Geburtsvorbereitung in der Eso-Hölle

Nach der überaus kostenintensiven Anschaffung aller nötigen und insbesondere unnötigen Babyaccessoires und –utensilien steht die verstärkte Auseinandersetzung mit der allmählich nahenden Geburt an. Nachdem die Lektüre von Büchern wie „HypnoBirthing. Der natürliche Weg zu einer sicheren, sanften und leichten Geburt“ und „Lass es raus. Die freie Geburt“ nur zu einem begrenzten theoretischen Erkenntnisgewinn führte, beschließen wir praktische Tipps in einem entsprechenden Geburtsvorbereitungskurs zu sammeln. Wir wählen ein zweitägiges Wochenendseminar in einem nahegelegenen Geburtshaus aus.

Bei der Ankunft im Geburtshaus fällt mir auf, dass es sich um einen stark esoterisch angehauchten Vorbereitungskurs handelt. Unmittelbar nach Überschreiten der Türschwelle rennen wir in eine olfaktorische Wand aus Patchouli-Duft gemischt mit Vanille-Aromen und Knoblauchausdünstungen, die eine Kombination aus Atemnot und Augentränen hervorruft wie bei der Besteigung des Nanga Parbat ohne Sauerstoffflaschen.

Stelle beim Blick auf die anderen Kursteilnehmer mit Erstaunen fest, dass im links-alternativen Milieu das Tragen von Batik-Hemden und weiten gemusterten Stoffhosen anscheinend immer noch sozial akzeptiert ist. Eine modische Kombination, der ich – wie ich beschämt zugegeben muss – während meines Zivildienstes selbst nicht abgeneigt war, die aber fast zehn Jahre später den Wunsch nach einer spontanen Erblindung aufkommen lässt.

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Schließlich stellt sich eine zierliche, in sich ruhende Frau mit asketischer Ausstrahlung und wallenden hennagefärbten Locken als Hebamme Heike vor und drückt ihre tiefempfundene Freude über das zahlreiche Kommen der werdenden Eltern aus. Habe mit Blick auf die anwesenden Teilnehmer Schwierigkeiten, mich dieser Meinung bedingungslos anzuschließen.

Sogleich fordert Heike ihre neuen „Freundinnen und Freunde“ auf, in der Vorstellungsrunde auszuführen, warum sich für den Kurs im Geburtshaus entschieden wurde. Die Teilnahmemotivationen reichen dabei von stark esoterisch geprägten Vorstellungen („Die Entbindung in einer intimen Atmosphäre sollen die Chakren und Energieflüsse unseres Kindes stimulieren“) bis zu einer geradezu feindseligen Ablehnung der traditionellen Schulmedizin („Wir möchten nicht, dass unser Kind als erstes einen Arzt in einem Krankenhaus sieht.“). Bin mir ziemlich sicher, dass die Entscheidung der Kursteilnehmer, nicht in einer konventionellen Geburtsklinik zu entbinden, von der Belegschaft derselbigen auf große Zustimmung trifft.

Die Ausführungen der Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer werden von Hebamme Heike mit wohlwollendem bedächtigem Nicken begrüßt. Unsere eigene Erklärung, den Kurs ausgewählt zu haben, da das Geburtshaus praktischerweise in fußläufiger Entfernung zu unserer Wohnung liegt, wird dagegen mit skeptischem Stirnrunzeln aufgenommen.

Die erste Lerneinheit beinhaltet sehr detaillierte und ausschweifende Ausführungen von Hebamme Heike zu Lebensmitteln, von denen sich Schwangere fernhalten sollten. Zur Vermeidung einer Lebensmittelvergiftung durch Listeria-Bakterien solle beispielsweise auf französischen Weichkäse verzichtet werden. Wende scherzhaft ein, dieser würde aber doch so gut zu französischem Rotwein schmecken, was bei den anderen Kursteilnehmern fassungsloses Kopfschütteln und kaum unterdrückte Missfallensäußerungen hervorruft. Schlussfolgere, dass ein esoterischer Geburtskurs anscheinend eine spaß- und humorbefreite Zone darstellt.

Währenddessen monologisiert Hebamme Heike um Fassung ringend und mit zittriger Stimme über die schädliche Wirkung von Alkohol auf die fetale Gehirnentwicklung und daraus resultierende spätere Lernschwierigkeiten. Gebe zu bedenken, dass ja nicht jedes Kind später Kernphysiker werden müsse, was weder zur Entspannung der ohnehin leicht gereizten Atmosphäre noch zur Steigerung meiner kaum noch wahrnehmbaren Popularitätswerte im Kurs beiträgt.

Nachdem Heike mit einiger Mühe ihre innere Mitte wiedergefunden hat, klärt sie darüber auf, wie bei der Entbindung der Wehenschmerz durch den Beckenboden weggeatmet werden kann. Dies wird sogleich von den weiblichen und männlichen Kursteilnehmern in geradezu meditativer Ergriffenheit in einer praktischen Übung ausprobiert. Unternehme einen weiteren Versuch, die Stimmung aufzulockern und erlaube mir die Frage, ob das gleiche Resultat auch durch inverse Flatulenzen erzielt werden könnte. Ernte hasserfüllte Blicke, als hätte ich vorgeschlagen, einen gemeinsamen Kanada-Trip zu unternehmen, um dort zusammen Robbenbabys abzuschlachten. Beschließe daraufhin, mich etwas zurückzunehmen.

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Stärken uns in einer kurzen Pause mit ayurvedischem Tee, Brennnesselsaft und Dinkelbrot mit Tartex-Aufstrich. Anschließend weist Hebamme Heike die werdenden Eltern in die Kunst der Partnermassage ein, die wir im Kreis sitzend, an der Partnerin bzw. dem Partner zur rechten ausprobieren sollen. Stelle mit panischem Entsetzen fest, dass links von mir ein stark behaarter Kursteilnehmer sitzt, der einen atemberaubenden Knoblauchgeruch verströmt und sofort mit großer Begeisterung anfängt, meinen Rücken mit seinen kräftigen transpirierenden Händen durchzukneten. Dabei legt er ein großes Talent an den Tag, die Schmerzdruckpunkte meines Rückens auf eine Weise zu bearbeiten, dass eine Wurzelbehandlung ohne Narkose als wünschenswerte Alternative erscheint.

Zum Abschluss des ersten Tages führt Hebamme Heike in die Geheimnisse des Geburtsmantras ein, was von den anderen Paaren mit transzendenter Ergriffenheit aufgesogen wird. Durch das ständige wiederholen bestimmter Wörter sollen innere Kräfte mobilisiert und der Geist beruhigt werden – ein Zustand, den ich seit Betreten des Geburtshauses nicht mehr erreicht habe. Fühle mich deplatziert wie Rainer Calmund auf einem Weight-Watchers-Treffen.

Mit überschäumendem Enthusiasmus fordert Heike auf, es gleich zu versuchen und zwar mit Sätzen wie „Meine Vagina ist riesengroß!“, „Mein Cervix öffnet sich wie eine Blume“ oder „Es tut weh, aber es ist gut so!“. Kann mir wider besseres Wissens nicht die Äußerung verkneifen, dass letzterer Spruch ein hübscher Willkommensgruß in einem Dominastudio wäre, woraufhin mir der geradezu physisch greifbare Hass der anderen Anwesenden entgegenschlägt.

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Bei der allgemeinen Verabschiedung am Ende des ersten Tages, die uns gegenüber etwas unterkühlt ausfällt, bekommen wir von Hebamme Heike einige Broschüren in die Hand gedrückt. Sie legt uns nahe, es sei wohl besser, wenn wir uns die Inhalte des zweiten Kurstages eher theoretisch aneigneten. Nehmen den Vorschlag gerne an. Verlasse dennoch das Geburtshaus mit dem guten Gefühl für die Entbindung gewappnet zu sein. Diese kann einfach nicht schlimmer sein als die heutige esoterische Vorhölle.

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

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