Eine kleine Wochenschau | KW32-2024 (Teil 2)

Teil 1


Beim abendlichen Olympia-Schauen überlegen wir, in welcher Sportart wir am liebsten teilnehmen würden. Bei meiner Frau wäre es Schwimmen, beim Sohn selbstverständlich Judo.

Ich kann mich nicht so recht entscheiden. Auf jeden Fall nichts mit Pferden und nichts mit Wasser. Möglicherweise Breaking. Das ist neu im olympischen Programm. Früher hieß das Breakdance, aber das ist anscheinend nicht mehr cool genug, weswegen es jetzt unter der Bezeichnung Breaking firmiert. Die Teilnehmer*innen werden B-Girls und B-Boys genannt, sind überwiegend jung und vor allem sehr, sehr cool.

Da wäre es doch lustig, wenn plötzlich ein 49-jähriger, graubärtiger B-Dad auf der Bühne erschiene und losbreakt. Allerdings nur, wenn ich das richtig gut könnte. Mit meinen tatsächlichen rhythmischen und athletischen Fähigkeiten wäre das nicht lustig, sondern der größte Fremdscham-Moment der Olympischen Spiele. (Nicht nur in Paris, sondern ever.)

Dann vielleicht lieber Kajak-Fahren. Da haben die Athleten beeindruckend dicke Arme. (Insbesondere eine der beiden ungarischen Silbermedaillengewinnerinnen. Deren monströs großer Bizeps und Trizeps haben mir fast ein wenig Angst gemacht.) Ich müsste nur aufpassen, nicht ins Wasser zu fallen.

09. August 2024, Berlin

Die Schmerzen im Knöchel sind vollständig weg und ich mache im Stadion ein kleines Aufbautraining. Mit kurzen Laufphasen und langen Gehpausen. Die Seniorinnen-Gymnastikgruppe hat ihren Kurs nach draußen auf den Rasen verlegt. Das ist sehr vorteilhaft für mich, so kann ich mich trotz meines langsamen Tempos für energiegeladen und dynamisch halten kann. Außerdem schaut niemand verächtlich auf mich ab, während ich über die Tartanbahn trotte.

Am Anfang der 100-Meter-Gerade fliegt plötzlich eine Libelle neben mir her. Ich grusele mich ein wenig vor ihrem langen Körper, dem großen Kopf, den glupschigen Augen sowie ihren riesigen Flügel. Als ich die Kurve erreiche, verschwindet sie.

Auf der Gegengerade taucht wieder eine Libelle auf. Frage mich, ob sie zu zweit sind und mich bis zur totalen Erschöpfung über die Tartanbahn jagen wollen. Oder ist das die gleiche von eben, die meinen Angstschweiß gerochen hat und quer über den Platz geflogen ist, um mich abzufangen.

Wobei ich natürlich nicht wirklich Angst vor der Libelle habe. Aber Respekt. Ich stufe Tiere immer danach ein, ob ich in einem Zweikampf Mann gegen Mann beziehungsweise Mann gegen Tier als Sieger hervorgehen könnte. Bei der Libelle bin ich mir nicht sicher. Vielleicht wäre ein Unentschieden drin.

10. August 2024, Berlin

Die Tochter und C. sind beim Erkunden von Kiel im Rotlichtviertel gelandet. Eigentlich wollten sie sich den Hafen anschauen und plötzlich standen sie vor Oben-ohne-Bars, Laufhäusern und anderen Etablissements. Die andere Straßenseite hätte vollkommen normal ausgesehen. Mit Arztpraxen, Rechtsanwälten und Versicherungsbüros.

Eigentlich ganz praktisch für die Prostituierten, falls sie sich mal untersuchen lassen wollen, juristischen Rat brauchen oder eine Versicherung abschließen wollen.

11. August 2024, Berlin

Letzter Tag in Paris. Die letzten zwei Wochen waren wir sehr im Olympia-Fieber und haben viele Stunden vor dem Fernseher verbracht. Der Sohn und ich trafen uns regelmäßig mit unserem Mittagessen auf dem Sofa und schauten während des Essens den Olympionik*innen dabei zu, wie sie Hockey, Tischtennis oder Basketball spielten, ritten, schossen, kletterten, ruderten oder im Judo antraten.

Das letzte Mal, dass ich bei Olympischen Spielen so all in gegangen bin, war London 2012. Damals saßen der Sohn und ich auch häufig gemeinsam auf der Couch und haben das olympische Geschehen verfolgt. Er war fünf und sog alle Informationen wie ein Schwamm auf. Ein paar Wochen später erzählte er dann unvermittelt von einem englischen Radfahrer, wie viele Goldmedaillen er in seiner Karriere schon gewonnen hat und mit welcher Zeit er diesmal das Rennen für sich entschieden hatte. Ich dagegen konnte mich schon wenige Stunden nach der Übertragung nicht mal an den Namen des Mannes erinnern.

Schade, dass die Spiele nun vorbei sind. Dafür habe ich nun Zeit, ab morgen selbst intensiv Sport zu treiben. Dann beginnt die Vorbereitung auf den Köln Marathon Anfang Oktober. Hoffentlich erlaubt mir das meine Ferse, so dass ich sagen kann: „Dabeisein ist alles.“


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Eine kleine Wochenschau | KW31-2024 (Teil 2)

Teil 1


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Fahren in Kiel mit dem Bus vom Bahnhof nach Ellerbek, wo die Tochter und C. wohnen. Auf einem Vierer-Platz sitzt ein Typ mit seinem monströs großen Pitbull. Der Hund ist aber harmlos. Er liegt auf dem Boden und döst vor sich hin. Hund müsste man sein. Dann steht er auf und leckt ausgiebig sein Po-Loch. Vielleicht ist es doch besser, kein Hund zu sein.

Städtebaulich bin ich noch nicht ganz von Kiel überzeugt. Sehr viel Häuser aus rotem Backstein oder mit verklinkerten Wänden, was ja erstmal ganz nett aussieht. Aber auch sehr viel 70er/80er-Architektur, was wiederum von begrenzter Ästhetik ist.

Kommen an einem Spielcasino vorbei mit dem Namen „World of Winners“. Das wohl irreführendste Werbeversprechen seit versucht wurde, uns weiszumachen, Fruchtzwerge seien so wertvoll wie ein kleines Steak.

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14 Uhr, Besuch bei Ikea. Außer uns sind viele Familien mit kleinen Kindern da. Bei denen sind Geduld und Frustrationstoleranz nur noch begrenzt vorhanden. Ein Klangteppich aus Brüllen, Schreien und Kreischen wabert durch das Möbelhaus. Ich denke, so ein Nachmittag bei Ikea ist ein sehr effektives Verhütungsmittel, und rechne nicht damit, dass wir in nächster Zeit Großeltern werden.

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Check-in im Hotel. Die Lobby ist sehr hip eingerichtet. Mit Billiardtisch, Schaukel, Lounge-Sesseln, Popcorn-Maschine, Foto-Box und viel rustikalem Holz, das Craftsmanship suggerieren soll. Ich überlege, ob sich die anderen Gäste fragen, wie sich die zwei Alten hierher verirrt haben. Glücklicherweise erscheint in diesem Moment ein amerikanisches Seniorenpaar an der Rezeption, beide 70 aufwärts. Somit können wir uns doch jung fühlen.

03. August 2024, Kiel/Berlin

Wache morgens ohne jegliches Zeitgefühl auf. Der Helligkeit nach zu urteilen, ist zwischen sechs und zehn ist alles möglich. Körperlich fühlt es sich nach fünf an.

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Starten den Tag mit dem reichhaltigen Hotel-Frühstücksbuffet. Mit verschiedenen Müsli- und Cornflakes-Sorten, Milchreis, Obst und Gemüse, gebratenem Frühstücksspeck, Eiern in unterschiedlichen Aggregatszuständen, veganem und unveganem Belag, Marmelade, Honig und Schokocreme, Brötchen, Laugenstangen, Brot und Zimtschnecken.

Neben der Kaffeemaschine steht ein Waffle-Maker, der aber so kompliziert aussieht, dass ich mich nicht traue, ihn zu benutzen. Ein circa 10-jähriger Junge ist furchtloser und füllt in das Gerät so lange Teig, bis er überläuft, sich auf der Tischplatte ausbreitet und schließlich langsam auf den Boden plätschert. Meine Entscheidung, den Waffle-Maker zu meiden, war also richtig. Sonst stünde ich jetzt wie der Junge da. Mir wäre das sehr unangenehm, der Knabe ist dagegen recht unbekümmert und lässt sich die Waffel-Vorfreude nicht durch ein bisschen Teig-Chaos vermiesen.

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Abstecher in den Baumarkt. Fühle mich unwohl. Alles ist so groß und unübersichtlich. Außerdem schüchtern mich die anderen Männer ein, wie sie in ihren dicken Arbeitshosen mit den unzähligen Taschen und schwerem Schuhwerk zielstrebig durch die Gänge laufen und vor Regalen stehen bleiben, wo sie mit Kennerblick das Sortiment studieren. Ich weiß bei den meisten Gerätschaften nicht einmal, wofür sie überhaupt gut sind. Die Existenz einer Oberfräse lässt mich vermuten, dass es auch eine Unterfräse gibt. Wahrscheinlich liege ich damit falsch.

Die Dutzenden Grills in jedweder Ausführung (Gas, Elektrisch, Kohle) interessieren mich auch nicht. Die Aquarien-Abteilung ruft wiederum unangenehme Zahnarzt-Assoziationen hervor.

Um so zu tun, als gehöre ich hier hin, kaufe ich ein paar Schrauben, die ich für ein Regalbrett in unserer Küche benötige. (Abends werde ich feststellen, dass ich dafür keinen passenden Schraubenzieher habe.)

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17 Uhr, Rückfahrt nach Berlin. Im Bahnhof spricht mich ein Bettler an, ich erkläre ihm entschuldigend, ich hätte kein Bargeld dabei. Darauf schimpft er, das sei doch alles eine riesige Scheiße. Natürlich hat er damit Recht, aber deswegen kann ich trotzdem keine Euro-Münzen herbeizaubern.

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Im Zug preist der Schaffner die gastronomischen Spezialitäten an. Bratwurst-Baguette mit Starnberger Hellem oder Gemüse-Curry und dazu leckeren Weißwein. Da ist für jeden etwas dabei. Ob die Aktionsmenüs kombinierbar sind und der Weißwein auch zur Bratwurst getrunken werden darf, bleibt unklar.

Das Angebot „Ice Cream für unsere kleinen Lieblingsgäste“ richtet sich aber auf jeden Fall ausschließlich an Kinder unter vierzehn. Ich finde, das ist auch eine riesige Scheiße.

04. August 2024, Berlin

Mein Insta-Algorithmus versorgt mich weiterhin mit Angeboten zur Linderung meiner Fersenschmerzen sowie zur allgemeinen Körperertüchtigung. Ein polnischer Yogi rät mir zu einem 30-Tage-Kurs zur Dehnung meiner verkürzten hinteren Oberschenkelmuskulatur, ein finnischer Physiotherapeut meint dagegen, ich müsse unbedingt meine Hüftnerven entspannen. Zusätzlich schlägt mir Insta Faszienrollen, Stretching für Läufer, Dehn-Apps, Vielsitzer-Kurse, Akkupunktur-Matten, Einlagen, Kinesio-Tape und Massagepistolen vor.

Die Kurse, Produkte und Apps sind nicht nur teuer, sondern auch zeitlich herausfordernd. Sie sollen zwar alle nur 20 oder 30 Minuten am Tag in Anspruch nehmen – manchmal sogar nur zwei –, um gelenkig, entspannt und schmerzfrei zu werden. Wenn ich das aber alles summiere, müsste ich auf eine Halbtagsstelle reduzieren, weil ich mehrere Stunden am Tag mit Stretching, Gymnastik, Massagen und Akkupunktur beschäftigt wäre. Belasse es vorerst bei meinem mehrmaligen, zehnminütigem Dehnprogramm. Vielleicht bestelle ich mir noch den Flex-Buddy.


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Eine kleine Wochenschau | KW31-2024

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


29. Juli 2024, Berlin

Unerfreulicher Start in den Tag. Ich habe Geburtstag, ohnehin nicht gerade mein liebster Tag im Jahr. Das ist jedoch nicht der Grund für meine Missstimmung. Aber ich kann nicht in die Küche, wo mein Geburtstags-Überraschungstisch gerichtet ist, und damit ist mein Zugang zur Kaffeemaschine abgeschnitten. Da reicht es für den 29. Juli auf der Lieblingstag-Rangliste nur zu einem Platz weit hinten. Ich muss meine Frau bitten, mir einen Kaffee zu machen, sie bringt mir einen doppelten.

Später bekomme ich einen mehrstöckigen Käsekuchen, was mich mit dem Tag ein wenig versöhnt.

Titelbild mit einem Geburtstagstisch, der mit M+M und Luftschlangen geschmückt ist, in der Mitte steht ein mehrstöckiger Käsekuchen, der oben und am Rand mit Schoko-Bons und Kinderschokolade verziert ist.
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Eine kleine Wochenschau | KW30-2024 (Teil 2)

Teil 1


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Abends Beginn der Olympischen Spiele in Paris. Die letzte Eröffnungsfeier, die ich mir komplett angeschaut habe, war 1984 bei den Winterspielen in Sarajevo. Damals ging ich in die vierte Klasse und musste einen Vortrag darüber halten. Ich stellte meinen Kassettenrekorder neben unseren Fernseher, nahm große Teile der Übertragung auf und spielte die qualitativ fragwürdige Aufnahme am nächsten Tag vor der Klasse ab. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie wohlwollend meine Lehrerin meine Multimedia-Präsentation beurteilte.

Die Show in Paris findet erstmals nicht im Stadion statt, sondern in der ganzen Stadt verteilt. Zunächst rennt die französische Fußball-Legende Zinedine Zidane mit der olympischen Fackel durch die verstopften Straßen von Paris, hastet dann in die Metro, um dann mit der Bahn steckenzubleiben. Das macht nicht gerade Hoffnung auf einen reibungslosen ÖPNV während den Spielen.

Zidane gibt die Fackel an drei Kinder weiter. Die sie durch die Katakomben der französischen Hauptstadt, vorbei an einer gruseligen Wand, in die Totenköpfe eingemauert sind. Im Hintergrund sind Ratten zu sehen, in der Kanalisation schwimmt ein Krokodil. (Ich hoffe inständig, dass im Pariser Abwässersystem keine Krokodile leben.)

Plötzlich erscheint ein Boot mit einem mysteriösen Maskenmann, der wie eine Mischung aus Imker, Sportfechter, Phantom der Oper und Hauptfigur aus dem Computerspiel Assassin’s Creed aussieht. Die Kinder gehen trotzdem zu ihm an Bord, was bei mir die Frage aufwirft, ob ihre Eltern ihnen nicht eingebläut haben, niemals mit Fremden mitzugehen und schon gar nicht mit creepy Maskenmenschen, die in der Pariser Kanalisation rumschippern.) Wenigstens ziehen sie Schwimmwesten an. So viel Sicherheit muss sein.

Oberirdisch hüllt ein Feuerwerk eine Brücke in den französischen Nationalfarben ein, dann fahren die Teams auf Booten über die Seine. Insgesamt 85 Schiffe jedweder Größe für die mehr als 150 teilnehmenden Nationen. Das Ganze ist etwas langatmig, denn in erster Linie siehst du Menschen dabei zu, wie sie auf Booten fahren und winken. Bei vielen Ländern habe ich keine Ahnung, wo sie liegen. Zum Beispiel Bhutan, Gabun oder Trinidad und Tobago. Von denen habe ich aber zumindest schon einmal gehört. Was ich von St. Vincent und die Grenadinen, Mikronesien oder Nauru nicht behaupten kann.

Für Abwechslung sorgt ein spektakulärer Ritt durch die französische Geschichte und Kultur, bei dem ein Höhepunkt auf den nächsten folgt. Lady Gaga tanzt und singt mit pink befederten Tänzer*innen, das Moulin-Rouge-Ensemble schwingt beim Cancan die Beine in die Höhe, eine Metal-Band performt mit einer Opernsängerin und einem Chor geköpfter Marie-Antoinettes, eine franko-malische Sängerin tritt mit der Militärkapelle der republikanischen Garde auf, eine Frau singt auf einem Dach die französische Nationalhymne, artistische Street-Sport-Einlagen werden gezeigt, die Minions klauen die Mona Lisa, eine queere Modenschau ist da Vincis letztem Abendmahl nachempfunden, mit Dragqueens, Transmenschen, Behinderten und Halbnackten als Apostel, ein Hochseil-Artist besteigt ein Seil in schwindelerregender Höhe und wird dann irgendwie von der Regie vergessen und nie wieder eingeblendet, eine wilde Dance-Choreo zu einem Club-Hits-Medley der 90er und 00er Jahre beschwört die Einheit Europas, große Frauen der französischen Geschichte werden gewürdigt und schließlich interpretiert eine Sängerin auf einer im Wasser treibenden Scholle John Lennons „Imagine“, ein Mann an einem brennenden Flügel begleitet sie. Ganz großes Kino.

Zwischendurch erscheint immer wieder der Maskenmann, rennt über regennasse Dächer, läuft durch die Kulisse von „Les Miserables“, legt eine Breakdance-Einlage ein, schaut im Louvre vorbei, tanzt und schleppt die Fackel kreuz und quer durch Paris.

Eine silbrig uniformierte Gestalt reitet inzwischen mit der olympischen Flagge auf einem mechanischen Pferd über die Seine zum Trocadéro am Eiffelturm, wo immer mehr Sportler*innen eintreffen. Dort übergibt sie die Fahne an vier Vertreter der französischen Streitkräfte, die diese dann versehentlich falschrum hissen, mit den zwei Ringen nach oben, aber das kann in dem Tohuwabohu ja mal passieren.

Die Reden des Vorsitzenden des Organisationskomitees und von IOC-Präsident Thomas Bach folgen, was mir die Gelegenheit gibt, die Spülmaschine einzuräumen.

Ich bin rechtzeitig aus der Küche zurück, als der Maskenmann auftaucht und die olympische Fackel an Zidane übergibt, der es trotz stehengebliebener U-Bahn irgendwie zum Eiffelturm geschafft hat. Der Franzose humpelt über die langgezogene Bühne, auf der ihm Rafael Nadal nicht minder schwerfällig entgegenkommt. Diesen streckt er nicht mit einem Kopfstoß nieder, sondern händigt ihm die Flamme aus.

Mit der geht der spanische Tennisprofi zu einem kleinen Boot, auf dem schon der US-Leichtathlet Carl Lewis, die rumänische Kunstturnerin Nadia Comăneci sowie die Tennisspielerin Serena Williams auf ihn warten. In rasanter Fahrt schießen sie über die wellige Seine, wobei keiner der Vier den Eindruck macht, besonders viel Spaß zu haben. Insbesondere Carl Lewis sieht aus, als müsste er sich jeden Moment über die Reling erbrechen.

Am Ufer angekommen, geht die Fackel an Amelie Mauresmo – wieder eine Tennisspielerin –, die sich damit Richtung Louvre aufmacht. (Der Maskenmann fragt sich derweil, warum er eigentlich durch ganz Paris gerannt ist, wenn die scheiß Flamme jetzt wieder zurückgebracht wird.) Am Eingangsbereich des Louvre-Geländes übernimmt ein französischer Basketball-Star die Fackel. Sein Laufstil ist ähnlich unrund wie bei Zidane und Nadal, was darauf schließen lässt, dass Profi-Sport nicht besonders gesundheitsfördernd ist.

Die Flamme wird jetzt im Akkord zwischen französischen Spitzensportler*innen hin und her gereicht, die weder ich noch das Kommentatorenteam erkennen. Zwischendurch übernimmt ein älterer Mann die Fackel, der wie der Hausmeister vom Louvre aussieht und unterbinden will, dass hier mit offenem Feuer hantiert wird.

Schließlich landet die Flamme bei einem greisen Mann im Rollstuhl, einem ehemaligen Radfahrer, der mit 100 Jahren der älteste noch lebende Medaillengewinner aus Frankreich ist, und geht dann weiter an eine Leichtathletin und einen Judoka. Die entzünden damit das olympische Feuer, das überraschenderweise mit einem Heißluftballon in den Abendhimmel steigt. Ich hoffe, die Organisatoren haben sich Gedanken gemacht, wie sie das Ding in zwei Wochen wieder runterbekommen.

Zum Abschluss noch ein letztes Highlight am Eiffelturm. Auf dem steht Céline Dion auf einer Plattform, tritt das erste Mal seit vier Jahren wieder auf und singt den Edith-Piaf-Klassiker „L’Hymne à l’amour“. Gänsehaut-Moment.

Damit endet ein vogelwilder, vierstündiger Fiebertraum, bei dem die Vertreter des Ressemblement France und der katholischen Kirche wahrscheinlich schwankten, ob sie ohnmächtig oder tobsüchtig werden sollen. Man wusste bei der Eröffnungszeremonie vielleicht nicht immer, was gerade passiert und warum, aber sie lässt einen gleichermaßen begeistert und geplättet zurück. Wahrscheinlich denkt das Organisationskomitee für Los Angeles 2028 gerade: „Fuck.“

27. Juli 2024, Berlin

Meine Frau und ich gehen bei den Olympischen Spielen all in und sitzen ab 10 Uhr vor dem Fernseher. So wie früher, als wir noch keine Kinder hatten. (Wenn die Kinder groß sind, ist es eigentlich wieder, wie keine zu haben.)

Wir schauen Schwimmen, Schießen, Basketball, Judo, Hockey, Rudern, Kanuslalom, Tischtennis und vieles mehr. Der Turner Lukas Dauser, der sich vor sechs Wochen einen Muskel am Oberarm angerissen hat, legt eine fehlerfreie Übung am Barren hin. Beeindruckend.

Ich habe in der Schule Turnen immer gehasst. Da hieß es für mich nicht, „höher, schneller, weiter“, nicht einmal „Dabeisein ist alles“. Stattdessen versuchte ich immer, mich in der Ecke der Halle rumzudrücken, in der sich der Lehrer gerade nicht aufhielt. Getreu dem unolympischen Motto „Nicht Dabeisein ist alles“.

28. Juli 2024, Berlin

Um nicht den ganzen Tag vor der Glotze zu hocken, gehen meine Frau und ich vormittags spazieren. Schadet ja nicht, sich ein wenig zu bewegen. Um einen Olympia-Cold-Turkey zu vermeiden, schauen wir aber zwischendurch auf dem Handy ein wenig Judo.

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Marcel und der andere Obdachlose haben schon seit zwei Tagen nicht mehr ihr Lager auf dem Platz vor dem Kloster aufgebaut. Hoffentlich geht es ihnen gut.


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Eine kleine Wochenschau | KW30-2024

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


22. Juli 2024, Berlin

Morgendlicher Corona-Test. Bei mir immer noch positiv, bei meiner Frau das erste Mal wieder negativ. Sie legt ihre Testkassette neben meine und schaut mich an. In ihren Augen ist ein leichtes Triumphgefühl zu erkennen. Wie albern. So ein Corona-Test ist ja kein Wettbewerb. Außerdem hat sie zwei Tage Vorsprung. Sonst hätte ich gewonnen.

Titelbild mit einem Aufkleber auf einer Querstange, die kurz über dem Boden angebracht ist. Auf dem Aufkleber steht: "Support friendly people"
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Eine kleine Wochenschau | KW29-2024

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15. Juli 2024, Berlin

C. hat Geburtstag. Die Tochter hat ihm einen Schokoladenkuchen gebacken und mit einer aus Smarties gelegten 21 verziert. Mit den restlichen Smarties, dem obligatorischen Tier-Zug aus dem Hause Tchibo und einer Happy-Birthday-Girlande dekoriert sie einen 1a-Geburtstagstisch. Ich überlege, die Wohnung morgens mit Rolf Zukowskis „Wie schön, dass du geboren bist“ zu beschallen, lasse es aber bleiben, um C. nicht zu überfordern.

Der Kuchen bleibt dann bis abends unberührt. C. macht sich nicht so viel aus Süßem. Was stimmt mit dem Jungen nicht? Zucker, Fett und Schokolade, what’s not to like? Als ich später ihn die Küche gehe, sehe ich, wie er einen Pizzakarton sehr akkurat klein faltet, bevor er ihn im Papiermüll entsorgt. Das versöhnt mich ein wenig.

Titelbild mit einem positiven Coronatest, bei dem der zweite Strich ganz dünn ist
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Eine kleine Wochenschau | KW29-2024 (Teil 2)

Teil 1


18. Juli 2024, Berlin

Die Nächte auf dem Sofa sind erholsamer als gedacht. Ich stehe morgens ausgeruht auf, topfit für den Tag und überlege, eine Runde mit dem Rad zu drehen. Der Corona-Test ist anderer Meinung. Er zeigt einen sehr dünnen, aber nicht zu leugnenden zweiten Strich an.

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Die Tochter übernimmt den Einkauf. Nach anderthalb Stunden kommt sie stöhnend und fluchend zurück. Sie hatte keinen Euro für den Einkaufs-wagen und musste einen Korb nehmen. In den passte nicht alles von der Einkaufsliste rein und weil es ihr zu peinlich war, nach dem Bezahlen nochmal zu Penny reinzugehen, zog sie weiter zu Rewe, um dort die restlichen Sachen zu besorgen.

Auf dem Heimweg stellte sie dann fest, dass sie extrem ungünstig gepackt hat. Die leichten Sachen in den Rucksack, die schweren in die Tragetasche, die sie mühsam nach Hause schleppen musste.

„Einkaufen ist voll anstrengend“, fasst die Tochter ihren Trip zu den Supermärkten zusammen. Eine der Erkenntnisse, die du nicht in der Schule oder an der Uni gewinnst, sondern nur im „Real Life“. Oder wie es die Philosophin Barbara Bleich im Interview mit dem Spiegel ausdrückt: „Das Leben lässt sich (…) nicht in der Schule lernen, das Leben muss erfahren werden.“

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Meine Frau nutzt ihre Corona erzwungene Bettlägerigkeit produktiv und schaut Netflix-Serien, für die sie bisher keine Zeit hatte. Zum Beispiel zieht sie sich innerhalb von zweieinhalb Tagen die drei Staffeln Bridgerton rein.

Als ich ins Schlafzimmer komme, um mich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen, teilt sie mir mit: „Die haben gerade Sex. Auf dem Schreibtisch.“ Eine Information, von der ich nicht weiß, was ich mit ihr anfangen soll, und die kommunikativ nur bedingt anschlussfähig ist. Zumindest schließe ich aber daraus, dass es meiner Frau einigermaßen gut geht.

19. Juli 2024, Berlin

Fühle mich morgens wieder topfit, der blasse zweite Streifen ist trotzdem weiterhin auf dem Corona-Test zu sehen.

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In unserer Straße lebt seit ein paar Monaten ein obdachloser, drogensüchtiger Punk. Groß und hager, mit Undercut und leuchtend rotem Oberhaar. Wie alt er ist, kann ich nicht schätzen. Der Alkohol, die harten Drogen und das Leben auf der Straße haben ihn zu sehr gezeichnet. Zwischen 25 und 55 ist alles möglich.

Auf einem kleinen überdachten Platz, der zu dem türkischen Supermarkt am Anfang der Straße gehört, baut er abends immer seine Schlafstätte auf. Mit Feldbett, Stuhl, Einkaufswagen, Gaskocher und wechselnden Deko-Elementen. (Vor kurzem ein stark verschmutztes Stofftier, das an eine Giraffe erinnert, und eine ramponierte Plastik-Blume.)

Für gewöhnlich ist der Straßen-Punk harmlos. Spricht niemanden an, bettelt nicht und pöbelt nicht rum. Ab und an steht er auf dem Bürgersteig und schnappt in der Luft nach Dingen, die nur er sieht. Aber egal wie zugedröhnt, betrunken und fertig er abends auf seinem Bett liegt, am nächsten Morgen baut er das Lager ab, verstaut seine Habseligkeiten ordentlich in dem Einkaufswagen, fegt seinen Müll zusammen und hinterlässt den Platz picobello. (Manchmal ordentlicher als er vorher war.)

Seit ein paar Wochen teilt er sich den Schlafplatz mit ein, zwei andere Obdachlosen. Wahrscheinlich ist das für alle eine Schutzmaßnahme und reduziert ihr Risiko, verdroschen zu werden. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass sich die Drei nicht guttun. Zumindest nicht dem Punk. Seit er mit den anderen abhängt, hat er körperlich, gesundheitlich und geistig stark abgebaut.

Heute Vormittag haben die Männer ihr Camp weiter in die Straße hinein verlegt. Schräg gegenüber von uns, circa 20 Meter links neben der Klosterkirche, vor den Eingang der Caritas. Zuwachs haben sie auch bekommen. Zu viert oder fünft breiten sie sich auf einer Fläche aus, die eigentlich für Motor- und Fahrräder vorgesehen ist.

Die Obdachlosen belästigen zwar keine Passant*innen, sind aber nervig laut. Einer von ihnen ruft eine halbe Stunde lang irgendetwas, das sich wie Mama anhört. „Mama, Mama, Mama, Mama.“ Ununterbrochen. „Mama, Mama, Mama, Mama.“ Pausenlos. „Mama, Mama, Mama, Mama.“ Nach zehn Minuten hoffe ich, dass tatsächlich seine Mutter vorbeikommt und ihm einen Einlauf verpasst, weil er so einen Lärm veranstaltet.

Innerhalb der Gruppe ist der Ton rau. Mit fortschreitender Tagesdauer, zunehmender Hitze und vor allem steigendem Alkoholkonsum wird die Stimmung hitziger und hitziger. Immer wieder kommt es zu lautstarken Auseinandersetzungen, die Männer streiten, brüllen sich an, bedenken sich mit Schimpfwörtern. Irgendwann ist ihr Pegel so hoch, dass sie nur noch im Vollrausch auf ihren Betten, Matten und Matratzen vor sich hinvegetieren. Endlich kehrt Ruhe ein.

20. Juli 2024, Berlin

9 Uhr. Die Glocken der Klosterkirche läuten mit voller Lautstärke, die Obdachlosen rufen Halleluja. Guten Morgen, Moabit.

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Heute ist der Sohn mit Einkaufen an der Reihe. Zwischendurch ruft er zweimal an und schickt ein Foto, um sich zu vergewissern, dass er das richtige holt. Das spricht zwar nicht für sein Wissen über die Produkte, die wir täglich benutzen, aber immerhin für Problembewusstsein und lösungsorientiertes Denken.

Das hätte ich mir auch gewünscht, als wir den Sohn kürzlich baten, auf dem Heimweg zwei Flaschen Sekt mitzubringen, und er dann zwei Flaschen Rotkäppchen Halbtrocken anschleppte. Obwohl er bald volljährig wird, scheint mir seine Erziehung doch noch nicht vollumfänglich abgeschlossen zu sein. Zumindest was die Dos und vor allem Don ‚ts bei der Auswahl von Schaumwein angeht. (Goldene Regel: Finger weg von allem Halbtrockenem.

21. Juli 2024, Berlin

Mein gefühlter Gesundheitszustand ist immer noch 1a, der zweite Teststreifen wird dafür Tag für Tag deutlicher. Ich glaube, der Corona-Test mobbt mich.

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Die Obdachlosen sind zurück an ihren alten Platz am Supermarkt gezogen. Ich bin froh und schäme mich ein wenig dafür. Anscheinend ist mein tolerantes Gutmenschentum sehr begrenzt und ich habe nur so lange nichts gegen Obdachlose, so lange sie nicht in meiner Nähe sind. (Aber sie waren auch wirklich nervig laut.)


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Eine kleine Wochenschau | KW28-2024 (Teil 2)

Teil 1


12. Juli 2024, Berlin

Tumult vor unserem Haus. Diesmal tagsüber. Vom Balkon aus sehe ich, wie sich der Prediger mit zwei Jugendlichen streitet. Der Prediger ist kein Geistlicher, sondern ein Mann von schätzungsweise Anfang 30, der immer mal wieder durch die Nachbarschaft zieht und dabei irgendetwas vor sich hinbrabbelt. Am Kloster gegenüber bleibt er regelmäßig stehen und ergeht sich in emotionalen Suaden gegen die katholische Kirche. (Anscheinend ist die Klosterkirche ein Magnet für Menschen mit psychischen Problemen.)

Ich weiß nicht, wie seine Auseinandersetzung mit den beiden Jungs anfing und höre nur, wie er sie anschnarrt: „Ihr habt keinen Respekt. Wie alt seid ihr denn? 15, 16?“ Die Knaben sagen nichts. „Ihr seid noch Kinder. Mit euch kämpfe ich nicht“, fährt er fort. „Aber wenn ihr 21 seid, kämpfen wir. Ich trainiere die nächsten sechs Jahre und dann treffen wir uns wieder zum Kampf.“

Ich fände es lustig, wenn der Prediger sich in den nächsten sechs Jahren zum Shaolin-Kung-Fu-Meister ausbilden ließe und dann am 12. Juli 2030 vor unserem Haus auf die Jungs wartet, um ihnen den Arsch zu versohlen.

Währenddessen schießt der Prediger mit seiner Schimpferei aber ein wenig übers Ziel hinaus. Er kündigt an, er werde sie beide töten und ihre Familien würden um sie weinen. Das ist doch etwas zu heftig für normalen Trash Talk.

Ich habe ohnehin den Eindruck, dass es dem Prediger zurzeit nicht so gut geht. Dass er sich mit Passant*innen anlegt, kam immer mal wieder vor, aber in letzter Zeit häufen sich diese Episoden. Vielleicht nimmt er gerade zu viele Drogen. Oder zu wenige. Oder zu schlechte. Seit ein paar Wochen sehe ich ihn öfter, wie er barfuß durchs Viertel läuft und mit zorngefalteter Stirn rumbrummelt. Oder er pöbelt auf der Turmstraße Autofahrer an, die zu nahe an ihm vorbeifahren, was aber daran liegt, dass er mitten auf der Straße steht.

Hoffentlich geht es ihm bald wieder besser. Denn eigentlich bewundere ich ihn ein bisschen für seine Leidenschaft, mit der er seine Schimpftiraden vorträgt. Und ein bisschen fürchte ich mich vor ihm, weil ich Angst habe, zur Zielscheibe seines Unmuts zu werden.

13. Juli 2024, Berlin

Besuch der Dark-Matter-Ausstellung in Lichtenberg. In sieben Räumen sind Licht-Klang-Raum-Installationen errichtet, die, wie es auf der Website heißt, „die Grenzen zwischen realer und digitaler Welt verschwimmen“ lassen.

In einer Halle gibt es ein Lagerfeuer, bei dem Leuchtkörper zu flackernden Holzscheiten aufgeschichtet sind. Im Hintergrund zirpen Grillen vom Band, an der Decke simulieren LED-Lämpchen einen Sternenhimmel. Wahrscheinlich haben alle im Raum gerade Erinnerungen an ihre Kindheit, wie sie mit Freunden an echten Lagerfeuern hockten, jemand klampfte auf der Gitarre und gemeinsam wurden Lieder aus dem „Bettelmusikant“ und der „Mundorgel“ gesungen. Faszinierend und gleichzeitig ein wenig von der Natur entfremdet.

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Anschließend weiter zu einem Hoffest in Köpenick. Es ist fast 25 Jahre her, dass ich das letzte Mal in Köpenick war. Auf dem Fest werden ein Geburtstag, ein paar bestandene Brandmeister-Prüfungen und das Leben an sich gefeiert. Das Wetter ist toll, das Essen lecker, die Getränke auch, der DJ macht einen guten Job und die Gäste sind wunderbar divers. Und ein wenig skurril.

Meine Highlights:

  • Die ehemalige Industrie-Kletterin, die meinen festen Händedruck lobt, worüber ich mich als alter People-Pleaser unnormal doll freue. Ihr Kreuz ist so breit, dass ich mir sicher bin, sie könnte es mit jedem auf dem Fest aufnehmen. Wahrscheinlich sogar mit allen gleichzeitig.
  • Der mittevierzigjährige Profi-Skater, der mir ausführlich erläutert, was das Wichtigste bei der Kindererziehung ist. Irgendwann stellt sich raus, dass er selbst gar keine Kinder hat.
  • Der Berufssoldat, mit dem ich über Wehr- und Zivildienst, seine Ablehnung von Krieg und „Eine Frage der Ehre“ mit Tom Cruise und Jack Nicholson rede.
  • Die junge Frau mit den rotummalten Augen, die bei uns um die Ecke im Büro einer Modelagentur gearbeitet hat und daher den Prediger kennt. Genau wie ich, mochte sie ihn und fürchtete sich gleichzeitig ein wenig vor ihm.
  • Der älterer Ost-Hippie, der häufiger in Moabit ist, weil dort die Praxis seiner Heilerin liegt. Ich denke zuerst, er macht einen Spaß, aber er lacht nicht. Später behauptet er, der Karneval in Düsseldorf sei besser als der in Köln. Da ist mir klar, dass er ein bisschen verrückt ist.

14. Juli 2024, Berlin

Heute ist Nationaler Tag der Nacktheit. Ich gehe trotzdem bekleidet joggen.


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Eine kleine Wochenschau | KW28-2024

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


08. Juli 2024, Berlin

Heute ist Sei-nochmal-ein-Kind-Tag. Bevor ich ihn feiere, wüsste ich gerne, wie alt das Kind ist, das ich nochmal sein soll. Ich wäre ungern wieder neun oder zehn. Dann müsste ich Hausaufgaben machen, um acht ginge es ins Bett und meine Fernseh- und Handyzeiten wären reglementiert. (Okay, als ich neun war, gab es noch gar keine Handys. Beziehungsweise sie hatten die Größe von Schrankkoffer und waren Millionären vorbehalten.)

Drei fände ich als Alter dagegen ganz okay. Dann könnte ich ein Mittagsschläfchen machen. Erst als Erwachsener ist einem klar, dass man das damals viel zu wenig geschätzt hat.

Titelbild mit einer pyramidenförmigen Lichtinstallation
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Eine kleine Wochenschau | KW27-2024

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


01. Juli 2024, Berlin

Trete vor der Haustür in ein Kaugummi. Bemerke das erst in der Küche, als ich bei jedem Schritt ein „Klebegeräusch“ mache. Da lobe ich mir Singapur. Dort ist Kaugummikauen verboten. Die Strafen für Zuwiderhandlungen liegen im vierstellige Euro-Bereich.

So weit möchte ich gar nicht gehen. Mir würde es reichen, meine verklebten Sohlen an dem T-Shirt der Person abzurubbeln, die den Kaugummi auf den Bürgersteig gespuckt hat. Ich würde den Schuh sogar vorher ausziehen.

Titelbild mit einem Spielzeug-Laptop für kleine Kinder
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