Wochenschau | KW19-2026: Wie ich mich beim Vaseline-Kauf um Kopf und Kragen redete

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


04. Mai 2026, Friedrichshafen/Berlin

Rückfahrt nach Berlin. Zunächst im Regional-Express durchs Schwabenländle. Vorbei an Bergen, Weiden mit grasenden Kühen, idyllischen Seen und immer wieder herausgeputzten pittoresken Ortschaften, jederzeit bereit für „Unser Dorf soll schöner werden“. Pastellig gestrichene Häuser, üppig bewachsene Blumenkästen und akkurat gemähte Vorgärten.

Die perfekte Kulisse für einen David-Lynch-Film. Hinter der Heile-Welt Fassade von Kehrwoche, Schaffe-schaffe-Häusle-baue und Am-Samstag-wird-der-Daimler-gewaschen lauern zwischenmenschliche Abgründe. Außereheliche Affären, ausufernder Alkoholabusus, sexuelle Fetische, Gewalt und Totschlag.

Man hört förmlich die Synthesizer-Klänge im Hintergrund, dazu eine langsame Kamerafahrt durch eine Straße mit Einfamilienhäusern, die schließlich vor einem Gartenzwerg endet, neben dem ein abgeschnittenes Ohr liegt. Twin Alb, Lost Feldwegele oder Blue Lodenjäckle.

Umstieg in Lindau-Reutlin, Weiterfahrt im Eurocity. Schräg vor uns unterhalten sich zwei Männer auf Schwyzerdütsch. Die Bezeichnung „dütsch“ suggeriert, man spricht eine gemeinsame oder wenigstens verwandte Sprache, aber das ist nicht der Fall. Ich verstehe nichts. Worte wie Gluggsi, Poschtiwägeli und Töggelikasten lassen mich vermuten, die beiden kommunizieren in einer ausgedachten Phantasiesprache.

Letzte Etappe: von München nach Berlin. Mit uns besteigt eine 9. Klasse den Waggon. Klassenfahrt in die Hauptstadt. Ein bayerisches Stimmengewirr breitet sich aus. Klingt auch wie eine Phantasiesprache.

Noch bevor der Zug losfährt, studieren zwei Jungs neben uns das Bistro-Angebot. Sie sind recht angetan. („Warmes Essen im Zug. Geil.“) Sie fragen die Lehrerin, ob sie sich etwas holen dürften. Die meint, ihr wäre das egal, sie müssten aber mit ihrem Geld die ganze Woche auskommen.

Einer der beiden erklärt, er hätte 660 Euro. 160 für Essen und den Rest „für so“. Die Lehrerin ist fassungslos. („Bist du narrisch, so viel Geld mitzunehmen?“) Seine mit ernstem Interesse gestellte Frage, wie viel Geld sie dabeihätte, lässt sie unbeantwortet.

Aus lokalpatriotischen Gründen begrüße ich es, dass der Knabe so viel Geld mitgenommen hat. Wenn er abgezogen wird, lohnt sich das für die Berliner Diebe wenigstens.

05. Mai 2026, Berlin

BSR-Kieztag am Otto-Spielplatz. Dort kannst du deinen Sperrmüll abgeben und die Stadtreinigung entsorgt ihn in riesigen Müllautos.

Im Viertel herrscht regelrechte Volksfeststimmung. Aus allen Häusern strömen lachende Menschen mit Leiterwagen, Sackkarren und großen Tüten, voller Freude, ihren Krempel loszuwerden. So viel offen zur Schau gestellte gute Laune ist in Berlin ungewöhnlich.

Gemeinsam mit dem Sohn bringe ich unseren Elektroschrott, der sich in den letzten zwei Jahren angesammelt hat, zum Sammelpunkt. Der ist glücklicherweise nur 250 Meter entfernt.

Der Sohn schleppt das riesige Drucker-Kopierer-Scanner-Monster. Aus Respekt gegenüber seinem Vater. Außerdem bezahlen wir das Fitnessstudio für ihn. Das muss sich ja mal Return-on-Investment-mäßig für uns auszahlen. Ich selbst trage eine blaue IKEA-Tüte mit einem kaputten Toaster und einem ausgemusterten Festnetztelefon über der Schulter, dazu unter dem Arm einen noch funktionstüchtigen Monitor, für den wir keine Verwendung mehr haben.

Auf dem Weg zum Spielplatz werden wir dreimal angehalten und der Inhalt der Tasche inspiziert. In der Hoffnung, dass da vielleicht etwas Nützliches drin ist. Ist es aber nicht. Außer man hat ein Faible für kaputte Toaster und Festnetztelefone. Eine Frau nimmt das Stromkabel des Druckers mit. Keine Ahnung für was. Vielleicht verwertet sie das darin enthaltene Kupfer.

Am „Zu verschenken“-Stand will ich den Monitor abgeben. Der BSR-Mann hinter dem Tisch baut gerade den größten Joint, den ich jemals gesehen habe. Vielleicht tauscht er ihn gegen meinen Monitor. Da kommt aber schon ein anderer Mann und fragt, ob er ihn haben kann. Den Monitor, nicht den Joint. Glaube ich zumindest und bin froh, ihn los zu sein.

06. Mai 2026, Berlin

In meinem Stamm-dm auf Vaseline-Expedition. Die benötige ich, weil ich mir bei meinen langen Läufen regelmäßig die Oberschenkelinnenseite wundscheuere. Oder wie der Volksmund sagt: „Ich laufe mir einen Wolf.“ Das klingt aber unnötig vulgär und fühlt sich auch so an.

Meine Suche bleibt erfolglos, ich frage bei einer Verkäuferin nach. Während ich rede, merke ich: Wir stehen direkt vor den Kondomen. Bestimmt denkt sie, ich fröne irgendwelchen Sexualpraktiken, für die ich meinen Intimbereich geschmeidig halten will. Okay, vielleicht denkt sie das überhaupt nicht, aber dass ich denke, dass sie das denkt, ist genauso unangenehm. Dass die Frau Mitte 20 und sehr attraktiv ist, macht die Situation nicht besser.

Sie schickt mich zu den Lippenpflegeprodukten. Dort finde ich nur kleine Vaseline-Döschen. Geradezu grotesk winzige Tiegelchen sind das. Kaum groß genug, um meinen Zeigefinger reinzustecken. Der Inhalt reicht vielleicht für zwei Quadratzentimeter Oberschenkel. Da lacht der Wolf nur müde.

Spreche die nächste Verkäuferin an. Die ist noch jünger – wahrscheinlich eine Auszubildende – und ebenfalls extrem gutaussehend. Seit wann schauen alle dm-Mitarbeiterinnen eigentlich wie Laufsteg-Models aus? Wo sind die Kolleginnen kurz vor der Verrentung, die man vollkommen unbefangen zu Vaseline-Produkten interviewen kann?

Ich frage, ob es auch größere Vaseline-Dosen gibt. Damit keine Missverständnisse aufkommen, ergänze ich: „Zum Einschmieren vorm Laufen.“ Die Aussage unterstütze ich pantomimisch, indem ich meine Hände vor meiner Leistengegend kreisen lasse.

Die Verkäuferin schaut mich mit großen Augen an. Erstarrt wie ein Reh, das in den Scheinwerferkegel eines herannahenden Autos blickt. Kein Wunder. Ein graubärtiger Mann steht vor ihr und macht windmühlenartige Bewegungen vor seinem Penis. Wahrscheinlich bekomme ich gleich Hausverbot. Zu Recht.

Schließlich zeigt die junge Frau auf das Regalbrett direkt neben mir, wo Vaseline-Packungen in Maxigröße aufgereiht sind. „Das sollte reichen“, sagt sie und entfernt sich schnell. Keine Ahnung, was sie damit meint, aber ich möchte auch nicht darüber nachdenken. Gehe stattdessen zum Self-Checkout, um weiteren Menschenkontakt zu vermeiden. Nun muss ich mir nur noch einen neuen Stamm-dm suchen.

07. Mai 2026, Berlin

Treffe im Hausflur J., die polnische Nachbarin aus dem 3. Stock, die gerade ihren Briefkasten kontrolliert, während ich das Haus verlasse. Vor der Tür stelle ich fest, dass ich mein Handy vergessen habe, und schließe direkt wieder auf.

J. strahlt mich an und sagt: „Das ging aber schnell.“ Wie aus der Reihe „Sprüche, die jeder Deutsche schon mal gesagt hat.“ Damit steht J.s Einbürgerung nichts mehr im Weg. (Egal ob sie das will oder nicht.)

08. Mai 2026, Berlin/Hamburg

Dritte Etappe unserer „Wir fahren jedes Wochenende quer durch die Republik“-Tour. Diesmal wieder nach Hamburg. Zum Geburtstag der Ex-Schwippschwägerin. Schwippschwägerin klingt wie ein Wort aus einem Didi-Hallervorden-Sketch. Eigentlich ein Grund, es nicht zu verwenden. Reden wir lieber von der Ex-Frau des Bruders meiner Frau.

Als kostenbewusste Reisende fahren wir heute Flix Train. Wir kommen um 9.20 Uhr am Hauptbahnhof an, circa 40 Minuten vor der Abfahrt unseres Zuges. Genug Zeit, uns für die Fahrt noch einen Kaffee zu holen.

Wir haben sogar noch mehr Zeit: Die Anzeigetafel am Eingang des Hauptbahnhofs informiert uns, der Zug ist eine halbe Stunde verspätet. Nicht weiter schlimm, setzen wir uns also bei Einstein rein und sorgen dort für unsere Koffeinzufuhr.

In der Schlange wartend, studiere ich das Kuchenangebot in der Glasvitrine. Das sieht recht appetitlich aus, aber die Preise versetzen mich in Erstaunen. 5,80 Euro für die gar nicht mal so großen Stücke.

Ich erinnere mich an Zeiten, da hast du dafür eine ganze Pizza bekommen. Und das war nicht in den 1950ern. Okay, es war Ende der 1990er/Anfang der 2000er. Mit zunehmendem Alter stelle ich immer wieder fest, dass ich bestimmte Vorstellungen davon habe, was okaye Preise für Speisen und Getränke sind. Damit meine ich nicht 50 Pfennig für eine Kugel Eis, so weltfremd bin ich nicht. Aber 5,80 Euro für ein Stück Kuchen erscheinen mir doch recht hoch. (Mein innerer Rentner fuchtelt zustimmend mit dem Krückstock.)

Kurz vor halb elf, wir warten am Bahnsteig. Die nächste Verspätungsmeldung kommt: 11.28 statt 10.38 Uhr. Warten wir also weiter. Hoffentlich fahren die zahlreichen Schulklassen, die um uns herum stehen, nicht auch nach Hamburg. Oder wenigstens in einem anderen Waggon.

11.25 Uhr, neue Nachricht von Flix Train. Die Ankunft des Zuges wird für 12.01 Uhr angekündigt. Meine Frau nutzt die Zeit für einen Besuch auf der Toilette.

11.55 Uhr. Der Zug wird nun für 12.36 Uhr in Aussicht gestellt. Richte mich auf dem Bahnsteig häuslich ein. Vielleicht kann ich hier eine Meldeadresse beantragen.

12.40 Uhr. Der Zug fährt tatsächlich ein und knapp zehn Minuten später sogar los. Ein Zettel an der Tür zum Waggon informiert über eine Lautsprecherstörung. Man solle beim Ausstieg darauf achten, auf welcher Seite sich der Bahnsteig befindet. Die Luft ist stickig, das WLAN funktioniert auch nicht.

Vor Lübeck hält der Zug an. Menschen in den Gleisen, die Bundespolizei muss nach ihnen suchen. Das dauert knapp eine Stunde, dann setzt sich der Zug wieder in Bewegung.

Kurz nach 16 Uhr, Ankunft in Hamburg. Mit rund dreieinhalb Stunden Verspätung. Vielleicht ist Flix Train eine geschickte Marketing-Kampagne der Deutschen Bahn, um die Kundenzufriedenheit zu steigern.

10. Mai 2026, Berlin

Muttertag. Wenn deine Kinder nicht mehr in die Kita oder Grundschule gehen und Selbstgemaltes oder -gebasteltes mitbringen, verliert dieser Tag doch ein wenig an Bedeutung. Der Sohn schenkt seiner Mutter einen Gutschein für eine Umarmung. Keinen gebastelten, sondern einen verbalen. Nun gut, man nimmt, was man bekommt.


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