Sardinien 2017 – Tag 5: Von fehlendem Kaffeewasser, Beach-Tennis-Bemühungen und barbusigen Strandschönheiten

Gestern Abend hatte der Sohn gönnerhaft verkündet, dass er mich morgen – also heute – beim Joggen begleitet, damit der Papa „nicht so alleine durch die Berge laufen muss“. Heute früh um kurz nach Sieben, als ich ihn wecke, ist er von seiner Idee der gemeinschaftlichen sportlichen Betätigung mit seinem Vater nicht mehr ganz so begeistert. Er ist aber zu müde, um dies zu artikulieren.

Rise & shine.

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Wir betreten gemeinsam die Terrasse, wo schon der Innere Schweinehund wartet. Als er uns beide in Sportklamotten sieht, schüttelt er entsetzt den Kopf und stößt ein lautes „Mamma Mia!“ aus. Danach murmelt er etwas von mangelndem Verantwortungsbewusstsein und von Verletzung der väterlichen Sorgfaltspflicht. Dann zieht er von dannen, der Sohn schaut ihm wehmütig hinterher.

Spätestens als wir den ersten steilen Anstieg hinaufhecheln, ist der Sohn endgültig überzeugt, dass das gemeinsame morgendliche Laufen mit mir durch die sardische Hügellandschaft definitiv zu den dümmeren Ideen seines noch jungen Lebens zählt. Ungefähr auf einer Stufe wie als Fünfjähriger den Lolli lose im Mund zu halten, so dass man ihn beim Husten mitsamt Stil verschluckt und er mittels einer Magenspiegelung wieder hervorgeholt werden muss. Aber der Sohn ist zu kurzatmig, um das alles in Worte zu fassen.

Wir belassen es also bei einem Drei-Kilometer-Lauf, damit aus dem gemeinschaftlichen Vater-und-Sohn-Lauferlebnis nicht ein gemeinschaftliches Vater-und-Sohn-Lauftrauma wird. Aber das reicht ja auch, denn da sind wir schon mehr Hügel rauf und runter gelaufen als der Sohn Jahre alt ist. Und auf den Fotos, die wir bei Facebook posten, sieht es ohnehin aus, als wären wir mindestens zehn Kilometer gelaufen.

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Beim Frühstück berichtet die Frau, die ebenfalls zum Joggen draußen war, dass sich schon einige Familien auf den Weg zum Strand gemacht hätten. Da die Italiener morgens nicht besonders ausgiebig frühstückten, kämen sie einfach früher los.

Ich erkläre, diesen wettbewerbsverzerrenden Nachteil könnten wir nur wettmachen, indem wir ebenfalls auf das Frühstück verzichteten. Die anderen schauen mich entgeistert an, als hätte ich gerade verkündet, dass wir künftig als Bettelmönche durch die Lande ziehen und uns ausschließlich von Wasser und Brot ernähren werden. Ein Frühstück ausfallen lassen!?! Wie kann ich nur einen solch aberwitzigen Vorschlag machen, denkt der Rest der Familie. Die Frau fragt sich wahrscheinlich, ob ich noch der gleiche Mann bin, mit dem sie vor sechs Tagen das Flugzeug nach Sardinien bestiegen hat, oder ob ich von Außerirdischen entführt und einer Gehirnwäsche unterzogen wurde.

Wir kommen aber nicht mehr dazu, die Vor- und Nachteile eines Frühstücksverzichts zu vertiefen, da wir feststellen, dass die Kaffeemaschine ihren Dienst verweigert. Nachdem uns am ersten Tag bei der im Ferienhaus vorhandenen Kaffeemaschine der Plastik-Henkel abgebrochen war, hatten wir im Supermarkt eine neue Maschine gekauft. So eine italienische Gusseiserne, die man direkt auf dem Herd zum Kochen bringt, so dass das Wasser aus dem unteren Kessel durch den mit Kaffeepulver befüllten Trichtereinsatz über ein kleines Rohr in die obere Kanne fließt. Doch bei uns funktioniert dieses Wunderwerk der italienischen Ingenieurskunst nicht. Da kocht kein Wasser und es fließt auch nichts durch irgendwelche Rohre in die Kanne.

Kaffee. Quell steter Freude.

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Nach einer eingehenden Inspektion der Maschine finden wir des Rätsels Lösung: Jemand hat vergessen, Wasser in den Kessel zu füllen! Und da die Maschine schon gut 20 Minuten auf dem Gasherd steht, ist der Kessel nun so heiß, dass es auch nicht möglich ist, nachträglich das Wasser einzufüllen.

Dieser Jemand, der kein Wasser in den Kessel geschüttet hat, ist übrigens die Frau. Aber das sei nur am Rande erwähnt. Kann ja jedem mal passieren. So ein Missgeschick, durch das man seines Morgenkaffees beraubt wird. Darauf muss man im Urlaub aber nicht unnötig herumreiten. Man will sich ja entspannen. Und es geht ja nur um Kaffee. Den man halt mal nicht zum Frühstück hat. Gibt ja Schlimmeres. Ich bin schließlich nicht koffeinabhängig und erleide einen totalen Kontrollverlust wie Michael Douglas in „Falling Down“, wenn er um kurz nach 12 kein Frühstück mehr serviert bekommt.

Außerdem ist es das Erfolgsrezept unserer harmonischen Partnerschaft, wie ich schon mal an anderer Stelle schrieb, dass wir nichts kritisieren, was wir nicht auch selbst hätten erledigen können. Ich kann der Frau auf gar keinen Fall einen Vorwurf machen, denn ich hätte ja auch selbst Kaffee kochen können. Und glauben Sie mir, dass hätte ich auch, wenn ich nur geahnt hätte, dass die Frau so schusselig ist und vergisst, Wasser in den Kessel zu füllen, so dass es zum Frühstück keinen Kaffee gibt. Für so etwas fehlt einem vorher ja einfach die Phantasie und Vorstellungskraft. Und nachher dann der Kaffee.

Nachdem wir uns mit unserem kaffeefreien Schicksal abgefunden haben und mir nicht länger der Gedanke im Kopf rumschwirrt „Für so etwas kann man sich doch scheiden lassen, oder? Das würde die Familie und unsere Freunde doch verstehen?“, frühstücken wir in Ruhe zu Ende.

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Unterkoffeiniert und mit leichten Kopfschmerzen, durch die uns unsere Körper entrüstet fragen, warum wir ihnen heute Morgen verdammt nochmal keinen Kaffee zugeführt hätten, fahren wir wenig später nach Santa Teresa Gallura. Dort laufen wir souverän über den überfüllten Strand und begeben uns direkt zu unserem steinernen Stammplatz. Nur wenn man seine eigenen Defizite anerkennt, kann man sie auch überkommen.

„Hallo, ich bin Christian und ich gehe immer zu spät zum Strand.“

„Hallo, Christian!“

Der Liegeplatz des zu spät gekommenen Strandbesuchers.

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Als wir unsere Sachen ausgebreitet haben, verkünde ich, dass ich heute mal als Erster ins Wasser gehen möchte. Am gesamten Strand wird es totenstill, denn dies ist eine familiäre Sensation. Seit dreizehn Jahren Familienurlaub ist es Tradition, dass ich am Anfang immer am Strand bleibe und auf unsere Sachen aufpasse, weil ich mir aus Schwimmen nicht besonders viel mache. Gar nichts, um genau zu sein.

Aber heute will ich mich gleich am Anfang abkühlen. (Vielleicht gehen dann auch die Kopfschmerzen weg.) Die Frau schaut mich nachdenklich an und überlegt, dass sie mit ihrer Entführung-durch-Außerirdischen-Theorie anscheinend richtigliegt.

Der Sohn freut sich auf jeden Fall, denn so kann er gleich sein neues Beach-Tennis-Set mit mir ausprobieren. Das hat er sich auf dem Weg zum Strand gekauft, weil er „mehr Action“ braucht. Der Drei-Kilometer-Berglauf heute hat anscheinend noch nicht gereicht.

Auch das ist übrigens gute Tradition bei uns. Jedes Jahr kaufen wir neue Beach-Tennis-Schläger und -Bälle, weil wir die alten, die wir uns in früheren Urlauben besorgt haben, Zuhause vergessen. Irgendwann müssen wir uns einen extra Kellerraum anmieten, um die ganzen Holzkellen und Gummibälle aufzubewahren.

Nun stehen der Sohn und ich im hüfthohen Meer und bieten ein Fremdscham auslösendes Schauspiel. Ein gut gebräunter kleiner Junge mit Tauchermaske und ein bärtiger Mann mit der Farbe eines ganz leicht angerösteten Ziegenkäses versuchen sich mit zwei neongelben Holzschlägern einen quietschgrünen Ball zuzuspielen. Mit „Sie haben sich stets bemüht“ ist unsere Aktivität recht zutreffend beschrieben. Kaum vorstellbar, dass wir aus Deutschland kommen, einem Land das viele Weltstars im Tennis und Tischtennis hervorgebracht hat.

Nach zahlreichen Versuchen schaffen wir es wenigstens, uns den Ball 26-mal hin und her zu spielen. Das ist nicht gerade Champions-League-Niveau, aber der Sohn haut sich trotzdem martialisch mit der Faust auf die Brust, wie ein Fußballprofi, der nach einem Torerfolg seine unumstößliche Vereinstreue demonstriert, während sein Manager in der VIP-Lounge seinen Millionentransfer zu einem anderen Club vorbereitet.

Allerdings merkt der Sohn kritisch an, dass wir damit noch weit entfernt von unserem 72er-Rekord seien, den wir vor zwei Jahren in der Bretagne am Strand aufgestellt haben. Wie kann er sich so etwas überhaupt merken? Ich bin schon froh, wenn ich weiß, was ich morgens zum Frühstück hatte. (Außer keinen Kaffee.) Nun weiß ich allerdings, dass ich in diesem Urlaub noch die ein oder andere Stunde mit dem Sohn im Wasser verbringen muss, bis wir einen neuen Beach-Tennis-Rekord aufgestellt haben. Vorher wird er die Insel nicht verlassen. Selbst wenn wir dazu die Ferienwohnung verlängern, meine Termine für die nächsten vier Wochen absagen und ihn bis Mitte September von der Schule befreien müssen.

Der fröhliche Strandaschenbecher.

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Die Tochter planscht derweil im Wasser und nimmt Kontakt mit der italienischen Strandjugend auf. Ganz verstohlen, in der Hoffnung, dass wir es nicht bemerken. (Der Frau entgeht es natürlich trotzdem nicht.) Es werden scheue Blicke ausgetauscht und sich verschämt gegenseitig von oben bis unten gemustert. Die Sprachbarriere verhindert jedoch eine tiefergehende Kommunikation und somit verpufft eine Chance der deutsch-italienischen Völkerverständigung im Nichts.

Meine Italienischkenntnisse reichen leider auch nicht aus, um in Erfahrung zu bringen, ob die Lümmel, die unsere Tochter anstarren, aus gutem Elternhause kommen und ob sich vielleicht ein sardisches Ferienhäuschen mit Pool und Meerblick im Besitz ihrer Familie befindet. Das wäre ja ganz schön, wenn man so etwas wüsste. Ich könnte die Knaben auch auf Lateinisch ansprechen. Wenn sie mich verstehen, würde dies auf einen erfreulichen bildungsbürgerlichen Hintergrund hinweisen.

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Kurze Zeit später sitzen die Frau und ich gemeinsam auf unserem Stein, als eine barbusige Strandschönheit an uns vorbeistolziert. Ein durchaus seltener Anblick an italienischen Stränden, weil hier FKK nicht erwünscht ist. Die Frau, die ihren Reiseführer gut studiert hat, stellt daher mit kritischer Miene fest: „Das wird hier ja nicht so gerne gesehen.“

Wenn ich mir allerdings die wohlgeformten Brüste der jungen Dame, ihre Modelfigur und ihre ebenmäßig gebräunte Haut so anschaue – selbstverständlich alles nur ganz flüchtig –, bin ich eher skeptisch, ob die Aussage Gattin tatsächlich korrekt ist. Allerdings halte ich es für klüger, trotzdem zu nicken. Denn auch das ist das Geheimnis einer harmonischen Ehe: Der Partnerin zum richtigen Zeitpunkt und bei den wichtigen Themen zustimmen. Bei der Farbe eines neu zu kaufenden Sofas oder bei der Entscheidung, was man abends essen will, ist das nicht so wichtig, bei der Beurteilung anderer barbusiger Frauen aber schon.

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Auf dem Rückweg zum Auto machen wir bei der Gelateria mit den fürstlichen Preisen Halt. Dort ist das Eis zwar teuer, aber dafür auch sehr lecker. Und ohnehin sollte man im Urlaub nicht immer wie so ein Pfennigfuchser auf jeden Euro schauen, sondern einfach mal den Moment genießen. Dann hat man nämlich eine angenehme Erinnerung, wenn man den Rest des Jahres Toastbrot mit Ketchup isst. Außerdem ist es schön zu sehen, wie sich die Kinder über ihr Eis freuen. Sie wissen ja auch nicht, dass sie damit ihr Erbe halbieren.

(Man sollte im Urlaub aber auch ruhig mal 100 Meter weiterlaufen, dann findet man nämlich vielleicht eine andere Eisdiele, bei der es das Eis für den halben Preis gibt. Hat mir ein Freund erzählt.)

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Nach der abendlichen Kniffelrunde ziehe ich mit dem Sohn in der Gesamtwertung gleich, die Tochter hängt uns mit nur zwei Punkten weniger im Nacken. Lediglich die Frau hat schon einen Rückstand von fast 150 Punkten. Hoffentlich grämt sie sich nicht zu sehr darüber, dass sie morgen beim Kaffeekochen wieder das Wasser vergisst.

Gute Nacht!

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Alle Teile des Sardinien-Tagebuchs finden sie hier.

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

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