Eine kleine Wochenschau | KW44-2022 (Teil 2)

Teil 1


03. November 2022, Berlin

Der Sohn muss bis Ende der Ferien für seinen Philosophie-Leistungskurs ein Essay schreiben. Über die Frage: „Darf man andere zu ihrem Glück zwingen?“ Offenbar hat der Sohn das Bedürfnis, dieses Thema mit mir zu diskutieren. Zumindest schließe ich das aus dem Umstand, dass er zu mir ins Arbeitszimmer kommt, sich neben mich setzt und anfängt, über sein Essay zu reden.

Der Sohn verneint die Frage vehement. Unter Glück würde doch jeder etwas anderes verstehen, da dürfe kein Zwang ausgeübt werden. Möglicherweise betont er das so deutlich, dass ich nicht auf die Idee komme, ihn zum Aufräumen zu zwingen, damit er das Glück eines ordentlichen Zimmers erfährt.

Derweil erläutert der Sohn seine Argumentation weiter. Manche würden vielleicht Glück empfinden, wenn sie in der Schule eine 1 schreiben, andere wiederum, wenn sie sich Heroin spritzen. Da wäre es nicht in Ordnung, sie zu irgendetwas zu zwingen. Ich erkläre dem Sohn, dass ich prinzipiell verstünde, was er meint. Dennoch schlage ich ihm vor, bei der Ausformulierung seines Textes vielleicht doch ein anderes Beispiel in Erwägung zu ziehen.

04. November 2022, Berlin

Heute ist Tag des Weinessigs. What?

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Eigentlich habe ich mich bisher trotz meiner 47 Jahre für einigermaßen jung geblieben gehalten. Ich bin überzeugt, wäre mein Bart nicht ganz so grau, würde ich locker für 46 durchgehen. Eine Illusion, die ich begraben muss, nachdem ich heute eine Blog-Kooperationsangebot von Land’s End erhalten haben. Eine Marketingfrau schlägt vor, ich könnte doch ihre Klamotten vorstellen, weil ich so gut zu ihrer Zielgruppe passe. Schönen Dank auch!

Auf Instagram erreicht mich wiederum das Angebot einer Balance-Board-Firma, Teil einer großen Kampagne zu werden, die sie gerade organisieren. Ich schaue mir den Feed der Firma an. Dort sind lauter coole Dudes und noch häufiger attraktive junge Frauen zu sehen, die waghalsige Übungen auf den Boards vorführen. Wie ich da ins Spiel kommen soll, ist mir nicht ganz klar. Weder falle ich in die Kategorie „Cooler Dude“ – für so jung geblieben, halte ich mich dann doch nicht – noch gehe ich als attraktive junge Frau durch. Vielleicht möchte die Firma mit mir die Zielgruppe der rüstigen Senior*innen erreichen. Ich schlage das Angebot dennoch dankend aus.

05. November 2022, Berlin

Beim Spazierengehen entdecke ich in einem Schaufenster einen Aushang. Goldenei, der Chor für tiefe Stimmen, sucht neue Sänger. Folgende Aufnahmekriterien sind zu erfüllen:

  1. Du musst begnadeter Tenor oder Bass sein.
    Schwierig. Ich habe zwar eine ganz okaye Singstimme, die immerhin in der 11. Klasse gereicht hat, um für meine Darbietung von „Phantom of the Opera“ eine 1 zu bekommen. Allerdings folgt es bei mir eher dem Zufallsprinzip, ob ich die erste Note treffe oder nicht. Ebenso nachteilig ist, dass ich über das Rhythmusgefühl einer deutschen Eiche verfüge. Wobei dieser Vergleich wahrscheinlich der deutschen Eiche unrecht tut. Beides sind nicht gerade die besten Voraussetzungen, um Mitglied eines nicht vollkommen unambitionierten Chors zu werden.
  2. Du sollst ein Freund toter Komponisten sein.
    Ebenfalls schwierig. Ich bin mit keinem einzigen toten Komponisten befreundet. Ich habe nur einen angeheirateten Onkel vorzuweisen, der im MDR-Rundfunkchor singt und klassische Stücke komponiert. Besagter Onkel lebt aber noch und ich würde ihn ungern umbringen, um das Aufnahmeritual bei Goldenei zu bestehen.
  3. Du sollst dem Hopfen nicht gänzlich abgeneigt sein.
    Dieses Kriterium erfülle ich am ehesten. Wobei ich noch lieber Gin Tonic als Bier trinke. Aber das wäre möglicherweise verhandelbar.

Alles in allem habe ich dennoch erhebliche Zweifel, dass ich eine musikalische Ver-stärkung für Goldenei wäre. Da müssen die tiefen Stimmen wohl ohne mich auskommen.

06. November 2022, Berlin

Heute ist Ausgesetzt-ohne-Kompass-Tag. Bei mir würde es keinen Unterschied machen, ob ich mit oder ohne Kompass ausgesetzt werde. Ich schaffe es, selbst bei eingeschalteter Google-Maps-Route erstmal in die falsche Richtung zu gehen. Ich warte nur darauf, dass mein Handy irgendwann zu mir sagt: „Alter, für was denkst du ist wohl der beschissene Pfeil da, den ich extra auf der Landkarte anzeige? Trottel.“


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Eine kleine Wochenschau | KW44-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


31. Oktober 2022, Berlin

Heute ist Halloween. Wie jedes Jahr am 31. Oktober. Also kommt das nicht besonders überraschend. Trotzdem habe ich vergessen, Süßigkeiten zu kaufen. Das heißt, ich muss mich ab ungefähr 17 Uhr totstellen und darf die Tür nicht mehr öffnen. Schließlich möchte ich nicht einer Horde trick-or-treatender und vollkommen überzuckerter Kinder erklären, dass es bei uns nicht Süßes gibt, ich ihnen aber eine Zwiebel anbieten könnte.

Um ehrlich zu sein, habe ich gar nicht vergessen, Süßigkeiten zu besorgen, sondern absichtlich keine gekauft. Vor ein paar Jahren hatten wir zu Halloween eine riesige Schale voll mit Schokoriegel, Bonbons und Gummibärchen vorbereitet. Allerdings kam kein einziges Kind vorbei. Das hatte – unweigerlich – zur Folge, dass ich ungefähr 90 Prozent des Schüsselinhalts selbst verzehren musste. Der Gang auf die Waage war dann gruseliger als jeder noch so furchteinflößender Horror-Clown.

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Familien-Tweets der Woche (433)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

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Eine kleine Wochenschau | KW43-2022 (Teil 2)

Teil 1


28. Oktober 2022, Berlin

Heute ist Weltspartag. Früher war das für mich ein großes Ding. Mein Bruder und ich sind dann immer mit meiner Mutter oder meinem Vater zur örtlichen Sparkasse gegangen. Dort nahm ein Mitarbeiter oder in seltenen Fällen eine Mitarbeiterin unsere Spardosen entgegen, öffnete sie, leerte den Inhalt in den Münzzählautomaten und dieser zeigte nach kurzem – in guten Jahren nach längerem – Rattern an, was wir in den letzten zwölf Monaten gespart hatten.

Am besten fand ich aber, dass es dann immer noch die aktuelle Ausgabe der Knax-Zeitschrift und ein kleines Geschenk gab. Irgendein Plastikschrott-Spielzeug, das nach wenigen Tagen in irgendeiner Kiste verschwand und nie wieder hervorgeholt wurde. Als Kind war mir der Akt des Beschenktwerdens anscheinend wichtiger als der eigentliche Besitz.

Heutzutage spielt der Weltspartag keine große Rolle mehr. Ich war erstaunt, dass es ihn überhaupt noch gibt. Als erwachsener Mensch gehst du in den meisten Fällen ohnehin zur zur Bank, um Geld abzuheben und nicht um etwas einzuzahlen.

Wobei, wir haben in der Küche einen Maßkrug, in dem wir unsere 1- bis 20-Cent-Münzen sammeln. Die könnte ich mal zur Bank bringen. Die akzeptiert Münzgeld aber nur, wenn es gerollt ist. Das ist ziemlich nervig. Dazu musst du Münzgeldrollenpapier besorgen, die Münzen händisch abzählen und schließlich zusammenrollen.

Auf der Bank gibt es dann keinen ratternden Münzzählautomaten, vor dem du mit Spannung stehst, um zu sehen, wie viel Geld du einzahlen kannst. Stattdessen werden deine Münzrollen voller Misstrauen abgewogen, um auszuschließen, dass du sie mit Schaumstoff und nicht mit Geld ausgefüllt hast. Am Ende stellt sich dann raus, dass sich in dem Maßkrug ungefähr 4,50 Euro angesammelt hatten. Da lohnt sich der ganze Aufwand kaum. Vor allem, weil du als Erwachsener auch keine Knax-Zeitschrift oder ein Plastikschrott-Spielzeug geschenkt bekommst.

29. Oktober 2022, Berlin

Vor vier Wochen hat mein Vergangenheits-Ich meiner Frau unbedacht „können wir machen“ geantwortet. Da ihre Frage war, ob ich zusammen mit ihr beim Sportscheck Run mitlaufen würde, sitzt mein Gegenwarts-Ich nun auf dem Rad und ist unterwegs zum Tempelhofer Flughafen. Dort findet um 19 Uhr der Lauf statt. Eine Gestaltung meines Samstagabends, die mein Vergangenheit-Ich anscheinend attraktiv oder zumindest akzeptabel fand, mein Gegenwarts-Ich eher nicht.

Am alten Flughafen angekommen, müssen wir zunächst unsere Startunterlagen abholen. Das hätte ich schon gestern oder vorgestern erledigen können, aber mein Vergangenheit-Ich war zu faul, dafür extra zur Sportscheck-Filiale am Potsdamer Platz zu radeln. Deswegen steht mein Gegenwarts-Ich jetzt in der Schlange vor dem Registrierungsschalter. An ungefähr 50. Stelle.

Als wir an der Reihe sind, stellt sich heraus, dass unsere Namen nicht im System registriert sind. Wir sollen unsere Daten in einem Tablet eingeben. Das ist herausfordernder, als es klingt, denn ich trage nicht meine normale, sondern meine Sportbrille. Dabei handelt es sich nicht um ein besonders schnittiges und robustes Brillenmodell, das extra für sportliche Aktivitäten entwickelt wurde. Nein, es ist einfach meine letzte Brille, die ich immer beim Sport trage. Bei ihr wäre es nicht so schlimm, wenn ich mich beim Laufen hinlege und sie kaputt geht.

Die Brille ist schon mehr als zehn Jahre alt. Deswegen passt ihre Brillenglasstärke nicht ganz zu meiner Augensehschwäche. Beim Sporttreiben ist das nicht weiter problematisch, beim Bedienen einer Tablet-Tastatur dagegen schon. Ich tippe hilf- und ziellos auf den verschwommenen Buchstaben rum und würde mich nicht wundern, wenn ich mich gerade als Xrodziam Gatter anmelde.

Bevor der Lauf los geht, gibt es noch ein gemeinsames Warm-up. Gruppen-Aufwärmen ist meine persönliche Vorhölle. Ich möchte nicht gemeinsam mit mir unbekannten Menschen semi-dynamisch auf der Stelle laufen, die Arme in die Höhe strecken und Kniebeugen machen. Wenn ich es mir genauer überlege, möchte ich das nicht einmal mit mir bekannten Menschen machen.

Die Frau, die das Warm-up anleitet, ist von einer großen Fitness-Studio-Kette. Ihre Stimme klingt, als würde sie sonst ihr Geld mit Softcore-SM-Telefon sex verdienen. Nach fünf Minuten ist der Spuk zum Glück vorbei und wir können endlich loslaufen.

Meine Frau hat uns für den 10-Kilometer-Lauf angemeldet. Das heißt, wir müssen zwei Runden über das Tempelhofer Feld laufen. Ich finde das ziemlich furchtbar. (Allerdings nicht ganz so furchtbar wie kollektives Aufwärmen.) Da läufst du die ganze Zeit rum und es gibt nichts zu sehen, außer in der Ferne ein paar Häuser-Silhouetten und irgendwo den alten Hangar. Sonst nichts. Keinen Baum, keinen Strauch, kein Nichts. Nur Feld, Feld, Feld. (Daher ja auch der Name Tempelhofer Feld. Da wird zumindest niemand in die Irre geführt.)

Nach knapp 70 Minuten sind wir im Ziel. Dort gibt es eine Medaille. Und alkoholfreies Radler, Bananen und Laugengebäck. Ich möchte nicht so weit gehen, dass das für das Warm-up und den Feld-Lauf entschädigt, aber zumindest ist es ein versöhnlicher Abschluss.

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Auf dem Heimweg fahren wir ein Stück durch den Tiergarten. Auf dem Hinweg war das recht idyllisch, aber jetzt ist es dort stockdunkel. So dunkel, dass du immer nur so weit wie die zwei, drei Meter des Lichtstrahls der Fahrradleuchte sehen kannst und keine Ahnung hast, was dich dahinter erwartet. Irgendwelche Ungeheuer oder Gewaltverbrecher vielleicht.

Das ist ziemlich gruselig. Ich hoffe einfach, dass alle Monster, Räuber und Mörder vor der Dunkelheit noch mehr Angst haben als wir und den nächtlichen Tiergarten meiden.

30. Oktober 2022, Berlin

Heute Nacht war Zeitumstellung. Von Sommer- auf Winterzeit. Das heißt, die Uhren mussten eine Stunde zurückgestellt werden, denn im Sommer werden die Möbel vor das Gartenhäuschen gestellt und im Winter wieder zurück. Allerdings sind unsere Uhren ohnehin fast alle funk- oder internetgesteuert, so dass sie sich von alleine umstellen.

Lediglich unseren Radiowecker muss ich manuell justieren. Auch das ist herausfordernder, als es sich anhört. Der Radiowecker ist ein schon etwas betagteres Modell und sehr sensibel. Wenn du ihn nur schief von der Seite anschaust, verstellt sich der Senderregler von alleine und du wirst morgens von einem unschönen Rauschen und Knacken geweckt. Oder gar nicht. Und wenn du auf den Knöpfen rumdrückst, um die Zeit neu einzustellen, verschiebt sich der Regler noch mehr. Im ungünstigsten Fall auf irgendeinen Schlager-Sender, so dass dich in der Früh Andrea Berg, Helene Fischer oder Andreas Gabalier akustisch brutalstmöglich aus der REM-Phase prügeln. Der einzige Vorteil: Das Aufstehen geht dann ziemlich schnell.


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Eine kleine Wochenschau | KW43-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


23. Oktober 2022, Berlin

Heute unfreiwilliger, aber anscheinend unvermeidlicher Quartalsbesuch beim Orthopäden. Diesmal nicht wegen mir und meinem Rücken, sondern der Sohn hat sich beim Judotraining an der Hand verletzt. Als ich vorhin in der Praxis angerufen habe, wurde mir gesagt, wir sollen ohne Termin vorbeikommen. Ich stelle mich auf eine längere Wartezeit ein. Wenn es gut läuft, sind wir Heiligabend wieder zuhause.

Im Wartezimmer befinden sich bereits sechs Leute. Das geht eigentlich. Vielleicht sind wir doch schon zu Nikolaus fertig. Es kommt aber noch besser. Nicht einmal fünf Minuten sind vergangen, als über den Lautsprecher unsere Namen aufgerufen werden. Vor allen anderen. Für unsere Wahl zur Beliebteste Person im Wartezimmer ist das nicht gerade förderlich. Das lässt sich aber verschmerzen, wenn du dafür ins Behandlungszimmer gehen darfst.

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Familien-Tweets der Woche (432)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Wie jeden Freitag, die besten Familien-Tweets der Woche. Auch diesmal ist die Auswahl gekennzeichnet durch Intransparenz, Subjektivität und Inkompetenz.

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Eine kleine Wochenschau | KW42-2022 (Teil 2)

Teil 1


20. Oktober 2022, Berlin

Heute steht meine Corona-Booster-Impfung an. Oder „Impfung No 4“, wie Lou Bega singen würde. Den Termin hat meine Frau organisiert. Das klingt ein wenig, als sei ich komplett lebensunfähig und meine Frau müsste mir abends immer die Klamotten für den nächsten Tag rauslegen. Bei ihr im Ministerium wurden aber Impftermine angeboten und es bestand die Möglichkeit, auch Termine für Haushaltsangehörige auszumachen.

Nun stehe ich im Justizministerium in einer Art improvisiertem Pop-up-Impfzentrum. Bei der Anmeldung fragt mich ein freundlicher junger Mann vom DRK, ob ich auch eine Grippe-Impfung wünsche. Da das Ganze hier ja von den Steuerzahler*innen bezahlt wird innen – und damit auch von mir –, willige ich ein.

Als ich mich in den Wartebereich setze, fällt mir auf, dass ich meine Jogginghose trage. Heute morgen hatte ich mir noch gesagt, du musst nachher daran denken, eine andere Hose anzuziehen. Im Prinzip denke ich ja jetzt, was technisch gesehen, „später“ ist, allerdings etwas zu spät.

(Um ehrlich zu sein, hatte ich kurz, bevor ich losgefahren bin, sogar daran gedacht, dass ich eigentlich eine Jeans anziehen wollte, aber ich war zu faul. Es erscheint mir jedoch vorteilhafter, wenn ich diese Anekdote so erzähle, dass ich ein wenig schusselig rüberkomme, anstatt als jemand, dem die Kontrolle über sein Leben so weit entglitten ist, dass er in Jogginghosen ins Ministerium geht.)

Während ich über die Unangemessenheit meiner Beinkleidung nachdenke, betritt ein weiterer Impfling den Raum. Er trägt Sportleggings und einen Fahrradhelm. Sehr gut. Jetzt gibt es in der Unangebrachten-Bekleidungs-Hackordnung jemanden, der unter mir steht und über den ich mich erheben kann.

Nach einer kurzen Wartezeit kann ich eine der Impfkabinen betreten. Dort erwartet mich eine junge Ärztin. Zur Begrüßung nennt sie ihren Namen. Ich vergesse ihn sofort wieder und überlege, ob von mir auch erwartet wird, mich namentlich vorzustellen.

Da fragt die Ärztin bereits, ob ich Fragen hätte. Ich habe viele Fragen. Sehr viele sogar. Warum gehen Scheibenkäse-Verpackungen immer so schwer auf? Warum erlaubt mir mein Stoffwechsel nicht, so viel Kuchen und Kekse zu essen, ohne dick zu werden? Und lebt der alte Holzmichl immer noch? Da ich aber glaube, dass sie darauf keine Antworten hat, verneine ich.

Die Ärztin widmet sich nun den Spritzen. „Es kann sein, dass sie morgen etwas heftiger reagieren, weil sie zwei Impfungen bekommen“, erklärt sie mir. „Das muss allerdings nicht sein.“ Dann macht sie eine kleine Pause. „Aber es ist ziemlich wahrscheinlich.“ Sie betont das ziemlich überdeutlich, damit ich mir ja keine Illusionen über die zu erwartenden Impfreaktionen mache. Dann wäre das auch geklärt.

21. Oktober 2022, Berlin

Ich habe heute zwar keine heftige Reaktion, wie von der Ärztin prognostiziert, fühle mich aber etwas matschig in der Birne. Mein Geist ist nicht ganz so flott unterwegs und auch meine Bewegungen scheinen mir ein wenig verlangsamt zu sein. Außenstehenden fällt wahrscheinlich kein Unterschied zu sonst auf.

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Am College der Tochter wird heute ein großer Ehrentag begangen. PAW Officer Alfie, der Uni-Therapiehund, wird zehn. Zur Feier des Tages erhält er einen Hunde-Cup-Cake und die Studierenden kommen zum Gratulieren vorbei.

Bei unserem abendlichen Telefonat fragt meine Frau die Tochter, ob Alfie eigentlich lieb sei. Eine etwas merkwürdige Frage, wie ich finde. Als Therapiehund ist es schließlich seine Aufgabe, Studierenden ihre Sorgen und Ängste zu erleichtern, indem sie ihn streicheln und mit ihm kuscheln. Da wäre es eher ungünstig, wenn Alfie menschenscheu wäre, alles anknurrt, was sich ihm nähert, und versuchen würde, die schmusebedürftigen Studierenden durch gezielte Bisse in die Schlagader ausbluten zu lassen. (Klingt eigentlich wie ein ganz guter Plot für einen Stephen-King-Roman.)

22. Oktober 2022, Berlin

Der Briefträger klingelt und überreicht mir eine lange Paketrolle. Ich kann mit dem Absendernamen nichts anfangen und entsinne mich auch nicht, irgendetwas bestellt zu haben. Und schon gar nichts, was in Paketrollen angeliefert werden muss.

Es stellt sich heraus, dass es sich um ein Geschenk eines Lesers handelt. Dubro – ich hoffe, ich habe den Namen richtig gelesen – hat mir einen Laufkalender für 2023 zukommen lassen. Auf diesem kannst du für jeden Tag, den du läufst und für alle fünf Laufkilometer ein Feld freirubbeln und dadurch entsteht ein buntes Kunstwerk. Ein kleines Dankeschön für die Familien-Tweets und als Trainingsmotivation für nächstes Jahr, wie Durbro schreibt.

Wahrscheinlich möchte Dubro nie wieder einen Bericht lesen, wie ich an Geist und Körper ermattet würdelos über die Kölner Marathonstrecke schlurfe. Wird er auch nicht, denn Arne und ich haben uns diese Woche für den Berlin Marathon im nächsten Jahr beworben. Falls wir einen Platz bekommen, gibt es dann einen Bericht, wie wir an Geist und Körper ermattet über die Berliner Marathonstrecke schlurfen.

Ein ganz herzliches Dankeschön an Dubro. Ich habe mich sehr über den Kalender gefreut!

23. Oktober 2022, Berlin

Gestern kam mit der Post auch die regelmäßige Presse- und Medienschau meiner Eltern. Neben einigen Kochrezepten und Ratgeber-Tipps liegen einige Artikel aus der Apotheken-Umschau bei, die ich durchaus lesenswert finde. Anscheinend bin ich nun in einem Alter, in dem die Apotheken-Umschau meine Go-To-Informationsquelle wird. Schön, schön, schön.

Außerdem haben mir meine Eltern eine Broschüre zum Thema Gedächtnistraining geschickt. Nun frage ich mich, ob das ein subtiler Hinweis ist, dass ich irgendetwas vergessen habe. Einen Geburtstag, einen Jahrestag oder so etwas. Ich glaube nicht, bin mir aber nicht sicher. Ich werde meine Eltern einfach fragen, wenn wir das nächste Mal telefonieren. Hoffentlich vergesse ich es nicht.


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Eine kleine Wochenschau | KW42-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


16. Oktober 2022, Berlin

Unsere drei Tage Familien-Geburtstagstreffen auf Föhr sind vorbei. Heute geht es zurück nach Hause. Nach Frankfurt, nach Hamburg, nach Berlin und nach Irland.

In unserem letzten Zug Richtung Berlin sitzt schräg vor mir ein junger Mann. Er isst ein Butterbrot. Die Stulle sieht lecker aus. Sehr lecker sogar. Der Rand ist nicht zu fest, die Mitte ist saftig und die Menge an Butter genau richtig. Das heißt, nicht zu wenig, dass du sie fast gar nicht schmeckst, sondern eher erahnst. Aber auch nicht zu viel, dass du das Gefühl hast, jemand hat ein Stück Butter mit Brot belegt.

Ich muss mich zusammenreißen, dem Typ nicht die Stulle zu entwenden und abzubeißen. Noch bin ich aber sozial kompetent genug, um zu wissen, dass es nicht unter allgemein akzeptierte Verhaltensweisen fällt, den Reiseproviant fremder Menschen zu verspeisen.

Mich irritiert, wie der Mann sein Brot isst. Er beißt einfach wahllos hinein. Mal links, mal rechts, mal oben, mal unten. Wie so ein wildes Tier. Dabei weiß doch jeder, dass die einzig richtige Art ein Butterbrot zu essen, darin besteht, zuerst den Rand wegzuessen und sich das saftige Innere für zum Schluss aufzuheben. Ich behalte das aber für mich. Es gehört sicherlich auch nicht zur sozialen Norm, fremde Menschen über die korrekte Art des Butterbrotessens zu belehren.

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Familien-Tweets der Woche (431)

Die DSGVO, so beliebt wie Rosinen, Rosenkohl und Kapern. Daher auch diese Woche der Hinweis: Durch die eingebetteten Tweets kann Twitter irgendetwas herausfinden, was Sie im Internet so machen. Und zwar weil ich die Tweets nicht hinter leserinnenunfreundlichen opt-in-Verfahren versteckt habe. Wenn Sie das nicht möchten, ziehen Sie am besten schnell weiter. Allen anderen viel Spaß beim Lesen.

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Eine kleine Wochenschau | KW40/41-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


09. Oktober 2022, Bonn/Berlin

Nach einem gemütlichen Frühstück fahren meine Frau und ich zurück nach Berlin. Was sehr positiv ist: Nach dem gestrigen Marathon hält sich mein Muskelkater in den Beinen doch sehr in Grenzen. Wahrscheinlich hat die Regeneration durch das langsame Tempo und meine vielen Gehpausen bereits während des Laufs ab Kilometer 32 eingesetzt.

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