Eine kleine Wochenschau | KW13-2023 (Teil 2)

Teil 1


30. März 2023, Berlin

Gestern Abend fragte mich der Sohn, ob ich morgen mit ihm zusammen einen Anzug kaufen könnte. Ich bin etwas überrascht und frage ihn, für was er einen Anzug bräuchte. Er sei auf eine Geburtstagsparty eingeladen, erklärte er. Eine Casino-Mottoparty. So ändern sich die Zeiten. Bei uns lauteten die Mottopartys meistens „Waldhütten-Besäufnis“. (Manchmal auch „Partykeller-Besäufnis“.) Das war zwar weder originell noch stilvoll, aber zumindest mussten wir keine Anzüge tragen.

Casino finde ich als Partymotto etwas unpräzise. Für ein monegassisches Edel-Casino à la James Bond bräuchte der Sohn einen Smoking. Ich verspüre aber wenig Lust, viel Geld für einen Smoking auszugeben, den der Sohn nie wieder tragen wird. Vielleicht ist das Casino aber eher so ein leicht abgeranztes Boot-Casino wie bei Ozark. Dann könnte der Sohn kurze Hosen und ein Hawaii-Hemd tragen.

Es soll aber ein Anzug sein. Ich habe sehr große Zweifel, dass ich die richtige Kaufbegleitung bin. Zum einen trage ich selbst nur sehr selten Anzüge, zum anderen ist meine Expertise in modischen Angelegenheiten nur sehr rudimentär vorhanden. Quasi nicht existent. Trotzdem willigte ich ein. Wenn deine Kinder dich um Hilfe bitten, dann hilfst du ihnen. Egal, ob sie Mitten in der Nacht irgendwo in der Walachei abgeholt werden müssen, du sie bei der Polizei einsammeln musst, weil sie beim Kiffen im Park erwischt wurden, oder sie wollen, dass du einen Anzug mit ihnen kaufst. Außerdem kommt es nur sehr selten vor, dass ein Teenager seinen Eltern zutraut, etwas besser zu wissen als sie selbst. Einen solch raren Moment musst du als Vater unbedingt auskosten.

Ich selbst bekam meinen ersten Anzug zu meiner Konfirmation. Damals war ich dreizehneinhalb und ein spätentwickelter Milchbubi. Die Pubertät war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal in weiter Ferne zu erahnen. Folglich sah ich in meinem Konfirmationsanzug aus wie ein Kind, das Wall-Street-Banker spielt. Dass mich der Fotograf, zu dem mich meine Eltern schleppten, um meine Konfirmation bildlich festzuhalten, aufforderte, mein Jackett „lässig“ über der Schulter zu halten, machte es nicht besser.

Später hatte ich zwei, drei Anzüge für die Arbeit. Die sind mir inzwischen viel zu weit, hängen aber immer noch im Schrank. Eigentlich könnte ich die mal weggeben, habe aber das Gefühl, dass es bei der Altkleider-Sammlung keinen Bedarf für C&A-Anzüge von 2005 gibt. Mittlerweile habe ich nur noch einen guten Anzug, den ich äußerst selten trage. (Gelobt sei das Home Office.) Je nach Jahreszeit passt er mir mal besser, mal schlechter. (Zur Weihnachtszeit tendenziell schlechter.)

Nun stehe ich bei H+M vor den Umkleiden, während der Sohn Hosen, Jacketts und Hemden anprobiert. Wir werden erstaunlich schnell fündig. Sicherheitshalber schicke ich ein Foto in unsere WhatsApp-Gruppe „Die krummbucklige Sippe“, damit der Mann meines Schwagers den Anzug absegnen kann. C. ist Flugbegleiter, kommt weit rum, ist stilsicher und hat somit mehr Kompetenz in modischen Fragen aufzuweisen als ich. (Zugegebenermaßen ist meine modische Kompetenz eine sehr, sehr niedrige Messlatte. Eher eine Kuhle.)

C. gibt seinen Segen und empfiehlt lediglich, die Hose ein wenig kürzen zu lassen. Dann sähe der Anzug eleganter aus. Da die Party schon morgen ist, werden wir das wohl erst später machen. Vielleicht auch nie.

Für mich ist der Besuch bei H+M noch aus einem anderen Grund aufschlussreich. Ich lerne, dass es Jogginghosen gibt, die wie Anzugshosen aussehen. Beziehungsweise Anzugshosen, die so bequem wie Jogginghosen sind. Wahrscheinlich wussten Sie das bereits. Ich gehe aber nur sehr, sehr selten einkaufen. Für mich war das neu. Vielleicht lege ich mir demnächst einen zweiten Anzug zu. Oder eine neue Jogginghose.

31. März 2023, Berlin

Als Test und Standortbestimmung für den Marathon Ende April laufe ich am Sonntag beim Berliner Halbmarathon mit. Um mich etwas zu schonen, sieht der Trainingsplan heute deswegen anstatt des üblichen freitäglichen 20-Kilometer-Laufs nur eine 10-Kilometer-Einheit vor. In ganz lockerem Tempo. Beim Laufen habe ich ein merkwürdiges Gefühl. Eine Mischung aus Unterforderung und schlechtem Gewissen. Möglicherweise habe ich durch das anspruchsvolle Training sado-masochistische Züge entwickelt. Oder eine Art Laufplan-Stockholm-Syndrom.

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Morgen hat meine Frau Geburtstag. Ich verbringe den Nachmittag in der Küche und backe. Ich habe in den letzten Tagen etwas recherchiert und mich pinteresten lassen. Ich plane einen mehrstöckigen Schokoladenkuchen mit einem Frosting aus Frischkäse und weißer Schokolade, der innen mit M+M gefüllt ist, die beim Aufschneiden rausfallen. Damit der Kuchen nicht zu süß wird, kommt zwischen die Schichten außer dem Frosting Himbeer-Grütze und für den „Crunch“ geröstete Mandelsplitter. (Ich habe nicht umsonst auf Netflix mehrere Staffeln „Sugar Rush“ und „Jumbo’s Just Dessert“ geschaut.)

Der Kuchen soll auch optisch etwas hergeben. Dazu plane ich eine Art „Zaun“ aus weißen und braunen Kitkats. Oben auf den Kuchen kommt ein Haufen rote und weiße M+M sowie eine Konstruktion aus einem Strohhalm, an den ich mit flüssiger Schokolade M+M kleben will und an dessen Ende eine leere M+M-Tüte befestigt werden soll, damit der Eindruck entsteht, die M+M werden gerade auf den Kuchen geschüttet. Falls mir das alles so gelingt, wie ich es mir vorstelle, wird der Kuchen fantastisch aussehen. Falls nicht, wie ein M+M-Kuchen, der mehrmals runtergefallen ist und auf den sich ein Elefant gesetzt hat.

Bevor ich mit dem Backen beginne, richte ich die Zutaten. Ich hole aus dem Kühlschrank zwei Eier und lege sie auf den selbigen. Ein mittelmäßig smarter Move. Ich wohne seit fast 25 Jahren in Berliner Altbauwohnungen und seit gut 15 Jahren in unserer jetzigen Wohnung. Da sollte ich wissen, dass die Böden in Altbauwohnungen selten eben sind. Und aus der Grundschule sollte ich wissen, dass Gegenstände, die auf unebenen Flächen liegen, ins Rutschen geraten. Wie zum Beispiel eines der Eier, das von dem Kühlschrank rollt und auf den Boden fällt. Ich rutsche auf allen vieren durch die Küche, um Eigelb, Eiweiß und Eierschalen aufzuwischen. Gerade als ich fertig bin, fällt das zweite Ei ebenfalls runter. Es ist schön in seinem eigenen Slapstick-Film zu leben.

Der Rest des Backens verläuft reibungslos. Außer dass mir die Himbeergrütze beim Kochen fast überlauft, mir eine Ladung gehackte Mandeln verbrennt und ich die heiße Pfanne kurz, aber nicht kurz genug auf der Holzarbeitsplatte abstelle, wo sie einen dunklen, schwarzen Ring hinterlässt. Aber das ist schon okay. Das verleiht der Küche ein wenig Charakter. Jetzt sieht sie nicht mehr nach 08/15-IKEA-Küchensystem aus, sondern nach einem Ort, wo schwer gearbeitet, gekocht, gebacken, geschwitzt und geflucht und ab und an mal eine heiße Pfanne versehentlich auf einer Arbeitsplatte abgestellt wird. Damit muss sich die Arbeitsplatte abfinden. Es heißt nicht umsonst: „If you can’t stand the heat, get out of the kitchen.”

01. April 2023, Berlin

Meine Frau ist nun 48. Quasi Ende 40. Ich mit meinen 47 bin dagegen Mitte, Ende 40. Eine Formulierung, die den Altersunterschied zwischen uns noch gravierender erscheinen lässt, als er ohnehin schon ist.

Darüber kann sich meine Frau mit dem Kuchen hinwegtrösten. Auch wenn Eigenlob stinkt und es mir meine innewohnende Bescheidenheit eigentlich verbietet, kann ich konstatieren, dass der Kuchen durchaus gelungen ist. Höchstens etwas mächtig. 900 Gramm Schokolade, 800 Gramm M+M, 700 Gramm Zucker, 400 Gramm Butter und 30 Kitkat stehen nicht unbedingt für eine leichte, mediterran anmutende Küche.

02. April 2023, Berlin

Halbmarathon. Die gestrige kulinarische Vorbereitung mit Schoko-M+M-Kitkat-Kuchen, Pasta mit Tomaten-Ricotta-Sauce und Parmesan, Chips und einem Gin Tonic waren nicht gänzlich optimal. Wenigstens sollten meine Kohlehydratspeicher gefüllt sein. Vielleicht ein wenig zu viel. Ich kann beim Start ein gewisses Völlegefühl nicht verleugnen.

Trotzdem reicht es mit 1:37:15 für den zweitschnellsten Halbmarathon meiner Lauf„karriere“. Die M+M in meinem Magen freuen sich mit mir. Und die Kitkat auch.


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