Beobachtungen aus dem Krankenhaus (Tag 6): Heart of Gold (2/3)

Tag 6 (1/3)


Im Krankenhaus hole ich mir als erstes meinen obligatorischen Kaffee. Nicht weil ich wirklich Lust darauf habe, sondern weil der Kioskbesitzer gestern Morgen so traurig schaute, als ich an seinem Laden vorbeiging.

Während ich meine Frau begrüße, erscheint ein Stationsarzt und erklärt, ihr Kalium-Wert sei etwas zu niedrig und sie müsse aufgelöstes Kalium-Brausepulver trinken. Dabei fuchtelt er mit einem Tütchen eben dieses Brausepulvers vor ihrem Gesicht rum. Meine Frau schaut ihn angewidert an, als hätte er ihr gerade mitgeteilt, Kalium-Mangel könne nur mit einem Glas Eigen-Urin behoben werden. Schon als Kind musste sie nach den Operationen aufgelöstes Kalium trinken und hat es gehasst.

Mit finsterer Miene erklärt meine Frau, das Kaliumtrinken sei das mit Abstand Allerschlimmste an ihrem Aufenthalt hier im Krankenhaus. Eine recht bemerkenswerte Aussage, wurde ihr bei der Operation doch das Brustbein aufgesägt, die Rippen auseinandergebogen und das Herz abgestellt, um sie an die Herz-Lungen-Maschine anzuschließen. Aber ich glaube, jetzt ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt, das mit ihr zu diskutieren. Außerdem hatte sie schon beim Ziehen der Drainagen gesagt, das sei das Allerschlimmste an der Operation. Allerdings scheint mir jetzt ebenfalls nicht der richtige Zeitpunkt zu sein, um ihr zu erklären, dass zweimal das Allerschlimmste nicht geht und sie sich schon entscheiden müsse.

Als sie mit 11 das letzte Mal operiert wurde, wollte ihr Vater sie zum Kaliumtrinken motivieren, indem er sagte, so schlimm sei das doch gar nicht, das schmecke doch wie Sprite. Seitdem hat meine Frau nie wieder Sprite getrunken! Daher verkneife ich mir die Bemerkung, sie solle sich einfach vorstellen, es sei Gin Tonic.

Schließlich hält sie sich die Nase zu und schüttet sich mit Todesverachtung das Kalium-Brausegetränk in den Hals. Somit hätte sie das überstanden. Zumindest bis morgen, bis zum nächsten Kalium-Trunk. Aber dann bin ich ja nicht mehr da!


Bei der 16-jährigen Zimmernachbarin und ihrer Mutter ist die Stimmung ein wenig frostig. Das Mädchen ist motzig, weil sie Mathe-Hausaufgaben machen muss, und ihre Mutter erlaubt ihr nicht, sich die Lösungen auf WhatsApp schicken zu lassen. Ich habe großes Verständnis für das Mädchen. Da liegst du wegen einer doofen Herzgeschichte im Krankenhaus und dann musst du dich auch noch mit Mathe rumärgern. Das ist der Genesung sicherlich nicht dienlich.

Gerne würde ich meine Hilfe anbieten, aber es handelt sich um Geometrie-Aufgaben und das war schon immer meine mathematische Achillesferse. Also, noch mehr als Stochastik und Analysis. (Was zur Hölle war das überhaupt nochmal?) Das bedauernswerte Mädchen soll mit Hilfe des Sekanten-Tangentensatzes ausrechnen, wie weit man von einem 40 Meter hohen Leuchtturm sehen kann.

Was für eine Aufgabe! Noch realitätsferner geht es wohl nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie dieses Wissen später niemals wird anwenden müssen. Außer sie wird Leuchtturmwärterin, dann ist das vielleicht nicht vollkommen irrelevant. Wobei sie da ja selbst auf dem Leuchtturm steht und sieht, wie weit sie sehen kann. Also, doch ein vollkommen unnützes Wissen. Um den mathematischen Generationen-Konflikt am Nachbarbett nicht zu eskalieren, schweige ich lieber.


Während ich in der Mittagspause ein belegtes Laugenbrötchen vom Kiosk esse, bekomme ich eine Nachricht der Kinder. „wann kommst du nachhause“ fragen sie unter Verzicht auf die Einhaltung gängiger Rechtschreibungs- und Interpunktionsregeln. Ich möchte mir vorstellen, dass sie das schreiben, weil sie sich vor Sehnsucht verzehren. Realistischerweise wollen sie lediglich wissen, wie lange ihnen zum Aufräumen der Wohnung bleibt.


Als ich zurück auf Station komme, strahlt mich meine Frau an. Ihr letzter Zugang wurde gezogen und sie kann endlich wieder ihre eigenen Klamotten tragen. Wenn du das verwaschene Krankenhaus-Flügelhemd erstmal gegen ein verwaschenes Band-Shirt und ausgebeulte Jogginghosen tauschen kannst, fühlst du dich gleich wie ein neuer Mensch.

Gegen 14 Uhr kommen der ältere Bruder meiner Frau und sein Mann zu Besuch. Sie bringen mehrere metallisch schimmernde Get-well-soon-Ballons mit (Greta schüttelt missbilligend den Kopf, die Zimmernachbarin schaut neidisch herüber.) und eine ebenfalls riesige Tüte, voll mit Süßigkeiten, deren Hauptzutat aus Erdnussbutter besteht, die sie von ihrer letzten USA-Reise mitgebracht haben. (Ich weiß nicht, ob ich die beiden dafür lieben oder hassen soll.) „Wer soll das denn alles essen?“, rufe ich in gespielter Verzweiflung. Da meine Frau noch nicht wieder so richtig Appetit hat, ist es eine rhetorische Frage.

Kurze Zeit später verabschiede ich mich von meiner Frau und verspreche, dass ich morgen gemeinsam mit den Kindern kommen werde.


Fortsetzung (Tag 6, 3/3)


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  • Christian Hanne

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