Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
25. Mai 2026, Berlin
„Tod, Hölle, Verdammnis.“ Erst von Weitem, dann immer näherkommend höre ich einzelne Worte. Dröhnend und voller Leidenschaft. Das heißt, der Prediger zieht durch die Straße.
Vor der St.-Paulus-Kirche, gegenüber von unserem Haus, bleibt er stehen. Nun legt er richtig los. Mit Verve, Pathos und Eifer schleudert er seine zornige Litanei in den Kirchhof. Neben Tod, Hölle und Verdammnis redet er vom Paradies, von der Sünde und den Verfehlungen der katholischen Kirche. Durchaus eloquent in der Darbietung, aber etwas wirr in der Argumentation.
Vielleicht kann ich ihm aber auch nicht ganz folgen, weil es drei Uhr morgens ist und mich der Prediger mit seinem Wut-Vortrag aus dem Tiefschlaf gerissen hat. Da fehlt es einem schon mal an intellektueller Tiefe und geistiger Schnelligkeit.

26. Mai 2026, Berlin
Heute haben alle Alwins, Augins und Regintruds Namenstag. Praktischerweise ist gleichzeitig National Sorry Day. Da können sich alle Eltern, die ihre Kinder Alwin, Augin oder Regintrud genannt haben, bei ihnen entschuldigen.
27. Mai 2026, Berlin
Tock, tock, tock. Trippel, trippel, trippel.
Sitze am Schreibtisch, als eine Taube auf der Fensterbank landet. Ich arbeite gerade an einer anspruchsvollen Terminvorbereitung. Auf Englisch. Eine Aufgabe, die meine volle Konzentration erfordert.
Der Taube ist das egal. Sie läuft auf und ab, pickt mit dem Schnabel gegen die Scheibe und glotzt mich an. Ziemlich penetrant. Und etwas unheimlich. Tauben können sehr eindringlich schauen.
Tock, tock, tock. Trippel, trippel, trippel.
Keine Ahnung, was sie von mir will. Gar nichts, wie sich herausstellt.
Mit dem Getocke und Getrippel lockt sie eine zweite Taube an. Die beiden beäugen sich, turteln ein wenig und befinden sich schließlich für gut. So gut, dass Taube 1 Taube 2 besteigt. Es wird geruckelt, geflattert und gegurrt, als gäbe es kein Morgen mehr.
Nicht gerade förderlich, wenn du auf Englisch zusammenfassen musst, was das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ist und wie das Forschungsministerium dazu steht. „Meine Güte“, denke ich. „Nehmt euch ein Zimmer.“
Das Spektakel lockt eine weitere Taube an. Die hat Interesse an einem Dreier und versucht ebenfalls, auf Taube 2 zu klettern. Das findet Taube 1 nicht so gut. Sie pickt nach dem Nebenbuhler und schlägt mit den Flügeln nach ihm, bis er abhaut.
Taube 1 und 2 setzen ihr Stelldichein geräuschvoll fort. Sehr geräuschvoll. An Arbeiten ist während dieses Tauben-Pornos nicht zu denken. Ob ich meiner Kundin schreiben kann, dass ich nicht rechtzeitig fertig werde, weil vor meinem Bürofenster zwei Tauben vögeln?
28. Mai 2026, Berlin
Meine Frau hat ihre Ü-50-Darmspiegelung hinter sich gebracht. Wir sind beide froh, dass der Termin vorbei ist. Zum einen brachte er keinen unerfreulichen Befund hervor, zum anderen können wir uns jetzt wieder halbwegs ausgewogen ernähren.
Normalerweise stehen auf unserem Speiseplan relativ viel Gemüse, Reis, Vollkornprodukte und Müsli. Alles, was das Herz von Ernährungsmediziner*innen höher schlagen lässt.
Vor einer Darmspiegelung sind diese Lebensmittel problematisch. Da muss deine Nahrung möglichst smooth sein. Damit beim Abführen nichts im Darm übrig bleibt und der Arzt oder die Ärztin den vollen Durchblick hat, ohne dass etwas Kleinteiliges oder Faseriges die Sicht behindert.
Sieben Tage vor der Prozedur sollst du beispielsweise Gemüse nur ohne Schale und Kerne verzehren. Das schränkt die Auswahl erheblich ein. Wer will schon seine Tomaten oder Gurken häuten und entkernen. Das haut- und kernlose Gemüse muss darüber hinaus gedünstet oder püriert werden. Auch nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig. Weder bei der Herstellung noch beim Verzehr.
Bei Brot gelten Weizenprodukte als hui, Vollkornerzeugnisse sind dagegen pfui. Das gleiche gilt für Nudeln. (Da schütteln sich die Ernährungsmediziner*innen.)
Als autoritätshörige Menschen haben wir diese Vorgaben selbstverständlich penibel befolgt. Schließlich ist das eine medizinische Anweisung. Seit einer Woche haben wir uns nahezu ausschließlich von Nudeln, Gnocchi und Pellkartoffeln ernährt. Und ab und an ein paar Karotten gegessen, damit uns nicht irgendwann die Haare ausfallen.
Da ich keine Darmspiegelung bekomme, hätte ich eigentlich ganz normal essen können. Habe ich aber nicht. Das wäre schäbig gewesen. Meine Frau isst den dritten Tag hintereinander Kartoffeln und ich pfeife mir Lachs mit Brokkoli und Sahnesauce rein.
Nicht umsonst heißt es im Ehegelübde schließlich „in guten wie in schlechten Tagen“. Das schließt dann auch ein, dass du dich im Vorfeld einer Koloskopie deiner Partnerin gemeinsam mangelernährst bis kurz vorm Skorbut. Beim Abführen habe ich mich allerdings nicht mehr solidarisch gezeigt. So viel „Mitgehangen, Mitgefangen“ wäre doch übertrieben.
29. Mai 2026, Berlin
Mich erreicht eine Kooperationsfrage. Sowohl auf Instagram als auch in der Inbox. Da scheint richtig großes Interesse an einer Zusammenarbeit zu bestehen.
Die Nachricht ist von Haarvana. Ein Spitzen-Unternehmensnamen, weil das Start-up ein Färbeshampoo entwickelt hat, das graue Haare und herauswachsenden Haaransatz abdeckt. Einfach, schnell und natürlich. Das Ergebnis: Du siehst frischer und jünger aus.
Haarvana mag meinen authentischen Stil. So steht es in der Mail. Daher würde ich sehr gut zu der Marke passen. Sie bieten an, mir das Produkt kostenfrei zu schicken. Im Gegenzug würde ich Video-Content erstellen, den sie dann für Social Media und Werbeanzeigen verwenden.
Wenn ich den Vorschlag richtig verstehe, sehe ich so authentisch grau aus, dass ich das perfekte Haarfärbe-Testimonial bin, ich soll aufwändiges Material erstellen und mein Gesicht für Marketing-Aktivitäten zur Verfügung stellen. Bezahlt werde ich dafür mit einer Flasche Shampoo.
Hört sich an, als wäre die Mail der Gewinner des Wettbewerbs: „Wie nennen wir den Typ alt und dumm, ohne ihn alt und dumm zu nennen.“
30. Mai 2026, Berlin
Seit letzter Woche haben wir zwei neue Mitbewohner. Zwei Stubenfliegen. Statt draußen das vorsommerliche Wetter zu genießen, ziehen sie es vor, ihre begrenzte Lebenszeit in unserer Wohnung zu verbringen.
Die eine der beiden ist ziemlich groß. Und sehr laut. Wenn sie rumfliegt, hörst du das problemlos zwei Zimmer weiter. Sie klingt wie eine Mischung aus Propellermaschine und Zweitakter-Rasenmäher mit Fehlzündung.
Besonders clever ist sie nicht. Sie fliegt andauernd gegen die Fensterscheiben. Obwohl alle unsere Fenster auf kipp stehen. Da könnte sie problemlos durch den Spalt in die Freiheit fliegen. Tut sie aber nicht. Immer wieder und wieder dotzt sie gegen die Scheiben. Dann wundert sie sich kurz, was das für eine unsichtbare Barriere ist, die sie am Rausfliegen hindert. Anschließend dengelt sie wieder gegen das Glas. Ihre Lernkurve ist eine Gerade. Eine leicht abschüssige Gerade.
Die andere Fliege ist eher klein. Sie leidet an Verlustängsten. Sie hält sich immer dort auf, wo ich gerade bin. Wir haben eine großzügige 125-Quadratmeter-Wohnung mit vier Zimmern, Küche, Bad. Geräumig genug, dass wir uns aus dem Weg gehen könnten. Will die Fliege aber nicht. Sie folgt mir auf Schritt und Tritt.
Ihre Anhänglichkeit geht noch weiter. Ich soll ihr nicht nur Gesellschaft leisten, sondern sie will auch auf mir rumkrabbeln. Mache ich mir in der Küche einen Kaffee, läuft die Fliege über meinen Nacken. Sitze ich auf Toilette, spaziert die Fliege über meine entblößten Oberschenkel. Liege ich abends im Bett und lese, flaniert die Fliege über mein Gesicht. Im Hintergrund knallt ihre dicke Schwester gegen die Scheibe.
Meine Versuche, die kleine Fliege zu vertreiben, bleiben erfolglos. Sie lässt sich auf meinem Arm nieder, ich verscheuche sie, drei Sekunden später landet sie erneut auf mir, ich jage sie ein weiteres Mal weg, nach drei Sekunden ist sie zurück. So geht das weiter und weiter und weiter. Ein ewiger, nicht enden wollender Kreislauf.
Ich komme gar nicht mehr zum Arbeiten, weil ich ununterbrochen mit den Armen fuchtle. Die Hälfte meines aktiven Kalorienverbrauchs ist auf meine ständigen Wedelbewegungen zurückzuführen.
Ist die Fliege mal nicht da – was sehr selten der Fall ist –, komme ich trotzdem nicht zur Ruhe. Auch in ihrer Abwesenheit spüre ich, wie ihre kleinen Füßchen über meine Haut trippeln. Phantom-Kribbeln sozusagen.
Laut Wikipedia besteht der Nutzen von Stubenfliegen darin, dass ihre Larven beim Recycling von Nährstoffen in der Natur helfen können. Oder sie dienen als Futterinsekten. Meine Stubenfliegen haben eine andere Bestimmung: Mich in den Wahnsinn zu treiben.
31. Mai 2026, Berlin
Vor dem Moa-Center kommt mir ein Typ entgegen. Fettiges Haar, unrasiert, leichte Asi-Vibes ausstrahlend. Auf seinem T-Shirt steht: „Ich habe das schon verstanden, ist mir aber egal.“ Wahrscheinlich ist sein „Ich bin ein dummes Arschloch“-Shirt in der Wäsche.
Wobei ich mich diesbezüglich nicht allzu sehr erheben sollte. Ich blicke selbst auf eine wenig ruhmreiche Motto-T-Shirt-Vergangenheit zurück.
Mit Anfang 20, ich machte gerade Zivildienst in Freiburg, sah ich in einem Laden eine Postkarte mit dem Aufdruck „Alles Schlampen außer Mutti“. Der Spruch gefiel mir. Warum? Ich weiß es nicht mehr. Hielt ich das für ironisch? Oder für provokant und edgy? Wahrscheinlich war ich einfach ein Trottel.
Dabei war mein 20-jähriges Ich kein Incel, der Frauen hasst, weil ihn keine ranlässt. Okay, meine Suche nach einer Freundin war von chronischer Erfolgslosigkeit gekennzeichnet, aber ich stand dem weiblichen Geschlecht dennoch wohlwollend gegenüber. Was mich nicht daran hinderte, die Karte käuflich zu erwerben.
Ich wünschte, ich könnte sagen, die Karte hing an meiner Pinnwand und niemand nahm Notiz von ihr. Das war nicht der Fall. Dafür sorgte ich selbst, indem ich mir die Karte auf ein T-Shirt drucken ließ und den Spruch „Alles Schlampen außer Mutti“ auf meiner Brust spazieren trug.
Nein, Sie haben sich nicht verlesen: Ich ging zuerst in ein Schreibwarengeschäft, investierte dort einen Teil meines Zivi-Gehalts in die Postkarte, latschte anschließend durch die halbe Stadt zu einem Textildruck-Shop, suchte mir ein T-Shirt aus (grau meliert) und erklärte dem Mitarbeiter, wie er die Postkarte platzieren solle, damit der Spruch besonders gut zur Geltung kommt.
So viel Energieaufwand, um der Welt mitzuteilen, dass außer Mutti alles Schlampen sind. Bestimmt dachten die Menschen, die mich damals sahen, mein „Ich bin ein dummes Arschloch“-T-Shirt ist gerade in der Wäsche.
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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Sein neues Buch „Wenn ich groß bin, werde ich Gott“ ist im November erschienen. Ebenfalls mehr als zu empfehlen sind „Hilfe, ich werde Papa! Überlebenstipps für werdende Väter“, „Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit“ sowie „Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“*. (*Affiliate-Links)
