ich gar nicht so schrecklich viele nachhängenswerte Gedanken habe. Stattdessen starre ich stumpf vor mich hin.

Derweil leuchten, piepsen und surren die Infusionspumpen neben dem Bett unablässig vor sich hin. Die Infusion muss in fünf Minuten gewechselt werden? Das Lämpchen an dem Gerät leuchtet gelb und es ertönen in 30-Sekunden-Abständen drei langgezogene Piepstöne. Die Spritze ist leer? Die Lampe springt auf Rot um und die Piepstöne werden kürzer und schneller, wie bei einem Wecker. Sie hören erst auf, wenn die Alarmtaste an dem Gerät gedrückt wird. Alles ist in Ordnung und nichts muss gemacht werden? Die Lampe schimmert grün und die Pumpe schnurrt mehr oder weniger leise vor sich hin.

Im Prinzip ist so ein Infusionsständer eine Mini-Dorf-Disco mit einer sehr primitiven Lichtorgel, in der miesester Techno gespielt wird.


Um halb eins werden alle Besucher gebeten, für die Mittagsruhe die Intensivstation zu verlassen. Mir kommt das nicht ungelegen. Das viele Rumsitzen und Händchenhalten haben mich hungrig gemacht. Vielleicht ist mir aber auch einfach ein wenig langweilig. Langeweile wird ja häufig mit Hunger verwechselt. Von mir zumindest.

Ich hole mir im Kiosk ein Brötchen und eine Apfelsaftschorle. Zum Essen setze ich mich in den Lichthof und beobachte die vorbeieilenden Menschen. Es ist gar nicht so leicht zu erkennen, wer zu den Ärzten und wer zum Pflegepersonal gehört. Während meines Zivildiensts war das noch ganz eindeutig. Da trugen die Ärzte alle weiße Kittel. So wie in der Schwarzwaldklinik. (Die Älteren erinnern sich.) Ein paar kitteltragende Ärzte gibt es hier auch, die meisten haben aber die gleiche Stationskleidung wie die Krankenschwestern und – pfleger an. Wahrscheinlich soll das Hierarchien abbauen und den Pflegeberuf aufwerten. Oder den Arztberuf abwerten, um weniger Gehalt zu bezahlen.

Das Reinigungspersonal trägt identische Stationshemden und -hosen. Sie werden aber trotzdem kaum mit den Ärzten verwechselt. Es ist eher unwahrscheinlich, dass der Oberarzt vor der Visite noch schnell im Patientenzimmer den Mülleimer leert und kurz durchfeudelt.

Bei der Stationskleidung gibt es wiederum unterschiedliche Farben. Meistens ist sie blau. Bei den Anästhesisten ist sie dagegen in einem ästhetisch fragwürdigem Mintgrün gehalten. Da weißt du als Patient nicht, ob dir vom Narkosemittel oder von der Farbe schlecht ist.

Die Radiologen sind wiederum ganz in pink gekleidet. Das ist besonders hübsch, weil die männlichen Kollegen dort fast alle glatzköpfige, vollbärtige, vierschrötige Hünen sind – wahrscheinlich sind sie aufgrund der täglichen Strahlendosis mutiert –, die so finster schauen, dass Hells-Angels-Rocker dagegen wie putzige Glücksbärchen aussehen. Vermutlich sind sie wegen der pinken Bekleidung so schlecht gelaunt.

Bei den Ärzten, die keine Stationskleidung tragen, wird die Kleidung immer legerer, je höher sie in der Hierarchie stehen. Der Leiter der Kinderkardiologie hat beispielsweise immer weiße Polo-Hemden an, als wäre er gerade auf dem Sprung, um auf dem Tennisplatz noch ein paar Bälle zu schlagen. Wie wohl der Dekan der medizinischen Fakultät rumläuft? Wahrscheinlich in Hawaii-Hemden, Shorts und Flip-Flops.


Fortsetzung (Tag 3, 3/3)


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