Sardinien 2021 – Tag 13: Von zu erledigender Urlaubskorrespondenz, dem 100. Laufkilometer, gründlichen Corona-Tests, keinem Alkohol zum Frühstück, Deutschen, die ins Restaurant gehen, italienischen Eisbestellungen und einem historischen Kniffel-Triumph

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09.07.2021, Santa Teresa di Gallura

Die Sonne scheint, ich sitze auf dem Balkon, trinke einen Espresso und schaue aufs Meer. Vor mir liegt der Stapel mit Postkarten, ein Stift und unser Adressbuch. Ja, wir sind so old school, dass wir ein physisches Buch haben, in das meine Frau per Hand die Adressen von Verwandten, Freunden und Bekannten eingetragen hat. (Vor allem sind wir aber so lazy, dass wir seit Jahren die Daten nicht digitalisiert haben.)

Da wir morgen zurückfliegen, ist das Erledigen der Urlaubskorrespondenz auf meiner Prioritätenliste stark nach oben gewandert. Von allein schreiben sich die Karten ja nicht. Das kann ich mit großer Gewissheit sagen, denn ich starre sie schon seit einer Viertelstunde an und da tut sich nichts von allein. Wirklich gar nichts. Faules Pack!

Die Zeit ist zu knapp und die Temperaturen sind zu heiß, um mir für jede einzelne Karte individuelle Sätze von Thomas-Mannscher Eloquenz auszudenken. Ich muss improvisieren:

Hallo Ihr Lieben,
machen wir es kurz und herzlich: Wir schicken euch sonnige Grüße von Sardinien. Hier ist alles toll: Essen, Wetter, Wohnung, Strand und Stimmung. Und wir, wir sind auch toll.
Liebe Grüße,

Das ist präzise, auf den Punkt und effizient. Und generisch genug, um es für jede Karte zu verwenden. Den Ingeborg-Bachmann-Preis werde ich dafür allerdings nicht bekommen.

Egal. Ich nehme einen Schluck Espresso und schaue aufs Meer.

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9.23 Uhr. Ich vollende den 100. Urlaubs-Lauf-Kilometer. (Aufgrund der vielen Steigungen eigentlich den 200.) Irritierender- und ja auch enttäuschenderweise hält es der Bürgermeister von Santa Teresa wieder nicht für nötig, zu erscheinen, um mir persönlich zu dieser erneuten sportlichen Höchstleistung zu gratulieren. Allmählich frage ich mich, ob er etwas gegen Deutsche im Allgemeinen oder nur mich im Speziellen hat. (Für letzteres hätte ich Verständnis. Ich kann mich häufig auch nicht besonders gut leiden.)

Ein Italiener zollt meinem sportlichen Einsatz aber doch Respekt. Als er mit seinem Auto an mir vorbeifährt, hupt er, streckt eine Becker-Faust aus dem Fenster und ruft mir etwas zu. Wahrscheinlich: „Toll gemacht, Christian, du bist mein Held! Weiter so!“ Oder: „Warum läufst du Arschloch auf der Straße? Willst du, dass ich dich überfahren? Vollidiot!“

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #56

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Nach dem Duschen begutachte ich meinen Lippen-Herpes. Er hat mittlerweile die Größe Belgiens angenommen. Nächste Woche bemüht er sich um eine EU-Mitgliedschaft.

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Um 10 Uhr betreten wir für unsere Corona-Tests die Apotheke. Vorher habe ich mir vom Handy extra den Satz „Wir haben um 10 Uhr einen Termin für unsere Covid-Tests.“ übersetzen lassen. Als mich aber die Frau, mit der ich vorgestern gesprochen hatte, erblickt, hebt sie einfach vier Finger in die Höhe und ruft quer durch die Apotheke: „Quattro?“ Ich nicke. Wir verstehen uns auch ohne große Worte.

Zuerst bezahle ich die Tests – umgerechnet circa 40 Kugeln Eis (mit leckerer Waffel) –, dann führt die Frau uns in den Garten hinter der Apotheke, wo wir in einer Art Partyzelt Platz nehmen. Kurze Zeit später erscheint eine andere Frau, um die Tests durchzuführen. Ich erkläre mich heroisch bereit, den Anfang zu machen. (Wenn ich für die Familie schon keine Mammuts jage und sie auch nicht vor Säbelzahntigern beschütze, kann ich mich wenigstens als erstes testen lassen.)

Die Frau geht mit mir in einen dunklen, niedrigen Raum, der eine leichte Garagenatmosphäre verbreitet. Sie friemelt aus der Verpackung den Teststab heraus. Bei einer Länge von 15 cm möchte ich nicht von einem Teststäbchen sprechen, das erscheint mir eine unangebrachte Verniedlichung zu sein.

Während der Kollege im Berliner Testzentrum vor zwei Wochen mit dem Stäbchen sanft meine Wangeninnenseite gestreichelt hatte, legt die Frau eine Gründlichkeit an den Tag, die normalerweise Deutschen nachgesagt wird. Sie schiebt den Teststab so weit in meine Nase, bis es im Großhirn brizzelt. Dann dreht sie den Stab langsam ein paar Mal nach links, ein paar Mal nach rechts, verharrt noch ein wenig aus und zieht ihn schließlich vorsichtig und bedächtig wieder raus.

Alles in allem ist es aber nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Vielleicht liegt das daran, dass ich als Kind leidenschaftlich gerne in der Nase gebohrt habe. Jetzt zählt sich das jahrelange Popeltraining aus. (Ja, Mutter und Vater, ihr hättet mich nicht andauernd ermahnen müssen, den Finger aus der Nase zu nehmen. Ich habe mich lediglich darauf vorbereitet, dass mir 40 Jahre später eine italienische Apothekerin in einem schummerigen Kellerraum einen Stab bis zum Lobus frontalis in die Nase steckt.)

Nacheinander wird der Rest der Familie getestet und kehrt mit tränenden Augen in das Gartenzelt zurück. Eine Viertelstunde später kommt die Frau, bei der ich die Termine ausgemacht hatte, und streckt einen Daumen in die Höhe. Ich gehe davon aus, sie teilt uns damit mit, dass unsere Tests alle negativ sind. Oder es ist das italienische Geste für „Pech gehabt. Da hat dir das Schicksal aber mal so richtig den Daumen hinten reingeschoben.“

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #57

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Ich inspiziere den Kühlschrank, um zu sehen, was noch fürs Frühstück vorhanden ist. Wir können sehr viel Milch trinken und sehr viel Butter essen. Salami gibt es auch noch. Die Marmeladenvorräte sind spärlich, das Nutella sollte bis morgen reichen. Zumindest wenn wir normale Mengen nehmen und uns nicht wie sonst die Nuss-Nougat-Creme mit dem Schaufelradbagger auf die Brötchen hauen.

Außerdem können wir Melone und Äpfel frühstücken. Das ist gut, das ist ja gesund. Auf das Obst können wir Parmesan streuen. Das ist nicht ganz so gesund, aber von dem ist noch reichlich da. Sehr reichlich sogar.

Im Kühlschrank stehen auch noch drei Fläschchen Aperol Spritz. Das scheint mir kein geeignetes Frühstücksgetränk zu sein. Schließlich sind wir keine 18 mehr, wo es auf Kursfahrten durchaus üblich war, morgens schon das ein oder andere alkoholische Getränk zu sich zu nehmen. Okay, die Tochter ist fast 18. Aber ich glaube, die will auch keinen Alkohol zum Frühstück trinken. Zumindest nicht mit ihren Eltern.

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Beim Bäcker durchbreche ich heute meine Bestellroutine, weil ich die Brötchenmenge an unser Belag- und Aufstrichvorkommen anpassen möchte. Nachdem ich zwei Wochen lang murmeltiertagmäßig fast ausschließlich vier Brötchen gekauft habe, sage ich heute: „Tres panini, per favore.“

Die Verkäuferin schaut mich verdutzt an. „Tres?“, fragt sie mich verunsichert. Wahrscheinlich ist sie enttäuscht, dass ich auch nach zwei Wochen den Zahlenraum bis 4 noch immer nicht richtig beherrsche.

„Si“, bestätige ich. Als die Verkäuferin gerade den Preis für die Brötchen in die Kasse eingeben will, unterbreche ich sie: „Uno momento, per favore.“ Sie schaut mich vollends verwirrt an und fragt sich wahrscheinlich, ob Aliens von mir und meinem Sprachzentrum Besitz ergriffen haben.

„Quattro crostata, per favore.“ Ich deute auf ein paar Küchlein, die auf dem Verkaufstresen ausliegen. (Dort steht auch die Bezeichnung crostata. Sonst hätte ich keine Ahnung gehabt, wie ich die Küchlein bestellen soll.) „Due cioccolato e due marmelata“, spezifiziere ich.

Auf dem Heimweg bin ich sehr zufrieden. Mit meiner Küchlein-Bestellung habe ich mein normales Bäckerei-Vokabular verachtzigfacht. Und die eingekaufte Kalorienmenge ebenfalls.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #58

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Nach einem letzten Tag am Strand gehen wir zum Abschluss des Urlaubs abends essen. Zur Feier des Tages sozusagen. Oder zur Trauerbewältigung. Weil wir ein Lokal mit weißen Tischdecken ausgewählt haben, finde ich es unangemessen kurze Hosen zu tragen. (Zumindest die kurzen Hosen, die ich dabei habe.) Stattdessen ziehe ich meine Jeans an. Das erste Mal auf Sardinien. Die Jeans freut sich: „Schön, dass ich auch mal raus darf.“

Gestern Abend hatte ich extra einen Tisch reserviert. Für 19 Uhr! Wie so ein richtiger Alman. (Hätte ich ein Trikot der deutschen Nationalmannschaft getragen, wäre es nicht offensichtlicher gewesen, dass ich Deutscher bin.) Nun ist es 19 Uhr und wir stehen pünktlich auf die Minute in dem Restaurant. (Der Alman-Pegel erreicht einen neuen Höchstwert.)

Das Lokal ist komplett leer. Alle Tische sind unbesetzt, keine anderen Gäste weit und breit. Bevor ich den Kellner anspreche, google ich den italienischen Satz: „Wir sind die deutschen Trottel, die einen Tisch für 19 Uhr reserviert haben, also zu einer Zeit, zu der hier kein Mensch essen geht. Dürfen wir trotzdem bleiben?“

Das Essen ist dennoch köstlich. Irgendwie ist es ist ja auch schön, ganz in Ruhe zu essen. (Nur unter Beobachtung von fünf Kellnerinnen, die nichts zu tun haben.)

Später füllt sich das Restaurant allmählich und der Sohn entdeckt einen der beiden Italiener, mit denen wir vorgestern im Wasser Ball gespielt haben. Er bedient die Gäste am Nachbartisch.

Kurz überlege ich, ihm ein Stück Brot an den Kopf zu werfen und cinque bomba zu rufen, lasse es aber bleiben. Wahrscheinlich finde nur ich das lustig und ich möchte der deutsch-italienischen Völkerverständigung keinen Schaden zufügen.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #59

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Nach dem Essen holen wir uns noch ein Eis. (Getreu unserem Motto „Urlauben und schlemmen wie Gott in Italien“) Ich beeindrucke den Rest der Familie nachdrücklich, indem ich meine Eis auf Italienisch bestelle. Der Verkäufer schaut nicht ganz so beeindruckt. Ihm wäre es bestimmt lieber gewesen, ich hätte auch Englisch gesprochen. Dann wüsste er wenigstens, welche Sorten ich bestellt habe.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #60

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Der letzte Kniffelabend endet mit einem wahren Triumphzug. Mit einem zweifachen Kniffel und fast 100 Punkten Vorsprung. Allerdings nicht für mich, sondern für den Sohn. Der gewinnt damit auch souverän die Gesamtwertung. Zum ersten Mal in der Geschichte unseres familieninternen Urlaubs-Kniffelturniers.

Ich gönne es ihm. Genauso wie die Gewinner-Wundertüte. Ich bin ja erwachsen. Ich kann mir so viele Wundertüten kaufen wie ich will. (Beziehungsweise so viele mir mein Kontostand erlaubt.) Allerdings schmeckt so eine Wundertüte besser, wenn du sie gewinnst.

Egal. Lang lebe der sardische Kniffel-Champion 2021! (Aber nur bis 2022.)


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