Der Methusalem-Komplex

Bianca vom Blog ‚MädelsMomente‘ hat in ihrem Beitrag „Alt – Steinalt – (fast) 40“ eine Top-10 erstellt, an der sie merkt, dass sie älter wird. Auf Facebook warf sie dann die Frage auf, was Männer wohl zu diesem Thema zu sagen hätten und brauchte dabei aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen unter anderem mich ins Spiel.

MädelsTreffen. Nennt mich alt. Unverschämt!

Da ich mich wie maximal Ende Zwanzig fühle (das ist die Stelle, an der die Freundin in Tränen ausgebrochen ist und ich zutiefst hoffe, es handelt sich um Lachtränen) und ich mich laut der Tochter und dem Sohn immer so kindisch benehme, kann ich zu dem Thema eigentlich keinen erhellenden Beitrag leisten.

Dennoch habe ich versucht, mich in die Lage eines alternden Mannes hineinzuversetzen, und ebenfalls eine Top-10-Liste erstellt, die darauf hindeuten könnte, dass es bei mir unter Umständen eine starke Diskrepanz zwischen gefühltem und biologischem Alter gibt.

  1. Wenn ich aus unerklärlichen Gründen und ungeachtet des Fehlens jeglichen fußballerischen Talents meinerseits bei der Fußball-WM 2014 in Brasilien mitgespielt hätte, wäre ich der älteste Feldspieler des Turniers gewesen. Trotzdem bin ich immer zusammengezuckt, wenn Miroslav Klose als zum „alten Eisen“ gehörig bezeichnet wurde, da er doch drei Jahre jünger ist als ich – und in meiner Einbildung mindestens drei Jahre älter aussieht.
  2. Auch könnte ich inzwischen in keiner einzigen olympischen Sportart mitwirken und noch als junges Talent bezeichnet werden – abgesehen vielleicht beim Dressurreiten. Allerdings verbietet nicht nur mein Alter, sondern auch meine mangelnde sportliche Qualität die Verknüpfung einer solchen Beschreibung mit meiner Person.
  3. Beim Anschauen des TV-Trashs, den die Sender – egal ob privat oder öffentlich-rechtlich – heutzutage den Zuschauerinnen und Zuschauern zumuten, ertappe ich mich immer häufiger dabei, wie ich in nostalgischen realitätsverweigernden Erinnerungen schwelge, wie toll die Samstagsabendshows zu meiner Kindheit waren. Dann entsinne ich mich, dass Telefon-Streiche von Karl Dall bei „Verstehen Sie Spaß?“ auch nicht gerade zur Grimme-Preis-würdigen Hochkultur zu zählen sind und schon geht es wieder.
  4. Die Vorstellung ein Rock-Konzert zu besuchen, bei dem ich mehr als zwei Stunden stehen und enthusiastisch mitsingen muss, erscheint mir immer weniger erstrebenswert. Dagegen steigt die Attraktivität von Konzerten, bei denen ich auf bequemen Stühlen sitzen und die Musik genießen kann, proportional mit zunehmenden Lebensjahren. Noch attraktiver wäre es, das Konzert gleich auf DVD im heimischen Wohnzimmer anzuschauen und sich beschwerliche ÖPNV-Anreisen, unangenehme andere Konzertbesucher sowie spätes Nachhausekommen gänzlich zu ersparen.
  5. Es zeugt von geradezu pathologischer Ignoranz, wenn ich über meinen sich immer stärker zurückziehenden Haaransatz hinwegsehe. Böse Zungen behaupten gar, dass sich bei mir stetig größer werdende Geheimratsecken bildeten. Ich halte das allerdings für eine Sinnestäuschung, die auf die ungünstigen Lichtverhältnisse in unserem Bad zurückzuführen ist.
  6. Die Gelegenheiten, zu denen ich abends länger ausgehe, lassen sich mittlerweile pro Jahr an einer Hand abzählen (wahrscheinlich sogar an der Hand eines Schreiners, der zwei seiner Finger in einem Arbeitsunfall verloren hat). Wenn es bei diesen seltenen Abenden dann zu übermäßigem Alkoholkonsum kommt, bin ich nicht mehr in der Lage, wie noch zur Abiturzeit, dies locker wegzustecken, als ich den Eltern vorzugaukeln wollte, ich hätte am Vorabend nur ein kleines Bier sowie ein paar Apfelsaft-Schorlen getrunken. Stattdessen bin ich heute versucht, beim Hausarzt eine dreiwöchige Kur zu beantragen, damit ich mich von den Strapazen erholen kann. Und die Chancen stünden nicht so schlecht, dass ich sie bewilligt bekäme.
  7. Wenn ich dann doch einmal Abends ausgehe, meide ich tunlichst Orte, an denen das Durchschnittsalter der Besucher deutlich von meinem Alter abweicht. Weder möchte ich nämlich hinter vorgehaltener Hand – oder gar offen – als „Gammelfleisch“ bezeichnet werden, noch mir Sprüche anhören müssen wie: „Jetzt kommen die schon zum Sterben hier hin.“
  8. Ich stelle ohnehin fest, dass es mir immer schwerer fällt, Konversationen Jugendlicher zu folgen. Zum einen irritiert mich ihre zeitsparende Verstümmelung von Grammatik („Ich bin Bus“), zum anderen kann ich mit der Verwendung von Akronymen wie YOLO, rofl und lol, die sich anhören als hätte jemand mit sehr dicken Wurstfinger auf einer Blackberry-Tastatur geschrieben, nur wenig anfangen. Und wenn ich den Kindern sage: „Ich bin hier der Babo und alles tanzt nach meiner Pfeife!“, schauen sie mich zuerst verständnislos an und brechen dann in schallendes Gelächter aus.
  9. Der Spruch „Man ist immer so jung, wie man sich fühlt“ hört sich schon lange nicht mehr wie ein Ausweg an, dem fortschreitenden Alter ein semantisches Schnippchen zu schlagen, sondern eher wie eine düstere Drohung. Auch fällt es mir inzwischen schwer, hinter dem humoristischen Ratschlag „Wirf deinen Pass weg uns lass dich schätzen“ irgendeine Art von Komik zu erkennen.
  10. Ab Sommer nächsten Jahres habe ich tatsächlich das Alter erreicht, das es mir erlaubt, Ü40-Partys zu besuchen. Ich bin allerdings der Meinung, dass ich dort bestimmt mit dem Personalausweis mein Alter belegen müsste, damit mir Einlass gewährt würde. Die Freundin behauptet dagegen, dass ich sicherlich schon seit zehn Jahren ohne Passkontrolle solche Partys besuchen könnte. Und die sollte lieber nicht so große Töne spucken, war sie doch im Alter von acht Monaten doppelt so alt wie ich!

Nun sind die jugendlichen Kollegen von ‚Ich bin dein Vater‘ an der Reihe, denn auch die wurden von Bianca nach Anzeichen des fortschreitenden Alterns gefragt.

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

7 commentaires sur “Der Methusalem-Komplex

  1. Gut, da du nächstes Jahr Ü40 bist, bist du tatsächlich unfassbar viel älter als ich. Obgleich meines jugendlichen Alters (im Vergleich zu dir), graut es mir, so als mittelalter Mensch, dennoch davor, ab nächstem Jahr gemeinsam mit jungen Menschen der nachkommenden Generation zu studieren. Ich gehe davon aus, dass das meine größte Herausforderung darstellen wird.
    Aber du weißt schon . YOLO ;-)

    • In meinem Alter gehört man ja eher zur calvinistischen von protestantischer Arbeitsethik durchdrungenen „Carpe Diem“-Generation, die mit dem hedonistischen auf Lustmaximierung abzielenden YOLO-Ansatz nur wenig anfangen kann.

  2. Erst einmal vielen Dank, dass du die „Herausforderung“ angenommen hast. Aber irgendwie schleicht sich beim Lesen das Gefühl ein, dass da noch jemand in der „Verleugnungsphase“ steckt… ;-). Ich bin zumindest froh, dass du doch das eine oder andere Anzeichen des Älterwerdens (nicht des Alterns) entdeckt hast. Du hättest es ja auch beim „Männer werden interessanter, nicht älter“ belassen können. Somit sind wir Frauen nicht alleine mit diesem komischen Gefühl, das ab einem gewissen Alter ab und an aufkommt.
    LG, Bianca

    • Im ersten Moment dachte ich, etwas von ‚Verleugnung‘ gelesen zu haben. Anscheinend muss ich als 11. Punkt noch die Verschlechterung der Sehkraft aufführen.

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