Eine kleine Wochenschau | KW23-2021

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


07. Juni 2021, Berlin

Die CDU hat die gestrige Landtagswahl in Sachsen-Anhalt deutlich vor der AfD gewonnen. Schon merkwürdig, wenn eine rechtsradikale, vom Verfassungsschutz beobachtete Partei mehr als 20 Prozent der Stimmen bekommt, und du erleichtert bist, dass sie nicht stärkste Partei geworden ist.

Reiner Haseloff bleibt auf jeden Fall Ministerpräsident. Obwohl er das Amt seit über zehn Jahren innehat, bereitet sein Name vielen Menschen immer noch Probleme. Spiegel Online schreibt seinen Nachnamen in einem Artikel drei Mal falsch (mit h vor dem off). Es ist schon ein Fluch, wenn du einen singenden Rettungsschwimmer mit sprechendem Auto als Fast-Namensvetter hast, der viel bekannter ist als du. Aber vielleicht ist es auch ein Segen, denn sonst würde sich überhaupt niemand an deinen Namen erinnern.

08. Juni 2021, Berlin

Meine Eltern haben mir mal wieder eine kleine Medienschau bestehend aus Regionalzeitungsartikeln und Zeitschriftenbeiträgen geschickt. Die Brigitte sinniert darüber, ob wir nach der Pandemie jemals wieder unser altes Vor-Corona-Leben führen werden.

Laut einer Neurowissenschaftlerin gibt es gute evolutionäre Gründe für ein Leben als Couch Potato. Die Menschen hätten sich jahrtausendelang an ein Leben mit Lebensmittelknappheit und hoher körperlicher Anstrengung angepasst, da sei Energiesparen die beste Überlebensstrategie. Außerdem stoße der Körper beim Gedanken an Sofa (Ausruhen. Gut!) und einer Tüte Chips (Fetthaltige Nahrung. Gut!) das Glückshormon Dopamin aus.

Indem ich abends nicht weggehe, sondern zuhause abhänge, Netflix schaue und kurzkettige Kohlenhydrate konsumiere, verschaffe ich mir also einen Evolutionsvorteil: Ich vermeide Angriffe von Säbelzahntigern, regeneriere für die Mammutjagd und fülle gleichzeitig meinen Glücksspeicher! Dieses Survival of the Unfittest ist ganz nach meinem Geschmack.

09. Juni 2021, Berlin

Ab heute gibt es in Berlin keinen Wechselunterricht mehr und der Sohn geht das erste Mal seit Dezember wieder bei voller Klassenstärke in die Schule. Da übermorgen schon Notenschluss ist, hat die Schulleitung angekündigt, die beiden Wochen bis zu den Ferien würden mit Exkursionen und gemeinsamen Aktivitäten hauptsächlich zum Ankommen genutzt. Die homeschooling-konditionierten Schüler:innen werden quasi sanft ausgewildert, um sich langsam wieder an das bedrohliche Schulleben zu gewöhnen.

10. Juni 2021, Berlin

Meine Frau und ich gehen auf unserer obligatorischen Abendspaziergangsrunde durch die Quitzowstraße, als uns mit großen Schritten ein junger Mann von Ende 20, Anfang 30 überholt, der aussieht wie eine Mischung aus Barbie-Ken und Patrick Bateman aus American Psycho. Er ist gut 1,90 groß und seine Frisur ist auf eine Art geschnitten, die darauf hindeutet, dass er dafür erheblich mehr bezahlt als ich für das 11-Euro-All-Inklusive-Angebot meines arabischen Friseurs. Sein weißes Slim-Fit-Hemd spannt über seinem von Krafttraining gestähltem Oberkörper, während seine eng geschnittene dunkelblaue Anzugshose seinen Hintern betont, der so knackig ist, dass er selbst bei mir als heterosexuellem Mann den Wunsch hervorruft, ihn mal anzufassen.

Psycho-Ken betont seine Wichtigkeit, indem er beim Gehen sehr laut telefoniert. Er teilt seinem Gesprächspartner mit, er tätige gerade eine Acquisition und müsse den Deal nur noch closen. Danach folgen weitere Sätze, die allesamt klingen, als habe er sie aus einer Business-Bullshit-Phrasendresch-Maschine gezogen.

Es tut mir wirklich leid, und ich weiß, dass das wahnsinnig oberflächlich von mir ist, aber aufgrund seiner Erscheinung, seines Habitus und seines Gebarens ist mir der Typ durch und durch unsympathisch. Das ist ziemlich ungerecht, denn ich kenne ihn ja gar nicht. Er hat sicherlich sehr gute Manieren, ein tadelloses Benehmen und ist stets höflich und hilfsbereit. Aber gleichzeitig strahlt er diese unangenehme Jovialität aus, die häufig Zahnärzten und FDP-Politiker zu eigen ist.

Das schließt natürlich nicht aus, dass er trotzdem ein guter Mensch ist. Wahrscheinlich ein viel besserer als ich. Vielleicht unterrichtet er am Wochenende in Geflüchtetenheimen Deutsch, schreibt regelmäßig Briefe an ausländische Staatschefs, um sich für politische Gefangene einzusetzen, und in seinem Urlaub fährt er in den Kongo, wo er Brunnen bohrt, um die Wasserversorgung der Bevölkerung zu verbessern. Kann ja sein.

An der Straßenecke steigt er in sein Auto. Es ist ein Luxuslimousine aus dem Hause Mercedes und kostet mutmaßlich mehr, als ich in den letzten vier, fünf Jahren verdient habe. So viel Sprit wie der Wagen schluckt, ist es zumindest eher unwahrscheinlich, dass sich der Typ bei „Investmentbanker for Future” für den Klimaschutz engagiert.

11. Juni 2021, Berlin

Heute beginnt die Fußball-Europameisterschaft. Vor zwei Wochen hatte ich noch so etwas wie einen leichten Anflug von Fußballfieber verspürt. Vielleicht hat aber auch nur das Chili, das ich an dem Tag gegessen hatte, Hitzewallungen bei mir ausgelöst, denn heute ist mein Interesse an dem Turnier eher überschaubar. Ich wollte mir nicht mal das Eröffnungsspiel anschauen, aber meine Frau meinte, sie würde das schon gerne sehen und wer bin ich schon, in unserer Ehe das abendliche Fernsehprogramm zu diktieren?

In der Halbzeitpause tritt der früh ergraute beziehungsweise erweißte Ex-Nationalspieler Bastian Schweinsteiger als Experte auf. Er trägt einen Anzug in einem Farbton, den ich nicht zuordnen kann, und aus einem Material, das irgendwie an eine speckige Lederhose erinnert, aber anscheinend sehr knitteranfällig ist, denn der Anzug scheint eine halbe Nummer zu groß zu sein und wirft am Schweinsterschen Arm unschöne Falten. So hart wie meine Frau und ich mit seinem Outfit ins Gericht gehen, könnte man meinen, wir sind zwei alte weiße Männer und Bastian Schweinsteiger eine junge Frau, die sich für Gleichberechtigung, Klimaschutz und gegen Rassismus einsetzt. Schlimm.

Ach ja, Italien gewinnt 3:O gegen die Türkei. Weil die Italiener zehn Minuten vor Schluss meinen, sie müssten unbedingt noch das dritte Tor erzielen, bekomme ich bei unserem familieninternen Tippspiel nicht die volle Punktzahl für meinen 2:O-Tipp, sondern nur die Minimalpunkte für die richtige Tendenz. Schönen Dank auch.

12. Juni 2021, Berlin

Wir ziehen vormittags gemeinsam mit der Tochter los, um ein Fahrrad für sie zu kaufen. Ein Geschenk der Großeltern zu ihrem Abitur.

Als die Frau dem Radhändler erklärt, wir suchten nach einem Rad für unsere Tochter, erwidert er, das Angebot an Kinderrädern sei derzeit wegen der hohen Nachfrage eher begrenzt. Nun ist die Tochter, die direkt vor ihm steht, mit ihren 1,61 nicht besonders groß und sieht vielleicht auch ein, zwei Jahre jünger als fast 18 aus, aber es sollte doch offensichtlich sein, dass sie nicht auf der Suche nach einem 16-Zoll-Rad mit Ninjago- oder Paw-Patrol-Motiven ist. Wobei. Vielleicht hätte sie sich darüber gefreut.

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Kleines ornithologisches Update: Wir haben festgestellt, dass die Tauben das Nest in dem Baum vor unserem Schlafzimmer nicht mehr als potenzielle Brutstätte nutzen, sondern lediglich ab und an vorbeischauen, um lautstarken Sex zu haben. Es ist quasi ihr kleines Liebesnest. Allerdings scheint Herr Taube mehr Bock auf kopulative Zweisamkeit zu haben als Frau Taube. Die gibt ihm bei seinen Annäherungsversuchen meistens ordentlich auf die Mütze und fliegt dann lieber in einen anderen Baum.

13. Juni 2021, Berlin

Da wir gestern keine Zeit für unseren wöchentlichen Wohnungsputz hatten (Stichwort: Rad kaufen), müssen wir das heute erledigen. Mein Fazit: Das macht sonntags genauso wenig Spaß wie samstags.

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Ein Google Alert macht mich darauf aufmerksam, dass „Ein Vater greift zur Flasche” bei ebay Australien verkauft wird. Für 21,32 Australische Dollar, was umgerechnet knapp zehn Prozent mehr ist als der Preis in Deutschland.

Okay, ich habe in meiner Kindheit oft genug Nepper, Schlepper, Bauernfänger geschaut, um zu vermuten, dass es sich dabei wahrscheinlich um einen Scam handelt. Trotzdem betrachte ich es als meinen internationalen Durchbruch und größten kommerziellen Erfolg.


Buch-Tipp der Woche

Ich bekomme immer mal wieder Bücher von Verlagen oder Autor:innen zugeschickt. Da mir die Zeit für aufwändige Rezensionen fehlt, sollen sie wenigstens hier Erwähnung finden.

Béa Beste, bekannt durch ihren mega-erfolgreichen Blog Tollabea und Co-Autorin von Gemeinsam schlau statt einsam büffeln: So lernen Kinder und Eltern zusammen, hat bereits im August letztes Jahr das Buch Erziehen ist ein Kinderspiel: 8 geniale Strategien für ein Familienleben voller Humor und Leichtigkeit veröffentlicht. Es enthält, wie schon der Titel verrät, acht geniale Strategien, wie Erziehen zum Kinderspiel wird. Vom Tom-Sawyer-Prinzip („Wie man aus Schwächen Stärken macht“) über das Drei-Musketiere-Prinzip („Zusammen schaffen wir alles!“) bis hin zum Madagaskar-Pinguin-Prinzip („Lächeln und winken“).

Béa Beste: Erziehen ist ein Kinderspiel. 8 geniale Strategien für ein Familienleben voller Humor und Leichtigkeit. TRIAS. 2020. (Affiliate Link)

Unter allen Leser*innen, die an genialen Erziehungsstrategien interessiert sind und bis Donnerstag, den 17.06., einen Kommentar unter diesem Beitrag hinterlassen, verlose ich mein Leseexemplar. Der Rechtsweg ist ebenso wie der Linksweg ausgeschlossen, eine Auszahlung des Gewinns ist nicht möglich, alle E-Mail-Adressen werden nach Abschluss der Verlosung DSGVO-konform gelöscht, blablabla …



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66 Kommentare zu “Eine kleine Wochenschau | KW23-2021

  1. Hallihallo,
    Humor und Leichtigkeit wünsche ich mir sehr im Familienalltag. Und Zeit wäre auch nicht schlecht, dann könnte ich auch mal Ratgeber lesen, wie das Leben leichter wird und wie ich mehr Zeit kriege, um Ratgeber zu lesen… Oder so ähnlich
    Liebe Grüße

    • Der Titel klingt spannend, können wir sicher nach 1,5 Jahren Pandemie sehr gut gebrauchen . Ich würde mich freuen!

  2. Immer wieder gut und genau mein Humor!
    Jetzt möchte ich bitte obendrauf zur allwöchentlichen Belustigung noch ein gutes Buch gewinnen.
    Danke und Prosit!

  3. Die Familientweets und die kleine Wochenschau sind ein fester Bestandteil vom Wochenende. Ich freue mich immer sehr darauf. Über das Buch würde ich mich auch freuen.

  4. Da nach 5 Jahren Erziehen bei uns immer noch im Raum steht wer wen erzieht. Wären die Erziehungstipps vielleicht sehr hilfreich. Da nach Erschaffung des Prototyps wir gemeinsam der Meinung waren definitiv nicht in die Serienproduktion einzusteigen.

  5. Ich liebe die Familenterets am Freitag, da freue ich mich immer besonders darauf die Kinder ins Bett zu bringen. Und jetzt kommt wohl noch die Wochenschau dazu.

  6. Da versuch ich doch sehr gern mal mein Glück 🙂
    Ich les‘ die Wochenschau immer sehr gern, und das Buch würd mich ja mal wirklich interessieren….der Humor wohnt hier fix, aber etwas mehr Leichtigkeit würd‘ net schaden 😉

  7. Hallo, ich würde mich über das Buch sehr freuen und bräuchte es (zumindest vom jetzigen Gefühl heraus) dringend… Grüße, kat

    • Mehr Leichtigkeit klingt sehr gut ich würde das Buch gerne gewinnen, tausche Buch gegen Käsekuchen…
      Ich bin auch jemand der Käsekuchen liebt

  8. Strategien, die Autonomiephase – ja, bitte!?!
    Vielen Dank für ein angestrengtes Lächeln am Freitag und Sonntag Abend bei der Einschlafbegleitung!

  9. Humor und Leichtigkeit kann man immer gebrauchen, genauso wie eine gute Lektüre – egal ob von dir in den Familientweets und der kleinen Wochenschau oder von Béa Beste.

  10. „So hart wie meine Frau und ich mit seinem Outfit ins Gericht gehen, könnte man meinen, wir sind zwei alte weiße Männer und Bastian Schweinsteiger eine junge Frau, die sich für Gleichberechtigung, Klimaschutz und gegen Rassismus einsetzt. Schlimm.“
    Made my day, danke! 😂 Und Béa mag ich sehr, das Buch kenne ich noch nicht – aber es wäre hier unglaublich willkommen…! 😉

  11. Survival of the unfittest klingt nach etwas, bei dem ich auch gute Chancen habe. Diese Strategie und das Buch dazu, dann bin ich für alles gewappnet. Super!

  12. Erziehen ist ein Kinderspiel, das würde ich auch gerne sagen! Das Buch würde sich gut in meinem Regal machen.

  13. 8 geniale Strategien für ein Familienleben voller Humor und Leichtigkeit könnte ich super gebrauchen – tolle Sache, vielen Dank für das Gewinnspiel

  14. Das Buch wäre jetzt genau das richtige – vor allem an einem Montagmorgen der von ‘ich will nicht selbst beim Bäcker Brötchen kaufen’ bis hin zu ‘das Pflaster passt nicht zu meinem Outfit’ alles enthalten hat und die mamaschen Nerven um 8:15 bereits restlos aufgebraucht waren…

  15. Humor und Leichtigkeit brauchen wir alle dringend… ist leider irgendwie etwas abhanden gekommen.
    Es wäre toll, wenn Erziehung zum Kinderspiel werden könnte – fühlt sich grad eher nach dem Gegenteil an…
    Danke für Familientweets und Wochenschau – zwei Lichtblicke

  16. Ich würde gerne das Buch lesen, denn Humor gehört dringend in den Alltag. Eine regelmäßige Portion Lachen hole ich mir hier 2x wöchentlich ab-merci!

  17. Kind 3 (0) ist immer noch wach, morgen um 6 klingelt der Wecker – braucht es mehr Gründe für den Gewinn des Buches?^^

  18. Schade, dass dieses mal nicht mehr von den Tauben zu lesen war… aber gut für euch und euren Schlaf 😉 die Tauben können das Buch für ihre Familie bestimmt auch gut brauchen… oder ich 😁

Reposts

  • Martina Moser

Erwähnungen

  • Christian Hanne

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