Eine kleine Wochenschau | KW17-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


24. April 2023, Berlin

Autsch, autsch, autsch. Nach dem Marathon von gestern stellt das Treppenlaufen eine größere körperliche Herausforderung dar. Vor allem runter. Ich fühle mich, als hätte ich die Oberschenkel eines Ochsens. Allerdings nicht, was die Kraft angeht, sondern den Umfang. Bei jedem Schritt brennen meine Oberschenkel wie Feuer. Vielleicht sollte ich mich lieber aufs Treppengeländer setzen und runterrutschen.

Um mich trotzdem etwas bewegen – aber nicht zu schnell –, mache ich einen kleinen Spaziergang durch den Kiez. Dabei höre ich meine Marathon-Playlist und schwelge in Erinnerungen des gestrigen Laufs. Mein Körper ist wahrscheinlich noch vollgepumpt mit einem Glückshormon-Cocktail aus Endorphinen, Dopamin und Serotonin. Ich lächle alle mir entgegenkommenden Menschen beseelt an. Am liebsten würde ich sie umarmen und ihnen ins Ohr flüstern: „Ich bin gestern Marathon gelaufen.“

Aber so etwas kannst du nicht bringen. Selbst in Berlin nicht, wo merkwürdige Verhaltensweisen nicht ganz unüblich sind. Gerade nicht in Berlin. Da mache ich mich schon mit meinem freundlichen Lächeln verdächtig. Sicherlich denken die Passant*innen: „Was stimmt mit dem Typ nicht? Scheiß Psycho.“

25. April 2023, Berlin

9.30 Uhr. Es klingelt. Der Fenstermensch ist da. Fenstermensch ist nicht der Namen des Mannes, der vor unserer Tür steht, und auch nicht seine offizielle Berufsbezeichnung, aber so habe ich ihn in meinem Handy abgespeichert. Er ist Handwerker und auf die Reparatur von Fenstern sowie Balkon- und Terrassentüren spezialisiert. Das ist nämlich unser Problem. Seit Ostern lässt sich unsere Balkontür nicht mehr öffnen. Die soll er reparieren. (Eigentlich müsste ich den Mann als Türenmensch, oder noch präziser als Balkontürenmensch in meinen Handy-Kontakten ablegen, aber ich bin zu faul, das im Nachhinein zu ändern. Dazu stört es mich auch nicht genügend. Nur ein ganz kleines bisschen.)

Ich weiß so wenig über den Schließmechanismus von Fenstern und Türen, dass ich nicht einmal spekulieren kann, was die Ursache sein könnte, warum unsere Balkontüre das Öffnen verweigert. Auf jeden Fall können wir seit zweieinhalb Wochen unseren Balkon nicht betreten. Das bedeutet auch, dass wir unsere Balkonpflanzen nicht gießen können. Wir können ihnen lediglich durch die geschlossene Tür winken. Da wir aber ohnehin nicht die allerfleißigsten Gießer sind, ist den Pflanzen möglicherweise noch gar nicht aufgefallen, dass die Balkontür defekt ist. Sie wundern sich allenfalls, warum wir sie andauernd durch die Tür anstarren und so bescheuert mit den Armen rumfuchteln.

Während der Fenstermensch im Wohnzimmer an der Tür rumhantiert, sitze ich im Arbeitszimmer und schreibe. Der Mann murmelt die ganze Zeit vor sich hin, bis er laut vernehmlich sagt: „Ach, scheiße, was soll ich da denn machen?“ So etwas möchtest du von einem Handwerker in deiner Wohnung auch lieber nicht hören.

Dennoch schafft er es, die Tür zu reparieren. Zumindest halbwegs. Wir können sie wieder auf- und zumachen, aber nicht kippen. Um dieses Problem zu beheben, fehle ihm das notwendige Material, was auch immer das sein mag. In circa zwei Wochen käme er nochmal und würde sich darum kümmern.

Egal. Hauptsache wir können wieder auf den Balkon. Die Pflanzen freuen sich auch, dass es zumindest die theoretische Möglichkeit gibt, dass sie ab und an etwas zu trinken bekommen. Und dass wir nicht mehr so vertrottelt durch die Scheibe glotzen und albern winken.

26. April 2023, Berlin

Vor mir auf dem Bürgersteig fährt ein circa vierjähriges Kind Fahrrad. Das Rad ist ziemlich winzig und in rosarot gehalten, am Lenker ist ein kleines Bastkörbchen angebracht, in dem eine Babypuppe sitzt. Wobei sitzen nicht ganz korrekt ist, denn sie steckt kopfüber in dem Körbchen.

Das Kind trägt blaue Gummistiefel, eine braune Cordhose, darüber ein rotes Mäntelchen aus regenabweisendem Material und auf dem Kopf einen gelben Helm. Menschen mit mehr Kompetenzen im Bereich modische Gepflogenheiten und mit mehr Stilempfinden würden bei dieser Farbkombination die Stirn runzeln, aber ich bin gegen so etwas immun. (Es hat durchaus seine Vorteile, wenn du keinerlei Geschmack sowie das Farbgefühl eines Nacktmulls hast.)

Plötzlich hält das Kind an und steigt von seinem Rädchen. Es holt aus dem Korb am Lenker ein Döschen Pustefix und schraubt es auf. Dabei schiebt es seine Augen zusammen und seine Zunge zwischen den Zähnen hervor. Nach erfolgreicher Mission „Pustefix-Dose öffnen“ bläst es Seifenblasen. Ebenfalls mit großem Ernst und höchster Konzentration. Zwei-, drei-, viermal. Schließlich packt das Kind das Döschen wieder weg, besteigt sein Rad und führt weiter.

Faszinierend. Irgendwie sah es aus, als hätte das Kind nicht Seifenblasen gepustet, weil es Lust dazu hatte, sondern weil das etwas war, das erledigt werden musste. Ein Punkt auf seiner To-Do-Liste. Zwischen Bilderbuch anschauen und Wohnzimmerwand mit Filzstiften anmalen. Seifenblasen blasen. Check! Als wäre es Teil seines Berufs. Wobei das ein ziemlich cooler Beruf wäre, bei dem es zur Job Description gehört, Seifenblasen zu blasen. So einen Beruf hätte ich auch gerne. Außer es wäre Clown im Zirkus. Dann lieber nicht.

27. April 2023, Berlin

Habe heute Nacht geträumt, es hätte geschneit hat. Nicht nur ein bisschen, sondern 20 Zentimeter. Am 27. April. Da bin ich fast schon erleichtert, als ich nach dem Aufstehen aus dem Fenster schaue und es nur in Strömen regnet.

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Gehe heute das erste Mal nach dem Marathon wieder laufen. Aber nur sechs Kilometer und sehr langsam. Sehr, sehr langsam. Der Muskelkater in den Oberschenkeln ist zwar so gut wie weg, aber ich bewege mich dennoch nicht besonders leichtfüßig und behände. Mehr wie eine Kreuzung aus Ackergaul, Nilpferd und Zwei Finger-Faultier, die aus einem schief gelaufenen Klonexperiment hervorgegangen ist.

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Die Tochter hat heute Semesterabschlussball. So richtig mit Abendkleid und hohen Schuhen. Sie war sogar extra beim Friseur und hat sich ihre Haare nicht selbst geschnitten. Optisch gesehen, kann da nichts mehr schieflaufen.

Ich frage mich lediglich, wie das mit dem Tanzen klappen soll, denn die Tochter hatte nie eine Tanzstunde. Abgesehen vom Ballettunterricht, den sie als Kita- und Grundschulkind besucht hat. Aber Glissé, Plié und Pas de Deux werden ihr bei dem Ball nicht wirklich weiterhelfen.

In meiner Jugend war es üblich, in der 8. Klasse die Tanzschule zu gehen. Als Spätentwickler sah ich damals allerdings wie ein etwas zu groß geratener Grundschüler aus. Meine Eltern fanden, das sähe albern aus und ich sollte noch ein Jahr warten. Falls sie dachten, dass ich mich innerhalb von zwölf Monaten in einen kernigen Holzfäller mit Vollbart verwandeln würde, täuschten sie sich. Ziemlich gewaltig sogar. Mein Testosteronlevel bewegte sich immer noch unter Normalnull, Bartwuchs war nicht einmal mit viel Phantasie zu erahnen und ich sah auch als Neuntklässler wie ein zu groß geratener Grundschüler aus.

Dafür kannte ich fast niemanden in der Tanzstunde und musste immer wieder fremde Mädchen auffordern. Zum Paartanz. Es war die Hölle. Für meine Partnerinnen ebenfalls. Die mussten sich von einem zu groß geratenen Grundschüler mit schwitzigen Händen und ohne jeglichem Rhythmusgefühl auf den Füßen rumtrampeln lassen. Ich hoffe, der Tochter ergeht es heute Abend besser und sie muss nicht mit zu groß geratenen irischen Grundschülern tanzen.


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