Griechenland 2016 – Tag 11: Von (fast) langen Läufen, Sportmonologen und guten Essern

Meine biologische Uhr findet, 7.05 Uhr sei eine gute Zeit zum Aufstehen. Meine volle Blase ebenso.

Auf dem Weg ins Bad höre ich es in der Ferne donnern und rumoren. Eigentlich muss ich doch heute joggen gehen. Die Frau, die schon eine Stunde länger wach ist (Alte Menschen brauchen ja nicht so viel Schlaf.), erzählt, vorhin habe es sogar richtig doll gewittert und da sei es keine so gute Idee, Laufen zu gehen.

Guten Morgen, Psakoudia. Heiter bis wolkig mit Aussicht auf Feta.

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Aber vielleicht ist das gar nicht die Frau!?! Vielleicht ist es der innere Schweinehund, der sich als meine Frau verkleidet hat und mich vom Joggen abhalten will! Herrsche ihn an, von so ein bisschen Gewitter ließe ich mich nicht ins Bockshorn jagen und er solle sich gefälligst zum Teufel scheren. Er schaut mich darauf ziemlich irritiert an und fragt, ob bei mir im Oberstübchen noch alles klar sei. (Möglicherweise war es doch die Frau und nicht der verkleidete innere Schweinehund. Man wird sich ja noch mal irren dürfen.)

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Ziehe, nachdem ich die Frau einigermaßen besänftigt habe, meine Laufklamotten und –schuhe an und gehe runter zur Straße. Und wer ist nicht da? Genau. Die Straßenhunde. Obwohl sie es vorgestern angekündigt hatten. Bin fast ein wenig enttäuscht.

Beschließe, heute mal nicht durch den Ort zu rennen, sondern durch die nahe gelegenen Olivenhaine. Wenn man so durchtrainiert ist, wie ich, ist es ja wichtig, ab und an neue Trainingsreize zu setzen. 30 Minuten später keuche ich den Berg hinauf und fühle mich gereizt genug.

Der Berg ruft.

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Dann fällt mir ein, dass ich eigentlich einen langen Lauf machen müsste. Das ist nämlich gute Tradition, wenn der Bonner Freund und ich gemeinsam im Urlaub laufen. Er schlägt an irgendeinem Abend vor: „Lass‘ uns morgen doch einen langen Lauf machen.“ Ich suche dann nach Worten der Ablehnung und er interpretiert mein kurzes Schweigen als Zustimmung. Am nächsten Tag laufen wir dann so rund fünfzehn Kilometer und der Bonner Freund freut sich, dass wir das machen. Am darauffolgenden Tag freut er sich nicht mehr. Da hat er dann Muskelkater.

Der Berg ruft noch lauter.

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Ich müsste heute also fünfzehn Kilometer laufen. Aber sonst sind wir ja zu zweit und ich bin jetzt alleine. Somit reicht auch die Hälfte. Siebeneinhalb Kilometer. Außerdem ist es hier gut zehn Grad wärmer als die letzten Jahre in der Bretagne. Dafür kann man noch mal fünf Kilometer abziehen. Bleiben also noch zweieinhalb Kilometer. Hier in Griechenland muss ich nach jeder Wegbiegung befürchten, von einem Straßenhund angefallen zu werden. Das ergibt dann nochmal eine Gutschrift von zweieinhalb Kilometern. Das sind dann null Kilometer und damit habe ich den langen Lauf quasi bereits absolviert. Meine Laufuhr zeigt aber an, dass ich schon fünf Kilometer zurückgelegt habe. Die müssen natürlich zu den fünfzehn Kilometern dazu addiert werden. Das heißt, ich bin heute gut zwanzig Kilometer gelaufen.

Werde dem Bonner Freund heute Abend eine Mail schreiben:

Hallo mein alter Freund,

bin heute trotz Gluthitze und Hundeattacken fast einen Halbmarathon gelaufen. Und du so?

Motivierende Grüße,
Dein Christian

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Nach dem Frühstück fordert mich die Frau auf, mit der Tochter über ihre exzessive Handynutzung im Urlaub zu reden. Gespräche zu diffizilen Themen zwischen ihr und Tochter würden häufig schnell eskalieren, da sei es besser, wenn ich das übernähme. So ist das selbst in einer modernen, gleichberechtigen Partnerschaft wie bei uns. Gender Mainstreaming hin oder her. Manchmal muss einfach der gestrenge Herr Vater ran. Die elterlichen Regeln durchsetzen. Ein Machtwort sprechen.

Gehe also zur Tochter und erkläre ihr, sie solle nicht andauernd mit ihrem Handy rumspielen. Das könne sie in Berlin machen, dazu müssten wir nicht in den Urlaub fahren. Ihre Miene verfinstert sich und sie erwidert in pubertärer Auflehnung, wir würden ja selbst andauernd mit unseren Handys rumspielen.

Was soll man darauf als moderner Vater antworten? Jahrzehnte-, wenn nicht gar jahrhundertelang konnte man einfach erwidern, das wäre etwas ganz anderes. Es gibt sogar lateinische Sprichwörter, die man dazu zitieren kann: „Quod licet Iovi, non licet bovi.“ („Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt.“). Aber solche antiken Aphorismen, mit denen man seine humanistische Bildung demonstriert, helfen einem heutzutage bei erzieherischen Generationenkonflikten nicht weiter.

In den heutigen postmodernen Zeiten ist das elterliche Gewaltmonopol ja nicht mehr existent. Da muss man immer alles erklären und rechtfertigen, denn die zarte Kinderseele könnte Schaden nehmen, wenn man einfach etwas bestimmt und keine basisdemokratischen, familienkommunistischen Erklärungen liefert. Nein, das muss alles im herrschaftsfreien Diskurs austariert werden. Somit bietet mir auch das zumindest in der Adenauer-Ära bewährte „So lange du deine Füße unter unserem Tisch hast, tust du, was wir dir sagen.“ keinen Ausweg.

Nach einem 20-minütigen Disput komme ich mit der Tochter aber doch zu einer einvernehmlichen Lösung. Jetzt muss ich nur noch der Frau beibringen, dass für uns alle von nun an der Handygebrauch auf die Zeiten von 8 bis 9 und 20 bis 21 Uhr beschränkt ist.

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Zu meiner Enttäuschung stellt sich am Strand heraus, dass unser Kellner heute frei hat. Sein Ersatz hat zwar auch einen Bart, aber nicht so gepflegt und akkurat gestutzt. Sein Gesicht repräsentiert auch nicht diesen hellenistischen Stolz, sondern wirkt eher verschlagen. Und er bewegt sich auch nicht mit der gleichen Anmut und Eleganz wie unser kellnernder Freund. Eigentlich will ich gar nichts bei ihm bestellen, aber dafür habe ich zu viel Durst.

Wenigstens weiß der DJ heute durch Merengue- und Calypso-Musik zu gefallen. Beginne, meinen Fuß im Rhythmus zu bewegen, als mir die Tochter mit scharfem Blick bedeutet, dies zu unterlassen. Frage sie: „Wieso denn? Läuft bei mir!“ und kreise provozierend meine Hüfte. Danach verbietet mir die Tochter die Verwendung des Ausdrucks „Läuft bei mir.“ Der Sohn will wissen, ob er das auch nicht mehr sagen dürfe. Die Tochter sagt, er dürfe das. Er sei ja auch nicht alt und bei ihm sei das nicht peinlich.

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Während ich träge auf meiner Strandliege faulenze, fällt mir ein, dass heute die Olympischen Spiele in Rio beginnen. Und dass, wo wir in Griechenland, wo die Olympischen Spiele im 8. Jahrhundert vor Christus erfunden wurden. Verrückt!

Damals wurden viele Disziplinen noch nackt ausgeübt. Ein interessantes Konzept, das auch heute für Rekordeinschaltquoten sorgen könnte. (Wobei Gewichtheben in der Klasse über 100 Kilogramm vielleicht von diesem Nudistenansatz ausgeklammert werden sollte.)

Die ersten Olympischen Spiele, die ich so richtig verfolgt habe, waren die Sommerspiele 1984 in Los Angeles statt. Ich erinnere mich nur noch an Jürgen Hingsen. Das war ein deutscher Zehnkämpfer. Der war riesengroß und hatte einen schwarzen Schnurrbart. Der war auch riesengroß. Der Brite Daley Thompson hatte aber einen noch größeren Schnäuzer und deswegen die Goldmedaille gewonnen. Der Schnurrbart von Jürgen Hingsen musste sich mit Silber begnügen.

Der Sohn ist genauso sportinteressiert, wie ich es in seinem Alter war. Deswegen spekuliert er jetzt auf der Liege neben mir in epischer Länge über die Medaillenchancen aller deutschen Judoka in Rio. So viele Namen und so wenig Sinn. (Zumindest für mich.)

Er erklärt, wenn er groß ist, will er auch mal bei den Olympischen Spielen starten. Wenn sein Vater fast in der Volleyball-Nationalmannschaft gespielt hat, könne er doch auch Judo-Profi werden. Stimme ihm zu. Die sportlichen Gene lägen einfach in der väterlichen Linie der Familie. Daraufhin grunzt die Frau irgendetwas in ihr Handtuch. Wahrscheinlich musste sie aufstoßen.

Nachdem der Sohn das Olympia-Thema vollumfänglich abgehandelt hat, fängt er an, über Fußball zu monologisieren. Über die Transferpolitik aller 18 Bundesligisten, über das Verletzungspech von Holger Badstuber und Marco Reuss, über die beruflichen Perspektiven von Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose (Laut dem Sohn läuft es für beide wohl auf Frühverrentung hinaus.), über die Einwurfstärke der Isländer bei der Europameisterschaft, über die Testspielergebnisse ausgewählter Premier-League-Clubs und über die Erfolgsaussichten von Pep Guardiola bei Manchester City (Der Sohn ist da eher skeptisch.)

Nach knapp 90 Minuten bin ich etwas ermattet von den vielen Informationen und schlage vor, wir könnten doch im Wasser ein wenig Ball spielen. Der Sohn ist einverstanden. Dann könne er mir zeigen, wie weit die Isländer einwerfen.

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Nachdem ich aus dem Wasser draußen bin, muss ich mich dem Thema Postkartenschreiben widmen. Wir sind jetzt nur noch drei Tage hier, da kann ich das nicht weiter vor mir herschieben.

Erkläre der Frau, ich sähe es aber nicht ein, dass ich dieses Jahr wie immer alle Karten alleine schreibe, sie könne da auch mal ein paar übernehmen. Die Frau erwidert, ich könne das aber doch so gut, das Kartenschreiben, und da wären sicherlich alle enttäuscht, wenn die Postkarte, die sie bekämen, nicht von mir formuliert worden seien. Antworte ihr, dass sie damit selbstverständlich vollkommen Recht habe, aber umso wichtiger sei es, dass sie auch lerne, Urlaubsgrüße so wohlfeil zu formulieren wie ich. Für den Fall, dass wir uns mal scheiden ließen, wäre das nicht unwichtig. Die Frau runzelt die Stirn und entgegnet dann, wir könnten jetzt noch Stunden weiter diskutieren, aber das sein dann halt Zeit, die mir später beim Postkartenschreiben fehlen würde.

Postkartenschreiben am Strand. Untrügliches Zeichen, dass das Ende des Urlaubs naht.

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Füge mich also meinem Schicksal und denke über den Text für die Karten nach. Dabei ist es immer wichtig, dass die Postkartenempfänger den Eindruck gewinnen, dass der Urlaub erstklassig und erholsam ist. Man gibt ja keine vierstellige Summe für Anreise, Unterkunft und Verpflegung aus, damit die Leute denken, man hätte genauso gut einen Campingurlaub in Bottrop machen können.

Nach einigem Überlegen komme ich auf folgenden Text:

Liebe/r NAME,

wir senden sonnige, aber nicht zu heiße Grüße aus Psakoudia. Der Strand ist himmlisch und wir genießen dort die absolute Ruhe und Stille. Das Essen ist vielseitig und abwechslungsreich (nicht immer nur Feta). Abends haben wir viel Freude beim gemeinsamen Spielen von Gesellschaftsspielen. (Habe dabei eine unglaubliche Glückssträhne und bisher alle Spiele gewonnen.)

Mögen die Sonnenstrahlen, die wir schicken, den kalten, nassen Sommer in Deutschland erwärmen.

Liebe Grüße,
Der Familienbetrieb

Ich denke alle Verwandten und Freunde werden sich sehr über unsere Postkarten freuen.

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Nachdem wir endlich einen Geldautomaten gefunden haben und die Urlaubskasse auffüllen konnten, gestattet sie uns, auswärts zu essen.

Geldautomat. Der natürliche Freund der Urlaubskasse.

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Diesmal gehen wir nicht zu Kostas (Obwohl ich Angst habe, dass er uns sieht und zur Rede stellt, warum wir ihn hintergehen.), sondern auf Wunsch der Tochter Italienisch. Wie wir es gewohnt sind bestellen wir uns vier Pizzen. Der Kellner schlägt vor, die Kinder sollen sich doch lieber eine teilen, die seien wirklich groß. Wir versichern ihm, wir wären gute Esser und kämen mit vier Pizzen klar. Daraufhin entfernt sich der Kellner und lacht höhnisch. Das Lachen vergeht ihm 30 Minuten später, als er vier leere Teller von unserem Tisch abräumen muss.

Auswärts essen. Der natürliche Feind der Urlaubskasse. Und der Strandfigur.

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Während des Essens bemerken wir, dass der ganze Ort in heller Aufregung ist. Es läuft nämlich Fußball. Und damit ist der Sohn dann auch in heller Aufregung. Er weiß zwar nicht, wer spielt, aber das ist egal. Es ist ja Fußball.

Es stellt sich heraus, dass PAOK Salonik (das Lokalteam von Chalkidiki quasi) gegen Ajax Amsterdam. Champions-League-Qualifikation. Deswegen gibt es in allen Bars, Kneipen und Tavernen Public Viewing. Gleich am Anfang trifft zur großen Freude von ganz Psakoudia ein Spieler Salonikis zur Führung. Später trifft dann zur großen Enttäuschung von ganz Psakoudia Ajax noch zweimal und damit ist Saloniki ausgeschieden.

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Da es schon spät geworden ist und wir morgen früh zu unserer Bootstour raus müssen, verzichten wir heute auf die obligatorische Spielerunde. Für diesen Fall hat die Mensch-Ärgere-Dich-Ordnung von 1831 keinen Paragraphen vorgesehen, der bestimmt, wer zum Sieger zu erklären ist.

Gute Nacht!

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Alle Beiträge des Griechenland-2016-Tagebuchs gibt es hier.

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

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