Eine kleine Wochenschau | KW40-2021

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


04. Oktober 2021, Berlin

An einem Baum in der Parallelstraße hängt ein Zettel:

„Meine beiden Wellensittiche (blau und gelb) sind vor 2 Wochen weggeflogen. Hat Sie jemand gesehen? FINDERLOHN!“

Ich habe keine besonderen ornithologischen Kenntnisse und ich möchte den Vogelbesitzer oder die Vogelbesitzerin nicht entmutigen, aber ich habe große Zweifel, dass zwei Wellensittiche, die ihr ganzes Leben in einem Käfig verbracht haben, noch nie nach Futter suchen mussten und denen das Konzept „Fressfeinde“ vollkommen fremd ist, 14 Tage in Berlin überleben.

Das ist so, als würde ich im Dschungel ausgesetzt und wäre ganz auf mich allein gestellt. Da wäre ich spätestens nach der ersten Nacht tot. Gefressen von einem wilden Tier. Oder von einem vollkommen unwilden Tier. Einem Schmetterling oder so. Der sich eigentlich ausschließlich von Pflanzennektar und Morgentau ernährt und mich nur frisst, um mir zu zeigen, was für ein Lappen ich bin, und um seinen Dschungelkollegen zu demonstrieren, das er auch ein harter Dude ist.

In diesem Sinne: Rest in peace, Wellensittiche, rest in peace!

05. Oktober 2021, Berlin

Die Kassiererin bei Penny schaut mich irritiert an, als ich die drei Packungen Flutschfinger auf das Kassenband lege. Oktober scheint keine Wassereis-Saison mehr zu sein.

Aufmerksame Stammleser:innen wissen vielleicht, was dieser Kauf bedeutet: Bei uns steht wieder eine Weisheitszahn-OP an. Nach meiner Frau im Januar ist heute die Tochter an der Reihe. Alle vier Weisheitszähne kommen raus, wobei „kommen raus“ eine unangemessene Verniedlichung für eine Prozedur ist, bei der dir jemand vier Zähne aus dem Kiefer hebelt.

Ich schätze, die Zahnchirurgen-Innung ist mit der 50-Prozent-Weisheitszahn-OP-Quote in unserer Familie sehr zufrieden. Und wird wahrscheinlich nicht ruhen, bis sie auch den Sohn und mich auf dem Stuhl hatten. (So ein Porsche bezahlt sich schließlich nicht von selbst.)

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Der Optiker schickt mir eine Nachricht, ich könne meine reparierte Brille abholen. Nach drei Tagen mit meiner alten Brille und der nicht ganz optimalen Gläserstärke kann ich endlich wieder klar sehen. Am nächsten Morgen beim Blick in den Spiegel erweist sich das allerdings nicht unbedingt von Vorteil.

06. Oktober 2021, Berlin

Die Tochter hat die Weisheitszahn-OP alles in allem gut überstanden. Nur ihr Gesicht ist doch recht stark geschwollen. Deswegen sind Worte wie Mond, Pfannkuchen, Flunder und Hamster erstmal tabu. Weitestgehend halten wir uns auch an dieses Verbot.

07. Oktober 2021, Berlin

Heute ist Glücklich-trotz-Glatze-Tag. Ob es wohl auch einen Unglücklich-trotz-vollem-und-dichtem Haar-Tag gibt?

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Als ich auf meiner morgendlichen Laufrunde um kurz nach sieben am Spielplatz im Schlosspark vorbeikomme, spielt dort ein gut 70-jähriger Mann mit einer ungefähr ebenso alten Frau Tischtennis. Die beiden lachen ausgelassen und versprühen so viel Freude, dass ich denke, sollte ich in 25 Jahren mit meiner Frau so fröhlich Tischtennis spielen, dann ist in meinem Leben wahrscheinlich mehr richtig als falsch gelaufen. Und wenn wir erst um 10 Uhr spielen, dann ist noch mehr richtig gelaufen.

08. Oktober 2021, Berlin

Ich betätige die Klingel neben dem Pfandautomaten, weil dieser mein Schokoaufstrich-Glas nicht annimmt. Sonst kommt dann immer ein etwas älterer, grauhaariger und vor allem maulfauler Supermarkt-Mitarbeiter, der grußlos, ohne mich eines Blickes zu würdigen, irgendetwas in den Automaten eintippt und mir dann den Pfandbon ausdruckt. Dann verschwindet er wieder im Lager. Ebenfalls grußlos. Ich finde das aber nicht schlimm. Im Gegenteil. Schließlich möchte ich im Supermarkt einkaufen – oder Pfandgläser zurückgeben – und keinem Konversationszirkel beitreten.

Heute ist alles anders. Auf mein Klingeln erscheint ein junger, blonder Kollege, der unfassbar gut gelaunt ist. Und zwar so gut gelaunt, dass durchschnittliche Menschen erhebliche Mengen an alkoholischen Getränken konsumieren müssten, um einen solchen Zustand zu erreichen. Der Mitarbeiter wünscht mir nicht nur einen „guten Morgen“, sondern einen „wunderschönen guten Morgen“.

Den Pfandbon, den er mir aushändigt, werfe ich ihn in die kleine Box neben dem Automaten. Das mache ich immer so. Da wird für ein Bienen-Projekt gesammelt und es ist ja wichtig, Bienen zu schützen. Auch wenn ich nicht hundertprozentig weiß, warum. (Ich glaube, es hat irgendetwas mit Bestäuben und Artenvielfalt oder so zu tun.) Egal, für mich ist die Bienenspende so etwas wie ein Ablasshandel für meine sonstigen ökologischen Verfehlungen.

Der junge Mann erzählt enthusiastisch, dass im letzten Quartal 500 Euro in der Box zusammengekommen seien, und er sei schon total gespannt, wie viel es diesmal werden. Mein Gespanntsein hält sich eher in Grenzen, denn ich würde jetzt gerne weiter einkaufen. Mit einer morgens um 8 nur schwer erträglichen Begeisterung fährt der Mitarbeiter aber fort, wie super wichtig die Rettung der Bienen sei, liefert jedoch auch keine Begründung, warum der Fortbestand der Menschheit vom Wohlergehen von Maja, Willi und Co abhängt.

Meine Gesprächsbeiträge beschränken sich im Wesentlichen auf Ein-Wort-Sätze wie „Toll.“, „Super.“ und „Interessant.“, während ich fieberhaft überlege, wie ich mich elegant aus dieser Unterhaltung verabschieden kann.

Von einem ehemaligen Kollegen, der früher im diplomatischen Dienst gearbeitet hat, habe ich mal gelernt, die beste Exit-Strategie für Gespräche sei es, eine andere Person mit in die Unterhaltung zu ziehen und dann schleunigst einen Polnischen zu machen. (Okay, im Diplomatensprech heißt das: „Sich höflich entschuldigen und eine Konversation mit einer anderen Person beginnen.“)

Allerdings sehe ich in der Nähe keine Kund:innen, die ich dem bienophilen Supermarkt-Mitarbeiter zum Fraß vorwerfen könnte. Glücklicherweise hat der junge Mann Erbarmen, wünscht mir noch einen „wunderschönen Tag“ und geht zurück ins Lager.

09. Oktober 2021, Berlin/Westerburg

Wir besuchen für ein paar Tage meine Eltern im Westerwald. Wegen Corona das erste Mal seit fast zwei Jahren. Wir fahren mit dem ICE. Wegen Corona das erste Mal seit über einem Jahr. Dass ich mit den Gepflogenheiten von Zugreisen nicht mehr ganz so vertraut bin, merke ich, als ich am Bahnhof bei Starbucks vollkommen unbedarft zwei mittlere Cappuccini bestelle und mich beim Bezahlen frage, ob ich gerade ein Seegrundstück in Potsdam erworben habe.

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Auf der Fahrt essen wir – unter anderem – Schokolade mit Honig-Salz-Mandeln. Laut Verpackung kann sie Spuren von Sellerie, Senf und Ei enthalten. Da stellt sich mir doch die Frage: Warum?

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Abends gehen wir gemeinsam essen. In ein schickes Restaurant. Mit weißen Tischdecken und Kerzen, einer Weinkarte vom Umfang eines Telefonbuchs und wo es zwischendurch einen Gruß aus der Küche gibt. Also ein Restaurant, wo du feine Hosen trägst und eher keine Jeans.

Wahrscheinlich denkt meine Jogginghose gerade: „Alter, geht’s noch? Anderthalb Jahre hängen wir zusammen zuhause ab und wenn es schick essen geht, muss ich daheim bleiben? Schönen Dank auch!“

10. Oktober 2021, Westerburg

Nachmittags gibt es Kaffee und Kuchen. So wie es sich gehört, wenn du bei deinen Eltern zu Besuch bist. Anschließend fahren wir in den Nachbarort, Esel anschauen. So wie es sich gehört, wenn du auf dem Land zu Besuch bist.

Während wir die Tiere betrachten, denke ich, dass du als Esel eigentlich ein recht chilliges Leben hast. Du läufst den ganzen Tag auf der Wiese rum, isst ein bisschen Gras und musst dir um nichts Gedanken machen. Okay, du kannst abends keine Pizza bestellen, auf dem Sofa abhängen und Netflix schauen, aber dafür bist du den ganzen Tag an der frischen Luft und deine Burn-Out-Gefahr ist ziemlich gering. Also, hat der Esel-Lifestyle doch die Nase vorn.


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