Eine kleine Wochenschau | KW01-2022 – Stockholm Edition (4/5)

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


07. Januar 2022, Stockholm

Das Thermometer zeigt heute früh minus zehn Grad. Wir gehen daher erstmal zu H&M, um für mich eine Mütze und für die Tochter dickere Handschuhe zu besorgen. Handschuhe sind allerdings ausverkauft, aber ich bekomme wenigstens meine Mütze. Die müssen wir an einer Selbstbedienungskasse bezahlen, was ich immer etwas befremdlich finde. Wenn ich etwas kaufe, ohne beim Bezahlvorgang Kontakt mit Verkäufer:innen gehabt zu haben, fühle ich mich beim Verlassen des Geschäfts immer wie ein Ladendieb.

In einem Sportgeschäft gegenüber versuchen wir noch einmal unser Glück wegen der töchterlichen Handschuhe. Der Laden führt aber ausschließlich Fußballbekleidung, so dass der Verkäufer uns lediglich Torwarthandschuhe anbieten kann. Wir lehnen dankend ab und die Tochter beschließt, dass ihre aktuellen Handschuhe doch dick genug seien.

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Als nächstes gehen wir erneut zur Universität, da die Tochter immer noch ihre T-Nummer für die Kursanmeldung benötigt. Während die Tochter am Registrierungsschalter ihre Nummer in Erfahrung bringt, vertreibe ich mir die Zeit an einem Touch Screen, um mich über die Uni zu informieren. Nachdem ich den Menüpunkt International Students gedrückt habe, stelle ich allerdings fest, dass das gar kein Info-Screen ist, sondern dass ich gerade eine Wartenummer für eine Beratung für International Students gezogen habe. Ich beschließe, auf das Gespräch zu verzichten und werfe den Zettel weg.

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Anschließend fahren wir mit der U-Bahn zur ersten Zimmerbesichtigung. Die Bahn ist nicht besonders voll. Aber sie ist auch nicht besonders leer. Anscheinend folgen nicht alle Stockholmer der Empfehlung der schwedischen Regierung, in Corona-Zeiten auf die Nutzung des ÖPNV zu verzichten.

Die Tochter und ich beschließen, unsere Masken aufzuziehen, was uns zu ziemlichen Exoten macht. Vor allem weil wir unter den ohnehin nur vier Maskenträgern im Zug die einzigen mit FFP2-Masken sind. Das hat aber wenigstens den Vorteil, dass die anderen Mitreisenden uns für hochinfektiös halten und deswegen auf größtmöglichen Abstand achten.

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Nach ungefähr 50 Minuten Fahrzeit inklusive einmal Umsteigen kommen wir in Bandhagen im Süden Stockholms an. Der Stadtteil besticht durch eine marzahnige Architektur mit vielen Plattenbauten, zwischen denen zwar viele Grünflächen und auch Spielplätze angelegt sind, die aber nur bedingt einladend wirken.

In einem dieser Hochhäuser untervermietet ein Ehepaar ein Zimmer, das wir uns anschauen wollen. An der Haustür gibt es keine Klingeln, sondern lediglich eine Zahlentastatur. Nachdem die Tochter Bescheid gegeben hat, dass wir da seien, kommt der Mann runter, um uns reinzulassen. Er ist ungefähr 1,70, schmächtig und eher wortkarg. Er begrüßt uns mit einem kurz angebundenen „Hej” und führt uns anschließend schweigend zum Aufzug.

Es ist kein gutes Zeichen, wenn ich in einer Gruppe die Person mit den besten Small-Talk-Fähigkeiten bin. Das scheint hier aber der Fall zu sein und es obliegt mir, die unangenehme Stille bei der Fahrt in den 9. Stock zu durchbrechen. (“The view up there must be spectacular.” “Yes.” Gut, dass wir darüber gesprochen haben.)

Das zu vermietende Zimmer ist recht geräumig und hell und eigentlich ganz schön. (Abgesehen davon, dass schwarze Möbel seit den 90ern nicht mehr angesagt sind.) Badezimmer und Küche sind zwar nicht besonders modern, jedoch alles in allem auch in Ordnung. Aber der Mann bleibt weiterhin etwas merkwürdig. Einerseits ist er höflich, aber andererseits auch ziemlich verdruckst. Seine Ehefrau sei gerade nicht da, erklärt er uns, was bei mir den Gedanken aufkommen lässt, dass er möglicherweise mit einer imaginären Frau zusammenlebt.

Nachdem er uns die Wohnung gezeigt hat, fragt mich der Mann, ob ich mit einziehen werde. Die Tochter zuckt bei dem Gedanken unmerklich zusammen, aber wahrscheinlich wäre ihr das immer noch lieber, als allein bei diesem Mann zu wohnen. (Falls meine Frau dies liest: Sollte sich die morgige Zimmeroption zerschlagen, wohne ich die nächsten sechs Monate in Bandhagen.)

Nach knapp fünf Minuten verabschieden wir uns mit dem Hinweis, wir hätten noch weitere Besichtigungen und würden uns melden. Ein hoffentlich auch international verständlicher Code für „Vielen Dank, wir sind an dem Zimmer nicht interessiert.“

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Als sich die Tochter im Hotel für ihre Unikurse registrieren will, stellt sich heraus, dass sie zuerst einen IT-Account anlegen muss. Dafür braucht sie einen Identity Code, der aber nicht identisch mit der Registrierungsnummer ist, die sie heute Vormittag erhalten hat.

Nun gibt es zwar nichts digitaleres als einen IT-Account, aber es ist trotzdem nicht möglich, die Zugangsdaten online zu erhalten, sondern sie müssen ebenfalls persönlich im Studenthuset abgeholt werden. (Es wird das Geheimnis des Mannes am Registrierungsschalter bleiben, warum es ihm heute Vormittag nicht in den Sinn kam, die Tochter zu fragen, ob sie – wie alle neuen Studierenden – außer der Registrierungsnummer auch die IT-Daten benötigt.)

Also machen wir uns erneut auf den Weg zur Uni. Diesmal aber mit der U-Bahn, denn auch unsere Freude an Fußmärschen bei eisigen Temperaturen hat ihre Grenzen. Während die Tochter ihre Zugangsdaten abholt, weiß ich diesmal, dass ich nicht wahllos auf irgendwelchen Info-Screens rumtatschen sollte. Ich setze mich auf eine Bank und fasse nichts an.

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Zurück im Hotel kann sich die Tochter endlich für ihre Kurse registrieren und ich bin somit stolzer Vater einer Studentin der Stockholms universitet. Wäre Alkohol in Schweden nicht so teuer, würden wir jetzt mit Sekt anstoßen. So prosten wir uns mit Leitungswasser zu. Skål!


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