Corona-Föhrien 2020 – Tag 7: Von niederschmetternden Wettervorhersagen, verdauungsfreudigen Schafen, semi-spaßigem Mini-Golf und einem epischen Kniffelfinale

Der (fast) alljährliche Urlaubsblog. Diesmal nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Zur besseren zeitlichen Orientierung sei erwähnt, dass der Urlaub Ende Juni / Anfang Juli stattfand. Die kompletten Beiträge finden Sie hier.


Was für ein Wetter

„Heute stark bewölkt mit Temperaturen bis maximal 16 Grad, ab nachmittags starke Schauer.“ Es ist kurz nach acht und wenn das Radio nicht gerade eine Archivaufnahme der Wettervorhersage vom Oktober letzten Jahres abspielt, wird der Tag heute meteorologisch gesehen eher bescheiden.

Damit ich mir diesbezüglich keine Illusionen mache, erklärt der Wettermann, die Sonnenscheindauer betrage heute null bis eine Stunde. Null bis eine Stunde?! Wie faul ist denn die Sonne? Meine Kollegin würde sich bedanken, wenn ich ihr mitteilte, dass ich künftig beabsichtige nur noch null bis eine Stunde pro Tag zu arbeiten. (Falls sie auf diesen Blogpost nicht reagiert, gehe ich davon aus, dass sie einverstanden ist.)

Wer dagegen nicht faul ist, ist der Wind. Mit Böen bis zu 70 km/h over-performed der sogar ziemlich. Gut, für Nordlichter ist das wahrscheinlich nur eine steife Brise, da ich aber nicht aus dem Norden komme und auch nicht hier lebe, erlaube ich mir, das durchaus als ziemlich windig zu empfinden.

Für den Radiosender ist das Wetterthema noch nicht durch. Es wird erstmal ein Experte vom Deutschen Wetterdienst interviewt. „Und, wann gibt der Sommer hier an der Nordsee endlich sein Comeback?“, will die Moderatorin wissen. Der Meteorologe druckst ein wenig peinlich berührt herum. „Nun, man soll ja nicht zu weit in die Zukunft schauen, aber ich denke, in zwei Wochen sollte die Sonne wieder scheinen.“

In zwei Wochen??? Wenn wir längst abgereist sind? Noch deutlicher können dir der Wetter- und der Urlaubsgott nicht den Mittelfinger zeigen.

Entspannung geht durch den Darm

„Einen wunderschönen guten Morgen!“, begrüße ich die Schafe auf meiner Deich-Joggingrunde. „Ganz schön windig heute, was?“ Den Schafen scheint der Wind nichts auszumachen. Zumindest antworten sie mir nicht, sondern grasen weiter. Sie scheinen nicht nur mir, sondern auch dem Wetter gegenüber gleichgültig zu sein.

Aber das ist ja auch kein Wunder, dass die Schafe so relaxt sind. Wahrscheinlich führt niemand einen entschleunigteren Lebensstil als Schafe. Wer den ganzen Tag an der frischen Luft ist und dabei ununterbrochen fressen kann, der stört sich an nichts. Beneidenswert! Im nächsten Leben möchte ich Schaf werden.

Dieses entspannte Leben scheint auch förderlich für die Verdauung zu sein. Der ganze Deicht ist mit Schafskötteln übersät. Erinnert ein wenig an das Friedrichshain der 90er Jahre, als wir nach Berlin gezogen sind. Dort musstest du wie ein Balletttänzer auf Zehenspitzen von einem bierdeckelgroßen Flecken zum nächsten hüpfen, um den unzähligen Tellerminen aus Hundekot auszuweichen.

Die Schafe kacken allerdings nicht nur auf den geteerten Weg, sondern auch auf die Wiese daneben. Also quasi auf ihr Essen. Bei genauerem Überlegen möchte ich vielleicht doch kein Schaf werden.

Es darf nicht nach Gag riechen

Mein heutiger Lauf-Podcast ist „Gemischtes Hack“ mit Felix Lobrecht und Tommi Schmitt. Auch hier falle ich alters- und coolnessmäßig eigentlich aus dem Zielgruppenraster, aber in der Folge unterhalten sich die beiden mit Christian Ulmen und der war mir schon immer sympathisch.

Ab heute ist er mir noch sympathischer, denn er isst während des Gesprächs Erfrischungsstäbchen. Okay, bei einer Podcast-Aufnahme zu schmatzen ist vielleicht nicht super-professionell, aber wer kann sich schon bei Erfrischungsstäbchen zurückhalten. Wahrscheinlich sehr viele Menschen, aber die wissen halt nostalgische Kindheitserinnerungen von Besuchen bei Oma, die immer eine Schachtel Erfrischungsstäbchen vorrätig hatte, nicht zu schätzen, weil sie innerlich tot sind.

Christian Ulmen erzählt von seinem Verständnis von Komik und das Humor nicht mit dem Holzhammer in die Zuschauer:innen geprügelt werden darf. „Es darf nicht nach Gag riechen!“ Das finde ich gut. Bei mir im Blog riecht es auch nicht nach Gag. Okay, eher ungewollt, aber das ist mir egal. Ab jetzt sage ich trotzdem, dass ich genauso komisch bin wie Christian Ulmen. (Es gibt keinen Grund, in die Kommentare zu schreiben, dass dies nicht der Fall ist. Vielen Dank!)

Was auch nicht riecht, sind interessanterweise die Schafsköttel auf dem Deich. Das ist wahrscheinlich der Vorteil der Freilufttoilette. Ich möchte trotzdem meine Notdurft nicht im Freien verrichten. „Das ist euch wahrscheinlich auch recht, oder?“, frage ich die Schafe zum Abschied. Denen ist das aber anscheinend egal, sie antworten nicht. Bewundernswert diese Gelassenheit.

Schon wieder sind wir mit dem Radl da. Leider

Da das Wetter zu schlecht für den Strand ist, es aber noch nicht regnet, beschließen wir, in den Nachbarort zum Mini-Golf spielen zu fahren. Die Rad-App ist einigermaßen entsetzt, dass sie uns heute schon wieder den Weg weisen soll. Ihre Verstimmung bringt sie zum Ausdruck, indem sie uns diesmal über holprige Feldwege mit vielen kleinen Steinchen schickt, die nur darauf warten, sich in unsere Reifen zu bohren. Das wäre der reinste Horror, wenn ich hier irgendwo in der Pampa einen Platten flicken müsste.

Ich hätte ja auch gar kein Werkzeug und da mein McGyver-Level bei minus acht liegt, könnte ich mir auch keins aus einer Weidenrute, einer Möwenfeder und einer achtsam weggeworfenen Coladose basteln. Aber selbst mit richtigem Werkzeug würde ich an der Aufgabe hoffnungslos scheitern. Handwerklich bin ich nämliche eine totale Niete. Wenn Sie jemals mit dem Flugzeug auf einer einsamen Insel abstürzen, dann hoffen Sie inständig, dass ich nicht zu den anderen Passagieren gehöre. Ich bringe nämlich keinerlei Qualifikationen und Kompetenzen mit, die das Überleben auf der Insel sichern würden. Außer dass ich getötet und gegessen werden könnte. Das wäre vielleicht eine kleine Hilfe.

Um dem Rest der Familie die Fahrt zu erleichtern, setze ich mich an die Spitze und blocke den Wind für sie ab. So werden schließlich Heldengeschichten geschrieben. Es ist doch schön, wenn die Kinder später mal erzählen können, wie sich Papa damals furchtlos gegen den Wind gestemmt hat, obwohl ihm die Böen von mehr als 120 km/h unablässig Zweige und Steinchen ins Gesicht bliesen. Im Laufe der Jahre wird die Geschichte immer dramatischer, bis 2035 davon erzählt wird, wie ich die Familie gerettet habe, indem ich mit einem klapprigen Leihrad in eine Windhose hineingefahren bin, während mir Balken und Hinkelsteine um die Ohren flogen. (Zumindest werde ich die Geschichte so erzählen.)

Die Realität spielt sich jedoch etwas anders ab. Die Frau merkt an, dass es eigentlich gar keinen so großen Unterschied macht, ob ich vor ihr fahre oder nicht. Ist das jetzt ein Lob, dass ich so schlank bin, dass der Wind an mir vorbeiweht? Allerdings ist der leichte Vorwurf in ihrer Stimme nicht zu überhören. Wahrscheinlich ist es doch eine Kritik, dass ich in den letzten 20 Jahren nicht ins Fitness-Studio gegangen bin und mir ein breites windabweisendes Kreuz antrainiert habe, sondern so ein Lauch bin, der nicht mal ein bisschen Wind aufhalten kann.

Mini-Golf = Mini-Spaß

Als wir an der Mini-Golf-Anlage ankommen, ist die Stimmung bei uns eher so semi. Sie wird auch nicht besser als wir die Preise sehen, bei denen ich zunächst vermute, sie beinhalten goldene Mini-Golf-Schläger, die wir mit nach Hause nehmen dürfen. Wir müssen alle den vollen Preis zahlen, da es nur für Kinder unter zwölf eine Ermäßigung gibt. Seit der Sohn im Stimmbruch ist und gelegentlich mit einer Stimme spricht, die klingt, als würde er zum Frühstück Whisky trinken und Zigarren rauchen, wird es immer schwieriger, ihn als 11-jährigen auszugeben. (Es hat dann doch nicht nur Vorteile, wenn die Kinder größer werden.)

Die Anlage ist aber wirklich schön, mit aufwändig gestalteten Bahnen, ungewöhnlichen Hindernissen und einer schönen Bepflanzung drumherum. Weniger schön ist dagegen, dass vor uns eine sechsköpfige Familie spielt, deren Kinder alle jünger als acht sind. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich habe nichts gegen Großfamilien und auch nichts gegen kleine Kinder. Ganz im Gegenteil. Ich finde sie sogar toll. (Irgendjemand muss ja später für meine Rente arbeiten.)

Noch toller fände ich sie aber, wenn sie hinter uns spielen würden. Kleine Kinder haben nämlich die Angewohnheit beim Mini-Golfen nicht besonders treffsicher zu sein und benötigen immer sehr viele Schläge – häufig sieht es so aus, als spielten sie gar keine Mini-Golf, sondern würden ein Hockey-Dribbling einlegen –, was Mini-Golfen mit kleinen Kindern zu einer sehr langatmigen Angelegenheit macht.

Der vierjährige Junge der Familie belehrt mich dann allerdings eines Besseren. Mit nur zwei Schlägen beendet er die erste Bahn. Sein Vater lacht und meint, wenn er so weiter macht, würde er das Spiel gewinnen. Daraufhin dreht sich der Kleine um, stemmt seine Ärmchen in die Hüften und sagt tadelnd: „Aber Papa, darum geht es doch gar nicht. Hauptsache wir haben Spaß!“

Das hört sich natürlich sehr niedlich an – und auch etwas unangenehm altklug –, zeigt aber vor allem, dass der Junge noch nicht allzu oft in seinem Leben Mini-Golf gespielt haben kann. Sonst wüsste er, dass der Spaßfaktor beim Mini-Golf von Bahn zu Bahn exponentiell abnimmt.

Der typische Verlauf eines Mini-Golf-Spiels kann folgendermaßen skizziert werden:

  • Loch 1-3: Mini-Golf macht echt Spaß. Du triffst vielleicht nicht jeden Ball optimal, aber du bist an der frischen Luft und mit deiner Familie zusammen. Ist doch super!
  • Loch 4-6: Mini-Golf ist kein schlechter Zeitvertreib. Du bist zwar nur selten in der Lage, den Ball dahin zu befördern, wo er hin muss, aber du bist draußen und deine Familie ist auch da. Toll!
  • Loch 7-9: Der Unterhaltungsfaktor von Mini-Golf ist schon noch ausbaufähig. Draußen sein kann ich auch so und die Familie sehe ich ja auch immer. Nun ja.
  • Loch 10-12: Wer hatte eigentlich die Idee, dass wir Mini-Golf spielen gehen. Totale Zeitverschwendung. An der frischen Luft zu sein, ist sowieso total überbewertet. Und die Familie halt. Kannste dir ja auch nicht aussuchen.
  • Loch 13-15: Was für eine Drecksanlage. Wenn die Bahnen wenigstens regelmäßig gesäubert würden, könntest du anständig spielen, aber so verrottet wie die sind, ist das echt `ne Zumutung. Und bleib mir mit draußen weg. Draußen sind nervende Insekten und es ist entweder zu warm oder zu kalt. Und was soll daran gut sein, permanent mit der Familie aufeinander zu hängen?
  • Loch 16-18: Welches kranke Schwein hat sich eigentlich Mini-Golf ausgedacht? Mit einem beschissenen Schläger einen beschissenen Ball in ein beschissenes Loch schieben. Wie schlicht musst du sein, um daran Spaß zu haben? Und hör mir mit der scheiß frischen Luft auf. Lieber hocke ich mich vier Stunden in `ne Raucherkneipe als auch nur eine Minute auf einer Mini-Golf-Anlage zu verbringen. Wer von den missratenen Kindern wollte eigentlich hier hin? Egal, können sie ab nächstem Schuljahr dann aufm Internat drüber nachdenken.

Mein Spiel ist heute besonders schlecht. Das heißt, noch schlechter als sonst. Ich schlage entweder zu fest oder zu locker, meine Bälle hüpfen regelmäßig von der Bahn, die Annäherungsschläge sind zu kurz und der Ball kann gar nicht nahe genug am Loch sein, als dass ich ihn nicht trotzdem noch verbeischiebe.

Die Frau spielt dagegen mit einer traumwandlerischen Sicherheit. Sie versenkt einen Ball nach dem anderen, als wäre sie als Kind auf einer Mini-Golf-Anlage aufgewachsen. Ich bin froh, dass sie ab der zehnten Bahn nicht anfängt, rückwärts durch die Beine oder einhändig hinter dem Rücken einzuputten. Irgendwann hege ich den Verdacht, dass mir die Frau verschweigt, dass sie seit Monaten arbeitslos ist, morgens aber trotzdem um acht Uhr die Wohnung verlässt und so tut, als ginge sie zur Arbeit. Stattdessen hängt sie den ganzen Tag auf der nahegelegenen Mini-Golf-Anlage ab, bis sie dann abends wieder nach Hause kommt. Das scheint mir auf jeden Fall eine schlüssige Erklärung für ihren haushohen Sieg zu sein.


Unser tägliches Kniffel-Spiel gib uns heute

Nach dem Abendessen geht es kompetitiv weiter. Da die Tochter morgen zurück nach Berlin fährt, müssen wir unsere alljährliche Urlaubs-Kniffel-Challenge zum Abschluss bringen. Im Alltag kommen wir normalerweise nicht dazu, gemeinsam Brettspiele zu spielen, aber im Urlaub wird bei uns schon seit Jahren mit fast religiösem Eifer gekniffelt. Darüber wird streng Buch geführt und die Aufzeichnungen werden in einem kleinen feuerfesten Safe aufbewahrt, sollte es später einmal gerichtliche Auseinandersetzungen über den Ausgang unserer Kniffel-Wettbewerbe geben. Soweit alles vollkommen normal. Zumindest für unsere Verhältnisse.

Als die corona-bedingte Schulschließung im März anfing und wir als Familie viel mehr Zeit miteinander hatten, haben wir auch gekniffelt. 50 Abende hintereinander. Irgendwann habe ich sogar extra einen Pokal gekauft, der so groß ist, dass er fast schon Champions-League-würdig ist, und habe für den Sockel eine Plakette anfertigen lassen, in die die Sieger der bisherigen Urlaubs-Kniffel-Challenges eingraviert sind. (Ansonsten habe ich die Corona-Zeit mental aber einigermaßen gut überstanden.) Die Corona-Challenge gewann die Tochter, die damit als erste den Pokal offiziell mit in ihr Zimmer nehmen durfte.

Gestern Abend hatte sich die Tochter an die erste Stelle gesetzt, allerdings nur mit einem knappen Vorsprung auf mich und ihren Bruder. Lediglich die Frau liegt mit mehr als 250 Punkten Abstand abgeschlagen auf dem letzten Platz. (Anscheinend ist Mini-Golfen eine Inselbegabung, über die sie verfügt, die sich aber nicht auf andere Wettbewerbe auswirkt.)

Damit steht die Tochter kurz davor, zum vierten Mal die Kniffel-Challenge für sich zu entscheiden und sogar zum zweiten Mal in Serie. Sie haben sicherlich Verständnis dafür, dass wir anderen Familienmitglieder das unter allen Umständen verhindern müssen. Ich denke, schon aus pädagogischen Gründen ist es besser, dass sie den Pokal nicht verteidigt, denn niemand mag Seriensieger:innen. Zum Beispiel Bayern München. Außer ihren neun Millionen Fans kann die wirklich niemand leiden. So ein Schicksal möchte ich der Tochter ersparen.

Verbissend würfeln, taktieren und diskutieren wir uns durch den Abend, es wird mit Enterbung und baldiger Einweisung ins Altersheim gedroht, juristische Einsprüche werden angekündigt. Wir zittern, stöhnen, jubeln, und bangen, bis wir schließlich die Urlaubs-Challenge mit dem knappsten Ergebnis aller unserer bisherigen Kniffel-Turniere beenden:

Selbstverständlich feiere ich diesen Sieg auf angemessene Weise, wie es sich für einen Mitte-vierzigjährigen Akademiker und fairen Sportsmann gehört und nicht auf dem Boden knieend mit den Fäusten gen Himmel gereckt. (Falls Sie im Dezember bei der Wahl zum Sportler des Jahres für mich stimmen möchten, würde ich mich trotzdem freuen.)


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76 Kommentare zu “Corona-Föhrien 2020 – Tag 7: Von niederschmetternden Wettervorhersagen, verdauungsfreudigen Schafen, semi-spaßigem Mini-Golf und einem epischen Kniffelfinale

  1. bahn 1 bis 18.

    zum glück bin ich auf arbeit.
    wenn ich daheim so lachen würde, würde der arzt kommen.
    hier stört es niemanden, sie wissen, dass ich wahnsinnig bin :-D.

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