Sardinien 2021 – Tag 05: Von Truman-Shows, Holzmichln, Körperkult am Strand, amtlichen Brausen, Eiswaffeln und einer Kniffel-Wende

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01.07.2021, Santa Teresa di Gallura

Die Sonne scheint, ich sitze auf dem Balkon, trinke einen Espresso und schaue aufs Meer. Der Müllmann kommt vorbei, wirft die Säcke auf seinen Wagen und fährt weiter. Auch heute haben wir unsere – sogar doppelte – Müllaufgabe erfolgreich bewältigt. Ein kurzes Daumen hoch des Müllmanns wäre da schon nett gewesen.

Ich blicke in die Ferne. Am Horizont ist Korsika zu sehen. An klaren Tagen zeichnen sich die korsischen Berge so deutlich ab, dass sie fast ein wenig künstlich wirken. Wie eine Filmkulisse.

Vielleicht ist das am Horizont auch gar nicht Korsika, sondern nur ein Korsika-Modell und wir befinden uns in einer Art Truman-Show. Falls ja, möchte ich mich für die eher ereignisarme Handlung entschuldigen, bei der der größte Spannungsmoment des Tages darin besteht, ob wir den richtigen Müll an die Straße gestellt haben. (Sollten Sie hier tatsächlich die ganze Zeit live zuschauen, möchte ich außerdem betonen, dass ich vorhin nicht in der Nase gebohrt habe. Es hat an der Naseninnenwand gejuckt und ich musste mich kratzen.)

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Auf meiner morgendlichen Laufrunde kommt mir in den Hügeln außerhalb von Santa Teresa ein kleines Männlein entgegen gejoggt, das mir ein kurzes, knappes „Salve“ zubrummt. Es ist von knorriger, fast gnomenhafter Gestalt und drahtig, wie es Menschen sind, die seit Jahrzehnten täglich laufen gehen, seine Haut ist ledrig, wie bei Menschen, die sich seit Jahrzehnten täglich in der Sonne aufhalten, und sein Alter liegt irgendwo im Yoda-Bereich (plus/minus zehn Jahre), wie bei Menschen, die seit vielen, vielen Jahrzehnten leben.

Sollten De Randfichten weiterhin der Frage nachgehen, ob der alte Holzmichl noch lebt, kann ich mit einiger Zuversicht sagen: Ja, er lebt noch! Und zwar auf Sardinien, wo er am frühen Morgen durch die hügelige Gegend rund um Santa Teresa läuft.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #16

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In der Bäckerei kommt es heute zu einer Komplikation. Ich bestelle, wie ich es mir angewöhnt habe, meine „quattro panini, per favore“, aber es sind nur noch zwei Brötchen übrig. Die Verkäuferin schlägt mir wortreich eine andere Sorte vor, um meine Bestellung zu komplettieren.

Ich habe keine Ahnung, was sie mir erzählt, nicke aber brav und sage „si!“ Wer bin ich schon, die Backwarenkompetenz der Frau in Frage zu stellen und ihren Vorschlag abzulehnen. Schließlich möchte ich nicht das zarte Pflänzchen unserer sich anbahnenden Freundschaft zerstören. Außerdem fehlt mir der Wortschatz, um zu sagen: „Nein, danke, ich würde gerne die Brötchen da hinten links ausprobieren. Ja, genau, die mit den Körnern. Außer da ist Kümmel drin, dann nehme ich doch lieber die, die Sie mir gerade vorgeschlagen haben.“

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Am Strand sonnt sich eine barbusige Italienerin, um für einen nahtlos gebräunten Oberkörper zu sorgen. Nicht, dass Sie jetzt denken, ich halte am Strand nach nackten Brüsten Ausschau. Nichts liegt mir ferner. (Wobei sich das jetzt ein wenig so anhört, als würde ich stattdessen nach bekleideten Brüsten Ausschau halten, was selbstverständlich auch nicht der Fall ist.) Ich komme hier lediglich meiner Chronisten-Pflicht nach. In Italien ist es nämlich eher ungewöhnlich, dass Frauen oben ohne am Strand rumliegen. Entsprechend nervös sind die Jugendlichen, die ein paar Meter von der Barbusigen ihre Handtücher ausgebreitet haben. Sie gehen erstmal ins Wasser, um sich abzukühlen.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #17

Wie schon bei unserem letzten Sardinien-Urlaub fällt mir auch dieses Jahr auf, dass sich das knappe Speedo-Badehöschen bei italienischen Männern mittleren Alters und aufwärts großer Beliebtheit erfreut. Ein Kleidungsstück, von dem sich der Tragende wahrscheinlich erhofft, dass es weniger Verhüllung bietet, sondern mehr Verheißung verspricht. In vielen Fällen verheißt es allerdings nichts allzu Gutes.

Aber wer bin ich schon, dass ich Urteile über den Kleidungsstil anderer Menschen fälle? Jeder und jede soll anziehen, was ihm und ihr gefällt und was er und sie bequem findet. (Meine zeitlos unmodische Badeshorts von 2008 nickt zustimmend.)

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #18

Sardinien hat gegenüber Föhr, unserem letztjährigen Urlaubsziel, einige Vorteil vorzuweisen: Du hast hier garantiert gutes Wetter, das Wasser ist angenehmer temperiert und das Meer ist unvergleichlich klar und fast frei von Algen und Quallen.

Es gibt aber auch einen entscheidenden Nachteil: Nahezu alle italienischen Männer unter 35 sehen aus, als würden sie ihr Geld als Bademoden-Models verdienen. Obwohl ich in der Corona-Zeit mein Gewicht gehalten habe und schon schlechter in Form war, an der Rena Bianca falle ich in die Kategorie „leicht schwabbeliges Walross“. Hier gibt es ausdefinierte Six-Packs, Bizeps, Trizeps und Pecs, so weit das Auge reicht. Ein Körperfettanteil von über neun gilt als fettleibig. Selbst 16-jährige Knaben sehen aus, als hätten Bildhauer sie aus Marmor gemeißelt.

Body Positivity hin oder her, zur Wahrung meines Selbstwertgefühls halte ich mich von den adonishaften U35-Italienern tunlichst fern. Da suche ich lieber die Nähe der Speedo-Fraktion und verheiße ebenfalls nichts Gutes.

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Duschen sind häufig die Achillesferse von Ferienhäusern. In der Regel etwas zu eng, in den Ecken und an den Rändern manchmal etwas angegammelt und nicht selten mit Duschvorhängen ausgestattet, auf denen mehr Keime leben als in einem Entwicklungslabor für biologische Massenvernichtungswaffen. Dazu haben die Brauseköpfe meist einen nur prostatös tröpfelnden Strahl, so dass das Duschvergnügen genau das nicht ist: ein Vergnügen.

Die Dusche in unserem Ferienhaus ist aber großartig. Zwar gibt es auch hier einen Vorhang, bei dem ich tunlichst vermeide, dass er sich an mich schmiegt, aber der Wasserdruck der Brause ist spitze. Insbesondere, weil wir in Berlin seit neuestem einen wassersparenden Brausekopf haben, mit dem du dich kaum abspülen kannst, sondern dich eher in einen feinen Wassernebel hüllst. Das erzeugt zwar ein gewisses Wellness-Gefühl und ist gut für das Öko-Gewissen, aber nur wenig hilfreich beim Abwaschen von Shampoo und Duschgel.

Die Brause hier hat aber einen amtlichen Strahl, mit dem du nach dem Strandbesuch Salzwasser, Sonnenmilch und Sand komplett wegspülst. Und die oberste Hautschicht gleich dazu. Mega!

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Um unseren Gelato-Urlaubstag-Schnitt zu verbessern, gehen wir zur Piazza V. Emanuele I. und holen uns ein Eis. Trotz der allgemein verbreiteten 1-Kugel-2-Euro-2-Kugeln-2,50-Euro-Preispolitik erwischen wir erneut eine Eisdiele, bei der wir für zwei Kugeln 3,50 Euro bezahlen müssen.

Mit Sherlock-Holmes-haftem Scharfsinn – und weil ich die Preistafel studiere – finde ich heraus, dass der Preisunterschied in der Wahl der Waffel begründet liegt. Wenn du eine frische, knusprige Eiswaffel möchtest, zahlst du einen Euro extra, nimmst du dagegen eine dieser freudlos blassen Waffeln, die schmecken, als seien sie aus Altpapier und Sägespänen zusammengepresst, bleibt es bei dem Standardpreis.

Ist ein Euro Aufschlag für eine frische, knusprige Waffel gerechtfertigt? Ich weiß es nicht. Aber wer will im Urlaub schon etwas essen, dass nach Altpapier und Sägespänen schmeckt, nur um ein paar Euro zu sparen? Vielleicht mein Bankberater. Da ich allerdings immer noch keinen habe, höre ich auch weiterhin nicht auf ihn.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #19

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Unser Kniffel-Turnier nimmt an Dramatik zu und es gibt einen Wechsel an der Spitze des Leader Boards. Mit einer 297er-Runde überhole ich den Sohn und führe nun mit 27 Punkten. Sie finden das vielleicht herzlos und denken, als guter Vater sollte ich dem Sohn den erstmaligen Triumph bei unserem Kniffel-Turnier gönnen. Ich bin da anderer Meinung. Wir sind hier schließlich nicht beim Kuschelpädagogik-Seminar, werfen uns Wollknäule zu und haben uns alle ganz doll lieb. Nein, wir spielen um den Kniffel-Cup. Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Kinder früher beim Memory jemals gedacht haben: „Ach, ich deck‘ einfach mal die falsche Karte auf, damit Papa gleich auch ein Pärchen bekommt und sich nicht wie ein vollkommen vertrottelter Tattergreis fühlt.“ Außerdem geht es um Eis. Irgendwo hat die Liebe zu den Kindern ihre Grenzen.


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