Föhr 2018 – Tag 1: Der mit dem Beachbody rennt

Es ist ungefähr halb acht, als ich langsam meine Augen öffne. Oder es versuche. Das geht nur so mittelgut. Der gestrige Anreisetag und das Schleppen der schweren Koffer, Rücksäcke und Taschen hängt mir anscheinend noch in den Knochen. Und das viele Essen im Magen.

Allerdings ist heute Montag und Montag ist Lauftag. Klingt komisch, ist aber so. Wie jedes Jahr habe ich mir vorgenommen, im Urlaub jeden zweiten Tag laufen zu gehen. Man (d.h. ich) möchte am Strand ja eine gute Figur machen. Oder zumindest keine ganz schlechte. Also, zumindest wäre es schön, wenn ich mein T-Shirt ausziehe, dass es dann unter den anderen Strandbesuchern nicht zum Gruppenkotzen kommt. So eitel bin ich dann doch.

Andererseits bin ich heute früh doch ziemlich gerädert. Vielleicht ein göttliches Zeichen, lieber nicht laufen zu gehen? Aber wer am Vortag Vollkorn-Stullen, Schoko-Bons, Erfrischungsstäbchen, Gummibärchen, Kuchen, Raffaelos, Bockwurst und ein paar Krabben mit Sour Cream gegessen hat, der kann am nächsten Tag auch laufen. Was für eine unsinnige Aussage. Wer am Vortag Vollkorn-Stullen, Schoko-Bons, Erfrischungsstäbchen, Gummibärchen, Kuchen, Raffaelos, Bockwurst und ein paar Krabben mit Sour Cream gegessen hat, der muss am nächsten Tag hauptsächlich verdauen und ist viel zu schlapp, um zu laufen. (Stichwort „Völlegefühl“)

Keine Ausreden, sage ich in einem Anflug calvinistischen Pflichtbewusstseins zu mir. (Stichwort „Geistige Umnachtung“) Wenn man sich etwas vorgenommen hat, dann muss man das auch durchziehen. Noch so eine unsinnige Aussage, die Ausdruck eines mir innewohnenden Selbsthasses ist.

Ich raffe mich auf, ziehe die Laufklamotten an und gehe ins Wohnzimmer, wo ich versuche, meine Bluetooth Kopfhörer mit dem Handy zu verbinden. Das klappt aber nicht. Mein Handy ist mir kürzlich runtergefallen und ist deswegen gerade in Reparatur. Daher benutze ich zurzeit das alte Handy der Tochter. (In was für einer Welt leben wir eigentlich, in der Eltern die abgelegten Telefone ihrer Kinder benutzen müssen?) Auch nach mehrmaligen Versuchen findet das töchterliche Handy die In-Ears nicht. Ein weiteres göttliches Zeichen, dass ich doch nicht laufen gehen soll?

In diesem Moment geht die Tür auf und ein Mann betritt das Wohnzimmer. Zunächst denke ich, es ist der Innere Schweinehund, der mich in den letzten Urlauben immer vom Laufen abhalten wollte. Der Typ trägt aber ein enges Sporthöschen, ein pinkfarbenes Frotteestirnband und ein sehr weit ausgeschnittenes Ruderleibchen, dass seinen muskulösen Oberkörper zur Schau stellt. Seine Bizepse haben die Größe von Pampelmusen, seine Trizepse sind fest wie ungarische Salamis und sein Sixpack ist so ausdefiniert, dass Ronaldo dagegen wie ein adipöses Hängebauchschwein aussieht.

„Ich bin Body“, stellt sich der Mann vor. „Beach Body“ Ich schaue ihn fragend an. „Ich bin für die nächsten drei Wochen dein Personal-Trainer“, erklärt er.

„Mein was?“ frage ich verdutzt.

„Dein P-e-r-s-o-n-a-l T-r-a-i-n-e-r“, erwidert er langsam, als spräche er mit einem zurückgebliebenen Kind. „Ich mache dich fit für den Strand.“

„Aber ich bin fit“, sage ich.

Beach Body lacht laut und lange. „Der war gut“, dröhnt er und haut mir seine Pranke krachend auf die Schulter.

„Ich wiege immerhin drei Kilo weniger als im letzten Urlaub“, verteidige ich mich.

„Das heißt noch lange nicht, dass du am Strand gut aussiehst“, entgegnet er. „Vielleicht nicht mehr wie ein Hefe-Kloß, aber nicht gut. Und außerdem, wie viel weniger als im Urlaub hast du schon gewogen?“

„Sechs Kilo“, antworte ich kleinlaut. „In den letzten Wochen hatte ich aber ziemlich viel Stress. Da hatte ich nicht immer Zeit, Sport zu machen, und mich ausgewogen zu ernähren.“

„Ja, ja, ja!“ unterbricht mich Beach Body. „Aber hier hast du ja zum Glück keinen Stress und kannst dich voll und ganz deinem Körper widmen.“

„Das kann ich mit Käsekuchen auch“, werfe ich ein.

„Du denkst wohl, dass ist hier ein Spaß?“ herrscht Beach Body mich an.

Er macht einen etwas verbissenen Eindruck auf mich. Ich schüttle den Kopf.

„Für heute lassen wir es locker angehen“, erklärt er versöhnlich. „Ein kleines Zehn-Kilometer-Läufchen im entspannten Fünfer-Schnitt!“

Wir scheinen sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Bedeutung der Wörter ‚locker‘, ‚klein‘ und ‚entspannt‘ zu haben.

Zehn Minuten später laufe ich mit Beach Body die Strandpromenade entlang. Er schlägt ein flottes Tempo an, dabei pfeift er „Das Wandern ist des Müllers Lust“.

Links von uns liegt das Meer. Eigentlich ein traumhafter Ausblick, aber meine Brille beschlägt und ich kann kaum etwas sehen.

„Der Meerblick soll dich motivieren“, schwadroniert Beach Body. „Unendliche Weiten. Es gibt nur dich und deine Beine. Du läufst einfach weiter. Immer weiter.“ Ich versuche, sein Gelaber auszublenden.

„Und die salzige Meerluft ist gut für deine Atmung“, fährt er fort. „Da wird mehr Sauerstoff durch deinen Körper transportiert und du kannst länger schneller laufen. Quasi natürliches Doping“, kichert Beach.

Mir tropft derweil Schweiß in die Augen, was wie die Hölle brennt. Tränen laufen über mein Gesicht. In Zeiten der Metrosexualität ist es ja glücklicherweise vollkommen in Ordnung, wenn Männer weinen. Beach Body ist da augenscheinlich anderer Ansicht. „HÖR AUF ZU FLENNEN WIE SO EIN MÄDCHEN“, brüllt er mich an wie ein Drill Sergeant. Ich würde ihm gerne sagen, dass seine Aussage politisch unkorrekt, anti-feministisch und frauenverachtend ist, aber mir fehlt der Atem zum Reden.

Nach gut zehn Kilometern und rund 50 Minuten stehen wir wieder vor unserer Ferienwohnung. „Das war ein netter Aufgalopp“, sagt Beach Body. „Dann können wir in den nächsten Tagen richtig loslegen. Zum Frühstück darfst du eine reife Banane und eine leckere Karotte essen.“ Am liebsten würde ich mich auf den Bürgersteig legen und nie wieder aufstehen.

Beach Body verabschiedet sich und trabt davon. Ich warte, bis er außer Sichtweite ist. Dann gehe ich zum Bäcker.

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Nachdem die Frau, die ebenfalls laufen war, und ich ausgiebig gefrühstückt haben, bereiten wir uns auf den ersten Strandbesuch vor. Da unser Hautton recht treffend mit Philadelphia Streichkäse beschrieben werden kann, müssen wir viel Wert auf das Eincremen mit Sonnenmilch legen. Das ist ganz ungewohnt, dass wir dabei nicht die Kinder ermahnen müssen, alle Stellen ordentlich einzuschmieren. Ein wenig erleichtert bin ich aber, dass der Sohn mir nicht den Rücken eincremt. Der macht das zwar immer mit sehr viel Enthusiasmus, aber mit einem Mangel an Sorgfalt, was jedes Jahr zu einem partiellen Sonnenbrand auf meinem Rücken führt. Dieses Jahr bin ich selbst für meinen Sonnenbrand verantwortlich.

Bevor wir an den Strand gehen, werden wir beim Strandkorb-Verleih vorstellig. Der Strandkorb erfreut sich unter Föhr-Besuchern größter Beliebtheit und gehört hier zu den Stränden wie aufblasbare Badetiere, Sandburgen und eskalierende Kleinkinder, die nicht eingecremt werden wollen.

Bei unserem letzten Föhr-Urlaub vor fünf Jahren gingen wir am ersten Tag zum Strandkorb-Verleih und  erklärten dem Mann dort, wir würden gerne einen Strandkorb mieten. Gerne auch direkt am Meer. Nachdem er sich von seinem Lachanfall erholt hatte, bekamen wir einen Strandkorb in der letzten Reihe zugewiesen.

Damals erfuhren wir aber von anderen Strandurlaubern, dass die Strandkörbe schon weit im Voraus online bestellt werden können. Da wir lernfähig sind, reservierte uns die Frau vor sechs Monaten einen Strandkorb für unsere drei Wochen Urlaub. Der Verleih-Mann kontrolliert unseren Reservierungsschein und zeigt uns dann unseren Strandkorb. Er steht in der vorletzten Reihe.

Vorletzte Strandkorbreihe ist auf Föhr aber gar nicht so schlimm, denn die Körbe sind am Strand recht luftig gestellt. Links und rechts sind jeweils anderthalb bis zwei Meter Platz, davor und dahinter ungefähr sechs bis sieben Meter. Im Vergleich zu den „Wo ist Walter“-Real-Life-Stränden auf Sardinien im letzten Jahr fühlen wir uns hier wie Einsiedler. Es ist fast ein wenig einsam.

Wo ist Walter?

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Der Strandtag verläuft sehr ruhig. Fast schon zu ereignisarm. Vor allem ohne den hyperaktiven Sohn, der unaufhörlich im Wasser tollen, Ball spielen Sachen suchen und Eis essen will.

Ich genieße einfach die Ruhe. Obwohl es auch ein wenig langweilig ist. Wenn man keine Kinder am Strand dabei hat, nimmt einem das ja die Möglichkeit, Sandburgen zu bauen. Für erwachsene Menschen ist das nur im Rahmen von Sandskulptur-Wettbewerben sozial akzeptiert. Wenn man den Eiffelturm nachbaut. Oder die Chinesische Mauer. Im Originalmaßstab.

Die Frau geht zwischendurch baden. Als sie zurückkommt meint sie, das Wasser sei sehr kalt. Ich beschließe, meinen ersten Meergang auf morgen zu verschieben. Oder übermorgen. Vielleicht auch auf nächste Woche.

Nach fast sechs Stunden am Strand fühlt sich mein Hirn ein wenig wie eine Dörrpflaume an. Die Frau meint, dann sei ja alles wie immer. Der sollten Sie aber keinen Glauben schenken. Die saß den ganzen Tag in der Sonne und weiß gar nicht mehr, was sie redet.

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Schließlich brechen wir auf, weil wir noch zum Supermarkt müssen. Das Nötigste für das Abendessen kaufen. Dafür dass es das Nötigste ist, müssen wir an der Kasse eine recht stattliche Summe bezahlen, wie in Berlin, wenn ich den Wocheneinkauf für die ganze Familie bestreite. In der Ferne höre ich unser Konto leise wimmern.

Zum Abendessen gibt es landestypisch Nudeln mit Tomaten und Parmesan. Also, landestypisch für Italien. Anschließend hacke ich die Ereignisse des heutigen Tages in den Computer. Die Frau sitzt währenddessen im Wohnzimmer und puzzelt ein 1.000-Teile-Weltkarten-Puzzle. Da ist man über 20 Jahre zusammen und dann lernt man, dass die eigene Frau gerne puzzelt. So wie mein 80-jähriger Großvater als er noch lebte. Aber ansonsten ist die Frau mental einigermaßen stabil. Das ist mehr als die meisten anderen von ihrer Partnerin oder ihrem Partner sagen können.

Etwas später gehen die Frau und ich noch einmal zu unserem Strandkorb. Mit einer Flasche Sekt den Sonnenuntergang genießen. Und das, liebe Kinder, ist eure Lektion für heute (also, wenn ihr älter seid): „Wenn euch das Leben Sekt und einen Strandkorb gibt, dann trinkt Sekt im Strandkorb.“

Gute Nacht!

Prost! #schoenefoehrien #werbungdaortsnennung #fließtaberkeingeld #schade

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Co-Gründer Familienbetrieb

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im Oktober 2018 erscheint sein neues Buch „Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit“*. (*Affiliate-Link)

106 Kommentare zu “Föhr 2018 – Tag 1: Der mit dem Beachbody rennt

  1. Frau/Freundin – meine Verwirrung nimmt allmählich Schrödinger´sche Ausmaße an.
    Aber ich lasse mich die nächsten 3 Wochen, und auch danach, nicht mehr davon beim Urlaubsbloglesen ablenken. Es gilt schließlich, weit Wichtigeres zu erfahren:
    Ist dieser „Beach Body“-Typ die athletische Manifestation von Der Tod und würde selbiger tatsächlich 10km am Stück auf eigenen Beinen laufen, um des Blogbetreibers Gemütszustand zu gängeln?
    Hat er sich also lediglich optisch angepasst, den sprachlichen Duktus aber nicht verändert?
    Schwer vorstellbar.
    Wurde „Beach Body“ also eher von Der Tod vorab engagiert, informiert und entsprechend instruiert, um dem Urlaubenden die Laufmoral und damit die, bekanntermaßen schwache, Gesundheit zu stärken?
    Angesichts der morbiden Ader von Der Tod schon viel eher vorstellbar.
    Wie er dabei Caipi süffelnd und breit grinsend an der Strandbar sitzt und in Gedanken den hechelnden Moabiter von weitem bei dessen Schweißarbeit anfeuert, ist ebenso leicht vorstellbar.
    Vielleicht klärt sich diese Frage ja beim nächsten überraschenden Besuch, wenn er mal wieder plötzlich nachts um halb Drei neben dem, vom Hausherrn heimlich geöffneten Kühlschrank steht.

    Was den ersten Strandbesuch betrifft, da beschleicht mich ja das hetzerische Gefühl, dass, außer den abwesenden Kindern, in der Familie gar niemand ernsthaft in der Lage ist, ordentliche Sandburgen zu bauen. Hätten sich denn ansonsten nicht Kinder fremder Familien, es waren bestimmt welche in Sichtweite, über tatkräftige und kreative Unterstützung gefreut?
    Ja, jetzt fällt mir´s auch auf… Da wäre in mancherlei Hinsicht ne Menge Überzeugungsarbeit zu leisten.
    Egal, genug angestrengt für heute.
    Ich fürchte, dass ich morgen einen leichten Muskelkater habe. Danke, Beach Body!

  2. Ist es nicht viel zu spät, im Urlaub mit Laufen anzufangen, damit man im selben Urlaub „besser“ aussieht? 🤔

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