Eine kleine Wochenschau | KW36-2022 (Teil 2)

Teil 1


09.09.2022, Berlin

Oops, they did it again! Die Käsenamen-Kreativen waren wieder aktiv. An der Käsetheke im Supermarkt gibt es eine neue Sorte: Das fruchtige Fränzle. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das besonders verkaufsfördernd ist. Wer möchte schon den Satz sagen: „Ich hätte gerne ein Stück von dem fruchtigen Fränzle.“

Zumindest der urige Hannes freut sich. Jetzt ist er nicht mehr der Käse mit dem bescheuertsten Namen.

10.09.2022, Berlin

Heute steht uns ein ereignisreicher Tag bevor. Die Tochter kommt aus Malmö zurück. Ihr Nachtzug kommt in Berlin mit 30-minütiger Verfrühung an. Ich weiß nicht, ob es das Wort Verfrühung überhaupt gibt. Wahrscheinlich nicht. Warum sollte es eine Bezeichnung für ein Phänomen geben, das so gut wie nie auftritt.

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Der Sohn hat heute wiederum Berliner U18-Einzelmeisterschaft. Im Gegensatz zum letzten Jahr sieht das nicht mehr so aus, als würde ein Kind gegen erwachsene Männer kämpfen. Eher nach Duellen auf Augenhöhe. Das ist für den Sohn natürlich schön. Für mich stellt sich aber die Frage, wie das überhaupt sein kann, wo er doch erst gestern seine Bärchen-Prüfung gemacht hat.

Der Sohn gewinnt zwei Kämpfe und verliert zwei. Damit wird er Siebter. Das ist nicht überragend, aber trotzdem ganz okay.

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Meine Frau geht abends zu Maximo Park in Huxley’s neuer Welt. (Ersteres ist die Band, zweiteres die Konzert-Location, falls sie sich gerade fragen, ob da grammatikalisch irgendetwas durcheinandergeraten ist.) Meine Frau ist eine begeisterte Konzertgängerin. Ich nicht. Ich habe immer Angst bei Konzerten auf unsympathische Menschen zu treffen und damit klarkommen zu müssen, den gleichen Musikgeschmack wie irgendwelche Arschgeigen zu haben. Außerdem werde ich bei der Vorstellung leicht nervös, in einer Masse von Menschen zu stehen, die gemeinsam singen und mit den Händen über dem Kopf im Rhythmus klatschen. Richtig nervös werde ich bei der Vorstellung, dass ich selbst mitsinge und -klatsche.

11.09.2022, Berlin

Ich habe heute Muskelkater. Weil ich gestern einen Halbmarathon gelaufen bin. Denn zur Marathonvorbereitung gehört nicht nur das langsame Dauerlaufen, sondern du musst auch einige Testwettkämpfe absolvieren. Um zu überprüfen, ob du gut im Training bist. Oder zumindest gut genug, um den Marathon zu überstehen und nicht mit dem Besenwagen über die Ziellinie befördert zu werden.

Glücklicherweise fand gestern der Berliner Vollmond-Marathon und -Halbmarathon statt. So konnte ich meiner Testwettkampf-Pflicht nachkommen. Ich hatte vorher ein bisschen Angst vor dem Lauf. Nicht vor der Distanz, sondern weil das immer eine recht überschaubare, fast schon familiäre Veranstaltung mit weniger als 100 Läufer*innen ist. Bestimmt treffen sich da jedes Jahr der Bernd und die Heike und der Michael und die Gabi und die freuen sich alle, gemeinsam zu laufen. Dieses Jahr würden sie sich dagegen wundern, wer der komische Typ ist, der ihre Laufgemeinschaft stört. Oder noch schlimmer: Sie begrüßen mich freundlich und wollen sich mit mir unterhalten.

Meine Angst war aber unbegründet. Zwar nahmen sogar nur 40 Läufer*innen teil, aber so richtig gut kannten die sich alle nicht. Es gab auch keine Bernds, Heikes, Michaels oder Gabis und ich wurde von niemandem angesprochen.

Die Strecke verlief größtenteils durch den Tegeler Forst und am Tegeler See entlang. Für Berliner Verhältnisse ist das wie in der freien Natur laufen. Die Idylle wurde lediglich durch die Mitläufer*innen und von ihrem Keuchen und Schnauben gestört. Und noch mehr von meinem eigenen Keuchen und Schnauben.

Der Lauf bot auch die ein oder andere Herausforderung. Zum einen zickte meine Laufuhr rum. Die ist schon ein bisschen älter – elf oder zwölf Jahre. Sobald ich mich nur 500 Meter außerhalb meines üblichen Bewegungsradius aufhalte, hat sie Schwierigkeiten, sich zu orientieren und die Distanzen richtig zu messen. Daher zeigte mir die Uhr während des gesamten Laufs Durchschnittsgeschwindigkeiten an, die entweder deutlich zu langsam oder deutlich zu schnell waren. (Körperlich fühlte es sich meistens nach zu schnell an.)

Zum anderen war die Veranstaltung zwar mit sehr viel Leidenschaft, Engagement und Herzblut organisiert, aber die Streckenmarkierungen waren eher semi-professionell und ließen ein wenig zu wünschen übrig. Nicht an jeder Abzweigung war es immer ganz eindeutig, wo es lang ging. Bereits irgendwo zwischen Kilometer drei und vier kam uns die Spitzengruppe entgegen. Die war einmal falsch abgebogen und weil wir alle stumpf gefolgt waren, mussten wir ein Stück zurücklaufen.

Das war besonders nervig, weil die Strecke ohnehin etwas länger als ein Halbmarathon war. 22,8, statt 21,0975 Kilometer. Das war ab Kilometer 21 recht demoralisierend, weil du die ganze Zeit dachtest, du wärst jetzt eigentlich schon fertig, musst aber fast noch zwei Kilometer überstehen. (Zumindest ich dachte so und weil ich egozentrisch genug bin, ging ich davon aus, dass die anderen genauso fühlten.)

Weil es nur so wenige Teilnehmer*innen gab, lief ich nach circa sechs Kilometern sechs im Prinzip allein. Die anderen waren entweder viel schneller oder deutlich langsamer. Gerade bei den Weggabelungen, wenn ich wieder überlegen musste, ob es rechts oder links weitergeht, wäre es ganz schön gewesen, jemanden an der Seite zu haben, mit dem ich mich hätte beratschlagen könnten.

Zwischen Kilometer 17 und 18 überholte mich aber ein Läufer, so dass ich nicht mehr solo unterwegs war. Das Vorhaben, mich an ihn ranzuhängen, gab ich sehr schnell auf. Es hatte schließlich einen Grund, warum er mich gerade überholt hatte. Er war schätzungsweise 25 Jahre jünger und vor allem schneller und mit mehr Ausdauer ausgestattet als ich. Aber ich konnte so gut mithalten, dass er in meiner Sichtweite blieb. Dadurch diente er mir als menschgewordenes Navi und ich musste nicht bei jeder Kreuzung nachdenken, wie die Strecke verläuft. Ich hoffte einfach, dass er sich nicht verläuft und wir wieder ein Stück zurücklaufen müssen. Sonst hätte ich entweder ihn oder mich umbringen müssen. (Wahrscheinlich eher mich, weil er ja schneller war und mir hätte weglaufen können.)

Im Ziel stoppte ich meine Uhr bei 2:02:27. Das war deutlich langsamer als ich mir erhofft hatte. Es stellte sich dann allerdings heraus, dass ich circa 800 bis 1.000 Meter mehr als die vorgesehenen 22,8 Kilometer gelaufen war. Kurz vor Schluss war der Läufer vor mir tatsächlich irgendwo falsch abgebogen, so dass wir eine ziemlich große Extraschleife hatten. (Zu seiner Verteidigung: Auch ohne ihn hätte ich exakt den gleichen Weg eingeschlagen.)

Meine Zeit reichte aber aus, um Siebter bei den Männern zu werden. (So wie der Sohn beim Judoturnier.) In meiner Altersklasse der 45-49-Jährigen wurde ich sogar Zweiter. Ein sportlicher Erfolg, der irgendwo zwischen meiner Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen 1985 – die einzige, die ich jemals gewonnen habe – und meinem Seepferdchen-Abzeichen anzusiedeln ist.


Alle Beiträge der Wochenschau finden Sie hier.



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