Die Schlacht um Weihnacht: Christkind vs. Weihnachtsmann

Es gibt eine Frage, in der Deutschland gespaltener ist, als während der 40-jährigen Trennung in Ost und West: Wer bringt an Weihnachten die Geschenke? In West-, Südwest- und Süddeutschland sind die Menschen überzeugt, das sei der Job des Christkindes, in den mittel-, nord- und ostdeutschen Regionen glaubt man dagegen, der Weihnachtsmann sei für die Lieferung der Präsente zuständig.

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Die beiden Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber. Auf Weihnachtsmärkten kommt es regelmäßig zu Massenschlägereien zwischen Weihnachtsmannianern und Christkind-Fans, Ehen zwischen Weihnachtsmann-Anhängern und Christkind-Verehrern sind undenkbar und langjährige Freundschaften zerbrechen, wenn sich herausstellt, dass es unterschiedliche Ansichten darüber gibt, wer am 24.12. die Geschenke bringt.

Die Zeit scheint gekommen, in einem ultimativen Duell ein für alle Mal festzustellen, wer der beste Geschenkebringer der Welt ist. Der weißhaarige Oldie aus Lappland, der über ein riesiges Logistikzentrum mit mehreren tausenden Helfern verfügt, oder das kleine Baby, das in einem Stall zu Bethlehem das Licht der Welt erblickte und sich direkt mit der großen Aufgabe konfrontiert sah, die ganze Menschheit mit Geschenken zu versorgen. Und das auch noch an seinem eigenen Geburtstag. Das hat sich das Christkind sicherlich anders vorgestellt.

Nach monatelangen zähen Verhandlungen haben sich die Manager von Weihnachtsmann und Christkind auf Veranstaltungsort, Preisgeld und Wettkampfmodus geeinigt, so dass es jetzt tatsächlich zum Duell der Giganten kommt. Vergessen Sie den ‚Rumble in the Jungle‘ zwischen Foreman und Ali und den ‚Thrilla in Manila‘ von Ali und Frazier. Heute gibt es die ‚Schlacht um Weihnacht‘. Christkind gegen Weihnachtsmann, Weihnachtsmann gegen Christkind. Es kann nur einen geben! Eine Auseinandersetzung wie Harry Potter gegen Lord Voldemort, Frodo gegen Sauron oder Aldi Nord gegen Aldi Süd. Nur unerbittlicher, hasserfüllter und gnadenloser.

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Mehr als 20.000 Menschen haben sich heute in der Mercedes-Benz-Arena in Berlin versammelt, um diesem Kampf der Weihnachtsgeschenke-Titanen beizuwohnen. Ohrenbetäubender Applaus ertönt. Der Einzug der Kontrahenten steht bevor.

Das Licht wird verdunkelt, bunte Scheinwerferkegel schweifen über die Ränge und zu den Klängen von ‚Jingle Bells Rock‘ kommt der Weihnachtsmann von der Nordseite her in die Halle gerannt. Im Laufschritt klatscht er seine Fans ab, dabei begleitet ihn eine Gruppe von Weihnachtselfen, die siegessicher ins Publikum winken. Hinter ihnen trabt Rudolf, das Rentier, dessen Nase vor Aufregung rot blinkt.

Am Ring angekommen springt der Weihnachtsmann mit einem Salto über die Seile. Die Halle tobt. Was für ein Auftritt! Das hätten ihm in seinem Alter wohl die wenigsten zugetraut. Selbst auf der Südtribüne, wo die Fans des Christkinds stehen, gibt es anerkennendes Nicken.

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Der Weihnachtsmann steigt nun in jeder Ringecke auf die Seile und stellt unter lauten „Ho, ho, ho!“-Rufen seinen beeindruckenden Bizeps zur Schau. Da hat jemand anscheinend die letzten Monate viel Zeit ins Krafttraining investiert. Oder in den Konsum von Wachstumshormonen für Zuchtbullen.

Das Hallenlicht wird erneut gedimmt. Der Auftritt des Christkindes steht bevor. Ein heller Spot ist auf den Südeingang gerichtet. Die Tür öffnet sich. Zu ‚Vom Himmel hoch da komm‘ ich her‘ betritt das Christkind die Halle. Da es noch nicht laufen kann, trägt die Jungfrau Maria es auf dem Arm. Neben ihr schreitet Josef, der Zimmermann aus Nazareth. Seit Maria ihm erklärt hat, ihre Schwangerschaft habe rein gar nichts mit Yaron, dem Fischer aus dem Nachbardorf, zu tun, sondern sei das Ergebnis einer jungfräulichen Empfängnis, weicht er ihr Tag und Nacht nicht mehr von der Seite. Hinter der biblischen Kleinfamilie folgt eine Entourage aus Hirten und Schafen.

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Als sie die Saalmitte erreichen, drückt Josef die Seile nach unten und Maria betritt mit dem Christkind auf dem Arm würdevoll den Ring. Unter dem Jubel der Zuschauer präsentiert sie den Säugling in jeder Ecke des Rings. Das Christkind scheint bester Laune zu sein und gibt glucksende Laute von sich. Es hört sich nach ‚Halleluja‘ und ‚Hosianna‘ an.

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Inzwischen ist auch der Kampfrichter des heutigen Abends im Ring angekommen. Es ist König Salomon, der wohl unparteiischste Referee der Menschheitsgeschichte. Er ruft die Kontrahenten zu sich und erklärt die Regeln: „Gekämpft wird in sechs Kategorien: Wirtschafts-Power, Öko-Power, Movie-Power, Song-Power, Style-Power und Super-Power. Wer zuerst vier Runden für sich entschieden hat, hat gewonnen. Tiefschläge, Tritte und Kopfstöße sind verboten. Ich will einen fairen Kampf sehen. Verstanden?“

Weihnachtsmann und Christkind stehen sich gegenüber – letzteres immer noch auf dem Arm von Maria – und grunzen ihre Zustimmung. Der Weihnachtsmann mustert Maria abschätzig, beugt sich zum Christkind runter und raunt ihm zu: „Deine Mudder ist so hässlich, da rutscht nicht mal der olle Josef rüber.“ Ein Raunen geht durch die Halle. Man darf den Weihnachtsmann nicht unterschätzen. Er sieht zwar aus wie ein gütiger Opi, ist aber immer noch ein Meister des gepflegten Trash Talks.

Josef will die gekränkte Ehre seines Weibes wiederherstellen und schlägt wutentbrannt mit seinem Wanderstab nach dem Weihnachtsmann. Aufgrund seines fortgeschrittenen Alters lässt aber seine Hand-Auge-Koordination zu wünschen übrig. Er verfehlt den Weihnachtsmann deutlich und haut stattdessen einem Weihnachtself den Stab auf die Rübe.

Der Weihnachtsmann lacht Josef höhnisch aus. Daraufhin stößt das Christkind einen schrillen Schrei aus, grabscht mit seinem kleinen Fäustchen in den Rauschebart des Weihnachtsmanns und zieht mit aller Kraft daran. Mit einem spitzen Fingerchen des anderen Händchens sticht es ihm gleichzeitig ins linke Auge. Der Weihnachtsmann jault vor Schmerz auf

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Im Nu entsteht im Ring eine wilde Keilerei zwischen Weihnachtselfen und Hirten, an der sich auch Rudolf und die Schafe beteiligen. Nur mit Mühe schaffen es die Erzengel, die für die Security in der Halle zuständig sind, die beiden Lager trennen.

Weihnachtsmann und Christkind ziehen sich schließlich in ihre Ecken zurück und bereiten sich auf das Duell vor.

Runde 1: Wirtschafts-Power

In der ersten Runde messen sich Christkind und Weihnachtsmann darin, wer über das größere volkswirtschaftliche Potenzial verfügt. Der Weihnachtsmann eröffnet den Schlagabtausch. „Ich beschäftige mehrere tausend Elfen, die Spielzeug basteln und einpacken. Dazu kommen Dutzende von Knechten und Mechanikern, die sich um die Rentiere und die Wartung des Schlittens kümmern. Außerdem gibt es tausende von Kurierfahrern, die mich bei der Auslieferung der Geschenke unterstützen. Und nicht zu vergessen: Durch die tägliche Ausgaben meiner Mitarbeiter entstehen weitere Arbeitsplätze, werden Steuereinnahmen erzielt und die deutsche Wirtschaft angekurbelt.“

Lauter Applaus durchzieht die Halle. Auf der VIP-Tribüne erheben sich Christian Lindner und Wolfgang Kubicki aus ihren Sitzen und klatschen frenetisch.

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„Das sind doch alles nur prekäre Billig-Jobs!“, ruft Josef entrüstet. „Die dürfen sich noch nicht einmal gewerkschaftlich organisieren.“

Von der Nordtribüne ertönt ein gellendes Pfeifkonzert. Christian Lindner brüllt: „Niedriglöhne first, Bedenken second, Rum-Memmen third!“

„Genau“, ruft der Weihnachtsmann. „Immer nur nörgeln. Was hat das Christkind denn zu bieten?“

„Nun“, druckst Josef rum. „Das Christkind ist ja noch zu klein, um zu arbeiten. Ich aber habe eine ganz gut laufende Schreinerei in Nazareth. Manchmal habe ich so viel zu tun, dass Ephraim von nebenan bei mir aushilft.“

„Toll, du beschäftigst einen Leiharbeiter.“ Der Weihnachtsmann slow-clapped provokativ. „Da ist die Vollbeschäftigung ja gesichert.“ Die Weihnachtselfen feixen, Christian Lindner senkt beide Daumen nach unten.

Nach einer sehr kurzen Beratung der Jury betritt König Salomon den Ring und erklärt: „Die Runde geht eindeutig an den Weihnachtsmann. Es steht 1:0.“

Die Weihnachtsmann-Fans auf der Nordtribüne brechen in Jubel aus und skandieren lautstark: „Weihnachtsmann Geschenkemann! Weihnachtsmann Geschenkemann!“

Runde 2: Öko-Power

Nun wird getestet, ob Christkind oder Weihnachtsmann ökologisch verantwortungsvoller handeln. Diesmal geht Maria für das Christkind in die Offensive. „Niemand lebt umweltbewusster als wir. Wir reisen immer zu Fuß, der kleine Jesus trägt ausschließlich Stoffwindeln, die ich im See Genezareth auswasche, und Josef verwendet in seiner Schreinerei nur Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft.“ Nun geht Maria mit dem Christkind in die Ecke des Weihnachtsmann, drückt den Rücken durch und stellt sich direkt vor ihn. „Na, was hast du zu bieten, alter Mann.“

„Ich bin auf jeden Fall keine spaßbereite Öko-Hippe“, erwidert der Weihnachtsmann unter dem Gelächter der Elfen. „Aber auch ich habe mich einer nachhaltigen Logistik verschrieben. Deswegen liefere ich die Geschenke mit meinem Rentier-Schlitten aus.“

„Ha“, entfährt es Josef. „Mit ihren Flatulenzen tragen deine Rentiere maßgeblich zum globalen Methanausstoß bei. Damit sind deine furzenden Hirsche die Klima-Killer Nr. 1 auf der Welt.“

„Genau“, pflichtet im Maria bei. „Außerdem fährst du schon seit Jahren einen Monster-Truck. Der verbraucht mehr als 50 Liter auf 100 Kilometern. Gegen deinen CO2-Fußabdruck hat Gulliver Zwergenfüßlein.“

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Der Weihnachtsmann macht eine wegwerfende Handbewegung Richtung Christkind, verzieht sich aber etwas kleinlaut in seine Ringecke. Kurze Zeit später verkündet König Salomon: „Die Runde hat das Christkind gewonnen. Es steht damit 1:1.

Nun jubelt die Südtribüne. „Es gibt nur ein‘ Jesus Christus, es gibt nur ein‘ Jesus Christus, ein‘ Jesus Christus!“, singen die Christkind-Anhänger im Chor. Das Christkind winkt ihnen zu und donnert vor Freude in die Windel.

Runde 3: Movie-Power

In der dritten Runde geht es darum, welcher der beiden Kontrahenten mehr Filme inspiriert hat. Der Weihnachtsmann will keinen Zweifel aufkommen lassen, wer in dieser Kategorie vorne liegt. „Es gibt zahlreiche, kommerziell sehr erfolgreiche Filme über mich. ‚Schöne Bescherung‘, ‚Arthur Weihnachtsmann‘, ‚Das Wunder von Manhattan‘, ‚Santa Claus‘ oder ‚Als der Weihnachtsmann vom Himmel viel‘, um nur ein paar zu nennen.“ Der Weihnachtsmann stellt sich provozierend vor das Christkind und sagt: „Und jetzt du, du kleiner Hosenscheißer.“

Er erwischt das Christkind anscheinend auf dem falschen Fuß. Maria scheint schlecht vorbereitet zu sein und stammelt: „Äh, vor ein paar Jahren gab es ‚Die Liebe kommt mit dem Christkind“. Der lief sehr erfolgreich bei der ARD.“ In der ersten Reihe der VIP-Tribüne verdreht Dieter Kosslick, langjähriger Direktor der Berlinale, die Augen.

„Ha!“, höhnt der Weihnachtsmann. „Erfolgreich in der ARD. Das heißt weniger als die Hälfte der Zuschauer ist vor Langeweile gestorben. Habt ihr sonst nichts zu bieten?“

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„Einen Moment“, murmelt Josef und denkt angestrengt nach. „Wie wäre es mit ‚Das Leiden Christi‘?“

„Dieser antisemitsche Sadomaso-Streifen von Mel Gibson?“, fragt der Weihnachtsmann. „Nix da. In dem Film geht es um den Tod und nicht um die Geburt Christi.“

Da kommt auch schon König Salomon und verkündet die Wertung: „Die Runde hat einen eindeutigen Gewinner: Den Weihnachtsmann.“

Die Nordtribüne feiert und die Fans singen: „Santa Claus is on fire!“ Das Christkind fängt an zu weinen. Es liegt 1:2 hinten.

Runde 4: Song-Power

Jetzt müssen Weihnachtsmann und Christkind zeigen, über wen die besseren Lieder geschrieben wurden. Nach dem Debakel in der letzten Runde will das Christkind das Heft in die Hand nehmen. Josef tritt gemeinsam mit ihn in die Ringmitte und erklärt: „‚Der kleine Trommler’ ist eines der am meisten gecoverten Weihnachtslieder aller Zeiten. Von Marlene Dietrich über Frank Sinatra bis Johnny Cash haben das alle gesungen. ‚Der kleine Trommler‘ rules!“

„Wohl eher: ‚Der kleine Trommler‘ bores“, spottet der Weihnachtsmann. „Das ist ja wohl das ödeste Weihnachtslied aller Zeiten. Das hat noch nie jemand zu Ende gehört, weil man immer schon in der Mitte wegknackt.“

„Na und“, entgegnet Maria schnippisch. „Es gibt auch noch ‚Mary’s Boy Child‘. Das wurde sogar von Boney M. gecovert.“

„Boney M.? Really?“; fragt der Weihnachtsmann höhnisch.

Aus der zweiten Reihe der VIP-Tribüne ruft Dieter Bohlen: „Der beschissenste Song aller Zeiten. Noch schlechter als ‚Brother Louie‘.“

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Der Weihnachtsmann ergreift nun das Wort: „Die besten Lieder wurden über mich geschrieben. ‚I saw Mommy Kissing Santa Claus‘ zum Beispiel. Da ist wenigstens mal ein bisschen Erotik dabei.“

„Küss die Mutter, küss die Mutter“, grölen die Weihnachtsmann-Anhänger von der Nordtribüne.

Der Weihnachtsmann hebt beschwichtigend die Hände, um die Menge zur Ruhe zu bringen. „Und das rockigste Weihnachtslied aller Zeiten ist ja wohl ‚Santa Claus is Coming to Town‘. Am besten in der Version von Bruce Springsteen.“

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Nach längerer Beratung der Jury tritt Königin Salomon nach vorne. „Auch diese Runde geht an den Weihnachtsmann. Es steht 3:1.“

Der Weihnachtsmann ballt jubelnd die Fäuste und moon-walked anschließend durch den Ring. Er ist nur noch einen Punkt vom Sieg entfernt. Die Weihnachtselfen sind geradezu ekstatisch.

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Einige Weihnachtsmann-Ultras enthüllen auf der Nordtribüne ein Plakat. „Santa Claus is coming to town, um dem Christkind aufs Maul zu hau‘n.“ Die Erzengel erscheinen und fordern die Ultras auf, das Plakat unverzüglich zu entfernen. Eine Aufforderung, der sie erst nach längeren Diskussionen und kleineren Rangeleien mit den Erzengeln Folge leisten.

Das Christkind weint schon wieder. Es wirkt aufgrund des deutlichen Rückstandes angeschlagen. Vielleicht zahnt es aber auch nur. Oder hat Blähungen.

Runde 5: Fashion-Power

Nun sollen Christkind und Weihnachtsmann zeigen, wer modisch mehr auf der Höhe ist. Nach der letzten Runde muss das Christkind Boden gut machen. Maria geht mit ihm auf dem Arm zur Ringmitte. Gerade als sie anfangen will, rennt plötzlich ein Flitzer durch den Ring. Es ist Arjen Robben, der ruft: „Nix Weihnachtsmann, nix Christkind! Sinterklaas is de nummer één!“ Die Erzengel stürmen in den Ring und reißen Arjen Robben zu Boden.

„Sinterklaas soll sich erstmal für die WM qualifizieren“, knurrt der Weihnachtsmann. „Der alte Tulpenkopf.“

Nachdem der nackte Arjen Robben aus der Halle gebracht ist, setzt Maria wieder an: „Modisch ist ganz klar das Christkind die Nummer 1. Es trägt immer nur einfache weiße Leinenkleidchen, die mit ihrem schlichten aber eleganten Schnitt dem schwarzen Cocktail-Kleid von Coco Chanel in nichts nachstehen.“ Auf den VIP-Plätzen nickt Karl Lagerfeld wohlwollend und wedelt huldvoll mit seinem Fächer.

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„Coco Chanel, my ass!“, blökt der Weihnachtsmann. “Der Fashion-Star bin ja wohl ich. Rot ist immer festlich, steht jedem und kann quasi mit allem kombiniert werden. Außerdem sind meine Jacke und meine Hose schön weit geschnitten und sitzen auch nach den Feiertagen noch schön bequem.“

Karl Lagerfeld hyperventiliert auf seinem Platz und wedelt hektisch mit dem Fächer. „Mon dieu! Diese Klamotten würde ich nicht einmal als Müllbeutel verwenden. Und dieser dicke schwarze Gürtel über der Jacke!“ Karl Lagerfeld ist einer Ohnmacht nahe.

„Bequem im Schritt vielleicht, aber nicht bequem für die Augen“, platzt es aus Josef heraus. „Davon wird man ja blind.“

Gerade als sich die wütenden Elfen auf die feixenden Hirten stürzen wollen, gibt König Salomon das Rundenergebnis bekannt: „Den Mode-Battle hat das Christkind gewonnen. Es steht 3:2 für den Weihnachtsmann.“

Der Weihnachtsmann ist mit der Entscheidung nicht einverstanden und schüttelt zornig den Kopf. Das Christkind gluckst fröhlich vor sich hin. Die Südtribüne singt jubelnd: „Jesus Christ Superstar.“

Runde 6: Die Super-Power

In der finalen Runde muss sich nun zeigen, wer von den beiden Kontrahenten über die ultimative Superkraft verfügt. Die Spannung in der Halle ist kaum noch auszuhalten.

Der Weihnachtsmann will nach dem unglücklich vergebenen Matchball keinen Zweifel mehr an seinem Sieg aufkommen lassen. „Über die größte Superkraft verfüge ich, denn ich kann die Naturgesetze außer Kraft setzen“, deklamiert er. „Mein Rentier-Schlitten fliegt mit 3.000-facher Schallgeschwindigkeit um den Globus und doch verglühe ich nicht, wenn ich wieder in die Erdatmosphäre eintrete. Das macht mir niemand nach. Auch nicht der Balg aus Bethlehem.“ Die Weihnachtsmann-Fans applaudieren lautstark und geben sich siegessicher. „Santa, die Nummer 1 vom Pol“, klingt es von der Nordtribüne.

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Josef betritt bedächtig mit dem Christkind die Ringmitte. Was kann das Christkind dieser Super-Powert des Weihnachtsmanns entgegensetzen, um die schmachvolle Niederlage noch abzuwenden. Es sieht nicht gut aus.

Josef räuspert sich. „Ich muss gar nicht viele Worte verlieren“, sagt er mit fester Stimme und macht eine Kunstpause. „Das Christkind kann Wasser in Wein verwandeln.“

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Kurz ist es totenstill und die Zuschauerinnen und Zuschauer blicken sich fassungslos an. Dann verwandelt sich die Halle in ein Tollhaus. Orkanartiger Jubel bricht aus, der sich von der Süd- über die Nord- bis zur VIP-Tribüne erstreckt. Fans aus beiden Lagern liegen sich hüpfend und tanzend in den Armen. Wasser zu Wein! Was für ein Comeback des Christkinds. „Gimme whine, O Jesus, gimme whine!“, erschallt es aus 20.000 Kehlen.

Der Weihnachtsmann taumelt durch den Ring, während die Hirten das Christkind jubelnd auf den Schultern tragen.

König Salomon kommt in den Ring und verkündet das Offensichtliche. Das Christkind hat mit seinem sensationellen Move doch noch den nicht mehr für möglich gehaltenen Ausgleich erzielt. Die ‚Schlacht um Weihnacht‘ endet unentschieden, Weihnachtsmann und Christkind teilen sich den Sieg.

Schwer gezeichnet von den Strapazen des kräftezehrenden Kampfes kommen die beiden Duellanten in der Ringmitte zusammen. Der Weihnachtsmann nimmt das Christkind respektvoll auf den Arm.

„Ist doch eigentlich ganz schön, wenn ihr beide gewonnen habt“, erklärt Josef versöhnlich. „Ist dann weniger Arbeit für beide.“

„Genau“, pflichtet ihm Maria bei. „Am 6. Januar kommen ja auch schon die Heiligen Könige aus dem Morgenland zu Besuch. Da ist ohnehin immer so viel vorzubereiten.“ Das Christkind lässt ein zufriedenes Bäuerchen ertönen.

„Ihr habt recht“, sagt der Weihnachtsmann. „Wenn wir uns die Arbeit teilen, komme ich an Heiligabend mal nicht so spät nach Hause und kann noch ‚Stirb langsam‘ schauen.“

Zum Abschluss singen Weihnachtsmann, Christkind, Josef, Maria, die Hirten, die Elfen, Rudolf, die Schafe und König Salomon ‚Feliz Navidad‘ und verlassen Arm in Arm die Halle.

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Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches Weihnachtsfest, verdauliche Feiertage und einen guten Start in ein ganz wundervolles 2018. Gehaben Sie sich wohl!

Der Geist der Weihnacht kann kommen. Er soll was zu trinken mitbringen.

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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

7 commentaires sur “Die Schlacht um Weihnacht: Christkind vs. Weihnachtsmann

  1. Himmel noch eins…
    Vor Angst, dass der olle Coca-Cola-Typ das Rennen macht,
    wollte ich mich schon gedemütigt und mit Grausen abwenden.
    Als Schwabe wohl verständlich. Außerdem war ich mir schon des
    Austragungsortes wegen siegessicher: Mercedes-Benz-Arena!
    Hallo? Süddeutscher und dem Christkind näher geht es ja wohl nun nicht.
    Das Unentschieden nehme ich agnostisch hin, auch wenn er garantiert dem latenten
    Schwabenhass in Berlin geschuldet ist – Salomon hin, Salomon her.
    Aber es ist die Zeit der Liebe und so, da will ich mal nicht so sein.

    Daher auch an dich Berliner und deine Familie von Herzen
    ein besinnliches Weihnachtsfest, schnelles Abarbeiten der Verwandtschaft
    und ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2018.

  2. Herrlich, wunderbar! Ich habe gelacht. Und ich hatte mächtig Angst, dass das Christkind verlieren könnte. Ich bin für´s Christkind, mein Mann für den Weihnachtsmann und was erzählen wir unserem Sohn? In Wirklichkeit kommt das Christkind, aber der Weihnachtsmann hat das bessere Marketing.
    Frohe Weihnachten.
    Sandra

  3. Netter Text, aber leider kann ich über den Riesenfehler im Ansatz nicht hinwegsehen: Das Christkind ist doch kein Baby!

    Trotzdem frohe Weihnachten und herzlichen Dank für viele vergnügliche Momente in diesem Jahr!

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