Eine Prager Wochenschau | Tag 1 (04.01.): So weit die Füße tragen

Wir sind kurzverreist. Nach Prag. Hier gibt es den Bericht. Nicht ganz live, aber dafür in Farbe und 8k. Falls Ihnen Ihre Lebenszeit nichts wert ist und Sie alle Prag-Beiträge lesen möchten, werden Sie hier fündig.


Zum Frühstück essen wir die Brötchen, die wir gestern Abend gekauft hatten. Über Nacht waren sie weich und knatschig geworden. Damit sie wieder knusprig werden, wollen wir sie aufbacken. Nach einem circa 30-sekündigen Aufenthalt im Backofen haben sie sich in eine Mischung aus Zwieback, Knäckebrot und Styropor verwandelt.

Mit ausreichend Marmelade oder Schokocreme schmecken sie aber ganz okay. Noch besser schmecken es aber, wenn man sie weglässt und die Marmelade und Schokocreme einfach pur isst.

Nach dem Frühstück brechen wir auf Richtung Innenstadt. Der Himmel ist bewölkt, aber es regnet nicht. Somit spricht nichts dagegen, Prag zu Fuß zu erkunden. Für den Sohn schon. Die grundlegende Idee des Konzepts „die Stadt zu Fuß erkunden“ spricht für ihn per se gegen alles.

„Zur Karlsbrücke sind es nur gut drei Kilometer“, versuche ich ihm den Stadtspaziergang schmackhaft zu machen. Der Sohn schaut mich mit einem leeren Gesichtsausdruck an, als sei alles in ihm gestorben.

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Nach circa 20 Minuten kommen wir an einer Art Antiquitätenladen vorbei. Im Schaufenster sind Bilder, Vasen, Lampen und andere Einrichtungsgegenstände ausgestellt. An der Wand hängt mindestens fünfmal der gleiche Spiegel. Mit dickem Goldrahmen, der mit Pflanzenranken und Blüten verziert ist. Ich bin skeptisch, ob diese identischen Spiegel tatsächlich antik sind. Möglicherweise täusche ich mich aber und es gab im Prag des 16. Jahrhunderts eine Massenproduktion für Spiegel mit dicken, Blumen und Pflanzen verzierten Goldrahmen.

Im Schaufenster liegen auch ein paar Dolche und Pistolen, die aussehen, als hätten Piraten sie benutzt. Als Kind hätte mich das fasziniert. Um ehrlich zu sein, als Erwachsener auch. Bei Kindern ist sozial akzeptiert, dass sie sich für Pistolen begeistern, bei Männern Ende 40 ist das eher bedenklich. (Außer du wohnst in den USA. Da wirst du sozial geächtet, wenn du keine Handfeuerwaffe willst.)

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Auf dem Altstädter Ring, einem Platz neben dem Rathaus mit seiner berühmten astronomischen Uhr, ist ein Weihnachtsmarkt aufgebaut. Als wir dort ankommen, ist der Gesang eines Kinderchores zu vernehmen. Ich frage mich, ob das live ist oder von Band gespielt wird. Ich tippe auf ersteres. Der Gesang klingt schon live sehr gewöhnungsbedürftig. Warum hätte das jemand aufnehmen und später nochmal abspielen wollen? (Spoiler Alert: Es war kein Live-Auftritt.)

Wir laufen durch die Altstadt. Wir sind nicht die einzigen, die die Idee hatten, zum Jahresanfang nach Prag zu fahren. Die Straßen sind voll mit Tourist*innen. Sehr viele von ihnen sind aus Deutschland. Ich möchte mich darüber aber nicht beschweren. Es gibt schließlich nichts unangenehmer Deutsches, als sich im Ausland als deutscher Tourist an anderen deutschen Tourist*innen zu stören. (Außer du trägst dabei weiße Tennissocken in Sandalen. Das ist noch unangenehmer Deutsch.)

Die Prager Altstadt ist sehr pittoresk. Enge Gässchen, Kopfsteinpflaster und alte Häuser. Die Läden in der Altstadt sind dagegen eine eigenartige Mischung aus Geschäften mit hochwertigen (und hochpreisigen) Angeboten sowie Shops, die Touri-Ramsch anbieten. Außerdem tauchen immer wieder die gleichen Läden auf:

  • Candy-Stores, die Süßigkeiten in den buntesten Farben anbieten, dass Zucker wahrscheinlich das geringste gesundheitsgefährdende Problem ist
  • Kosmetikläden, der auf Hautpflege-Produkte und Düfte auf Bier-Basis spezialisiert ist, was sich leckerer anhört, als es riecht
  • Souvenir-Geschäfte mit in Asien angefertigten Andenken wie Schlüsselanhänger, Tassen und T-Shirts sowie erstaunlich teuren Kristallgläsern
  • Cannabis-Shops, die von Joints über Brownies und Cookies bis hin zu Schokolade, Gummibärchen, Vodka und Bier alles anbieten, was das Kifferherz begehrt. (Bevor Sie zu einem Drogen-Trip nach Prag aufbrechen, sei erwähnt, dass die Produkte alle kein THC enthalten, das in Tschechien nicht verkauft werden darf.)

Außerdem läufst du in der Altstadt alle zehn Meter an einer Trdelnik-Bäckerei vorbei. Trdelniks werden als süße Prager Spezialität vermarktet, stammen allerdings gar nicht aus Prag. Nicht einmal aus Tschechien, sondern aus der Slowakei. Es handelt sich also um Verbrauchertäuschung in Tateinheit mit kulinarisch-kultureller Aneignung.

Trdelniks bestehen aus einem dünnen Hefeteigstreifen, der auf eine Spindel gerollt, mit einer Glasur aus karamellisiertem Zucker, gehackten Nüssen sowie Zimt bestrichen und dann über einer offenen Flamme gegart wird. Die daraus resultierende Teigröhre wird entweder pur gegessen oder mit Obst, Eis, Sahne oder Saucen gefüllt. Da niemand außerhalb Tschechiens – und der Slowakei – Trdelnik aussprechen kann, wird er für ausländische Tourist*innen freundlicherweise mit „Chimney Cake“ übersetzt.

Bei „süßer Prager Spezialität“ lasse ich mich selbstverständlich nicht zweimal bitten. Auch beim Rest der Familie muss ich keine größere Überzeugungsarbeit leisten. Wir gehen in einen kleinen urigen Laden, wo eine Frau ob unserer Anwesenheit nicht in überschäumende Ekstase ausbricht, aber dennoch freundlich unsere Bestellung aufnimmt.

Für unsere vier Trdelniks mit allerlei Schnickschnack bezahlen wir circa 28 Euro. Vielleicht auch 280, denn ich bin zu faul, die absurd hohe Tschechische-Kronen-Summe umzurechnen.

Ich habe eine Trdelnik-Variante mit Kokosrand, Apfel-Zimt-Füllung und Eis gewählt, auf das die Frau als Dreingabe des Hauses noch ein kleines Schokoladentäfelchen gesteckt hat. Leider erfüllt der Trdelnik nicht ganz die hohen Erwartungen, die ich in ihn gesteckt habe. Der Teig ist etwas zu trocken, die Apfel-Zimt-Mischung etwas zu matschig und das Eis ist einfach ganz gewöhnliches Eis.

Trotz meiner leichten Enttäuschung denke ich bei jedem der vielen Trdelnik-Läden, an denen wir vorbeikommen, ob der „Chimney Cake“ hier vielleicht besser schmeckt und ich ihm eine weitere Chance geben sollte. Weil es aus den Läden so lecker zimtig duftet und weil die Trdelniks so lecker aussehen. Und weil ich verfressen bin.


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