Eine kleine Wochenschau | KW35-2022 (Teil 2)

Teil 1


01. 09.2022, Berlin

Der Sohn hat heute Geburtstag. Seinen 16. Ein guter Anlass, um zum Frühstück Käsekuchen zu essen.

Seit Tagen beziehungsweise Wochen erzählt der Sohn, dass er an seinem Geburtstag eine Kiste Bier kaufen würde. Nicht weil er sie trinken möchte – zumindest nicht sofort –, sondern weil er es kann. Wobei er das vorher auch schon konnte. Zumindest in den Spätis, in denen sich niemand beim Verkauf von Alkohol mit der Kontrolle von Ausweisen belasten will.

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An meinen eigenen 16. Geburtstag kann ich mich noch gut erinnern. Ich trug damals eine rote Hornbrille, eine bordeauxrote Jeans und ein gemustertes Poloshirt mit bordeauxroten Farbelementen. Ich weiß nicht, ob das damals chic war. Wahrscheinlich nicht. Hört sich eher so an, als wäre es der Start einer langen Karriere von modischen Verfehlungen. Eigentlich war es aber eher die Fortsetzung. Mit 13 steckte ich immer meine Hosenbeine in die Socken, die ich wiederum mit meinen Schnürsenkeln zusammenband. Das war zu der Zeit in, sah aber trotzdem bescheuert aus. Wenn ich heute Bilder davon sehe, frage ich mich, ob meine Eltern damals ihre Aufsichtspflicht grob verletzten, als sie mich so rumlaufen ließen.

Gefeiert habe ich meinen 16. bei uns auf der Terrasse. Mit ungefähr 30 Freund*innen aus der Schule und der Ferienfreizeit, die kurz vorher zu Ende gegangen war. Meine Mutter hatte Unmengen an Chili con carne gekocht. Sin carne war Anfang der 90er noch nicht so gefragt. Zumindest nicht im Westerwald.

Zu trinken gab es Bier vom Fass. Mein Vater hatte eine 20-Liter- und ein 10-Liter-Fässchen besorgt. Mit einem Holzzapfhahn, den wir mittels eines Gummihammers in die Fässer schlugen. (Nie war ich dem Oktoberfest näher.) Zu Beginn der Feier ermahnte mein Vater uns, wir sollten das zweite Fass nur anstechen, wenn wir es auch leer trinken würden. Sonst stünde das Bier ab und würde nicht mehr schmecken.

Mit 16 hörst du bei mahnenden Worten deiner Eltern allerdings nicht so genau hin. Zu später Stunde schlugen wir daher das zweite Fass auch noch an und zapften ganze drei Gläser. Aber das hatte im Endeffekt auch sein Gutes: So hatten meine Eltern einen Tag nach meinem Geburtstag die Gelegenheit, spontan Freunde, Bekannte und Nachbarn zum Resteessen und -trinken einzuladen. Ich bin mir nicht allerdings sicher, ob meine Eltern das damals genauso positiv sahen.

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Da der Sohn unter der Woche Geburtstag hat und wir keine Terrasse haben, kann er keine Fete mit Chili und Fassbier feiern. (Ohnehin würde er keine Fete feiern, weil man das heute nicht mehr sagt.) Stattdessen gehen wir auf seinen Wunsch in ein Steakhaus.

Nachdem wir schon reichlich gegessen haben, bekommt der Sohn zum Nachtisch eine Creme Brûlée aufs Haus. Meine Frau und ich wollen dem Sohn nicht beim Essen zuschauen und bestellen uns New York Cheesecake. (Es ist ja auch schon mehr als zwölf Stunden her, dass wir Käsekuchen gegessen haben. Außerdem ist es schön, den Tag so zu beenden, wie du ihn begonnen hast. Zumindest wenn du Käsekuchen zum Frühstück hattest.)

Der Cheesecake wird mit Johannisbeeren und Karamellsauce serviert. Zumindest sieht das so das. Die Sauce schmeckt aber ein wenig säuerlich. Ein bisschen wie Balsamico-Essig. Für so avantgardistisch hatte ich das doch eher rustikale Steakrestaurant gar nicht gehalten. Das Ganze ist eher gewöhnungsbedürftig. Aber es ist immer noch Käsekuchen. Also esse ich ihn trotzdem auf.

Anschließend frage ich die Bedienung, was das für eine interessante Sauce gewesen sei. Salted Caramel, erklärt die junge Frau. Das könne ich definitiv ausschließen, erwidere ich, sie habe eher nach Balsamico geschmeckt. Dabei frage ich mich, ob das schon unter mansplainen fällt, was ich hier mache.

Die Kellnerin geht kurz in die Küche. Als sie zurückkommt, entschuldigt sie sich. Die neue Aushilfe in der Küche hätte heute ihren ersten Tag und habe versehentlich zur falschen Flasche gegriffen. Mit Blick auf unsere leer gegessenen Teller meint sie dann noch: „Vielleicht haben wir ja einen neuen Trend erfunden!“ Ich glaube eher nicht, behalte das aber für mich.

02. 09.2022, Berlin

Die Tochter ist seit letztem Samstag wieder in Schweden. Diesmal in Malmö, wo sie mit dem Studium angefangen hat. (In Stockholm war sie nur eine Art Gast-Studentin.) Eigentlich möchte sie lieber in Irland studieren. Da gibt es aber erst am 08. September die Rückmeldungen zu den Bewerbungen. So lange muss sie in Malmö zur Uni gehen, um ihren Studienplatz zu sichern.

Aufgrund ihrer ungewissen Aufenthaltsdauer in Malmö hat sich die Tochter für zehn Tage in einem Hostel einquartiert. In einem Vier-Bett-Zimmer. Das ist natürlich nicht gerade eine Traum-Schlafsituation. Aber als ich zum Studium nach London gegangen bin, habe ich auch eine Woche lang in einer Jugendherberge und sogar in einem Achter-Zimmer geschlafen. Im Bett neben mir lag ein nerviger Spanier, der alle, die ins Zimmer kamen, fragte: „Do you have time?“ Zu jeder Tages- und Nachtzeit. (Das ist so lange her, dass außer Wall-Street-Bankern noch niemand Handys hatte. Daher war der spanische Kollege auf Armbanduhr-Träger*innen angewiesen, die ihm die Uhrzeit mitteilen.)

Im Großen und Ganzen hat die Tochter Glück mit ihren Zimmernachbarinnen. Bis heute Nacht. Da ist eine Frau eingezogen, die unfassbar laut schnarcht. Die Tochter hat uns eine Tonaufnahme davon geschickt. Die hört sich an, als übernachte sie nicht in einem Frauen-Zimmer eines Hostels, sondern in einem Schlafsaal voll mit kanadischen Holzfäller.

03. 09.2022, Berlin

Ich habe heute Nacht geträumt und kann mich beim Aufwachen noch daran erinnern. Das kommt bei mir sehr selten vor.

In dem Traum war ich beim Friseur und der hat mir die Haare verschnitten. Wenn das das schlimmste Horrorszenario meines Unterbewusstseins ist, scheint es mir recht gut zu gehen.

04. 09.2022, Berlin

Der Sonntag ist prinzipiell nur mein zweitliebster Wochenendtag. Auf Sonntage legt sich immer schon die Schwere des drohenden Montags und der kommenden Arbeitswoche. In der Marathonvorbereitung spricht gegen den Sonntag zusätzlich, dass an diesem Tag die langen Läufe anstehen. 28, 30, 32 Kilometer oder noch mehr, wenn du richtig ambitionierte Zeiten laufen willst.

Das ist immer ein bisschen öde, weil du dann drei Stunden und mehr unterwegs bist. Und ein bisschen anstrengend ist es auch, weil du 28, 30, 32 Kilometer oder noch mehr laufen musst. Dafür laufe ich wenigstens eine recht idyllische Strecke an der Spree entlang. Ganz neue Ecken von Berlin lerne ich auch kennen. Zum Beispiel Haselhorst, wo ich irgendwann lande. Da war ich noch nie. Wahrscheinlich werde ich auch nie wieder dort hinkommen, denn dort ist es nicht ganz so idyllisch wie an der Spree.

Irgendwann habe ich gar keine Ahnung mehr, wo ich mich gerade befinde. Ich mache einen auf Pfadfinder, verlasse mich auf meinen Orientierungssinn und laufe in die Richtung, wo ich grob Moabit vermute. Zu meiner sehr großen Überraschung funktioniert das sogar.

Gegen Ende des Laufs muss ich noch ein paar Runden im Kleinen Tiergarten drehen, um die vorgeschriebenen Kilometer zusammenzubekommen. Dort kommen mir ein Mann und eine Frau entgegen. Sie gehören zu einer Gruppe von Trinker*innen, die im Park zusammen abhängen. Der Mann trägt eine Dose Bier in der Hand, die Frau trinkt aus einer großen Flasche irgendein giftgrünes Zeug. Wahrscheinlich Pfeffi.

Als wir auf gleicher Höhe sind, hält sie mir die Flasche auffordernd entgegen. „Willste was?“, fragt sie barsch, aber nicht vollkommen unfreundlich. (Zumindest für Berliner Verhältnisse.) Wahrscheinlich sehe ich so fertig aus, dass sie denkt, ich könnte das zur Erfrischung gut gebrauchen. Ich lehne trotzdem dankend ab. Pfefferminzlikör gilt wohl eher nicht als isotonisches Laufgetränk. Der Frau scheint das ganz recht zu sein. Dann bleibt wenigstens mehr für sie übrig.


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