Föhr 2018 – Tag 11: Wasser-Ballspiele. Oder: Catch me if you can

Es ist kurz vor halb sieben, als mich das Plätschern der Wellen weckt. So wie ich es mir bei der Übernachtung im Schlaftstrandkorb vorgestellt habe (Allerdings erst anderthalb Stunden später). Nicht vorgestellt habe ich mir allerdings die Seniorinnengruppe, die sich um 6.30 Uhr zum Frühschwimmen trifft und dabei lautstark unterhält.

Guten Morgen! #schoenefoehrien #werbungdaortsnennung #keinekohledafür

Ein Beitrag geteilt von Familienbetrieb (@betriebsfamilie) am

Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei und der Strand fast menschenleer. Allerdings nicht tierleer. Über dem Strandkorb kreisen ein paar kreischende Möwen wie Aasgeier über ihrer Beute. Ich hoffe, sie haben mir nicht den Part des Aases in ihrem Rollenspiel zugewiesen. Glücklicherweise sage ich den Möwen aber anscheinend als Frühstück nicht zu und sie verschwinden wieder.

Endlich kann ich wieder den Wellen lauschen. Das Meeresrauschen hat eine geradezu meditative Wirkung und ich bin kurz davor, wieder einzuschlafen. Allerdings hat das Meeresrauschen auch eine harntreibende Wirkung und ich muss dringend auf Toilette.

Um kurz vor halb neun wecke ich den Sohn, wir packen unsere Sachen zusammen, räumen den Schlafstrandkorb auf und geben den Schlüssel beim Strandkorbwächter ab. Er legt die gleiche norddeutsche Redseligkeit an den Tag wie gestern.

„Alles in Ordnung?“, fragt er nach einer kurz genickten Begrüßung.

„Jo“, erwidere ich.

„Na dann tschüss“, verabschiedet er sich.

„Alles klar. Hummel hummel, brumm brumm“, sage ich, denn im Urlaub versuche ich immer, mich den regionalen Sprachgepflogenheiten anzupassen.

Anscheinend ist mir das aber gerade nicht gelungen, denn der Mann schaut mich irritiert an. So wie der Kellner letztes Jahr auf Sardinien, als ich in einer Pizzeria einen Tisch reservieren wollte, und er mein Kauderwelsch nicht als italienisch identifizierte, sondern mich wahrscheinlich für einen dadaistischen Performance-Künstler hielt.

###

Gerade als wir gehen wollen, erscheint Beach Body auf der Strandpromenade. „Hier bist du also“, begrüßt er mich mit leicht tadelndem Unterton. „Ich hab dich schon vergeblich in der Ferienwohnung gesucht.“ Beach macht eine Rumpfbeuge, bei der er mit den Ellenbogen den Boden berührt. „Wolltest dich wohl vor dem Fitnessprogramm heute drücken!“, sagt er dann lachend und knufft mir kumpelhaft in die Rippen, was sich anfühlt, als hätte Ivan Drago mir einen Leberhaken verpasst.

Kurz danach hänge ich an der Reckstange, um Klimmzüge zu machen. Beach will, dass sich der Sohn als Zusatzgewicht an meine Beine hängt. „Dann mach halt, was Beach Body sagt“, fordere ich den Sohn auf. Der schaut mich verständnislos an, als hätte mich heute Nacht eine Zecke gebissen und bei mir eine Hirnhautentzündung höchsten Grades ausgelöst.

Ohnehin läuft es beim Training heute nicht wirklich rund. Bei keiner der Übungen komme ich auf die von Beach geforderte Anzahl von Wiederholungen. (Allerdings hat er sie im Vergleich zum letzten Mal auch verdoppelt.) „Ich fühle mich heute ein wenig schlapp“, entschuldige ich mich keuchend. „Wahrscheinlich hat mich die Nacht im Schlafstrandkorb geschlaucht.“ „Echt?“, fragt Beach sichtlich erstaunt. „Mir ist gar kein Unterschied zu sonst aufgefallen.“

Als letzte Einheit lässt mich Beach mit dem vollgepackten Rucksack mit unseren Sachen von heute Nacht zum Appartement sprinten. Er trabt neben mir her und pfeift „Time of my life”.

“Zum Frühstück isst du heute vier rohe Eiweiß“, erklärt Beach mir, nachdem wir angekommen sind. „Das ist gut für den Muskelaufbau.“ Dann mustert er mich noch einmal kritisch. „Nimm besser acht.“

###

Nachdem Beach sich verabschiedet hat, gehen der Sohn und ich zum Bäcker. Dort ist die Schlange heute wieder länger als vorm Damenklo beim Oktoberfest. Als wir endlich drankommen und unsere Camping-Wecken bezahlt haben, findet eine Urlaubspremiere statt: Wir bekommen ein Gratis-Kinderbrötchen überreicht.

Zu meiner leichten Enttäuschung gibt es aber weder ein Spotlight noch eine Fanfare und der Bäcker hält auch keine Ansprache. Außerdem bekommen auch nicht „wir“ das Brötchen überreicht, sondern der Sohn. Und der ist nur mäßig gewillt, zu teilen. Es sei schließlich ein Kinderbrötchen und nicht ein Kleines-für-jeden-Brötchen, erklärt er mir. Erst nachdem ich würdelos bettele, er solle mir etwas abgeben, reißt er ein so winziges Stück von dem Brötchen ab, als strebe er eine Karriere als Nano-Chirurg an.

Beim späteren Frühstück kommt es fast zum Eklat. Als wir fast schon mit dem Abräumen anfangen, nimmt sich die Frau einen Löffel und fördert damit aus dem Nutellaglas eine ordentliche Ladung des schwarzen Goldes ans Tageslicht, die sie sich genüsslich einverleibt. Die Kinder sind entsetzt.

„Das macht man aber nicht“, empört sich die Tochter.

„Was denn?“, erwidert die Frau seelenruhig. „Ich nehme auf meinen Camping-Wecken nur Marmelade, da muss ich ja irgendwie auf meine tägliche Nutella-Ration kommen.“

Ich nicke anerkennend. Dieser dreisten Argumentation muss man einfach Respekt zollen. Andererseits hat die Tochter natürlich Recht. Am Frühstückstisch Nutella aus dem Glas löffeln, macht man wirklich nicht. Das macht man heimlich am Küchenschrank und hofft, dass einen keiner erwischt.

###

Am Strand ruhe ich mich erstmal ein wenig aus. So eine Nacht im Schlafstrandkorb ist nämlich ganz schön ermüdend. Die Frau geht währenddessen mit den Kindern ins Wasser. Nach einer halben Stunde verlangt sie allerdings von mir, abgelöst zu werden.

Das Wasser scheint mir heute etwas kühler zu sein als in den letzten Tagen. Entsprechend dauert die Einstiegsprozedur bei mir noch etwas länger als gewöhnlich. Tochter und Sohn kommentieren meine Bemühungen hämisch und als ich endlich vollständig im Wasser bin, klatschen sie höhnisch Beifall. Mal sehen, ob sie immer noch klatschen, wenn sie bei der Eröffnung meines Testaments erfahren, dass das komplette Erbe an das Tierheim Berlin-Lankwitz geht.

Schließlich verlangen Sohn und Tochter, dass ich mit ihnen spiele. Dazu haben sie gestern extra einen kleinen Neopren-Ball von der Größe einer Pampelmuse gekauft, der super auf dem Wasser springt.

Als erstes spielen wir Titschen, wobei man den Ball so fest auf das Wasser wirft, dass er im Idealfall über den anderen hüpft, der dann dem Ball hinterherschwimmen muss. Nachdem ich insgesamt eine Distanz von der Breite des Suezkanals geschwommen bin, bestimme ich, dass wir jetzt „Fiesling“ spielen.

Bei diesem Spiel versucht man, den Ball den anderen so fest zuzuwerfen, dass sie ihn nicht fangen können. Jeder hat am Anfang fünf Leben, wenn man den Ball nicht fängt, verliert man eines davon. Wer zuletzt übrig bleibt, hat gewonnen und ist der „Fiesling“. Ein Titel, den ich mir hart erarbeite, indem ich der Tochter den letzten Ball ins Gesicht pfeffere, was meine Popularitätswerte am Strand ins Bodenlose sinken lässt.

Als nächstes spielen wir „Schweinchen in der Mitte“, was jedoch die Familienharmonie stark belastet, weil der Sohn, nachdem der Ball hundert Mal über ihn hinweg geflogen ist, keinen Bock mehr hat. Also pritschen wir uns den Ball zu, was uns aber aufgrund seiner geringen Größe nicht so recht gelingen will. (Ich hoffe einfach, dass es keine Videoaufnahmen davon gibt, die auf YouTube landen.)

Dann wollen die Kinder „Wasser-Basketball“ spielen, ein Wettbewerb, den wir uns letztes Jahr auf Sardinien ausgedacht haben. Dabei bildet einer der Spieler mit seinen Armen vor dem Körper den Korb, die anderen Spieler versuchen den Ball dort hineinzuwerfen. Wer zuerst zehn Treffer erzielt, hat gewonnen.

Der Korb-Spieler hat definitiv bei diesem Spiel die Arschkarte gezogen. Wenn es gut läuft, landet der Ball im Ring, so dass einem salziges Meerwasser in die Augen spritzt, wenn es schlecht läuft, bekommt man den Ball voll ins Gesicht. Und wenn es ganz schlecht läuft, prallt der Ball vom Gesicht vor einem ins Wasser, so dass man eine dicke Nase und tränende Augen hat.

Wenig überraschend wählen die Kinder mich als Korb aus und sie werfen. Nun liebe ich meine Tochter und meinen Sohn wirklich über alles, und über meine Lippen würde nie ein schlechtes Wort über sie kommen, aber selbst ich muss zugeben, dass die beiden nicht mit besonders viel Talent fürs Wasser-Basketball gesegnet sind. Nach einer Viertelstunde habe ich mir mehr Kopftreffer eingehandelt als Axel Schulz gegen Wladimir Klitschko und mein Gesicht brennt schlimmer als beim Wasserlassen mit einer Harnwegsinfektion.

###

Auf dem Heimweg vom Strand kommt es zu der etwas bizarren Situation, dass ich überhöre, wie ein junger Mann seiner – vermutlich – Freundin aus meinem Blogeintrag von gestern vorliest. (Ja, ihr beiden, die ihr um kurz nach 17 Uhr auf dem Bänkchen neben dem Kurgartensaal saßt. Schön, dass ihr über den Beitrag gelacht habt. Vielleicht aber auch nur über die mangelhafte Rechtschreibung. Egal, gelacht ist gelacht.)

Ich bin ein wenig peinlich berührt, aber der Sohn meint, dass wir jetzt, da ich berühmt sei, nächstes Jahr dann den dreiwöchigen All-Inclusive-Urlaub auf Malle machen könnten, den er sich schon dieses Jahr gewünscht hat. Ich erkläre ihm, dass ich weder berühmt sei noch genügend Geld hätte, um einen solchen Urlaub zu finanzieren. Der Sohn lässt nicht locker und empfiehlt mir, dann solle ich halt Gamer werden, da könne man irre reich werden. In solchen Momenten weiß ich nie, ob ich mich freuen soll, dass der Sohn mich immer noch als den allgewaltigen Papa ansieht, der alles kann – zum Beispiel als Gamer zum Millionär werden –, oder mir eher Sorgen machen soll, dass der Junge so weltfremd ist, dass er niemals einen Schulabschluss erlangen wird. (Und dann Zeit seines Lebens bei uns Zuhause wohnen wird, was mir wirklich, wirklich Sorgen macht.)

Vor dem Abendessen gehen wir noch in den Supermarkt. (Sie wissen schon, das Nötigste einkaufen, das mehr kostet als ein Ferienhaus auf Föhr in guter Strandlage.) Während wir durch die Gänge schlendern, fällt mir auf, dass heute die zweite Hälfte des Urlaubs angebrochen ist. Trotzdem mache ich mir keine Gedanken darüber, ob die Butter bis zu unserer Abreise reicht und wieviel Milch wir bis dahin noch kaufen müssen. Wir haben also mit unserer Entscheidung, drei Wochen wegzufahren, alles richtig gemacht. (Das Konto und Peter Zwegat schütteln den Kopf. Dann nehmen sie sich weinend in die Arme.)

###

Beim Abendessen schlagen die Kinder vor, wir könnten später doch noch in eine Bar gehen, etwas trinken. Die Frau und ich murmeln etwas von „das kostet aber ganz schön viel Geld“, was bei den beiden einen Sturm der Empörung auslöst. „Toll, als ihr alleine hier ward, habt ihr jeden Abend geschluckt, und jetzt wo wir da sind, ist das auf einmal zu teuer.“ ist noch das Netteste, was wir uns anhören müssen. (Notiz an mich: Auf den Mobilgeräten der Kinder den Blog blockieren.)

Das kommt von dieser liberalen Erziehung. Da kann man nicht mehr einfach nach Gutsherrenart den Kindern sagen, was gemacht wird, und diese beantworten das mit einem demütigen „Ja, Herr Vater“ oder einem unterwürfigen „Selbstverständlich, Frau Mutter“, sondern man bekommt permanent Widerworte und muss sich andauernd rechtfertigen. Um die Diskussion für sie ergebnisorientiert zusammenzufassen: Wir gehen noch einmal raus in eine Eisdiele. (Mit einem Aperol Spritz intus lässt sich die stetig schwindende Autorität als Eltern einfach besser ertragen.)

Mit Eis (die Kinder), Waffeln (die Eltern) und alkoholischen Erfrischungsgetränken (die Eltern) abgefüllt, kniffeln wir nach unserer Rückkehr noch, denn das darf ja bei all dem abends Weggehen nicht zu kurz kommen. Der Tagessieg geht an die Tochter, die auch die Gesamtführung übernimmt. Dafür wirft der Sohn seinen ersten Kniffel, behält aber die rote Laterne.

Vor dem Zubettgehen, erzählt jede/r noch, was heute das Beste war:

  • Sohn: Das Eisessen, weil es so lecker und lustig war
  • Tochter: Wie Papa ins Wasser gegangen ist
  • Frau: Das Eisessen, weil wir so viel gelacht haben
  • Ich: Im Schlafstrandkorb vom Meeresrauschen geweckt werden

Gute Nacht!

###

Alle Teile des Föhr-Tagebuchs finden Sie hier.

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im Oktober 2018 erscheint sein neues Buch „Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit“*. (*Affiliate-Link)

73 Kommentare zu “Föhr 2018 – Tag 11: Wasser-Ballspiele. Oder: Catch me if you can

  1. Dieser Blog verkürzt mir die Wartezeit auf meinen Föhr-Urlaub Anfang September. Bin richtig süchtig. Warte jeden morgen auf den neuesten Eintrag.

  2. Als Schleswig-Holsteiner liebe ich Deine Urlaubsberichte (nur die, ich bin glücklich verheiratet), jeder Absatz ist eine Freude und – hach – erinnert an die eigenen Nordsee Urlaube und lässt mich stark schmunzeln.

    Schlafstrandkorb ist ein solider Tipp, der Sohn wäre begeistert (übrigens gerade mit der Oma in Wrixum). Kniffel ist nichts für mich, Camping Wecken aber schon, die haben mich seit Jahrzehnten groß und stark gemacht (mittlerweile eher „stark“, das Wachstum hat aufgehört). Schönen Urlaub weiterhin!

    PS: Hummel Hummel, Brumm Brumm diskreditiert ein wenig, typisch Touri 😄

Reposts

  • fru_schtruve
  • Toffimonster
  • Jo Joo ⚓
  • 🦋
  • Für alles bereit.
  • DieRaberin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.