Saft-Fasten: Eine Tragödie in fünf Akten – Epilog: „Aufbautag“

Alle Teile der Saft-Fasten-Tragödie gibt es hier zu lesen.

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Es ist Samstag. Die Saft-Fasten-Tage sind endlich rum. Man sollte meinen, dies ist ein Grund für ekstatische Vorfreude auf kulinarische Hochgenüsse. Ist es aber nicht. Denn vor das leckere Essen haben die Fasten-Päpste den Aufbautag gesetzt. Durch diesen sollen sich Organismus und Verdauung wieder langsam an feste Nahrung gewöhnen. Deswegen sind heute Schinkenbrote, Pizza, Kuchen und ähnliche Köstlichkeiten noch Tabu (An dieser Stelle hebt Fasten-Engelchen Körner-Klaus mahnend seinen dürren Zeigefinger.). Stattdessen stehen heute ein reifer Apfel, Knäckebrot mit Rohkost sowie ungesalzene Gemüsesuppe auf dem Speiseplan (An dieser Stelle schüttelt Fress-Teufelchen Fred fassungslos den Kopf.).

Reifer Apfel. Das höchste der Post-Fasten-Gefühle.

Reifer Apfel. Das höchste der Post-Fasten-Gefühle.

Damit die Freude über das Ende der Fasten-Tage nicht zu groß wird, darf ich heute Morgen um 6 Uhr aufstehen und mit dem Sohn zu einem Judo-Turnier fahren. Nach Jüterbog, irgendwo ins brandenburgische Nirwana.

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Noch im Autopiloten-Modus schnappen der Sohn und ich uns die Taschen mit Judo-Klamotten und Proviant, die die Freundin gestern Abend bereits gerichtet hat. Auf dem Weg zur U-Bahn kommen uns die Nachtschwärmer entgegen, die nach Hause strömen. Wie es sich gehört, sind die meisten von ihnen stark angetrunken und stillen ihren Bierhunger stilecht mit Dönern, Pommes und Burgern. So eine Bier-Fastenkur wäre eigentlich eine sehr attraktive Alternative zum Fasten mit diesen satanischen Gemüsesäften. Wenn ich die Idee geschickt vermarkte, könnte ich sehr reich werden!

Fahren mit der U-Bahn einige Stationen bis nach Spandau. Von dort nimmt ein anderer Judo-Vater uns und den Judo-Trainer netterweise mit dem Auto mit. Kaum geht die Fahrt los, packt der Trainer, der vor mir auf dem Beifahrersitz hockt, ein riesiges Vollkorn-Baguettebrötchen aus, das zentimeterdick mit Schinken und Käse zu einem teiggewordenen Mount-Everest belegt ist. Es sieht nicht nur äußerst appetitlich aus, sondern duftet auch köstlich.

Fress-Fred fordert mich auf, den Trainer von hinten mit dem Sicherheitsgurt zu würgen, ihm das Brötchen zu entwenden und dann zu verspeisen. Fasten-Engelchen Körner-Klaus macht mich allerdings darauf aufmerksam, dass der Trainer ein Hüne von mehr als 1,90 Metern und circa 90 Kilogramm ist und außerdem den 4. Dan im Judo hat. Pflichte Körner-Klaus bei, dass dies alles Argumente sind, die gegen einen Mundraubversuch sprechen.

Versuche mich abzulenken, indem ich aus dem fahrenden Auto schaue. Hier in der brandenburgischen Pampa weinen sie wahrscheinlich heute noch, wenn von den ‚blühenden Landschaften‘ die Rede ist. Die Orte, durch die wir fahren, sind trostloser als unser Speiseplan der letzten Woche. Sie sind sozusagen die Sauerkrautsäfte unter Deutschlands Dörfern.

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Als wir endlich in der Sporthalle ankommen, hält der Aufbautag eine besondere Prüfung für mich bereit. Eines der Judo-Kinder hat Geburtstag und seine Eltern haben Berge lecker duftender Mini-Muffins mitgebracht. Egal wie oft die Kinder zugreifen – und sie greifen oft zu –, die Schüsseln mit den Muffins werden nicht leerer.

Stehe derweil etwas abseits und mümmele meinen reifen Apfel. Die Fastentage haben meinen Geschmackssinn anscheinend geschärft und das Verspeisen des Apfels ist ein ganz besonderes Verzehrerlebnis. Allerdings kein besonders befriedigendes Verzehrerlebnis, wenn um einen herum die verfressenen Plagen (inklusive Fred) Mini-Muffins in sich hineinstopfen. Auch durch stärkste Autosuggestion vermag ich nicht, meinen Apfel geschmacklich in ein Mini-Küchlein zu verwandeln.

Schließlich beginnen die Kinder mit dem Aufwärmen. Ich stelle fest, dass das Saft-Fasten nicht nur meinen Geschmacks-, sondern anscheinend auch den Geruchssinn sensibilisiert hat. Dies ist nicht unbedingt von Vorteil, wenn man einer Sportart beiwohnt, die barfuß ausgeübt wird und bei der die Teilnehmer sehr viel schwitzen. Außerdem weichen die Hygienevorstellungen einiger Hallenbesucher stark vom sozial akzeptierten Standard ab. Möglicherweise haben sie auch eine Dusch- und Deo-Allergie. Man weiß es nicht. Olfaktorisch ist es ohnehin egal, was für den Pumakäfig-Geruch in der Halle ursächlich ist.

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Der Sohn muss erst am frühen Nachmittag kämpfen, so dass ich vorher um 12 Uhr meine Mittagsmahlzeit einnehme: Knäckebrot mit Gurke und Tomate. Das Knäckebrot zu buttern sowie Gurke und Tomate zu salzen und pfeffern, wäre wahrscheinlich zu viel Rock ´n Roll nach dem Saft-Fasten. Daher haben es die Fasten-Päpste verboten.

Körner-Klaus doziert altklug, die Magensäfte seien nach dem Fasten noch nicht auf Fett und Gewürze eingestellt. Er verstummt erst, als ich ihn frage, ob Ohrfeigen nach den nahrungslosen Tagen erlaubt seien. Kaue missmutig meinen kärglichen Proviant, während die Kinder um mich herum weiterhin Muffins essen, als gäbe es keinen Morgen mehr.

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Dann beginnt der Sohn mit seinen Kämpfen. Dies ist eine willkommene Abwechslung, da sich durch das Zuschauen die Gefahr minimiert, dass ich meinen Kopf in eine der Muffin-Schüsseln stecke und die kleinen Kuchen inhaliere.

Der Sohn macht seine Sache sehr gut. Er wird in seiner Alters- und Gewichtsklasse Zweiter. Danach nötigt er mich, ihm etwas zu essen zu kaufen.

Normalerweise ist das kulinarische Angebot auf Judo-Turnieren von eher fragwürdiger Qualität. Aber heute sehen die Kuchen für mich so verlockend aus, als fänden parallel zum Judoturnier die deutschen Konditorenmeisterschaften statt. Und auch die Bockwürstchen aus der Dose machen auf mich einen derart appetitlichen Eindruck, als habe sie der auferstandene Paul Bocuse höchstpersönlich zubereitet.

Merke, wie Körper und Geist immer schwächer werden und ich nicht dafür garantieren kann, mich nicht auf das Kuchenbuffet zu stürzen. Gebe dem Sohn daher einen 10-Euro-Schein und sage, er solle sich kaufen, worauf er Lust hat. Aufgrund meiner an Präzision zu wünschen übrig lassenden Anweisung kommt der Sohn kurze Zeit später mit einem Teller zu mir, auf dem er zehn Stück Kuchen balanciert.

Eigentlich eine gute Investition der zehn Euro. Noch besser wäre sie allerdings, wenn ich etwas abbekommen könnte.

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Bei der Siegerehrung stellt sich heraus, dass die Mannschaft des Sohnes so erfolgreich gekämpft hat, dass sie ein Preisgeld von 50 Euro gewinnt. Der Trainer verkündet, dass das Team von dem Geld zu McDonald’s geht. Die Kinder brechen in Jubel aus, ich fange an zu weinen. Erkläre den anderen Eltern, es seien Freudenträne, was mit einer Mischung aus Be- und Verwunderung aufgenommen wird.

Bei dem amerikanischen Fast Food-Laden angekommen, werden zur großen Freude von Fress-Fred und zum noch größeren Entsetzen von Körner-Klaus Unmengen von Happy Meals, Burgern, Pommes, Chicken Nuggets und zuckerhaltigen Soft-Drinks geordert.

Während Kinder und Eltern sich über das Fast Food hermachen, fragt mich der Trainer, ob ich wirklich nur ein Wasser trinken und nichts essen wolle. Erkläre ihm, dass ich gerade eine Woche Saft-Fasten hinter mir habe und heute erst Aufbautag wäre. Der Trainer schaut mich an, als hätte ich gerade verkündet, bei Vollmond immer nackt auf Blumenwiesen zu tanzen und dabei schamanische Lieder zu singen. Danach widmet er sich wieder seinem McRib, den Chicken Wings und den Kartoffelspalten, die sich turmhoch auf seinem Tablett stapeln.

Fress-Fred wird angesichts des ganzen Essens und der Gerüche fast ohnmächtig. Pausenlos fordert er mich auf, von den Pommes und den Chicken Nuggets zu nehmen. Schließlich wird es mir zu bunt und ich herrsche ihn an: „Halt endlich die Fresse, Fred!“ Anscheinend habe ich dies nicht nur gedacht, sondern laut gesagt. Alle schauen mich höchst irritiert an. Murmele etwas von „Fasten-Tourette“ und nippe peinlich berührt an meinem Wasser.

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Zuhause angekommen hat die Freundin bereits die salzlose Gemüsesuppe mit Broccoli, Paprika und Lauch vorbereitet. Nach meinem asketischen Abendbrot gehe ich erschöpft ins Bett. Dort fasse ich den Entschluss, dass ein Aufbautag ausreichen muss. Ab morgen wird wieder richtig und lecker gegessen. Körner-Klaus protestiert aufs Schärfste, Fress-Fred und ich machen eine La-Ola-Welle.

The End!

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

29 commentaires sur “Saft-Fasten: Eine Tragödie in fünf Akten – Epilog: „Aufbautag“

  1. Sehr sehr sehr geil! Ich bin irgendwie stolz auf euch, und auch ein wenig irritiert, wie man so einen krassen Scheiß durchziehen kann ;) Aber dein Wille erscheint ja jetzt gestärkt und gestählt aus der ganzen Chose hervorgegangen zu sein, und wer weiß, was du mit dieser Energie jetzt alles anfangen kannst. Deine eigene Fastfood Kette gründen oder so ;)

  2. Du freust Dich bestimmt schon aufs nächste Mal!
    Also ich habe ja derart mitgelitten mit Dir und war in Gedanken täglich auf´m Weg, um die Schulschnittenreste in Beutel verpackt vorbeizubringen, wegen mir darf das ruhig jemand unsympathischeres machen das nächste Mal. Pegida-Bachmann oder irgendso ein War-Lord. Noch mal halte ich das nervlich nämlich nicht durch!

  3. KÖSTLICH geschrieben (wenn auch nicht wortwörtlich…;-) )
    Kannst sehr stolz darauf sein, dass ihr das geschafft habt, ich hätte schon beim Sauerkrautsaft aufgegeben…

    • Vielen Dank. Eigentlich haben wir es ja nur so halb geschafft und dazu hat der Sauerkrautsaft seinen Teil beigetragen.

  4. Sehr geil geschrieben- ich musste mehrmals laut auflachen, natürlich voller Mitleid ;-)
    Danke dafür! Bin gerade erst auf Deinen Blog gekommen und lese gerne, was Du hier so schreibst..

  5. Pingback: Familienblog | Familienbetrieb | Familie Rockt

  6. Also, ich weiß jetzt ganz, ganz GANZ viele Gründe, warum ich niemals Saftfasten werde.
    Danke für diese informativen Beiträge! (Hmm – eigentlich sollte das hier mehr so ein Kondolzenz-/Glückwunschschreiben zur erfolgreichen Bewältigung werden – aber mir sitzt grad nur mein persönlicher Freßfred [mit SCHOKOLADE in BEIDEN Händen] hönisch lachend auf der Schulter. Den muss ich jetzt erstmal kurz verkloppen – Sekunde!
    So, darauf einen Sauerkrautsaft – brrrr.
    LG Frau Spätlese

  7. An so vielen Stellen musste ich herzlich (schadenfroh) schmunzeln.

    Ich habe natürlich alle 5 Akte gelesen, und mir überlegt ob ich dieses Saftfasten auch durchstehen kann. Das ganze vor dem Hintergrund, das ich am vergangenen Wochenende die Doku“Fat, Sick and nearly Death“ gesehen hatte kam mir deine Erfahrung zum Thema Saftfasten gerade recht. Es gibt viele Quellen zu dem Thema, aber deine ist die mit Abstand objektivste und ehrlichste ;-)

    Ich habe mich nun auf die Seite von Körner-Klaus geschlagen und werde dieses Saftfasten einmal ausprobieren. Dazu werde ich aber nicht in einen Kasten investieren, sondern versuche mit leckeren, selbst hergestellten grünen Smoothies die nächsten Tage zu überleben. (Zusetzen von Schoko-Minze dürfte doch nicht verboten sein, oder?)

    VG Sascha

    • Freut mich, dass dir die Serie gefallen hat. Es ist auf jeden Fall eine weise Entscheidung, es mit Smoothies zu probieren und auf die Säfte aus der Hölle zu verzichten. Ich bin gespannt, wie es dir ergeht. VG, Christian

  8. Phantastisch, ich habe mich himmlisch amüsiert über die Berichte!
    Mit der Erfahrung einiger Saftfastenkuren im Gepäck, waren diese Berichte für zahllose Heiterkeitsausbrüche bestens geeignet. Genau das brauchte ich heute.
    Meine Kuren liefen dagegen sehr unspektakulär ab. Spätestens am zweiten Fastentag kein Hungergefühl mehr und Mahlzeiten zubereiten für die Familie war nie ein Problem.
    Es ist schon toll, wie unterschiedlich die Erlebnisse sind.

  9. Einfach genial! Eigentlich hatte ich ja nach „seriösen“ Informationen über das Saftfasten gesucht. ;-) Dein Wortwitz und Deine Sprachakrobatik haben mich dann allerdings so gefesselt, dass ich alle Akte in einem Rutsch durchlesen musste: Buchstabe für Buchstabe!!! Wirklich ein Hochgenuss an originellen und witzigen Formulierungen, der mich aber nicht daran hindern kann, das Saftfasten ab morgen selbst anzutesten …
    LG, content-werkstatt

  10. Ich hab den Blog heute erst entdeckt, lese jetzt schon seit Stunden darin – einfach köstlich! Danke dafür! Vor allem bei dieser Fastentragödie sowie bei den Reiseberichten aus der Bretagne musste ich sehr oft sehr laut lachen. Schade, dass es das nicht als Buch gibt.

  11. Ich habe jetzt den kompletten Saft-Fasten-Bericht gelesen und weiß nicht so recht was ich davon halten soll.
    Zur Info, ich habe heute meinen 8. und somit letzten Fastentag mit Tee, Gemüsebrühe (250ml am Mittag) und Tomaten- bzw. Obstsaft (250ml am Abend, verdünnt mit 250ml Mineralwasser). Ich habe weder Hunger noch bin ich kraftlos, ich war die komplette letzte Woche arbeiten und 2x im Fitnessstudio zum TRX Training, wo ich morgen an meinem ersten von drei Aufbautagen auch wieder hingehen werde.
    Wenn man vor hat zu fasten, dann sollte man sich auch genau informieren wie das geht und dazu gehört das Abführen am ersten Fastentag. Wenn der Darm nicht leer ist und weiter arbeitet, dann wird man auch weiter Hunger haben, wie es ja im Bericht auch geschrieben wurde. Wer sich ernsthaft mit dem Thema Fasten auseinandersetzen will, sollte sich keinesfalls ein Beispiel an diesem Bericht nehmen, sondern etwas Geld in das Buch „Wie neugeboren durch Fasten“ investieren.

    • Vielen Dank für deinen Kommentar. Am meisten Spaß machen die Blog-Geschichten, wenn man sie wortwörtlich und als Ratgeber-Artikel liest.

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