Die Stockholm Diaries (09./10. Juni): Anreise

Heute Abend fahren wir nach Stockholm, die Tochter besuchen. Die Reise, die wir eigentlich schon über Ostern antreten wollten, wogegen Corona dann aber etwas einzuwenden hatte.

Wir fahren mit dem Nachtzug. 17 Stunden im normalen Sitzabteil, da ich aus Kostenoptimierungsgründen auf den Aufschlag für einen Liegewagen oder sogar ein eigenes Liegeabteil verzichtet habe. Das Konto freut sich, mein Rücken möglicherweise weniger.

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Nachmittags stelle ich unsere Reiseunterlagen zusammen. Wie so ein richtiger Boomer drucke ich unsere elektronischen Tickets und Buchungsbestätigungen aus und stecke sie sorgfältig in eine Klarsichthülle. (Selbstverständlich sortiere ich die Unterlagen alle chronologisch und hefte mehrseitige Dokumente zusammen. (*Preußische Beamte weinen vor Freude*))

Sollte mein Handy auf der Fahrt kaputtgehen und es einen europaweiten Blackout geben, so dass ich nicht auf die Cloud zugreifen kann, wo die Dokumente auch noch einmal alle abgespeichert sind – natürlich –, werde ich trotzdem in der Lage sein, meine Ausdrucke vorzuzeigen. Okay, der Zug wird dann nicht fahren können, aber ich kann trotzdem nachweisen, dass ich ein gültiges Ticket habe!

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Im Bus zum Bahnhof sitzt ein verwirrter älter Mann schräg vor mir. Der Bus muss wegen diverser Baustellen eine Umleitung fahren und der Mann scheint unzufrieden mit der Streckenführung zu sein. Bei jedem Halt grummelt er irgendetwas in seine Maske und winkt mit mürrischem Blick ab.

„Nee, die Perleberger Brücke ist falsch, die kommt erst später.“
„Warum denn jetzt auch noch die Kruppstraße?“
„Da kannste doch gleich mit dem M27 fahren.“

Einen Stopp vor dem Hauptbahnhof steigt der Mann aus, schüttelt den Kopf und macht eine wegwerfende Handbewegung Richtung Bus. Von ihm sollte die BVG eher keine positive Kundenbewertung erwarten.

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Am Bahnsteig gibt es unter den Wartenden eine sehr hohe Dichte von kernigen Menschen mit Funktionsjacken und Trekkingrucksäcken. Ist anscheinend die Standardbekleidung und -ausrüstung der Nachtzugreisenden.

Einen Trekkingrucksack haben wir auch, wobei der noch nie eine Trekkingtour mitgemacht hat. Als kernig würde ich uns allerdings nicht beschreiben. Wahrscheinlich auch niemand, der uns das erste Mal sieht. Ganz und gar nicht. Wir sind eher das Gegenteil. Anti-kernig. Unkernig. Kernlos.

Funktionsjacken tragen wir auch keine. Wir wollen ja nicht wandern gehen und auf Städtereisen haben wir doch gewisse ästhetische Ansprüche, was unsere Kleidung angeht. (Deswegen tragen wir – im Gegensatz zu vielen Mitreisenden – auch keine Trekking-Sandalen.)

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Pünktlich um zwei vor neun fährt der Zug los. Die Sitze sind recht bequem. Nicht zu hart und nicht zu weich. Genau richtig für eine Nachtzug-Reise.

Mal sehen, ob ich in 17 Stunden immer noch zu diesem Urteil stehe.

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Zu Beginn der Fahrt gibt es eine längere Durchsage. Auf Schwedisch, Englisch und Deutsch. Im Wagon neben unserem sei der Pub oder wie der Mitarbeiter auf Deutsch sagt: „Im Wagen 217 ist das Kneipenabteil mit Getränken, Erfrischungen und Snacks.“

Weil ich ein schlichtes und leicht zu erheiterndes Gemüt habe, erfreue ich mich an dem Gedanken, dass sich im Nachbarwagon eine vollgequarzte Berliner Eckkneipe befindet. An der Theke sitzen lauter alte Männer, die jeden Gast argwöhnisch beäugen, der nicht schon seit mindestens 30 Jahren jeden Abend kommt, um ‘ne Molle und ‘nen Korn zu trinken. Leider handelt es sich aber doch nur um ein normales schnödes Bord-Bistro. Das Leben schreibt halt doch nicht immer die schönsten Geschichten.

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Damit wir bequem reisen können, hat meine Frau für uns alle vor ein paar Tagen Nackenkissen bestellt. Für den besonderen Komfort hat sie Modelle aus so genanntem Memory Foam bestellt. Das ist ein besonderes Material, dessen komplizierte Fachbezeichnung ich als Chemie-Versager schon während des Lesens wieder vergessen habe, das sich perfekt an die Konturen eines Körpers anpasst und sich sanft an deinen Hals und Nacken schmiegt.

Das Memory des Foams bezieht sich bedauerlicherweise nicht auf eine besondere kognitive Gedächtnisleistung des Nackenkissens. Obwohl ich ihm auf dem Bahnsteig dreimal laut und deutlich unsere Wagennummer und unsere Sitzplatzreservierungen vorgelesen hatte, hatte es diese Information 30 Sekunden später wieder vergessen. Genau wie ich.

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Um kurz nach zwei erreichen wir Dänemark. Eine Gruppe dänischer Zollbeamte geht durch den Zug und kontrolliert die Pässe.

“Morning, passports, thank you, passports, super, passports please, tak, passports, thank you, super, pas, thank you, ID, tak, super, passport, tak, tak, tak.“

Nach fünf Minuten ist der Spuk vorbei und die Beamten verlassen den Zug.

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Ab Dänemark gibt es im Zug keine Maskenpflicht mehr. Weil ich mir besseren Schlafkomfort erhoffe, setze ich meine FFP 2-Maske ab. Das stellt sich jedoch als spektakuläre Fehleinschätzung heraus.

Wenn du in 50 Menschen zum Schlafen in einen geschlossenen Raum steckst, dessen Fenster nicht geöffnet werden können und der über eine nur mittelmäßige bis gar nicht existierende Lüftung verfügt, und wenn sich diese 50 Menschen alle ihrer Schuhe – oder Trekking-Sandalen – entledigen und schwer atmen, dann entwickelt sich ein Sauerstoffgehalt, der den Raum nicht gerade in einen Luftkurort verwandelt. Eher in die Minen von Moria.

Daher ziehe ich die Maske wieder auf. Lieber ersticke ich an meinem eigenen verbrauchten Atem als an den Schlafausdünstungen fremder Menschen.

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Wache um kurz vor sechs auf. Der Handywecker eines Mitreisenden klingelt. Sehr laut und mit einem supernervigen Ton. Der Mann hört ihn trotzdem nicht und schläft weiter. Kurz überlege ich, ihn mit meinem Nackenkissen zu ersticken, lasse es aber doch bleiben. Davon geht der Wecker ja auch nicht aus.

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Damit wir uns heimisch fühlen, kommen wir mit zwei Stunden Verspätung kurz nach 16 Uhr in Stockholm an. Die Tochter empfängt uns am Bahnhof und nimmt ihren Bruder erstmal mit zu sich nach Hause. Meine Frau und ich gehen ins Hotel, dessen Vorzüge in der fußläufigen Nähe zum Bahnhof und einem verhältnismäßig günstigen Preis liegen. Eine Kombination, die normalerweise nichts Gutes erahnen lässt, aber das Hotel erweist sich als okay.

Unser Zimmer ist nicht besonders groß. Gerade so groß, dass das Bett reinpasst. Aber immerhin habe ich – entgegen meinem eher sparsamen Naturell – die etwas teurere Kategorie gewählt, so dass wir wenigstens ein Fenster haben. Okay, der Blick geht in den Innenhof hinein, aber es gibt zumindest ein paar Grünpflanzen, was ja quasi wie Natur ist.

Um Platz zu sparen, gibt es in dem Zimmer keinen Kleiderschrank. Dafür aber eine Ablage an der Wand, die gleichzeitig als Schreibtisch fungiert. Darauf legen wir unsere Klamotten ab. So chaotisch wie es dadurch in dem Zimmer aussieht, kommt ein wenig Jugendfreizeit-Stimmung auf und ich kann mich wie 16 fühlen. Da über der Ablage ein Spiegel angebracht ist, verschwindet das Gefühl aber schnell wieder.

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Zum Essen treffen wir uns mit den Kindern in der Nähe des Hotels. Dort gibt es Burger, sehr viele fleischlastige Gerichte, wenig Fisch und noch weniger vegetarische Angebote. Das Lokal trägt nicht umsonst den Namen „The Meat”.

Die Preise auf der Speisekarte sind sehr gewöhnungsbedürftig. Da zehn schwedische Kronen ungefähr einem Euro entsprechen, hast du ohnehin immer das Gefühl, dass alles super teuer ist. Das ändert sich auch nicht, nachdem du die Preise durch zehn geteilt hast. Ich bin mir nie sicher, ob das normal teure schwedische Preise sind, ob in Stockholm alles nochmal teurer als im Rest von Schweden ist oder ob es sich um Touristen-Wucherpreise handelt, bei denen sich das Personal totlacht, dass es tatsächlich ausländische Trottel gibt, die darauf reinfallen.

Ich überschlage im Kopf, dass wir für den Preis, den wir hier für unsere Burger, Pommes und Nachos bezahlen, in Berlin zwei- bis dreimal Essen gehen könnte. Egal, wir sind ja nicht hier, um unsere privaten Finanzen zu sanieren, sondern um eine gute Zeit miteinander zu haben. Deswegen bestellen wir auch gleich noch drei Gin Tonic dazu. (Das leise Wimmern unseres Kontos überhöre ich einfach)



Alle Beiträge der Stockholm-Diaries finden Sie hier.




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