Post aus Portugal #15 | Supermarktbesuche. Oder: Die Entdeckung der Langsamkeit

„Bom dia.“ Die Begrüßung der jungen Frau hinter der Supermarktkasse war nicht übermäßig enthusiastisch. Eher geschäftsmäßig, wie eine lästige Pflicht, die zu erledigen war.

Sicherlich hatte der Marktleiter sie angewiesen, die Kund*innen willkommen zu heißen, jedoch vergessen, den Grad der an den Tag zu legenden Herzlichkeit näher auszuführen. Die hängenden Schultern und der abwesende Blick der Kassiererin signalisierten, dass sie lieber woanders wäre.

Diese Ausführungen sollen aber keine kleinliche Kritik eines nörgelnden Deutschen am portugiesischen Einzelhandelspersonal sein. Als Berliner stünde mir das gar nicht zu. Bei meinem Penny löst das ebenfalls keine Begeisterungsstürme aus, wenn ich an der Kasse erscheine. Dort bekomme ich auch keine Umarmung mit Küsschen links und Küsschen rechts. (Worüber ich aus einer Vielzahl von Gründen sehr dankbar bin.)

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Post aus Portugal #14 | Laufversuche

Donnerstagmorgen, kurz nach halb neun. Die Temperaturen: angenehm, die Luft: klar, Lissabon: in warmes Licht getaucht, der Tejo: schimmert bläulich. Ideale Bedingungen für meine morgendliche Laufrunde.

Zumindest in der Theorie. In der Praxis laufe ich nicht und runde auch nicht. Stattdessen liege ich bäuchlings auf dem Bürgersteig. An der Avenida Infante Dom Henrique, auf Höhe des Fähranlegers Terreiro do Paço, an dem die Pendler von der anderen Uferseite ankommen. Mit blutigen Knien, Ellenbogen sowie schmerzenden Händen.

Also, nicht die Pendler haben aufgeschlagene Knie und Ellenbogen und ihnen schmerzen auch nicht die Hände, sondern mir. Das ist unideal. Nicht nur für morgendliche Laufrunden, sondern in allen Lebenslagen.

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50 Fakten über mich

„50! Was jetzt schon?“ So trällerte Reinhard Mey vor über 30 Jahren. Seit heute muss, kann, darf ich mir die gleiche Frage stellen.

50. Wie konnte das passieren? Das entspricht so gar nicht meiner Selbstwahrnehmung, meiner Selbsteinschätzung, meinem Selbstverständnis. Ich halte mich natürlich nicht mehr für jugendlich. Das wäre selbstverleugnend, peinlich, zum Fremdschämen. (Obwohl mir eine umgedrehte Basecap nicht so schlecht steht.)

Aber ich habe keine allzu verstaubten Ansichten, habe noch nie CDU gewählt und finde auch nicht, dass früher alles besser war oder dass die Jugend von heute verdorben ist. Kurzum, ich fühle mich nicht alt, nicht frühvergreist, sondern einigermaßen jung geblieben.

Bis ich an einem Spiegel vorbeikomme. Da ist die 50 nicht mehr zu verleugnen. Der Bart ist grau, die Schläfen ebenfalls, um die Augen haben sich kleine Falten eingegraben und die Ähnlichkeit mit meinem Vater nimmt von Jahr zu Jahr mehr zu. Was prinzipiell nicht schlimm ist, allerdings ist er 82.

Nun also 50. Fünf Jahrzehnte. Ein halbes Jahrhundert. Das hört sich nicht schön an, das hat keinen guten Klang und das fühlt sich auch nicht gut an. (Vor allem nicht in den Knien, wenn ich nach längerem Sitzen aufstehe.) Aber da hilft kein Schimpfen, kein Jammern, kein Weinen. Das lässt sich nicht ändern, das ist der Lauf der Zeit, da muss man durch.

Zur Ablenkung von meiner zunehmenden Vergänglichkeit und zur Selbstreflektion habe ich 50 Fakten über mich gesammelt:

  1. Ich bin in Mannheim geboren, habe aber nie dort gelebt.
  2. Ich habe in acht verschiedenen Städten gewohnt.
  3. Ich habe 18 Länder auf drei Kontinenten bereist.
  4. Ich war schon mal in New York, aber noch nie auf Hawaii. Dafür bin ich bereits durch San Francisco gegangen, jedoch nicht in zerrissenen Jeans.
  5. Nach dem Zivildienst wollte ich Religionspädagogik studieren.
  6. Ich habe in Marburg, London, Bath und Berlin studiert, habe aber nur einen Abschluss. (Nicht in Religionspädagogik)
  7. Meine Frau und ich haben uns nur kennengelernt und unsere Kinder gibt es nur, weil ich eine Einschreibefrist in Münster verpasst habe.
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Post aus Portugal #13 | Portugiesische Sprache, schwere Sprache

„What kind of toast?“ Der junge Mann hinter der Coffeeshop-Theke schaute mich fragend an, ich schaute fragend zurück.

Gerade hatte ich im besten mir möglichen Portugiesisch zwei Cappuccinos bestellt. „Dois cappuccinos.“ Ein bitte hatte ich auch noch hinterher geschoben: „por favor“. Man möchte ja kein Tourist mit schlechten Manieren sein. Von Toast war keine Rede gewesen.

Den Satz hatte ich mir vorher zusammengedeeplt. Das mache ich immer im Ausland. Beim Einkaufen oder Essengehen versuche ich, ein paar Worte in der Landessprache zu sagen. Aus Höflichkeit, als Geste des Respekts, um zu zeigen, dass ich ein guter Gast bin. (Und weil ich ein verdammter People Pleaser bin.)

So machte ich das auch vor zwei Jahren in unserem Sommerurlaub in Setubal. Jeden Morgen übersetzte ich vor dem Mini-Mercardo am Handy den Satz „Ich hätte gerne sechs Brötchen, bitte.“ („Queria seis pãozinhos, por favor.“). Sicherheitshalber hörte ich ihn mir noch an, dann schritt ich mutig zur Tat und zur Brottheke.

Das funktionierte alles in allem ganz wunderbar. Abgesehen davon, dass wir zwei Wochen lang die gleiche Sorte essen mussten. Es war mir einfach zu herausfordernd, den Satz „Zwei davon, zwei davon und zwei von diesen appetitlich aussehenden Milchbrötchen.“ zu erlernen („Dois deles, dois deles e dois destes pãezinhos de leite de aspeto apetitoso.“)

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Post aus Portugal #12 | Ein Monat voller Feiertage

„I remember you. You’ve been here yesterday. And the day before”, sagte die junge Frau mit den dunklen Locken und der schwarzen Hornbrille und lachte mich an. „I like you. You are my favorite person.”

So etwas hört man natürlich gern. Dass man wiedererkannt und gemocht wird. Und nicht nur das. Man ist sogar eine Lieblingsperson.

Bedenklich war allerdings, dass es sich bei der jungen Frau, die sich so über das Wiedersehen mit mir freute, um die Sangria-Verkäuferin am São Pedro de Alcântara handelte, und ich die letzten drei Abende tatsächlich bei ihr war. Mehrfach.

Ein großer Sangria-Neon-Schriftzug an einem Getränkestand
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Post aus Portugal #11 | Holy shit. Die Stadtheiligen von Lissabon

Bevor ich nach Lissabon kam, hatte ich mich mit dem Thema Stadtheiligen nicht sonderlich viel beschäftigt. Und mit „nicht sonderlich viel“ meine ich „gar nicht“.

In Lissabon ist das nicht möglich. Die Stadt hat nicht nur einen, sondern gleich zwei Schutzpatrone: Den Heiligen Vinzenz und den Heiligen Antonius. Die beiden sind allgegenwärtig. Mit Statuen, Kirchen, Gemälden und Festen. Vor allem im Juni.

Aber wer waren die zwei zu Lebzeiten? Was hat sie als Menschen ausgezeichnet? Und warum wurden sie heiliggesprochen?

Fragen, die Sie wahrscheinlich nicht die Bohne interessieren und die ich nicht beantworten kann. Tauchen Sie stattdessen mit mir ein in eine Welt der Vielnamerei, der Vielgebeinerei und der Vielschutzpratonerei.

Bild der Sao-Antonio-Kirche in Lissabon
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Post aus Portugal #10 | Halbwissen über Lissabon

„Hello, my name is Beatriz and I am your tour guide.”

Es war Anfang Mai, wir wohnten noch in unserem muffigen Hochhaus-Airbnb, und standen mit rund zwölf Personen an der Statue des Dichters António Ribeiro Chiado, gegenüber des historischen Café A Brasileira, dem Ausgangspunkt für unseren gemeinsamen dreistündigen Stadtspaziergang.

Wie immer hatten wir eine englischsprachige Tour gebucht, um nicht mit einem Rudel Deutscher durch die Stadt latschen zu müssen. Diesmal funktionierte das auch, wie sich nach der Vorstellungsrunde rausstellte. Die Gruppe bestand aus Amerikanern, Engländern, Neuseeländern und einer Japanerin.

Außer uns war ein anderes Paar aus Deutschland dabei. Schon bevor sie sich vorstellten, meinte meine Frau, die beiden sähen deutsch aus. Wir möglicherweise auch. Ich glaube, es sind die Eastpak- und Fjällräven-Rucksäcke, die uns Deutsche verraten.

Gelber Lisboa-Schriftzug auf dem Praça do Comércio
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Post aus Portugal #09 | Wohnung gesucht. Und frische Unterhosen.

Freitag, 2. Mai

Morgens aufwachen im Hotel. Ein deutlicher Hinweis, dass ich nicht geträumt habe, in dem von uns angemieteten Appartement wäre der Wasserboiler von der Wand gekracht und hätte die halbe Küche zerstört. Dafür ist das Bett bequem. Positiv denken.

Im Bett Wohnungsrecherche. Ernüchterndes Ergebnis. Kurzfristig verfügbare Wohnungen sind rar, teuer, ungeeignet (Wohnheimzimmer mit Gemeinschaftsbad und -Küche) oder dezentral (in Vierteln, die so weit entfernt sind, dass sie eher zu Porto als zu Lissabon zählen). Häufig alles zusammen.

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Post aus Portugal #08 | What the actual fuck? (01.05.)

„Ein Tag wird nicht schlechter, wenn er mit Käsekuchen beginnt.“ Dachte ich, während ich mir eine Gabel des Käsekuchens, der mich zu dieser Weisheit inspirierte, in den Mund schob.

Dann lud ich ein Foto des Kuchens auf Instagram hoch, schrieb den von mir erdachten Satz dazu und hoffte auf Likes, Herzchen und andere Formen der Beifallsbekundung.

Sieben Stunden später sollte mir das Leben, das Schicksal oder was auch immer zeigen, dass meine Weisheit gar nicht so weise war. Im Gegenteil. Sie war eine spektakuläre Fehleinschätzung.

Trotz des Käsekuchen-Starts wurde unser Tag nicht nur nicht schlechter, sondern richtig schlecht. Noch schlechter wäre er nur gewesen, hätte ich ihn statt mit meiner Frau mit Friedrich Merz und Donald Trump verbringen müssen.

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Post aus Portugal #07 | It never rains in Porto, außer heute (30.04.)

Stadtspaziergang durch Porto. Bei Regen. Mal mehr, mal weniger. Meistens mehr. Ab und an auch mal weniger. Aber selten.

Für die Souvenir-Verkäufer ein einträgliches Geschäft. Kaum fällt der erste Tropfen, haben sie Schirme, Regenjacken und Ponchos im Angebot, die sie werbe- und verkaufswirksam am Eingang ihrer Läden präsentieren. Was gut für uns ist. So erstanden wir gleich morgens einen Knirps für fünf Euro. Und den obligatorischen Kühlschrank-Magneten gleich dazu, womit das auch erledigt wäre.

Panoramablick über Porto
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