Griechenland 2016 – Tag 9: Von beschützenden Hundegangs, Wasser-Volleyball-Rekorden und keinen Wanderungen

Es ist 7.00 Uhr, als ich erwache. (Auch im Urlaub ist der Montag ein Montag und erlaubt kein Ausschlafen.) Gehe auf den Balkon, um zu überprüfen, ob zu der frühen Stunde die Wetterbedingungen zum Laufen einladen. (Wobei ‚einladen‘ eine sehr euphemistische Wortwahl ist.)

Guten Morgen, Psakoudia.

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Auf dem Balkon sitzt bereits der innere Schweinehund, genießt die Morgensonne und trinkt Kaffee. Er bietet mir auch eine Tasse an. Lehne ab und erkläre, heute wirklich mal wieder laufen gehen zu müssen, wo ich es doch die letzten beiden Tage schon aufgeschoben hätte. Der innere Schweinehund macht mit seinen Händen eine Scheibenwischergeste vor seinem Gesicht und verzieht sich.

Trete kurze Zeit später in Laufklamotten vor die Tür und überlege, welche Route ich wählen soll, um nicht von den Straßenhunden belästigt zu werden. Am besten renne ich ein paar Mal durch den Ort. Da sollte ich meine Ruhe haben.

An der Straße angekommen, sehe ich auf der anderen Seite vier Hunde, die mich freundlich begrüßen. Das steigert nicht gerade die Lust aufs Laufen.

Straßenhunde. You’ll never run alone.

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Just in diesem Moment kommt der innere Schweinehund auf dem Rad vorbeigefahren und fragt, ob wir nicht doch einen Kaffee trinken sollen, er würde nur noch schnell ein paar süße Teilchen besorgen. Schüttele entschlossen den Kopf und erkläre, ich würde mir von den Hunden keine Angst einjagen lassen. Richte danach meine Erwachsenenwindel und jogge los. Die Hunde setzen sich ebenfalls in Bewegung.

Egal wie schnell oder langsam ich laufe, die Hunde gehen jedes Tempo mit und ich werde sie nicht los. Vielleicht sind sie ja nur gastfreundlich und möchten nicht, dass ich mich langweile, wenn ich alleine laufen muss. Oder sie bieten mir Schutz gegen andere Straßenhunde-Gangs. Aber was ist wohl der Tribut, den ich dafür entrichten muss? Wahrscheinlich Knochen. Führe aber keine Knochen mit mir. Hoffentlich fordern sie dann nicht einen meiner Unterschenkel ein.

Laufe zum Schluss noch einmal am Strand entlang. Zu der frühen Stunde ist er noch weitestgehend verwaist. Nur einzelne Touristen haben schon ihre Handtücher auf den Strandliegen ausgebreitet, um sie sich für den Tag zu reservieren. Wahrscheinlich Deutsche.

Der Strand erwacht, die ersten Liegen sind reserviert.

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Grüße daraufhin alle frühen Badegäste in meinem besten Oxford Englisch mit einem distinguierten „Good Morning!“, um mich von diesem Reviermarkierungsverhalten teutonischer Pauschalurlauber zu distanzieren. Wahrscheinlich gebe ich mich damit erst so richtig als Deutscher zu erkennen, denn ich werde mehrfach mit einem freundlichen „Guten Morgen!“ zurückgegrüßt.

Nachdem ich 10 Kilometern zurückgelegt habe, schlage ich die kleine Gasse zu unserem Ferienhaus ein. Die Hunde verabschieden sich höflich und versprechen, übermorgen zur gleichen Zeit am gleichen Ort auf mich zu warten.

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Zur Freude des Sohns müssen wir heute nicht zum Bäcker, da noch ein paar fluffige Brötchen von gestern da sind. Allerdings haben sie das Attribut ‚fluffig‘ kaum noch verdient. Sie sind heute doch schon ein wenig trocken. Als würden sie gerade eine Umschulung zum Zwieback machen. (Es macht halt einfach keinen Sinn, Brötchen übrig zu lassen.) Mit der doppelten Menge Schoko-Creme schmecken sie aber immer noch ganz gut.

Während des Frühstücks eröffnen wir den Kindern, wir sollten auch mal etwas anderes unternehmen, als immer nur an den Strand zu gehen. Es gäbe in der Gegend zum Beispiel ganz tolle Wanderwege. Die Stimmung ist eher so semi. Ungefähr wie auf der Bounty kurz vor der Meuterei.

Die Tochter erklärt in genervtem Tonfall, wie ihn nur Kinder in der Pubertät hinbekommen, dass es ja wohl total hirnverbrannt sei, im Urlaub ans Meer zu fliegen, um dann stundenlang durch irgendeine öde Gegend zu latschen. (Macht irgendwie Sinn, was sie da sagt, auch wenn es schön wäre, sie drückte sich respektvoller aus.)

Im Urlaub müsse man einfach jeden Tag an den Strand gehen, sonst sei es kein Urlaub, unterstützt der Sohn sie. Dabei klingt er, als würden wir gegen irgendeinen Paragraphen der UN-Kinderrechtskonvention verstoßen, der es verbietet, im Urlaub nicht an den Strand zu gehen.

Die Frau und ich beschließen das Wanderthema zu vertagen.

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Bei unserem prä-strandlichen Eincreme-Ritual weist uns die Tochter darauf hin, wir dürften die gestern erworbene Sonnenmilch gar nicht benutzen. Da stehe nämlich ‚for kids‘ drauf. Wir bräuchten eine, auf der ‚Für Omi und Opi‘ steht. Die Frau und ich lachen vordergründig mit, verständigen uns dabei aber mit stummen Blicken, dass die Tochter bis zum Ende des Jahres kein Taschengeld bekommt.

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Am Strand ist heute alles tippi-toppi. Zu meiner großen Erleichterung sind unsere gewohnten Liegen frei und außerdem sind heute wieder mehr unförmige Senioren am Strand anwesend, was das eigene Körperwertgefühl erheblich erhöht. Außerdem begrüßt mich unser Kellner mit einem freundlichen „Good morning, my friend.“ Dabei strahlt er mich an, als gäbe ausschließlich meine Anwesenheit am Strand seinem Job einen höheren Sinn. (Gut, wahrscheinlich ist es mein Trinkgeld, das seinem Job einen höheren Sinn gibt, aber das ist mir egal.)

Aber wissen Sie, was das Beste am heutigen Strandbesuch ist? Der DJ hat heute frei und es wird Musik vom Band gespielt. 60er-Jahre-Easy-Listening-Lieder mit lateinamerikanischem Einschlag. (Mir und allen über 70-jährigen Badegästen gefällt das.)

Vollkommen euphorisiert, deute ich einige Salsa-Schritte an. Beziehungsweise was ich für Salsa-Schritte halte und wozu ich mit meiner steifen germanischen Hüfte in der Lage bin. Die Kinder sagen, dass sei oberpeinlich und ich solle damit unverzüglich aufhören. Oder an einen anderen Strandabschnitt gehen. Am besten in einem anderen Land.

Nach einer Weile fragt die Tochter, ob ich mit ihr im Wasser spiele. Erkläre, ich käme etwas später, noch sei meine Blase nicht voll genug. Die Tochter will daraufhin lieber mit ihrer Mutter ins Meer gehen.

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Zwischendurch suchen die Frau und ich die nahegelegene Touristen-Information auf und sagen, wir würden uns für eine der Wandertouren interessieren. Die bei Porto Carras. Der Mann an der Information schaut uns an, als hätten wir ihn gerade gefragt, ob er sich vorstellen könnte, uns heute Nacht zum Nacktbaden zu begleiten. Vorsichtig erklärt er, bei dem derzeitigen Wetter seien ausgedehnte Wanderungen nicht besonders empfehlenswert. (Auf Nicht-Fremdenverkehrs-Dienstleistungs-Deutsch heißt das so viel wie: „Habt ihr Trottel zu viel Klebstoff geschnüffelt oder wie kommt ihr auf die hirnverbrannte Idee, bei 40 Grad in der Sonne durch die griechische Walachei stiefeln zu wollen?“) Er fährt fort, dass es außerdem in der Gegend vor kurzem starke Brände gegeben habe und halb Porto Carras quasi in Schutt und Asche liege.

Die Frau und ich beschließen, das Wanderthema zu vertagen.

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Später gehen die Tochter und ich dann doch gemeinsam ins Wasser. Beim Volleyball spielen wir uns in einen regelrechten Rausch und pritschen uns den Ball 78 Mal zu. Neuer Familienrekord! Der Tochter ist es trotzdem peinlich, dass ich mit in die Luft gerissenen Armen über den ganzen Strand brülle: „Ich bin der König der Welt!“ Hat wohl keinen Sinn für die Größe des Moments, das gute Kind.

Der Erfolg und Ruhm dieser neuen Höchstleistung hat aber auch seine Schattenseiten. Sie weckt den unbändigen Ehrgeiz des Sohns, der sich unbedingt den Rekord zurückholen will.

Drei Stunden später stehe ich dehydriert und vollkommen erschöpft im Wasser und bin einer Ohnmacht nahe. Die Augen brennen vom Salzwasser, die Schultern schmerzen, der Nacken ist überdehnt, die Nase von der Mittagssonne gerötet, die Oberschenkel übersäuert, ein Finger ist gestaucht.

Der Sohn springt derweil wie ein junger Welpen um mich herum und feuert mich an: „Los, Papa. Noch einen Ballwechsel. Du schaffst das.“ Eher schafft mich der Sohn. Für den ist es vollkommen inakzeptabel, dass wir das Wasser verlassen, da wir erst einen 67er-Ballwechsel zustande gebracht haben. Erst als ich ihm erkläre, das wäre doch ein Vater-Sohn-Familien-Weltrekord, erlaubt er mir zu gehen. Breche an der Liege zusammen.

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Nach dem Strandbesuch müssen die Frau und ich noch einkaufen, denn keiner der örtlichen Supermärkte bietet einen Feta- oder einen Mythos-Lieferdienst an. (Ein Umstand, den ich bei Trip Advisor kritisch anmerken werde.) Bepackt wie zwei Lastesel schleppen wir uns durch die pralle Spätnachmittagssonne. Weise die Frau darauf hin, dass die von uns angedachte Wanderung circa acht Mal so lang sei.

Daraufhin beschließen die Frau und ich, das Wanderthema ad-acta zu legen. 

Selbstbild als verdorrte, verdurstete Spinne.

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Mit unserem Abendessen leisten wir einen weiteren Beitrag zur Förderung der griechischen Feta-Industrie. Und auch die Mythos-Brauerei sollte dieses Jahr mit unserer trinkkräftigen Unterstützung ein gutes Jahresergebnis erzielen.

Nach dem Essen beschließen wir, den Spieleband ausfallen zu lassen. (Für diesen Fall besagt die Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Verordnung von 1831 übrigens, dass der älteste Mann in der Familie – das bin zufällig ich – zum Sieger zu erklären ist.) Stattdessen gehen wir in die kleine Spielhalle im Ort, da den Kindern immer noch ihr restliches großelterliches Urlaubsgeld unter den Nägeln brennt. Das investieren sie ins Air-Hockey-Spielen und Basketball-Werfen.

Wichtige Abendbeschäftigung und Förderung der lokalen Wirtschaft.

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Gute Nacht!

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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

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