Eine kleine Wochenschau | KW24-2021

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


14. Juni 2021, Berlin

Auf meiner morgendlichen Laufrunde komme ich an einem Teenie-Pärchen vorbei, das auf einer Bank an der Spree Zärtlichkeiten austauscht. Sehr romantisch.

Ihrem Alter und der Uhrzeit nach zu urteilen, schwänzen sie die Schule. Aber wer will es dem jungen Glück verdenken. So kurz vor den Ferien passiert in der Schule sowieso nicht mehr viel. Abgesehen von Filmeschauen und Ausflügen. Außerdem ist – trotz allgemein sinkender Inzidenzzahlen – das Corona-Infektionsrisiko wahrscheinlich nirgendwo höher als in der Schule, wo du mit 30 Menschen auf engstem Raum zusammenhocken musst. Da ist Schule schwänzen quasi gelebte Pandemiebekämpfung.

Allerdings verstoßen die beiden beim Fummeln grob gegen das Mindestabstandsgebot von anderthalb Metern. Und Küssen mit sehr viel Zunge ist für die Aerosolübertragung auch nicht gerade optimal. Beziehungsweise aus Sicht der Aerosole richtig super.

Was soll’s. Wenn schon mit Corona anstecken, dann doch lieber beim Knutschen als in einem stickigen Klassenzimmer, in dem Herr Müller eine selbst gedrehte Amateur-Doku in Blair-Witch-Optik von seiner letzten Wanderung durch die Mark Brandenburg zeigt.

15. Juni 2021, Berlin

Bin heute rastlos und schlecht gelaunt. Auf dem Weg zum Supermarkt spricht mich in der Turmstraße ein junger Mann aus einer BUND-Drückerkolonne an. Er will mich zuerst in ein Gespräch verwickeln und dann zu einer Fördermitgliedschaft überreden, mit der ich mein schlechtes Öko-Gewissen beruhigen kann. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, ihn in den Schwitzkasten zu nehmen und ihm ein paar Kopfnüsse zu verpassen.

Nun kann der Typ aber nichts für meine schlechte Laune und gut für mein Karma wäre das sicher auch nicht, wenn ich hier handgreiflich werde. Außerdem ist nicht auszuschließen, dass der Bursche in irgendeiner asiatischen Kampfsportart geschult ist und mir einen Satz heiße Ohren verpasst.

Also knurre ich einfach „Nein, danke“ unter meiner Maske hervor. Aber wenigstens im Tonfall eines aus tiefem Herzen kommenden „Fuck you!“

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Abends spielt Deutschland gegen Frankreich. Während die anderen bei unserem familieninternen EM-Tippspiel auf die Franzosen setzen, tippe ich Unentschieden. Nicht aus fehlgeleitetem Patriotismus, sondern weil ich die deutsche Mannschaft für durchaus ebenbürtig halte.

Nun gut, es stellt sich heraus, dass sie das nicht ist. Die deutschen Spieler sind zwar bemüht, aber trotzdem chancenlos. So wie ich früher in Chemie. Wobei sich meine Bemühungen da eher in Grenzen hielten. Aber chancenlos war ich wirklich!

16. Juni 2021, Berlin

Mein Vater hat heute Geburtstag. Ich schicke ihm das neue Buch von Stefan Schwarz (Da stimmt was nicht). Mit Stefan-Schwarz-Büchern machst du nie etwas falsch, aber immer etwas richtig.

Anscheinend bin ich nicht mehr so firm in der Kulturtechnik des Postversands. Zwar schreibe ich noch den Namen meines Vaters und die richtige Straße auf den Umschlag, aber unsere eigene Hausnummer. Und weil ich schon dabei bin auch unsere Postleitzahl und Berlin und nicht den Westerwälder Wohnort meiner Eltern. Überraschenderweise kommt der Brief trotzdem an.

Deshalb an dieser Stelle ganz liebe Grüße an die Menschen im Sortierzentrum, die sich die Mühe gemacht haben, die Adresse meiner Eltern rauszusuchen, anstatt den Brief mit dem Vermerk „Trottel“ an mich zurückzuschicken.

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Die Tauben haben es sich zu Herzen genommen, dass ich letzte Woche schrieb, sie kämen nur noch sporadisch vorbei und nutzten den Baum vor unserem Fenster lediglich als Liebesnest, aber nicht als potenzielle Kükenkrippe. Nun sind sie jeden Tag da und bauen emsig, geschäftig und – leider – sehr geräuschvoll das Nest aus.

Das heißt selbstverständlich nicht, dass sie hier ihre Eier legen und ihre Küken aufziehen werden. Vielleicht wird das einfach ihr Zweitnest, in das sie sich zurückziehen, wenn die Taubenküken im Erstnest zu sehr nerven. Das wäre ein sehr cleverer Schachzug, den ich gerne gekannt hätte, als die Kinder noch klein waren.

17. Juni 2021, Berlin

Der Sohn hat sich von seinem Taschengeld zwei amtliche Silberketten und einen Ring gekauft. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich mit diesen Accessoires auf eine Karriere als Gangster-Rapper oder als Lude vorbereitet.

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In einer Mischung aus Faulheit und Dekadenz und weil es super lecker ist, bestellen wir zum Abendessen Sushi. Wir haben seit über zehn Jahren einen Stamm-Sushi-Laden, bei dem wir immer bestellen. Er wird von einem vietnamesischen Ehepaar betrieben, deren Tochter damals mit unserem Sohn zur musikalischen Früherziehung ging.

Zum Abschlusskonzert, auf dem die Kinder ihre frisch erworbene Musikkompetenz mit einer Art Mäuse-Musical präsentierten, wurden die Eltern, wie das bei solchen Gelegenheiten üblich ist, gebeten, etwas zum Buffet beizusteuern. So gab es dann die obligatorischen zu flachen Muffins, die etwas zu trockenen Pizza-Schnecken und ein paar Alibi-Obst-Spieße, also ein typisches, kulinarisch nur wenig überzeugendes Kinderfest-Buffet. Bis die vietnamesische Familie kam und riesige Suhi-Platten mitbrachten, mit denen sie das Buffet erheblich pimpten. Außerdem hatten sie ein paar Flyer dabei, was eine naheliegende, aber trotzdem geniale Marketing-Idee war, denn seitdem sind wir treue Kunden.

Als es klingelt, öffne ich die Tür und der vietnamesische Papa steht vor mir. Seine Deutschkenntnisse sind eher überschaubar, aber das kompensiert er zur EM, indem er ein Deutschland-Käppi, eine schwarz-rot-goldene Girlande um den Hals und ein Deutschland-Trikot trägt. Integrationsmäßig hat er damit ein bisschen überperformt, aber vielleicht findet er Deutschland auch einfach richtig, richtig gut. Oder er mag schwarz-rot-gold als modische Farbkombination. Ich frage mich, ob er jetzt von mir erwartet, dass wir gemeinsam die Nationalhymne singen. Er überreicht mir aber einfach unsere Bestellung und geht mit einem fröhlichen „Gute Appetit, gute Abend, gute Appetit“ die Treppe runter.

18. Juni 2021, Berlin

Meine Eltern kommen heute nach Berlin. Wir sehen uns das erste Mal seit 18 Monaten wieder. Dafür lasse ich die Jogginghose gerne mal im Schrank und trage zur Feier des Tages eine Jeans.

19. Juni 2021, Berlin

Die Tauben belehren mich nun richtig eines Besseren, denn seit heute Morgen liegen in ihrem Nest zwei Eier. Wahrscheinlich haben sie das nur gemacht, damit ich endgültig wie ein dummschwätzender Vollidiot dastehe.

Das Tauben-Ei weckt gleich Begehrlichkeiten bei anderen Vögeln. Eine Krähe landet im Baum, wird aber von Herrn Tauberich vertrieben, der sich zu einer beachtlichen Größe aufplustert. Sich größer erscheinen lassen, als du eigentlich bist, ist ja ein beliebter Move in der Tierwelt. Und bei Männern, die es nicht ganz über die 1,70 geschafft haben und deswegen mit übertrieben breiter Brust durch die Clubs stolzieren.

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Deutschland spielt heute gegen Portugal und die Mannschaft ist diesmal nicht nur bemüht, sondern auch erfolgreich. Die größte Überraschung ist aber das große Interesse, das die Tochter inzwischen an der EM entwickelt hat und ihre fast schon frenetische Unterstützung für die deutsche Mannschaft. Womöglich hängt das damit zusammen, dass ihre For-You-Page bei TikTok seit Tagen mit Kai-Havertz-Videos geflutet wird.

20. Juni 2021, Berlin

Seit gut einer Woche spiele ich die neue Platte von Fortuna Ehrenfeld rauf und runter. Beim Laufen, beim Duschen, beim Arbeiten, beim Spazierengehen, beim Essen, beim Spülmaschine einräumen, beim Spülmaschine ausräumen, beim Zähneputzen, beim einfach allem.

Die Platte heißt „Die Rückkehr zur Normalität“. Oder wie meine Frau sie nennt: „Können wir mal wieder etwas anderes hören?“ Ich fürchte, noch nicht so bald.

Aber wie genial ist es auch, zum (gefühlten) Ende der Pandemie eine Platte namens „Die Rückkehr zur Normalität“ zu veröffentlichen? Und den ersten Track „Arschloch, Wixer, Hurensohn“ zu nennen. Es geht allerdings gar nicht um Corona und querdenkende Deppen, sondern bei dem einen Lied um den Anfang und bei dem anderen Lied um das Ende einer Beziehung.

Zumindest glaube ich das. Ganz genau weiß ich es allerdings nicht, denn die Texte von Fortuna Ehrenfeld sind zwar phantastisch, aber immer leicht dadaistisch angehaucht. Häufig lassen sie mich ein wenig ratlos zurück. Aber auf eine gute Art und Weise. Ein bisschen wie bei Herbert Grönemeyer, wo ich mich seit Jahren frage, was der Stuhl eigentlich im Orbit macht.

Auf der neuen Fortuna-Ehrenfeld-Platte gibt es auf jeden Fall wieder ganz großartige Verse. So wie in „Die panamoralische Liebe“:

Deine Kinder schreiben Sunday mit ae,
dein Bruder pisst „Heil Hitler“ in den Schnee,
deine Mudda leckt den Arsch der Barbarei,
unsere eloquenten Jahre sind vorbei.

Toll!

Insgesamt ist die Platte aber recht versöhnlich gehalten. Oder wie es in „Die Durchnummerierten im Irish“ heißt:

Das Leben ist so ganz in Ordnung,
also hau nicht gleich alles zu Brei.
Dann kannste immerhin später mal sagen,
du warst so am Rande als Trottel dabei.

Musik-Tipp der Woche

Ich muss gestehen, dass ich die Platte, die ja gar keine Platte ist, die ganze Zeit auf Spotify höre. Das heißt, die Band bekommt pro abgespieltem Lied ungefähr 0,0029 Euro. Da kommt selbst bei einem Non-Stop-Dauerschleifen-Hörer wie mir nicht richtig viel rum und das kann natürlich nicht angehen.

Deswegen habe ich im Sinne des „Support your local everything“ eine CD samt Begleitbuch mit dem hübschen Untertitel „Hedonistischer Leitfaden für ein achtsames, inspiriertes Leben“ gekauft. Da ich aber gar kein Abspielgerät mehr dafür habe, verlose ich die CD samt Begleitbuch mit dem hübschen Untertitel „Hedonistischer Leitfaden für ein achtsames, inspiriertes Leben.“

Alle Leser*innen, die zur Normalität zurückkehren wollen und vor allem bis Mittwoch, den 23.06., einen Kommentar unter diesem Beitrag hinterlassen, erhalten ein Los. Der Rechtsweg ist ebenso wie der Linksweg ausgeschlossen, eine Auszahlung des Gewinns ist nicht möglich, alle E-Mail-Adressen werden nach Abschluss der Verlosung DSGVO-konform gelöscht, blablabla …

Fortuna Ehrenfeld: Die Rückkehr zur Normalität. Tonproduktion 2021.


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47 Kommentare zu “Eine kleine Wochenschau | KW24-2021

  1. Hiermit qualifiziere ich mich zur Teilnahme am Gewinnspiel.
    Es bereitet mir immer wieder Freude, die Wochenschau zu lesen.

      • Nun stellt sich mir ja schon die Frage bis zu welchem Jahr die Verlosung denn gehen soll. Schließlich gibt es im diesjährigen Juni keinen 24., der auf einen Mittwoch fällt.
        Aber vielleicht könnte man die Leute im Sortierzentrum um Rat fragen! Die scheinen sich mit solchen Fauxpas ja auszukennen.
        Und wenn wir schon bei der Post sind, können wir denen gleich das Paket mit meiner Adresse und der CD als Inhalt übergeben :)

  2. Danke für den Bericht mit kleinen Verweisen auf meine alte Hood.
    Beim Sushi bin ich natürlich hängen geblieben, einzig stellt sich mir noch eine Frage: thailändische oder vietnamesische Familie?



    • Die CD wäre schon was feines. Und ein entsprechendes Abspielgerät hätte ich auch. Ich würde mich freuen.

  3. Ich habe übrigens mitgefühlt. Ich erinnere mich noch an ein Buffet in der Krippe im Sommer – und dank verschiedener Ethnien und kultureller Hintergründe gab es ein abwechslungsreiches Buffet (leider nur dieses eine Mal 😥)

  4. Danke! Jetzt möchte ich auch das Gesamt-Kunstwerk erleben 😂 Welches Getränk wird dazu empfohlen?

  5. Ach Herr Hanne, ich liebe Ihre Wochenschau. Freue mich immer wie Bolle darauf. Qualifiziere mich also heute für die Verlosung *yeah*, und sage danke für die amüsanten Zeilen, Woche für Woche. Grüße an das Vogelpaar…

  6. Ich qualifiziere mich ebenfalls selbst für die Verlosung — was schneller geht als am Update meines Bewerbungsschreibens plus Lebenslauf weiterzubasteln….und mich prima davon abhält. Ich lese sehr gerne, was aus Ihren Gedanken und Gefühlen in allen Lebenslagen „in den Text rutscht“……immer wieder gerne.

  7. Köstlich amüsiert ! Ich finde es ja sehr spannend, dass das Geburtstagpaket für deinen Papa trotz falscher Hausnummer und PLZ ankam oO Da gibt es echt noch Menschen in den Verteilerzentren? :D LG Jasmina

  8. Da ich leider keinen Platz beim Konzert im CBE ergattern konnte, würde ich mich sehr freuen! Achtsam und inspiriert ist immer gut, und – ich besitze tatsächlich noch mehrere Abspielgeräte…

  9. Fortuna Ehrenfeld?! Das wäre der Hammer! Bin schon ganz begeistert gewesen, von deiner Begeisterung zu lesen und wenn ich dann noch die Platte ergattern kann… Träumchen.

  10. Ich hätte auch noch einen Plattenspieler. Aber aufgrund der Liebe zu drei bekannten Detektiven ist der in ein Universal-CD-MC-Radio-USB-Gerät eingebaut.

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