Corona-Föhrien 2020 – Tag 2: Von zu gut gelaunten Radio-DJs, Kommunikationsschwierigkeiten beim Bäcker, müden Müttern, die mit Kindern spielen, und halbvollen Gläsern

Der (fast) alljährliche Urlaubsblog. Diesmal nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Zur besseren zeitlichen Orientierung sei erwähnt, dass der Urlaub Ende Juni / Anfang Juli stattfand. Die kompletten Beiträge finden Sie hier.


Gute-Laune-Terror aus dem Radio

„Hahaha!“, lacht es fröhlich aus dem Radio. Es ist kurz nach acht, auf NDR2 läuft die Morningshow und das Moderations-Duo ist unfassbar gut gelaunt. Also, wirklich unfassbar gut gelaunt. So richtig übertrieben, aufdringlich und unangenehm gut gelaunt. Bei mir ruft das eher schlechte Laune hervor. Kurz nach dem Aufwachen und vor dem ersten Kaffee bin ich lediglich zu unartikulierten Knurrlauten fähig. Sogar auf Partys und nach dem Genuss diverser alkoholischer Getränke ist meine Stimmung nicht annähernd so ausgelassen-ekstatisch wie bei diesen Radio-DJs aus der Hölle.

Meine Güte, die beiden sind schon seit fünf Uhr auf Sendung und kalauern sich mit objektiv nur mäßig lustigen Gags durchs Programm. Dabei lachen sie dann immer wieder gekünstelt unnatürlich wie ein Grundschüler in der Theater-AG, dem die Lehrerin gesagt hat, er solle jetzt mal so richtig dolle lachen. Schlimm! Wie kommen die beiden wohl in diesen Gefühlszustand? Wahrscheinlich trinken sie keinen Kaffee, sondern bekommen intravenös Guarana gespritzt und hauen sich zusätzlich einen Cocktail aus Amphetaminen, Kokain und Ecstasy rein, um ihre Stimmung auf Pallim-Pallim-Level zu pushen.

Aber die beiden sind nicht alleine mit ihrer unerträglich guten Laune. Erstaunlicherweise sind sogar HSV-Fans, die heute früh in der Sendung anrufen dürfen, bester Stimmung. Die haben eigentlich wirklich keinen Grund zu Frohsinn. Gestern hat der HSV nämlich – mal wieder – den Aufstieg vergeigt. (An dieser Stelle einen ganz lieben Gruß an meinen ehemaligen Kollegen Christoph!) Und zwar so richtig spektakulär. Mit einer 1:5-Klatsche. Zuhause. Gegen die SV Sandhausen. Schlimmer geht es nicht. Jetzt dürfen sie im Radio davon erzählen, wie ihre Gemütslage heute ist. Anscheinend nicht allzu schlecht. „Muss halt weitergehen, hihi.“ „Sie haben es einfach nicht verdient, haha.“ „Dann halt im nächsten Jahr, hoho.“ Wahrscheinlich haben die alle noch Restalkohol.

Möglicherweise sind aber das Moderationsduo und die anrufenden HSV-Fans auch alle normal gut gelaunt und ich lebe einfach schon zu lange in Berlin, wo die Menschen nicht gerade für überschäumend gute Laune bekannt sind. Hier gilt alles, was keine unflätige Pöbelei ist, als ausgelassene Fröhlichkeit.

Meine Gedanken über lokal unterschiedliche Gute-Laune-Konzepte, werden von der Wetterfrau im Radio unterbrochen: „Maximal 18 Grad und immer wieder Schauer“, erzählt sie. Der guten Stimmung im Studio tut das keinen Abbruch „Wie heißt es so schön: Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung!“, sagt der Moderator. Seine Kollegin gibt ihm zu meiner Überraschung keine Schelle für die Verwendung abgedroschener Phrasen, sondern erwidert: „Ganz genau!“ Dann lachen beide überschwänglich und hauen sich dabei wahrscheinlich die Schenkel blutig. Anscheinend ist Gute-Laune-Maßstab doch nicht Berlin-verzerrt, sondern die beiden sind tatsächlich Soziopathen, die nicht wissen, wie Frohsinn und Ausgelassenheit angemessen ausgedrückt werden.

Gimme my Campingwecken!

Zum Glück gibt es auf Föhr andere Möglichkeiten, die Stimmung aufzuhellen, ohne auf illegale Substanzen zurückzugreifen, die gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen: Campingwecken! Sollten Sie meinen letzten Föhr-Urlaubsblog gelesen haben, erinnern Sie sich vielleicht daran, dass ich Campingwecken eine geradezu religiöse Verehrung entgegenbringe und mit dem Gedanken gespielt habe, eine Glaubensgemeinschaft zu gründen, die sich mit Körper und Geist voll und ganz dem Verzehr von Campingwecken widmet. (Lediglich ein Mangel an finanziellen und zeitlichen Ressourcen hat mich an der Umsetzung dieses Vorhabens gehindert.)

Um meinem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag nachzukommen, hier ein paar Hintergrundinformationen zu Campingwecken:

  • Beschaffenheit: Campingwecken bestehen aus einem äußeren ungesüßten Hefeteig, der den inneren süßen Hefeteig, der mit Hagelzucker gespickt ist, umschließt. Dieser geniale Back-Move bewirkt, dass die Konsistenz des inneren Hefeteigs auch nach dem Backen derart saftig und feucht bleibt, dass ich es gar nicht zu beschreiben vermag, ohne den Beitrag mit einer USK18-Warnung versehen zu müssen.
  • Bezeichnung: Der Name Campingwecken stammt angeblich daher, dass die äußere Teigschicht die innere wie ein Wanderpaket umschnürt. Eine Herleitung, die für mich nur bedingt schlüssig ist, denn dann müssten Campingwecken ja Wanderwecken heißen. Wer auch immer sich das ausgedacht hat, hat sich sein Hirn wahrscheinlich mit zu viel Campingwecken verklebt. Wobei es „zu viele“ Campingwecken gar nicht gibt. Von daher ist der Name super!
  • Medizinischer Effekt: Campingwecken sind nicht nur lecker, sondern ihnen wird auch eine heilende Wirkung nachgesagt. Es soll Lahme geben, die nach dem Verzehr von Campingwecken wieder gehen konnten, und Blinde, die durch das Essen eines Campingwecken, ihre Sehkraft wiedererlangten. (Außerhalb dieses Blogs werden Sie keinen Beleg für diese Aussage finden, aber das macht in dem heutigen postfaktischen Zeitalter ja nichts.) Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass aus Campingwecken ein wirkungsvoller Impfstoff gegen das Corona-Virus gewonnen werden kann. Falls Vertreter:innen der Pharmaindustrie hier mitlesen sollten: Ich stelle mich gerne als Versuchsperson zur Verfügung

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Die örtliche Bäckerei ist bekannt für ihre köstlichen Backwaren. Dementsprechend ist die Schlange davor schon unter normalen Umständen so lang, als würde dort Klopapier für die nächste Corona-Welle verschenkt. Jetzt ist sie aufgrund der Corona-Abstandsregeln noch dreimal länger. Der Weg vom Ende der Schlange bis zum Eingang der Bäckerei ist so weit, dass es angebracht wäre, wenn es ein paar Verpflegungsstationen mit isotonischen Getränken und energiespendenden Müsliriegeln gäbe.

Die lange Warteschlange ist aber nicht die einzige Hürde beim Brötchenholen. Die Mund-Nasen-Maske erleichtert den Bestellvorgang auch nicht gerade.

„Gdn Mgn“, begrüße ich die Verkäuferin höflich „Fei Gmpig-Wgn, bibbe.“

Die Frau schaut mich hinter der Plexiglasscheibe ihres Gesichtsvisiers fragend an. „Wie bitte?“

„Bei Gmpig-Wgn, bibbe“, wiederhole ich freundlich.

Sie versteht immer noch nicht. „Was möchten Sie?“

„Gmpig-Wgn, bei Schdig, bibbeschön“, versuche ich es erneut. Diesmal ganz langsam und überdeutlich.

„Ah, Wecken!“, ruft sie. „Zwei Eierwecken?“

Hektisch schüttle ich den Kopf. Eierwecken sind zwar auch okay, aber kein Vergleich mit Campingwecken. Das wäre ungefähr so, als würden Sie sagen, ein Stück Holz, über das ein Stück Draht gespannt wurde, hört sich wie eine Gibson-Les-Paul-Gitarre an. Langsam werde ich panisch. Die Campingwecken liegen doch direkt vor mir in der Auslage. Warum will mir die Frau keine davon geben? Gibt es eine groß angelegte Campingwecken-Verschwörung von Bill Gates, die die Medien verschweigen? Oder habe ich die Frau irgendwie gekränkt? Was kann ich getan haben, wofür sie mich jetzt so hasst?

Ich versuche es gestikulierend. Mit der rechten Hand zeige ich auf die Campingwecken, gleichzeitig hebe ich drei Finger der anderen Hand. Das letzte Mal, dass ich Brötchen so bestellen musste, war 2015, als ich in einer bretonischen Bäckerei mit den nicht existenten Resten meines Schulfranzösischs auf ganzer Linie versagt hatte.

Als ich schließlich die Tüte mit den Campingwecken und den anderen Brötchen entgegennehme, durchfluten Glückshormone meinen Körper. So euphorisch wie ich bin, fühle ich mich in der Lage, zurück in die Ferienwohnung zu gehen und mich wieder dem Gute-Laune-Terror der Morningshow auszusetzen.

Die Frau vom Strandkorb nebenan

Unsere durch die Campingwecken herbeigeführte Hochstimmung wird für den Rest des Tages durch das Wetter auf eine harte Probe gestellt. Würde es die ganze Zeit regnen, wäre das zwar unschön, aber zumindest planbar. Dann setzt du dich einfach aufs Bett, liest in deinem Buch, trinkst Kaffee und ärgerst dich, gestern beim Einkaufen keine Kekse mitgenommen zu haben. Fertig ist die Wegen-schlechtem-Wetter-den-ganzen-Tag-in-der-Ferienwohnung-abhängen-müssen-Laube. Aber nein, das Wetter gibt sich wankelmütig und geradezu divenhaft. Es ist bewölkt, sonnig und regnerisch. Im Minutentakt. Bis zum Abend werden wir drei Mal zum Strand und wieder in die Ferienwohnung gegangen sein. Das bringt uns zwar keine Freude, aber dafür dem Schrittzähler.

Heute ist der Strandkorb links von unserem belegt. Mit einer Mutter und ihrer ungefähr drei- bis vierjährigen Tochter. Die Frau ist circa Ende 30. Vielleicht ist sie auch etwas jünger und nur sehr, sehr erschöpft. Zumindest deuten ihre panda-artigen Augenringe in der Größe von Traktorreifen darauf hin. Vielleicht ist das aber auch nur das Ergebnis eines aus dem Ruder gelaufenen Smokey-Eye-Experiments? Oder ist sie alleinerziehend und am Ende ihrer Kräfte, weil sie ganz alleine die Verantwortung für ihre Tochter tragen muss? Oder leidet ihr Partner an einer sehr spezifischen und sehr seltenen Ohrenfehlfunktion, die es ihm unmöglich macht, zwischen 22 und 10 Uhr den Frequenzbereich zu vernehmen, in dem sich die Stimme seiner Tochter bewegt? Dadurch kann er ihr Rufen nachts und frühmorgens nicht hören, so dass er gegen seinen Willen nachts nicht aufsteht und morgens liegenbleibt, so dass sich die Mutter immer wieder aus dem Bett quälen muss, um nach dem Kind zu schauen.

Lauter wichtige Fragen, die nach Antworten verlangen. Unter Umständen könnte die Strandkorbnachbarin es aber als übergriffig empfinden, wenn ein fremder, bärtiger Mann sich nach ihrer Augen-Make-up-Technik, ihrem Beziehungsstatus sowie den Hörfähigkeiten eines möglichen Partners erkundigt. Oder sie ist tatsächlich Single und freut sich ein wenig zu sehr darüber, sich endlich mal wieder mit einem Mann unterhalten zu können, weil sie als Alleinerziehende das mit dem Daten nicht hinbekommt. Das könnte dann ganz andere Probleme nach sich ziehen. Daher beschränke ich mich erstmal auf die Rolle des nicht-teilnehmenden Beobachters, was bei genauerer Überlegung vielleicht auch nicht ganz unproblematisch ist.

Trotz ihres augenscheinlichen Erschöpfungszustandes spielt die Frau mit einer Engelsgeduld mit ihrer Tochter. Sie geht circa eine Million Mal mit ihr ans Meer, um in einem fingerhutgroßen Eimerchen Wasser zu holen, beantwortet zwei Millionen Kinderfragen („Wie singen eigentlich Fische?“) und backt im Akkord drei Millionen Sandküchlein, die sie dann mit einem schauspielerischem Talent, das zumindest für eine Nebenrolle bei GZSZ reichen würde – dort wahrscheinlich sogar für eine Hauptrolle – , aufisst („Mmmh, das ist aber ganz, ganz lecker!“) Sie geht so liebevoll mit ihrem Kind um, dass sich sie am liebsten in den Arm nehmen und sagen würde: „Sie machen das ganz, ganz wunderbar.“ Aber auch das würde wahrscheinlich zu Irritationen führen. Sowohl bei ihr als auch bei meiner Frau.

Nun stellt sich das kleine Mädchen mit wichtiger Miene vor ihre Mutter und sagt: „Ich kann etwas, was du nicht kannst, Mama.“ „Was denn, mein Schätzchen?“, fragt diese. Mit höchster Konzentration legt das Mädchen einen flachen Stein auf einen anderen Stein. Dann schaut es seine Mama stolz an.

Also, ich möchte dem Kind nicht zu nahetreten, indem ich seine Aussage, es könne etwas, zu dem seine Mama nicht imstande ist, anzweifle. Gleichermaßen möchte ich auch nicht sein Selbstvertrauen nachhaltig beschädigen, weil ich es darauf hinweise, dass zwei Steine aufeinanderzustapeln, nicht gerade ein Superhelden-Move und auch keine architektonische Meisterleistung ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihre Mutter, das auch hinbekommen würde. Die sagt aber nur: „Mensch, das hast du aber toll gemacht, Spätzchen!“ Gut, vielleicht ist die Frau motorisch vollkommen unterbegabt und sie wäre tatsächlich an dieser Aufgabe gescheitert. Wer weiß das schon? Vielleicht kann ich sie das demnächst fragen, wenn ich ein paar Informationen zu ihren Schminkroutinen und ihrer familiären Situation einhole.

Immer schön positiv denken

Wie so eine Vorzeige-Bullerbü-Familie backen wir abends Pizza. Da das Wetter gerade gnädig gestimmt ist, beschließen wir, am Strandkorb zu essen. Wobei Mahlzeiten am Strand in der Vorstellung meistens wesentlich romantischer sind, als in der Realität. Da musst du dein Essen gegen Möwen verteidigen, die Getränke kippen andauernd um und laufen auf der Decke aus, du stellst fest, dass du keine Servietten dabeihast, und dir weht andauernd Sand auf die Pizza. Das verleiht ihr aber wenigstens ein bisschen Crunch. Um meine vorgestrige Lebensweisheit bei Ihnen in Erinnerung zu rufen: Immer schön, positiv denken. Das Glas ist nicht halb leer, sondern halb voll. Okay, es schwimmt Sand drin, aber es ist trotzdem zur Hälfte gefüllt. Möglicherweise wäre es dann besser das Glas als schon halb leer zu begreifen. Egal, ist eh‘ nur doofes Wasser.

Strandkorb-Community am Abend, …

Nach dem Essen betätigen wir uns noch ein wenig sportlich und spielen Ball. Allerdings bin ich unsicher, ob das, was wir da veranstalten, tatsächlich als Ballspielen gelten kann. Dazu würde sowohl das Werfen als auch das Fangen des Balls gehören. Um auch das einigermaßen positiv auszudrücken: Beides gelingt uns vielleicht nicht immer, aber auch nicht nie. Häufig müssen wir dem Ball hektisch hinterherrennen und mit verzweifelten Hechtsprüngen verhindern, dass der Ball ins Meer rollt. (Bei einem Mitte-40-jährigen ist das übrigens nicht nur kein besonders schöner Anblick, sondern auch im Hinblick auf muskuläre Verletzungen nicht besonders empfehlenswert.)

Außenstehende fragen sich wahrscheinlich, ob es tatsächlich Menschen mit einer so schlechten Hand-Augen-Koordination gibt, oder ob wir nicht doch ein Slapstick-Comedy-Stück einüben, bei dem wir unterschiedliche Tiere darstellen, die betrunken rumtorkeln, weil sie zu viel fermentiertes Obst gegessen haben.

Uns ist das egal. Wir haben trotzdem jede Menge Spaß und lachen viel und laut. Bei so viel guter Laune und Ausgelassenheit könnten wir glatt eine Morningshow moderieren.

Gute Nacht!


Unser tägliches Kniffel-Spiel gib uns heute

So sieht das Kniffel-Leader-Board doch schon wesentlich schöner aus. Leider konnte ich mich mit dem Vorschlag, die Kniffel-Challenge mit dem heutigen Tag schon abzuschließen, nicht durchsetzen.

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67 Kommentare zu “Corona-Föhrien 2020 – Tag 2: Von zu gut gelaunten Radio-DJs, Kommunikationsschwierigkeiten beim Bäcker, müden Müttern, die mit Kindern spielen, und halbvollen Gläsern

  1. Ich frage mich gerade, wer aus der Familie zur Campingwecken-Abstinenz verurteilt ist… bei nur 3 Wecken?

    Kann leider die restlichen Kommentare gerade nicht laden. Vielleicht wurde es schon beantwortet… dann lese ich morgen nach! 😄

    • Die Lösung ist recht banal: Nicht alle Familienmitglieder essen immer einen ganzen Campingwecken. Aber nie ist jemand überhaupt keinen Campingwecken!

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  • marie

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