Eine kleine Wochenschau | KW24-2023 (Teil 2)

Teil 1


15. Juni 2023, Berlin / Westerburg

15 Uhr. Wir sitzen im Zug nach Frankfurt. Am Vierer-Tisch neben uns telefoniert ein Geschäftsmann und ist wichtig. Die Frau neben ihm liest in der Barbara. (In der Zeitschrift, nicht in einer Frau namens Barbara.)

Gegenüber sitzt ein Paar, bei dem mir der Mann schon auf die Nerven geht, als wir einsteigen. Ich weiß gar nicht warum. Vielleicht weil er eine modisch fragwürdige blaue Fleeceweste trägt, die ihm zwei Nummern zu groß ist, und dazu ein farblich nicht passendes kariertes Hemd? Ich hoffe nicht. Schließlich möchte ich nicht so oberflächlich sein, dass ich jemanden aufgrund seines geschmacklosen Kleiderstils ablehne.

Der Mann redet ununterbrochen auf seine Frau ein und strahlt mittelstarke Boomer-Vibes aus. Das ist wiederum ein guter Grund, ihn nervig zu finden. Kurz nach Hannover schläft der Laberhorst ein. Dadurch wirkt er gleich nicht mehr ganz so nervig. Mein Glück ist nur von kurzer Dauer. Nach fünf Minuten weckt ihn seine Frau, weil ihr Handy nicht richtig lädt. Nun finde ich sie auch nervig.

Die Fahrt verläuft erfreulich problemlos und ohne größere Vorkommnisse. Zwischendurch schreibe ich meinem Vater, wir kämen pünktlich in Limburg an. Ein großer Fehler. Mit der Nachricht erzürne ich den Bahn-Gott, der sich denkt: „So nicht, Freundchen. Ob ihr pünktlich seid oder nicht, entscheide immer noch ich.“

25 Minuten bevor wir Frankfurt erreichen, bleibt unser Zug stehen. Die Zugbegleiterin meldet sich. Im Abschnitt vor uns brenne ein Böschungskran. Ich habe keine Ahnung, was ein Böschungskran ist, aber wenn er brennt, scheint das ein Problem zu sein. Wir müssen nun ein Stück zurückfahren, bis wir einen Punkt erreichen, an dem wir auf eine andere Strecke Richtung Frankfurt ausweichen können. Die ist allerdings nicht für ICE-Geschwindigkeiten ausgelegt, so dass wir nur mit gedrosseltem Tempo fahren können.

Zunächst zeigt die Bahn-App eine Verspätung von 45 Minuten an, dann 60, dann 90, dann 105 und schließlich 115. Eine gute Gelegenheit, den inneren Stoiker zu trainieren. Schließlich änderst du an der Situation nichts, wenn du dich aufregst. Dadurch hört der Böschungskran nicht auf zu brennen und der Zug fährt auch nicht schneller.

Die Atmosphäre im Wagon ist insgesamt relativ entspannt. Lediglich ein wenig Sarkasmus und Galgenhumor sind aus der ein oder anderen Bemerkung herauszuhören. Dass die Stimmung so gut ist, liegt sicherlich auch daran, dass das Bordbistro, das eigentlich schon geschlossen worden war, wieder aufgemacht wurde und nun die umsatzstärksten Stunden des Jahres erlebt.

Irgendwann erreichen wir den Frankfurter Hauptbahnhof. Mit 140 Minuten Verspätung. Wir legen erstmal einen kurzen kulinarischen Boxenstopp bei Burger King ein.

Anschließend geht es weiter Richtung Limburg mit dem 22.09-Uhr-Zug. Der fährt aber erst um 22.20 Uhr los. Der Zug ist sehr voll und ohne Platzreservierungen bleibt uns nichts anderes übrig, als mit unseren Koffern im Gang zu stehen, Seit an Seit mit anderen Reisenden, die ebenfalls keine Platzreservierungen haben.

Die 30-minütige Fahrt ist der zäheste Abschnitt unserer heutigen Reise. Ich führe ein Experiment durch, ob sich die Reisezeit verkürzt, indem du alle 30 Sekunden auf deine Uhr schaust. Das Ergebnis: Tut sie nicht.

Mein Bruder holt uns in Limburg ab und wir erreichen kurz vor Mitternacht Westerburg. Obwohl mein Vater das gar nicht vorhatte, können wir nun in seinen Geburtstag reinfeiern. Vielleicht war es das, was der Bahn-Gott bezweckt hat.

16. Juni 2023, Westerburg

Die eigentliche Geburtstagsfeier meines Vaters findet morgen statt, für heute hat er ein paar Nachbar*innen und Leute aus dem Ort eingeladen. Der Bürgermeister macht seine Aufwartung. Mit dem habe ich zusammen Abitur gemacht. Da er bei der Schüler Union war, hatte ich aber nicht sonderlich viel mit ihm zu tun. (Nachdem ich mich eine Minute mit ihm unterhalte, weiß ich wieder warum.)

Der Pfarrer ist ebenfalls da. Er ist einer meiner besten Schulfreunde. Mit M. habe ich früher so viel gemeinsam erlebt und gefeiert, dass ich immer, wenn ich ihn im Talar sehe, denke, er hätte sich verkleidet. Seine Frau ist auch mitgekommen. Mit ihr war ich von der ersten Klasse bis zum Abitur in einer Klasse. Sie ist inzwischen Richterin.

Leider habe ich keine Klassenkameraden, die jetzt Sparkassen-Direktor oder Bauunternehmer sind. Sonst hätten wir die Charaktere für einen launigen Regional-Krimi zusammen. („Der Wut-Würger vom Westerwald“)

17. Juni 2023, Westerburg

Der Trainingsplan für meinen geplanten 10-Kilometer-Laufs sieht heute eine Runde von 22 Kilometern vor. Allerdings hatte ich eine sehr unruhige Nacht. Ich bin erst um 3 Uhr eingeschlafen – obwohl ich um kurz nach Mitternacht ins Bett gegangen war –, wachte mehrmals auf und ab 7 konnte ich gar nicht mehr schlafen. Es ist nicht auszuschließen, dass es einen Zusammenhang zwischen der schlechten Schlafqualität und meinem gestrigen Sektkonsum sowie einigen Häppchen, die ich mir kurz vorm Schlafengehen noch einverleibt habe.

Ich beschließe, den Lauf ausfallen zu lassen. Das würde mich für den Rest des Tages und für die späteren Feierlichkeiten erledigen. Das wäre nicht so gut, denn als Sohn des Jubilars habe ich möglicherweise gewisse Repräsentationspflichten. Da kann ich nicht halb schlafend irgendwo in der Ecke hocken.

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Mein Vater hat die Geburtstagsgesellschaft in ein feines Restaurant eingeladen. Im Prinzip das einzige feine Restaurant der Gegend. Das Essen ist durchaus konkurrenzfähig mit guten Küchen in Berlin. Lediglich die Portionen sind etwas groß. Das ist dem Westerwald geschuldet. Hier muss Essen lecker, aber vor allem reichlich sein. Sonst kommt niemand und du gehst schneller pleite, als du experimentelle Molekularküche sagen kannst.

Die Feier startet mit einem Sektempfang. Eine ältere Dame, mit der ich mich unterhalte, teilt mir mit, auf der nichtalkoholischen Aperitif-Alternative schwömmen kleine Ingwer-Raspeln. Das bräuchte kein Mensch. Wer bin ich, dass ich 85 Jahren Lebensweisheit widerspreche, denke ich, und nehme mir lieber ein Glas Sekt.

Unsere Kinder, die nur einen Bruchteil der Gäste kennen, müssen immer wieder das gleiche Ritual über sich ergehen lassen. Zunächst wird sich darüber ausgelassen, wie groß sie geworden sind. Anschließend wird der Sohn gefragt, ob er schon wisse, was er nach der Schule machen will – das würde mich auch interessieren – und anschließend die Tochter, wie lange sie noch zu studieren habe und was sie danach geplant habe. (Auch das würde mich interessieren.) Ungünstigerweise sind die Kinder nicht mehr klein und süß, so dass sie nach den Unterhaltungen von den Gästen nur aufgrund ihrer Niedlichkeit fünf Euro zugesteckt bekommen.

Ich mache auf der Feier die Erfahrung, dass Menschen mit zunehmendem Alter ihren sozialen Filter verlieren. Sie geben immer weniger auf Konventionen und sagen einfach, was sie denken. Das führt zum Beispiel dazu, dass mir eine Frau, bei der ich mir nicht hundertprozentig sicher bin, wer sie überhaupt ist, zur Begrüßung sagt, dass mein Bart ganz schön weiß sei. Meine Frau bekommt wiederum mehrfach zu hören, dass ihr das graue Haar gut stünde. Damit ergeht es uns immer noch besser als meinem Bruder. Der bekommt von einem Gast erklärt, er habe seit ihrer letzten Begegnung ganz schön zugelegt.

Übrigens stimmen diese Aussagen alle. Die Gäste sind aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters vielleicht ein wenig undiplomatisch, verfügen aber immer noch über eine scharfe Beobachtungsgabe, gutes Augenlicht und einen wachen Geist. Was willst du mehr mit 80+?

18. Juni 2023, Westerburg / Berlin

Heimfahrt nach Berlin. Diesmal läuft alles glatt. Kurz nach Wolfsburg schreibe ich meinem Bruder, wir seien pünktlich. Der Bahn-Gott schüttelt den Kopf und fragt mich: „Alter, hast du auf der Hinfahrt gar nichts gelernt? Ich entscheide über die Pünktlichkeit und nicht irgendein hergelaufener Wurm.“

Eine Minute später stoppt der Zug und es kommt eine Durchsage des Schaffners. Heute brennt kein Böschungskran, sondern im auf der Strecke vor uns befänden sich Personen auf den Gleisen, die da nicht hingehören. Wir könnten unsere Fahrt erst fortsetzen, wenn diese ausfindig gemacht worden seien. Eine halbe Stunde später geht es weiter, obwohl die Personen noch nicht gefunden wurden. Daher dürfen wir nur mit gedrosselter Geschwindigkeit fahren.

Mit gut einer Stunde Verspätung erreichen wir Berlin. Oder um es positiv auszudrücken: 80 Minuten pünktlicher als auf der Hinfahrt. Danke, Bahn-Gott!


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2 Kommentare zu “Eine kleine Wochenschau | KW24-2023 (Teil 2)

  1. Danke! Ich lese die Beiträge mit Westerwaldbezug immer sehr gerne, und habe als Kind und Jugendliche viele Stunden in Zügen von Frankfurt über Limburg nach Westerburg verbracht. Leider sind dort für mich inzwischen nur noch Friedhöfe zu besuchen, aber die Darstellung der örtlichen Besonderheiten lassen mich immer wissend schmunzeln.

    • An die Zwei-Stunden-Zugfahrten mit Umstieg in Limburg kann ich mich auch noch aus dem Zivildienst erinnern. Aber es war auch immer ganz schön, so entschleunigt in der Heimat anzukommen.

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