Sardinien 2021 – Tag 03: Von goldenen Löffelchen, deutschen Schäferhunden, italienischen Zahlen, Wasser-Volleyball-Rekorden, Eis und Pizza und der ersten Müll-Challenge

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29.06.2021, Santa Teresa di Gallura

Es ist kurz nach halb acht, die Sonne scheint, ich sitze auf dem Balkon, trinke einen Espresso und schaue aufs Meer. Der Strand ist knapp 200 Meter entfernt, das Wasser schimmert türkis, am Horizont zeichnet sich Korsika ab und der Himmel ist strahlend blau. Das Einzige, was diesen malerischen Ausblick ein wenig trübt, ist der große betonierte Parkplatz direkt vor dem Ferienhaus. (Wahrscheinlich spüren Sie gerade wieder, wie mir das goldene Löffelchen im Halse kratzt.)

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #07

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Nach etwas mehr als zweieinhalb Kilometern auf meiner morgendlichen Laufrunde jogge ich an einem großen Grundstück vorbei. Plötzlich kommen drei große Hunde an den Zaun gerannt. Es sind deutsche Schäferhunde, aber sie hegen keinerlei landsmannschaftliche Sympathien für mich. Im Gegenteil, sie benehmen sich, als seien sie von Tollwut befallen oder vom Leibhaftigen besessen. (Wahrscheinlich beides.)

Sie springen auf und ab, bellen, knurren, fletschen die Zähne und machen mir unmissverständlich klar, dass sie nicht „nur spielen“ wollen. Der Maschendrahtzaun, der uns voneinander trennt, ist nicht wahnsinnig hoch und ich überlege, wie viel Mühe es den Dreien machen würde, hinüber zu springen, um mir von Angesicht zu Angesicht klarzumachen, dass meine Anwesenheit hier absolut unerwünscht ist.

Als ich am Ende des Grundstücks ankomme, belassen sie es aber dabei, nochmal besonders bedrohlich zu bellen und zu knurren. Das heißt auf Schäferhündisch wahrscheinlich so viel wie: „Verpiss‘ dich, du Lurch, und lass‘ dich gefälligst nie wieder hier blicken, sonst machen wir Hackfleisch aus dir. Und daraus machen wir eine Bolognese, mit Karotten, Zwiebeln und Knoblauch angereichert und einem Schuss guten Rotwein, die mindestens fünf Stunden vor sich hinköchelt und dann noch einen Tag zieht. Dazu gibt es selbst gemachte Spaghetti und einen vollmundigen 2017er Gavino Cavignano del Sulcis Riserva. Das wird ein wahrer Festschmaus. Und jetzt verpiss‘ dich endlich, du Lurch.“

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #08

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Nachdem ich den gestrigen Bäckerei-Besuch als Erfolg verbuchen konnte – auf jeden Fall hatten wir ausreichend Backwaren zum Frühstück –, gibt es heute eine neue Herausforderung. Durch exaktes Beobachten und messerscharfes Kombinieren habe ich herausgefunden, dass Brötchen auf Italienisch Panino heißen. Also, ich gehe zumindest davon aus, weil das auf dem Schild an dem Brötchenkorb steht. Oder die Verkäuferinnen erlauben sich einen kleinen Scherz mit mir und wollen, dass ich Panino sage, weil das „Ich bin ein deutscher Trottel“ heißt, aber das glaube ich nicht.

Nun muss ich das Problem der Mengenangaben lösen. Ich würde gerne sechs Brötchen kaufen, beherrsche den italienischen Zahlenraum aber nur bis fünf: uno, due, tre, quattro, cinque. Eigentlich sogar nur bis vier, denn ich traue mich nicht „cinque“ zu sagen. Ich befürchte, dass ich dabei wie ein sehr schlechter Comedian mit einer sehr schlechten Italo-Improv-Nummer klinge und dass das in der Bäckerei nicht sonderlich gut ankommt.

Vielleicht stelle ich der Verkäuferin eine kleine Rechenaufgabe und bestelle vier plus zwei Brötchen. Dafür fehlt mir aber das Vokabular. Oder ich kaufe vier Brötchen, stelle mich wieder ans Ende der Schlange und hole zwei weitere Brötchen. Als ich an der Reihe bin, sehe ich, dass die Brötchen die Größe von halben Brotlaiben haben und nehme einfach nur vier. Das muss reichen. Zur Not schmieren wir mehr Nutella drauf, damit wir satt werden.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #09

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Der Sohn legt am Strand einen lange nicht mehr gesehenen Bewegungsdrang an den Tag. Der gleiche Junge, der in den Monaten des Home Schoolings eine fast schon symbiotische Verbindung mit seinem Gamer-Stuhl eingegangen war, bei der du nicht wusstest, wo der menschliche Körper aufhört und wo das Sitzmöbel anfängt, ist am Strand fast schon hyperaktiv. Er ist immer der erste, der ins Meer geht, hält es am längsten aus, spielt ausdauernd Ball und legt beim Schwimmen und Tauchen mehr Ausdauer an den Tag als seinerzeit der mit EPO vollgepumpte Lance Armstrong bei seinen Tour-de-France-Siegen.

Wenn er dann mal das Wasser verlässt – der Sohn, nicht Lance Armstrong -, verfällt er auf seinem Handtuch in eine winterschlafartige Stase, die er nur ab und an unterbricht, um in sein Handy zu schauen. Hat er genug Kraft gesammelt, steht er wieder auf und fragt, wer mit ins Wasser kommt.

Welch ein Unterschied zu Zuhause, wo der Sohn – wohlwollen betrachtet – meist einen eher trägen und schläfrigen Gesamteindruck hinterlässt. Wahrscheinlich raubt ihm dort die anstrengende Schule sämtliche Energie.

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Der Sohn und ich spielen im Wasser Volleyball. Eben hat er sich mit seiner Schwester 63-mal zugepritscht und das gilt es zu überbieten. Mit Konzentration und Entschlossenheit spielen wir uns den Ball zu. Wir werden das Wasser unter keinen Umständen verlassen, bevor wir den Rekord nicht mindestens auf 64 erhöht haben. Ich möchte nicht sagen, dass unsere Familie sehr kompetitiv ist, aber wir spielen bei unserem Kniffel-Turnier nicht ohne Grund, um den riesigen Pokal.

Nach einer knappen halben Stunde schmerzen mir die Schultern und Oberarme von der immergleichen Pritschbewegung. Anscheinend bin ich nicht mehr der zähe und ausdauernde Leistungssportler, der ich nie war. Aber einen neuen familieninternen Rekord stellen der Sohn und ich trotzdem auf: 107. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wo ich in Santa Teresa einen Pokal kaufen kann.

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Nachmittags gehen wir in den Ort, Eis essen. Unser erstes Eis im Urlaub. Am dritten Tag. Das ist keine besonders gute Bilanz. Wir brauchen wohl Nachhilfe, im Italienurlaub machen, wo das Hauptnahrungsmittel doch Eis sein muss. Und Pizza natürlich.

Anscheinend gab es innerhalb der Eisdielen-Innung von Santa Teresa eine Preisabsprache. Eine Kugel Eis kostet überall 2 Euro, was ein ziemlich stattlicher Preis ist. Zwei Kugeln sind aber kaum teurer und liegen bei 2,50 Euro, also einem durchschnittlichen Eiskugelpreis von 1,25 Euro, was in Berlin inzwischen als einigermaßen normal gilt. (Selbstverständlich werde ich nie müde zu betonen, dass wir früher 50 Pfennig für die Kugel Eis bezahlt haben, und die Kinder schauen dann immer, als würde Opa vom Krieg erzählen.)

Trotz dieser allgemeingültigen Preisgestaltung erwischen wir genau die Eisdiele, in der zwei Kugeln 3,50 Euro kosten. Aber wir sind im Urlaub und das Eis ist lecker, wer wird sich da schon über vier Euro mehr oder weniger aufregen? Höchstens mein Bankberater. Da ich aber gar keinen habe, ist mir das egal.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #10

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Um 18 Uhr schauen wir Deutschland gegen England. Das Spiel ist – objektiv betrachtet – ziemlich öde und hat – subjektiv betrachtet – ein unerfreuliches Ende: England gewinnt 2:O.

Nun haben unsere leichten Sonnenbrände doch etwas Gutes. So halten uns die anderen Strandbesucher:innen für Engländer:innen und wir müssen keine hämischen oder – noch schlimmer – mitleidigen Blicke ertragen. Zumindest bis zum Viertelfinale.

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Nach dem Spiel holen wir Pizza. Unsere erste Pizza im Urlaub. Am dritten Tag. Wir brauchen wirklich Italienurlaub-Nachhilfe.

Die Pizza schmeckt großartig. (Ein Grund mehr, sich zu fragen, warum wir bis zum dritten Tag mit dem Pizzaessen gewartet haben.) Der Teig ist dünn und knusprig, der Rand saftig und fluffig, die Sauce tomatig und fruchtig. Wen interessiert da noch, dass die deutsche Mannschaft gerade ausgeschieden ist? Okay, möglicherweise die deutsche Mannschaft. Aber die isst gerade auch keine Pizza.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #11

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Heute Abend müssen wir das erste Mal Müll an die Straße stellen. Papiermüll. In Berlin ist es die Aufgabe des Sohns, sich um den Müll zu kümmern. Als wir ihm erklären, das gelte auch auf Sardinien, ist er wenig begeistert, denn er habe doch Urlaub. Er ist aber einsichtig, dass der Müll nicht von allein vor das Tor laufen wird und bringt ihn ohne weiteres Murren raus. Deswegen tut es mir auch ein bisschen leid, dass er noch einmal raus muss, um die Mülltüten auszutauschen, weil doch nicht Papier-, sondern trockener Restmüll an der Reihe ist.

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Vom Kniffeln nichts neues: Der Sohn verwaltet seinen Vorsprung und darf weiter auf seinen ersten Familien-Kniffel-Cup-Gewinn hoffen. So wie die Engländer auf ihren ersten EM-Triumph. Ich weiß nicht, für was es die besseren Wettquoten gibt.


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55 Kommentare zu “Sardinien 2021 – Tag 03: Von goldenen Löffelchen, deutschen Schäferhunden, italienischen Zahlen, Wasser-Volleyball-Rekorden, Eis und Pizza und der ersten Müll-Challenge

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  • Franny-Nanny (💯)

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