Eine kleine Wochenschau | KW45-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


07. November 2022, Berlin

Mein Friseurbesuch in Carlow liegt inzwischen fast zwei Monate zurück. Mein Spiegelbild legt mir daher mit einem gewissen Nachdruck, ich solle mir mal wieder die Haare schneiden lassen. Besser heute als morgen.

Also mache ich einen Termin bei meiner Stammfriseurin Ayşe aus. Wie die aufmerksamen Leser*innen meines Cassis-Urlaubsblogs wissen, ist Ayşe eigentlich gar nicht meine Stammfriseurin, sondern die meiner Frau. Allerdings hätte ich gerne, dass sie meine Stammfriseurin wäre, weil sie eine hervorragende Friseurin ist. Daher gebe ich in dem Online-Tool des Friseurgeschäfts immer an, dass ich meinen Termin gerne bei Ayşe hätte. Bis auf ein einziges Mal hat das aber nie geklappt. Stattdessen musste ich mir immer von einer von Ayşes Kolleginnen die Haare schneiden lassen. Die machten das zwar auch ganz gut, aber nicht so gut wie Ayşe.

Heute habe ich allerdings Glück. Ayşe begrüßt mich beim Betreten des Ladens und bittet mich nach dem Haarewaschen auf den Friseurstuhl. Während sie mir die Haare schneidet, sagt sie irgendwann etwas unvermittelt: „Ihr Bart steht Ihnen wirklich gut.“

Ich bin ein wenig überrascht. Nicht nur wegen des Inhalts ihrer Aussage, sondern weil sie mich siezt. Im Gegensatz zu mir und meiner vollkommen verzerrten Wahrnehmung hält sie unseren Altersunterschied anscheinend für nicht so marginal, dass wir uns duzen können. In ihren Augen könnte ich ihr Vater sein, so dass es für sie ein Zeichen des Respekts ist, mich zu siezen.

Weil ich nicht in der Lage bin, ein Kompliment einfach anzunehmen und mit einem „Vielen Dank“, zu beantworten, sage ich: „Ach, der ist doch so grau.“ Das sage ich nicht aus Koketterie. Mein Bart ist tatsächlich so weiß, dass ich mich morgens beim schlaftrunkenen Blick in den Spiegel schon mehr als einmal gefragt habe, seit wann bei uns im Bad ein Bild meines Vaters hängt.

„Das macht doch nichts“, erklärt Ayşe daraufhin. „In Ihrem Alter stehen Frauen auf graues Haar.“ Frauen mit einem Gero-Fetisch vielleicht, denke ich, behalte dies aber für mich. Schließlich möchte ich, dass Ayşe meine Stammfriseurin wird. Da scheint es mir klüger zu sein, ihr nicht zu widersprechen.

08. November 2022, Berlin

Meine Lektorin schreibt mir, Hilfe, ich werde Papa habe sich inzwischen über 52.000-mal verkauft und ginge in die 8. Auflage. Wahnsinn! Mein Buch steht in mehr als 50.000 Haushalten. Oder ist in mehr als 50.000 Papiermülltonnen gelandet. Wer weiß das schon?

In diesem Sinne, hier eine Auswahl meiner Lieblings-1- und 2- Sterne-Rezensionen auf Amazon.

Präzise auf den Punkt gebracht plus konkrete Handlungsempfehlung. 5 Sterne von mir dafür.
Das nächste Buch wird nach Gewicht bezahlt.
Bei „sehr flach” dachte ich noch, es wird eine 5- Sterne-Rezension.
Den ersten Satz würde ich unterschreiben.

Falls sie der Aufforderung von Amazon-Kunde nicht folgen wollen und vielleicht zu Weihnachten ein Buch von mir verschenken wollen, können Sie Hilfe, ich werde Papa direkt bei mir bestellen. (Meine anderen Bücher selbstverständlich ebenso.) Ich kann auch gerne eine persönliche Widmung reinschreiben. Dann kann das Buch nicht so einfach weiterverschenkt werden.

09. November 2022, Berlin

Ich gehe heute früh wieder im Post-Sportpark laufen. Das ist nicht nur wegen der vielen Auf- und Abstiege und Abzweigungen und Kurven herausfordernd. Dort sind sehr viele Menschen mit ihren mir noch unbekannten Hunden unterwegs. Auf meiner Spree-Schlosspark-Laufstrecke kenne ich fast alle Hunde und ihre Besitzer*innen. (Also, nicht persönlich, aber vom Sehen.) Da weiß ich, dass ich unbehelligt an ihnen vorbeilaufen kann, weil sie sich nicht für mich interessieren. (Weder die Hunde noch die Besitzer*innen.)

Hier im Post-Sportpark kann ich das dagegen noch nicht einschätzen. Vielleicht gibt es hier Schäferhunde oder Pitbulls mit einer Vorliebe für gut abgehangenes Menschenbeinfleisch, die mich deswegen die Aufstiege hoch hetzen, bis ich vor Erschöpfung zusammenbreche. Deswegen beäuge ich hier im Park alle Hunde mit leichtem Argwohn und Misstrauen.

Mein Freund Arne hat mir bei unserem letzten gemeinsamen Lauf erzählt, er habe irgendwo gelesen, dass du Hunden nicht in die Augen schauen sollst, weil sie sich sonst herausgefordert fühlen könnten und dich dann attackieren. Seitdem schaue ich hier im Park stets demonstrativ weg, wenn mir ein Hund begegnet. Dabei drehe ich den Kopf leicht nach rechts und richte den Blick nach unten. Quasi wie ein fremdelnder Zweijähriger im Körper eines bärtigen 47-jährigen, der jeglichen Blickkontakt mit anderen vermeidet. Vielleicht sollte ich das nächste Mal meinen Vater zum Laufen mitnehmen. Dann kann ich mich hinter seinem Rücken vor den Hunden verstecken.

10. November 2022, Berlin

Fahre heute mit dem Zug nach Köln. Allein. Das Alleinreisen hat den Vorteil, dass du dich nach niemandem richten musst, dir das DB Mobil-Magazin nicht teilen musst und deinen Proviant ganz für dich hast.

Allerdings hat allein reisen den großen Nachteil, dass du niemandem auftragen kannst, sich die Sitzplatzreservierung und den dazugehörigen Wagen zu behalten. Das ist bei unseren Zugfahrten immer die Aufgabe der Kinder. Obwohl meine Frau und ich beide über einen Hochschulabschluss verfügen – meine Frau sogar über eine Promotion – sind wir damit überfordert, uns zwei zweistellige Zahlen zu merken.

Wahrscheinlich sind unsere Gehirnregionen, in denen wir das abspeichern könnten, mit anderen Informationen vollgestopft. Bei meiner Frau mit Trivia über Hollywoodstars, bei mir mit Fußball- und Tennisresultaten aus den 80ern und frühen 80ern. Deswegen weiß ich, dass Bayern München 1987 im Finale des Europapokals der Landesmeister mit 2:1 gegen den FC Porto verloren hat und das eines der Tore für die Portugiesen durch den Algerier Rabah Madjer erzielt wurde, kann mich aber nicht erinnern, auf welchem Platz ich gleich sitze, obwohl ich mir das erst vor 90 Sekunden angeschaut habe.

Vor ein paar Monaten hat der Stand-up-Comedian Andreas Weber aber eine sehr hilfreiche Eselsbrücke gepostet, wie er es schafft, seine Zugreservierung zu behalten. Er prägt sich das wie eine Uhrzeit ein. Aus Wagen 8, Platz 23 wird dann 8.23 Uhr.

Das funktioniert wirklich ganz hervorragend. Ich muss mir heute einfach nur 31.97 Uhr merken.


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