Eine kleine Wochenschau | KW44-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


31. Oktober 2022, Berlin

Heute ist Halloween. Wie jedes Jahr am 31. Oktober. Also kommt das nicht besonders überraschend. Trotzdem habe ich vergessen, Süßigkeiten zu kaufen. Das heißt, ich muss mich ab ungefähr 17 Uhr totstellen und darf die Tür nicht mehr öffnen. Schließlich möchte ich nicht einer Horde trick-or-treatender und vollkommen überzuckerter Kinder erklären, dass es bei uns nicht Süßes gibt, ich ihnen aber eine Zwiebel anbieten könnte.

Um ehrlich zu sein, habe ich gar nicht vergessen, Süßigkeiten zu besorgen, sondern absichtlich keine gekauft. Vor ein paar Jahren hatten wir zu Halloween eine riesige Schale voll mit Schokoriegel, Bonbons und Gummibärchen vorbereitet. Allerdings kam kein einziges Kind vorbei. Das hatte – unweigerlich – zur Folge, dass ich ungefähr 90 Prozent des Schüsselinhalts selbst verzehren musste. Der Gang auf die Waage war dann gruseliger als jeder noch so furchteinflößender Horror-Clown.

01. November 2022, Berlin

Ich gehe heute früh in kurzen Hosen und kurzärmligen Shirt joggen und friere nicht im Geringsten. Eigentlich ist das ganz angenehm. Nur wenn ich darüber nachdenke, dass heute der 01. November ist, fröstelt es mich doch ein wenig.

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Die Tochter hat heute Geburtstag. Ihren 19. Es ist das erste Mal, dass sie an ihrem Geburtstag nicht bei uns ist. Das fühlt sich merkwürdig an. Normalerweise hätten wir den Frühstückstisch mit Luftschlangen, M+Ms und Geburtstagszug dekoriert. Ohne anwesendes Geburtstagskind sieht unser Tisch aber aus wie an jedem Tag. Kuchen haben wir auch keinen. Dafür haben wir der Tochter ein Paket mit Geschenk, Luftschlangen und Prasselkuchen geschickt. Dooferweise hängt das Paket seit ein paar Tagen in Dublin fest und macht keine Anstalten sich Richtung Carlow zu bewegen.

Damit die Tochter wenigstens ein bisschen Geburtstags-Feeling hat, schicke ich ihr ein Video von Rolf Zuckowski, wie er mit einem Kinderchor „Wie schön, dass du geboren bist” singt.

Die Aufnahme ist schon ein wenig älter. Rolf Zuckowski war damals wahrscheinlich jünger als ich. Oder er sah jünger aus.

Den Frisuren und Klamotten der Kinder nach zu urteilen, fand der Auftritt in den 80ern statt. Die Kleidung ist – um es positiv auszudrücken – sehr bunt und farbenfroh. Ohne dass die Farben sonderlich gut zueinander passen. So als hätte jemand die Kinder eingekleidet, der so viel Gespür für Farben hat wie ein altersschwacher Nacktmull.

Als modisches Accessoire waren zu der Zeit anscheinend Halstücher angesagt, die wie Abtrockentücher aussehen. Auffällig ist außerdem, dass die Kleidung der Chorkinder im Gegensatz zu heute null gegendert ist. Da gibt es keine rosa Prinzessinnen-T-Shirts für Mädchen und Superhelden-Pullis für Jungs, sondern die Klamotten waren einfach geschlechterübergreifend durch ästhetisch fragwürdige Farbenvielfalt und diskussionswürdige Schönheit gekennzeichnet.

Der modische Aufzug von Rolf Zuckowski ist ebenfalls bemerkenswert. Mit seinen Klamotten, für die er sich entschieden hat, ist es eher unwahrscheinlich, dass er in naher oder ferner Zukunft zum Best Dressed Kinder Liedermacher Alive gewählt wird. Sehr unwahrscheinlich. Er ist wie eine Mischung aus Marketender eines Mittelaltermarkts und eines geschmacksverirrten Sozialpädagogen, der im Dunkeln in den Kleiderschrank gegriffen hat, angezogen.

Die singenden Kinder auf der Bühne wackeln, wippen und zappeln zur Musik. Dazu sperren sie beim Singen ihre Münder übertrieben weit auf. Entweder sind sie sehr aufgeregt, weil sie im Fernsehen singen dürfen, oder sie haben sich vor dem Auftritt alle einen Liter Club Mate reingelötet.

Die Gestik und Mimik von Rolf Zuckowski kommt auch ein wenig überdreht rüber. So zackig wie er sich bewegt und so exaltiert wie er die Augen aufreißt, wirkt es, als sei er auf Speed. Bevor Rolf Zuckowski mir seine Anwälte auf den Hals hetzt, möchte ich betonen, dass es lediglich aussieht, als sei er auf Speed. Damit möchte ich keinesfalls implizieren, dass er tatsächlich Speed genommen hat. Vielleicht hat er ja gekokst.

Im Publikum sind nicht alle gleichermaßen an der Darbietung auf der Bühne interessiert. Ein Junge isst ein Eis, ein Mädchen reibt sich die Augen und bohrt dann in der Nase. Dafür klatschen die Eltern rhythmisch mit, wobei es der Rhythmus eines anderen Liedes zu sein scheint.

Trotz allem machen das Lied und das Video wahnsinnig gute Laune. Selbst wenn du nicht eine Flasche Club Mate geext oder eine Line Kokain gezogen hast.

Happy Birthday, liebe Tochter!

02. November 2022, Berlin

Die Tochter erhält ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk. Leider nicht von uns. Unser Paket hängt immer noch in Dublin. Dafür von ihrem Hausverwalter. Der bietet ihr ein Zimmer im Nachbarhaus an. Dort wohnen lauter Austauschstudierende, die alle Ende des Jahres ausziehen.

Die Tochter hat freie Wahl und sucht sich ein Zimmer im ersten Stock aus. Dann wohnt sie nicht länger im Erdgeschoss, wo jeder und jede, die vorbeikommen, in ihr Zimmer glotzen können. Dafür kann sie allerdings nicht mehr Päckchen durchs Fenster entgegennehmen. Das hat zwar seinen Charme, wiegt den Mangel an Privatsphäre allerdingt nicht auf.

Richtig attraktiv ist das neue Zimmer, weil es über ein eigenes Bad mit Toilette verfügt. Das ist wie ein 6er im Lotto. Oder wie die Tochter sagt: „Da muss ich zwar auch alleine sauber machen, aber dann weiß ich wenigstens, dass ich meinen eigenen Dreck wegmache, und es sind meine eigenen Haare, die ich aus dem Abfluss fische.“ (Falls Sie während des Lesens etwas essen, und Ihnen ist jetzt der Appetit vergangen, möchte ich vielmals um Entschuldigung bitten.)

Die Tochter hadert nämlich ein wenig mit den Hygienestandards ihrer fünf ausschließlich männlichen Mitbewohner. Die Jungs sind alle zwischen 18 und 20 und die meisten wohnen das erste Mal nicht zuhause. Deswegen müssen sie erst noch lernen, dass schmutziges Geschirr nicht von Hauselfen abgewaschen und Bäder und Küchen nicht von Heinzelmännchen geputzt werden, sondern dass das ihre Eltern – und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ihre Mütter – erledigt haben.

Bei zwei der Mitbewohner kommt es tatsächlich häufiger vor, dass sie sonntags von ihren Eltern zurück nach Carlow gebracht werden und ihre Mütter putzen dann ihr Zimmer und waschen ihr dreckiges Kochgeschirr ab, das seit Freitag in der Küche stand. Ich hoffe, die Tochter ist nicht enttäuscht, dass wir das nicht auch machen.


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