Eine kleine Wochenschau | KW21-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


23. Mai 2022, Berlin

Heute Abend darf ich bei Fuchs & Söhne auftreten. Fuchs & Söhne ist eine renommierte Berliner Lesebühne, die die renommierten AutorInnen Kirsten Fuchs, Paul Bokowski, Sebastian Lehmann und André Hermann – der inzwischen von Tilman Birr ersetzt wurde – gegründet haben, die monatlich im Grips-Theater stattfindet und zu der immer wieder berühmte Gäste eingeladen werden. Sarah Bosetti zum Beispiel. Oder Felix Lobrecht vor ein paar Jahren. (Da war er allerdings noch nicht so bekannt wie heute.)

Ich selbst falle in die Kategorie „Gast“, aber ohne den Zusatz „berühmt“. Es ist mehr als drei Jahre her, dass ich das letzte Mal öffentlich gelesen habe. Hoffentlich denkt das Fuchs & Söhne-Publikum heute Abend nicht, was das für eine merkwürdige subversive Performance-Art mit dadaistischem Einschlag war.

Da ich das vermeiden möchte, bereite ich mich penibel vor. Ich suche Geschichten raus, schreibe sie ein wenig um, damit sie auf der Bühne besser funktionieren, und lese mir die Texte laut vor. Das ist die absolute Hölle. Es gibt wirklich nichts schlimmeres, als sich eigene Texte laut vorlesen zu müssen. Also, zumindest aus einer egozentrischen First-World-Perspektive. Global gesehen, gibt es eventuell ein oder zwei Sachen, die noch schlimmer sind. Zum Beispiel rohen Kohlrabi essen.

Nach anderthalb Stunden mache ich eine kleine Pause. Um meine Nervosität zu bekämpfen, verzehre ich mein Lebendgewicht in Form von Gummibärchen und sauren Pommes. Dabei sehe ich mir YouTube-Videos von meinen Mitlesenden an. Danach bin ich überzeugt, dass es ein großer Fehler war, für den Auftritt heute zugesagt zu haben. Ein sehr großer Fehler. Die anderen sind alle absolute Lesebühnen-Profis. Die machen seit Jahren – teilweise Jahrzehnten – nichts anderes, als öffentlich zu lesen. Die haben ein perfektes Timing, wissen genau, wann sie Pausen machen oder schneller lesen müssen und ihre Pointen sitzen immer 1a. Außerdem verhaspeln sie sich quasi so gut wie nie.

Meine Performance wird dagegen bei jedem Durchgang schlechter. Wenn es im Guinnessbuch der Rekorde einen Eintrag für die meisten Verleser pro Minute gäbe, stünde da definitiv mein Name. Der heutige Abend wird bestimmt ein Desaster. Als würde ich bei einem Konzertabend mit Itzhak Perlman, Lang Lang und Yo-Yo Ma mitwirken und Summ, summ, summ, Bienchen summ herum auf der Geige aufführen.

Der Auftritt läuft dann aber doch ganz tadellos. Mein größtes Problem ist, dass ich bei der Begrüßung hinter der Bühne nicht weiß, ob man sich nach zweieinhalb Jahren Corona wieder die Hand gibt, sich gar umarmt oder immer noch bro-fistet oder einfach nur linkisch die Hand hebt. Ich schaffe es irgendwie, das alles zu vereinen.

Nach der Vorstellung kauft sogar jemand ein Buch von mir. Mit persönlicher Widmung für ihren Partner. Dann kann er es wenigstens nicht weiterverschenken, wenn es ihm nicht gefällt.

24. Mai 2022, Berlin

Im Juni wollen wir den Stockholm-Besuch bei der Tochter nachholen, der über Ostern wegen unserer Corona-Erkrankung ausfallen musste. Dafür muss ich unsere Zugtickets noch einmal umbuchen. Unsere ursprünglichen Fahrkarten hatte ich auf das Himmelfahrts-Wochenende gelegt, dann stellte sich aber raus, dass die Tochter da bereits Besuch von einer Freundin bekommt.

Ob die Tochter wohl lieber Zeit mit der Freundin als mit ihrer Familie verbringt? Verzehrt sich die Tochter vielleicht gar nicht nach ihren Eltern? Und hat die Tochter möglicherweise vergessen, dass nicht die Freundin, sondern wir ihre Miete bezahlen? Ich urteile nicht, ich stelle nur Fragen.

Die Tickets für den Nachtzug sind erfreulich günstig. Nur 120 Euro für drei Personen. Allerdings sind das auch nur normale Sitze. Ich habe keine Lust, 200 Euro mehr zu bezahlen, damit wir uns eine 6er-Liege-Kabine mit ein paar schnarchenden, schweißfüßigen Fremden teilen. Schließlich bin ich keine 20 mehr, als einem so etwas noch egal war. (Um ehrlich zu sein, war es mir damals schon nicht egal, aber mein Geldbeutel bestand auf solche Reisekonstellationen.)

Ich bin ebenfalls zu geizig, einen Aufpreis von 3.300 Schwedischen Kronen zu bezahlen, damit wir eine 6er-Kabine für uns allein haben. Für eine Ersparnis von 300 Euro kannst du schon mal eine Nacht im Sitzen schlafen. Das wird schon nicht so schlimm werden. (Wahrscheinlich steht das später auf meinem Grabstein. „Das wird schon nicht so schlimm werden.“)

Als nächstes buche ich einen Flug für den Sohn für die Heimreise. Wir lassen ihn schon für den Freitag beurlauben, aber da seine schulischen Leistungen nicht derart brillant sind, dass eine weitere Befreiung für den Montag und Dienstag gerechtfertigt erscheint, muss er bereits Sonntag zurückreisen.

Zuerst wird mir ein Flug von EasyJet angezeigt. Der scheidet aber aus, denn der Sohn ist erst 15 und bei EasyJet darfst du erst ab 16 allein fliegen. Bei SAS ist das zum Glück kein Problem. Da geht das schon mit 15. Erfreulicherweise muss ich auch keinen kostenpflichtigen Begleitservice dazu buchen. Zumindest sofern ich die Beförderungsbedingungen richtig verstehe. Endgültig wissen werden wir es beim Check-in am Abflugtag.

Das Ticket kostet nur 60 Euro. Zur Beruhigung meines Öko-Gewissens zahle ich vier Mal zehn Euro Biosprit-Aufschlag. Ich frage mich, wie das wohl funktioniert. Kommen da vor dem Abflug für 40 Euro Pommesfett in den Tank, die von mir bezahlt wurden? Für acht Euro reserviere ich dem Sohn noch einen Fensterplatz, bin dann aber zu geizig, um zusätzlich eine Menü-Option für 10,50 Euro zu buchen. Stattdessen werde ich dann wahrscheinlich am Flughafen Sandwiches und Getränke für 20 Euro kaufen.

Die Buchung der Rückreise von meiner Frau und mir gestaltet sich problematisch. Beziehungsweise dornig chancenreich. Der Nachtzug von Stockholm nach Berlin ist komplett ausgebucht. Das ist schön für Snälltåget, den Betreiber dieser Strecke, und für die Umwelt, dass das so gut angenommen wird, aber unschön für uns, weil unser ursprüngliches Rückfahrtticket nun verfällt. (Falls Sie vermuten, dass ich zu geizig war, um seinerzeit mehr Geld für ein stornierbares Ticket zu bezahlen, liegen Sie richtig.)

Also suche ich auf den Seiten der Deutschen Bahn nach einer alternativen Stockholm-Berlin-Verbindung. Nachdem ich den Zug ausgewählt, Plätze für die Reservierung bestimmt und die kompletten Kreditkartendetails inklusive Ablaufdatum und Prüfnummer eingegeben habe, teilt mir das Buchungsportal mit, der Streckenabschnitt von Stockholm nach Kopenhagen könne nicht gebucht werden.

Als kluger Kopf will ich wenigstens die Verbindung von Kopenhagen nach Berlin buchen, wähle den entsprechenden Zug aus, bestimme die Plätze für die Reservierung und gebe erneut die kompletten Kreditkartendetails inklusive Ablaufdatum und Prüfnummer ein. Allerdings drücke ich noch nicht auf den Kaufen-Button, denn als immer noch kluger Kopf ich will erst sichergehen, dass ich auch wirklich Karten von Stockholm nach Kopenhagen bekomme.

Dazu gehe ich auf eine internationale Ticket-Plattform. Da geht das Spiel wieder von vorne los. Ich lasse die Stockholm-Kopenhagen-Verbindungen raussuchen, wähle den richtigen Zug aus, bestimmte die Plätze für die Reservierung, gebe die Kreditkartendetails inklusive Ablaufdatum und Prüfnummer an und außerdem noch unsere Ermäßigungskarten sowie unser Alter. Das Portal rödelt kurz vor sich hin und spuckt dann die Info aus, dass auch hier die Buchung nicht möglich ist.

So leicht gebe ich aber nicht auf. Als weiterhin kluger Kopf surfe ich zur Seite von SJ, der schwedischen Staatsbahn, um dort mein Glück zu versuchen. Gleichermaßen routiniert und genervt gebe ich die Reisedaten ein, wähle die gewünschte Verbindung aus, suche Plätze für die Reservierung aus, mache keine Angaben zu Ermäßigungskarten, da wir keine haben, offenbare unser Alter und fülle die Kreditkartendetails inklusive Ablaufdatum und Prüfnummer aus. Die schwedische Bahn ist happy, aber dafür gibt es eine Fehlermeldung von der Kreditkartenseite.

Falls Sie nervös werden, ob ich jetzt nochmal aufschreibe, wie ich diese ganze Scheiße wieder von vorne ausfülle, wissen Sie, wie ich mich gefühlt habe. Der nächste Anlauf klappt aber glücklicherweise und wir sind im Besitz von zwei Tickets von Stockholm nach Kopenhagen. Hoffe ich zumindest, denn die SJ-Bestätigungsmail ist ausschließlich in Schwedisch gehalten.

Nun will ich nur noch schnell den Kaufvorgang für die Kopenhagen-Berlin-Karten abschließen. (Vielleicht erinnern Sie sich daran. Sie haben vor ungefähr 20 Minuten davon gelesen.) „Schnell“ gibt es im Zugtickets-buchen-Universum aber nicht. Wegen Inaktivität wurde ich automatisch von den Seiten der Deutschen Bahn abgemeldet. Also hacke ich die ganzen Daten und Informationen zum tausendsten Mal in die Tastatur. Als ich damit fertig bin und mir die Bahn-App den Kauf der Tickets bestätigt, fühle ich mich so ausgebrannt, dass ich am liebsten einen zweiwöchigen Aufenthalt in einem Wellness-Hotel buchen würde. Weil ich dafür aber Bahn-Verbindungen raussuchen, Züge auswählen, Sitzplätze reservieren und Kreditkartendetails inklusive Ablaufdatum und Prüfnummer eingeben müsste, lasse ich es bleiben.


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