Corona-Föhrien 2020 – Tag 12: Von peinlicher Masken-Verweigerung, Wattwander:innen-Typologien, gechillten Robben, Muscheln, die nicht gut drauf sind, und dem Sexleben der Wattwürmer

Der (fast) alljährliche Urlaubsblog. Diesmal nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Zur besseren zeitlichen Orientierung sei erwähnt, dass der Urlaub Ende Juni / Anfang Juli stattfand. Die kompletten Beiträge finden Sie hier.


Corona-Leugnen für Anfänger

„Guten Morgen“, begrüße ich die Bäckereifachverkäuferin. „Ich hätte gerne drei Campingwecken, ein Dünen-Krusti und einen Kornkracher.“ Ich bezahle – in Corona-Zeiten selbstverständlich immer schön kontaktlos mit Karte –, nehme meine Brötchentüte und freue mich auf ein leckeres Frühstück. Als ich den Laden verlasse und die EC-Karte wegstecke, schaue ich auf meine Hand und erblicke: Meine Maske!

Ja, ich bin tatsächlich maskenlos in die Bäckerei gestiefelt, habe alle freundlich begrüßt, als wäre alles in Ordnung, und habe vollkommen ungeniert meine Aerosole durch den Laden gepustet. Gleichzeitig habe ich die ganze Zeit meine Maske in der Hand gehalten. Deutlicher kannst du deinen Mitmenschen nicht sagen: „Ihr könnt mich alle mal, ich scheiß‘ auf eure Gesundheit. Ich trage keine Maske, weil die zwickt ein bisschen hinterm Ohr und ich lass‘ mir von der Merkelin doch keinen Maulkorb verpassen!“ Bei der Wahl zum Insel-Arsch des Tages sollte mir der erste Platz heute sicher sein.

Auf dem Weg zurück in die Ferienwohnung frage ich mich, wie das passieren konnte. Bin ich im Unterbewusstsein Corona-Leugner und Hygiene-Hetzer? Was kommt als nächstes? Stelle ich mich morgen auf die Strandpromenade und rufe den Vorbeilaufenden zu: „Die wollen uns alle chippen! Gebt euch in acht vor Bill Gates und den Reptiloiden! Wacht endlich auf, ihr Schlaf-Schafe!“ Und organisiere ich dann Hygiene-Demos vor dem Musikpavillon, werde Vorsitzender des nordfriesischen QAnon-Zirkels und agitiere irgendwann gegen Hirse-Hitler Hildmann, weil der mir zu links und wissenschaftshörig ist?

Irgendwann sitze ich schließlich als gebrochener Mann im Strandkorb, murmle „Die Erde ist doch flach!“ und esse so viele Camping-Wecken, bis ich platze. (Das scheint mir auf jeden Fall ein erstrebenswerterer Tod zu sein, als meinem Leben mit einem Schluck aus dem Schierlingsbecher zu beenden.)

Das Wattwandern ist des Touristen Lust

Der heutige Tag steht ganz im Zeichen der geplanten Wattwanderung. Neben unserer Rad-Tour und dem Mini-Golf-Ausflug die dritte Aktivität in unseren zwei Wochen auf Föhr. Ein guter Schnitt, wie ich finde. Das Urlauben soll ja nicht in Stress ausarten.

Gegen halb zwei erreichen wir mit unseren Leihrädern den Treffpunkt am Deichparkplatz in Dunsum. Da noch etwas Zeit ist, nötigen wir uns und vor allem den Sohn, nochmal auf Toilette zu gehen. („Ich muss aber nicht.“ „Versuch’s einfach.“ – Dialoge aus denen du nicht schließen kannst, ob das Kind zwei oder achtzehn ist.) Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es kein schönes Erlebnis ist, mit einer vollen Blase stundenlang durchs Watt zu latschen. Dort hast du keinerlei Möglichkeiten, dich zu erleichtern, ohne dass die Mit-Wattwandernden daran Anstoß nehmen könnten. Außer du gehst einfach in einen hüfthohen Priel, aber da giltst du dann auch als „der Merkwürdige“.

Einige Wattwandernden, die noch überpünktlicher sind als wir, drängen sich bereits um das Auto von H.J. Fischer. Eine Leserin hat mir gestern auf Facebook geschrieben, dass er Mitte 80 ist. So sieht er jedoch nicht aus. Er ist zwar ziemlich klein, kaum mehr als 1,50 Meter, schätze ich, aber körperlich in Topform. Eigentlich müsste ich jetzt schreiben, ich wäre froh, wenn ich in seinem Altern noch so fit wäre, allerdings war ich das wahrscheinlich noch nie in meinem Leben. Von den fast täglichen Ausflügen ins Watt seit mehr als 50 Jahren haben seine Wadenmuskeln die Größe von Pampelmusen. Wenn ich gegen einen Menschen kein Ausscheidungswandern durchs Watt machen möchte, ist es definitiv H.J. Fischer.

Die Frau ernennt mich delegativ zum Familienabgesandten, um die Lage auszukundschaften. („Ich denke, wir müssen da auch mal hingehen.“) Ich begrüße H.J. Fischer und erkläre, wir hätten gestern telefoniert. Er tut so, als könne er sich daran erinnern und sagt, dass er uns wegen Corona noch einbuchen müsse. Was sich nach Infektionsschutz-Datenbankprogramm anhört, das direkt mit dem Robert-Koch-Institut, dem Bundesgesundheitsministerium und dem Verfassungsschutz vernetzt ist, entpuppt sich als schnöder Papierzettel, auf dem ich unsere Kontaktdaten notieren muss, und der dann in einen Schuhkarton zu Hunderten von anderen Anmeldeschnipseln gestopft wird.

Während fleißig die Zettel ausgefüllt werden, schaue ich mir die Mitwandernden an. Das ist jetzt meine fünfte Wattwanderung, und ich habe festgestellt, dass immer sehr ähnliche Typen von Menschen mit am Start sind.

  • Der pensionierte Oberstudienrat: Groß, weißhaarig, mit randloser Brille. Bevorzugtes Beinkleid sind khakifarbene Shorts mit unzähligen Taschen, in denen wahrscheinlich der GEO-Spezial-Nordsee-Reiseführer, ein Kompass sowie ein Miniaturmikroskop stecken. Trägt auf dem Kopf eine Mütze mit Sonnenschutzverlängerung hinten, so dass er aussieht, als würde er nicht im Watt, sondern in der Sahara wandern. Versucht, mit langatmigen Nachfragen, die leicht in mansplainende Co-Referate abdriften, zu demonstrieren, dass er mehr über die Tier- und Pflanzenwelt des Wattenmeers weiß als der Wattführer, was bei Wattführer-Legende H.J. Fischer selbstverständlich unmöglich ist.
  • Die Schlauberger-Kinder: Zwischen acht und zehn Jahre alt. Haben bereits vor ihrer Einschulung die komplette „Was ist Was“-Reihe durchgearbeitet. Durften während der Corona-Home-Schooling-Zeit ab und an mal etwas länger an den PC, was sie dazu genutzt haben, um in der Mediathek alle Folgen von „Sendung mit der Maus“, „Willi will’s wissen“ und „Wissen macht ah!“ durchzuschauen, anstatt Clash Royal zu spielen, bis sie Krämpfe in den Händen haben, wie das alle anderen Kinder in dieser Zeit taten. Beantworten mit Vorliebe die Fragen des Wattführers oder stellen altkluge Fragen, um zu zeigen, was sie alles wissen. Sind nicht selten die Enkel:innen des pensionierten Oberstudienrats.
  • Die verwitwete Seniorin: Trägt ihr weiße Haar in einem praktischen Kurzhaarschnitt, ist ein wenig untersetzt, aber körperlich topfit, weil sie täglich nordisch walkt. Hat jahrzehntelang mit ihrem Mann Rainer Urlaub an der Nordsee gemacht. Kommt jetzt immer alleine nach Föhr, seit er vor fünf Jahren verstorben ist. Sammelt während der Wattwanderung Muscheln und Steine, weil sie das an Rainer erinnert. Ist etwas genervt von dem pensionierten Oberstudienrat, weil der immer alles besser weiß, was sie ebenfalls an Rainer erinnert.
  • Das Sport-Ehepaar: Aufgrund ihrer unzähligen sportlichen Aktivitäten sehr dünn, sehnig und fast schon ausgemergelt. Tragen immer atmungsaktive Funktionsshirts, ihr bevorzugtes Schuhwerk außerhalb des Watts sind Wandersandalen. Machen auf Föhr gerade einen kurzen Zwischenstopp auf ihrer Fahrradtour quer durch Europa. Nehmen in erster Linie an der Wattwanderung teil, um mit der Acht-Kilometer-Strecke ein knappes Viertel ihres täglichen Schrittziels abzudecken.
  • Die Familien mit Kindern: Variante A: Kinder (maximal zwölf Jahre alt) sind sehr enthusiastisch und Feuer und Flamme für die Wattwanderung. Variante B: Kinder sind in der Pubertät und trotten lustlos mit, weil sie null Bock auf die scheiß-öde Wattwanderung haben, sondern lieber zocken würden. Die Eltern sind alle gestresst, weil sie ihre Kinder dauernd ermahnen müssen, leise zu sein (Variante A) oder nicht so ein Gesicht zu ziehen und nicht so zu trödeln. (Variante B).

Um kurz nach 14 Uhr geht es los und unsere Gruppe von knapp 50 Personen steigt ins Watt. In Corona-Zeiten eigentlich ein paar Leute zu viel, wie ich finde. Damit wir genügend Abstand halten und ihn trotzdem alle verstehen, macht H.J. Fischer seine Ansagen durch ein kleines Megafon, was der Wanderung einen leichten H-Blockx-Touch verleiht. (Die Älteren erinnern sich.)

Miesgelaunte Herzmuschel

Nach circa zehn Minuten bleiben wir stehen und H.J. Fischer fordert uns auf, Herzmuscheln auszugraben. Mindestens zehn bis zwanzig Stück! Ich muss zugeben, ich bin kein großer Freund davon, im Schlick rumzuwühlen und mir die Hände schmutzig zu machen. Es hat schon seinen Grund, warum ich einen Schreibtischjob habe und warum ich mich früher immer vor der Gartenarbeit gedrückt habe. H.J. Fischer ist aber sehr eindeutig, was diese Muschelausgraberei angeht. „Und alle machen mit“, ruft er energisch in sein Megaphon.

Da ich nicht als der griesgrämige Miesepeter dastehen will, der ich tatsächlich bin, grabe ich also auch ein paar Muscheln aus. Anschließend sollen wir sie alle wieder ins flache Wasser legen. Nach einem kurzen Moment fängt eine meiner Muscheln an, sich zurück ins Watt einzugraben. Dabei denkt sie wahrscheinlich: „Was bist du eigentlich für eine Arschgeige? Ich war die letzten vierzehn Tage unterwegs zu Michael für ein kleines Techtelmechtel, und du Himbeer-Toni hast nichts Besseres zu tun, als mich auszubuddeln und einfach wahllos irgendwo abzusetzen? Fuck YOU!“

Miesmuscheln. Nicht im Bild.

Lebe munter, lebe froh, wie ein Seehund mit `nem dicken Po

Nach ungefähr anderthalb Stunden erreichen wir die Kormoraninseln, wo ein paar moppelige Seehunde gemütlich abhängen. Um sie nicht zu stören, müssen wir Abstand halten und dürfen sie nur von Weitem beobachten. Mit seiner Forke, die er mit sich führt, zieht H.J. Fischer extra einen Strich in den Wattboden, den wir auf keinen Fall übertreten dürfen. Und falls wir es doch tun, bin ich mir ziemlich sicher, dass uns H.J. Fischer die Forke in den Fuß rammen wird.

Das Beobachten der Seehunde ist jetzt nicht eines der außergewöhnlichsten Erlebnisse, dem ich jemals beiwohnen durfte, aber das ist gerade das Tolle. Sie liegen hauptsächlich faul rum und robben nur ab und an ins Wasser, um zu trinken und sich einen kleinen Fisch als Snack zu gönnen. Ein beneidenswerter Lebensstil. Keine Termine, keine Deadlines, keine Hektik, kein Burn-out, keine Selbstoptimierung, kein Clean-Eating, kein Rassismus, kein Sexismus, kein Bodyshaming, einfach nichts, was zu Stress, Konflikten und Streitereien führt. Vielleicht werde ich im nächsten Leben doch kein Schaf, sondern ein Seehund. Wobei das mit dem „ab und an ins Wasser robben“ müssen, um etwas fressen zu können, nicht ganz so attraktiv ist. Und der Handy-Empfang hier draußen ist auch eher bescheiden.

Auf dem Bild haben sich ein paar Seehunde versteckt

Was Sie schon immer über das Sexleben von Wattwürmern wissen wollten

Etwas später wird ein weiterer Stopp eingelegt, und H.J. Fischer erzählt etwas zum Wattwurm. Der erfüllt eine extrem wichtige Aufgabe im Watt, denn er frisst unablässig Sand und kotet ihn wieder aus, was aus irgendwelchen Gründen gut für den Nährstoffgehalt im Boden ist.

So richtig Dankbarkeit zollen wir den Wattwürmern aber nicht. Zunächst gräbt H.J. Fischer ein paar von ihnen mit der Forke aus, was die Chance erhöht, dass sie später von Möwen gefressen werden. Anschließend werden sie auf die Hände von übereifrig-freiwilligen Schlauberger-Kindern gelegt, damit sie die Würmer den umstehenden Wattwandernden präsentieren. Diese müssen entweder Interesse oder Ekel an den Tag legen sowie semi-lustige Sprüche machen („Wie schmeckt der denn?“). Zum Schluss werden sie wieder aufs Watt gelegt, wo sie sich zum Amüsement der Wattwandergesellschaft eingraben müssen. Fast schon wie Raubtier-Shows früher im Circus Maximus. Nur ein bisschen langweiliger, weil die Wattwürmer ja keine Menschen auffressen.

Nun informiert uns H.J. Fischer über das Sexleben der Wattwürmer. Das ist eher ernüchternd, denn es findet ohne direkten Körperkontakt statt. (In Corona-Zeiten ja nicht das Schlechteste.) Die Wattwurmmännchen ejakulieren einfach ins Wasser, die Spermien gelangen schwimmend zu den Wattwurmweibchen, befruchten deren Eier und fertig ist die Laube. Beziehungsweise die Wattwurm-Schwangerschaft.

Ich könnte mir vorstellen, dass es bei dieser Art der Fortpflanzung nicht ganz leicht ist, später die Vaterschaft festzustellen. Wie soll das gehen, wenn alle Wattwurmmännchen gleichzeitig in die Nordsee riemeln, während alle Wattwurmweibchen dort herumschwimmen? Vor allem weil sich die Babys ja auch wahnsinnig ähnlich sehen. Da könnte jeder der Vater sein. Der Wattwurm-Postbote, der Wattwurm-Bäcker, der Wattwurm-Lehrer oder der Wattwurm-Gärtner, um nur ein paar zu nennen.

Besonders oft pflanzen sich die Wattwürmer nicht gerade fort. Sie haben nur einmal im Jahr Sex. (Was immer noch häufiger ist, als ich in meiner Teenagerzeit.) Terminlich ist das alles sehr strikt geregelt. Der Akt findet immer nur im Oktober bei Vollmond statt. Für mich ist nur sehr schwer nachvollziehbar, was da der evolutionäre Vorteil sein soll. Stell dir vor, du buchst versehentlich deinen Jahresurlaub genau in den Oktober und dann musst du ein ganzes Jahr warten, bis du dich wieder sexuell betätigen darfst. Also, Wattwurm möchte ich in meinem nächsten Leben definitiv nicht werden.

Da war noch was mit Ebbe und Flut

Zum Ende der Wattwanderung erzählt H.J. Fischer – quasi als finalen Höhepunkt –, wie das mit Ebbe und Flut funktioniert. Ich höre das inzwischen zum fünften Mal und kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass es etwas mit der Anziehungskraft des Mondes und der Sonne sowie der Drehung der Erde zu tun hat. Wenn sie es genauer wissen wollen, fragen sie den pensionierten Oberstudienrat. Oder eins der Schlauberger-Kinder.

Anschließend erklärt H.J. Fischer die Wattwanderung für beendet und geht nur noch mit allen zurück Richtung Dunsum. Dabei läuft er mit großen Schritten und einem erstaunlichen Tempo zurück zum Deich. Wahrscheinlich wäre er noch viel schneller, wenn die ganzen lahmen Touris nicht wären.


Unser tägliches Kniffel-Spiel gib uns heute

Die Würfel meinen es einerseits gut mit mir, da ich ein wenig aufholen kann, dann verpassen sie mir aber eine richtige Schelle: Wir spielen jeden Tag eine Runde, bei der wir die Zahlen und Kombinationen von oben nach unten nacheinander würfeln müssen. Zuerst Einsen, dann Zweien, Dreien usw. bis zum Schluss Kniffel und Chance dran sind. Als die Vieren verlangt sind, werfe ich mit dem ersten Wurf einen Zweier-Kniffel, den ich nicht verwenden kann. Ein legitimer Grund, um auch als erwachsener Mensch zu weinen, wie ich finde.

54 Kommentare zu “Corona-Föhrien 2020 – Tag 12: Von peinlicher Masken-Verweigerung, Wattwander:innen-Typologien, gechillten Robben, Muscheln, die nicht gut drauf sind, und dem Sexleben der Wattwürmer

  1. „… wenn alle Wattwurmmännchen gleichzeitig in die Nordsee riemeln…“
    Auch wenn ich bei dieser Vorstellung wohl nie wieder in der Nordsee schwimmen werde; jedenfalls nicht zum Vollmond im Oktober; hat mir dieser Terminus meinen heutigen Shyce©-Tag gerettet! Danke dafür!

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