Sardinien 2021 – Tag 09: Von nicht mehr ganz vollen Urlaubsgläsern, Schildkröten-Jogging, außerirdischen Lippen-Aliens, Schwitzattacken beim Bäcker, weirden Ehe-Momenten, zu großen Kaffeekapseln und körperlichen Verfallserscheinungen

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05.07.2021, Santa Teresa di Gallura

Die Sonne scheint, ich sitze auf dem Balkon, trinke einen Espresso und schaue aufs Meer. Der neunte Tag unseres entspannten und erholsamen Urlaubs bricht an. Toll! Das heißt allerdings auch, dass schon mehr als die Hälfte des Urlaubs rum ist. Es sind nur noch fünf Tage übrig. Nicht so toll! (Das Goldlöffelchen kratzt schon wieder im Hals.)

Aber im Urlaub sollst du ja nicht miesepetrig sein, sondern frohgemut. Und positiv denken sollst du auch. Im Urlaub ist das Glas nicht halb leer, sondern halb voll. Genau genommen, ist unser Glas allerdings nur 5/13 voll und das ist weniger als halb. (Dies als kleine Erläuterung für Leser:innen, die in Mathe nicht ganz so sattelfest sind.)

Egal. Ich nehme einen Schluck Espresso und schaue aufs Meer.

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Der morgendliche Lauf klappt nach unserem gestrigen 16-Kilometer-Marsch zur Valle della Luna besser als gedacht. Vielleicht nicht besonders flott, aber okay. Nicht wie sonst wie eine Schildkröte, die durch die sardischen Hügel trippelt, sondern wie eine lahme Schildkröte, die durch die sardischen Hügel schleicht. Oder, um ganz präzise zu sein, wie eine sehr lahme Schildkröte, die durch die sardischen Hügel kriecht und zwischendurch denkt: „Warum mache ich diesen Scheiß hier eigentlich?“

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #41

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Zu meiner neuen Morgenroutine gehört es, meine Herpes-Lippe im Spiegel zu inspizieren. Zu sagen, es ist eine Verbesserung eingetreten, wäre ein wenig euphemistisch. Möglicherweise enthalten die Lippenpflaster spezielle Nährstoffe, durch die der Herpes wächst und gedeiht. Meine Lippe sieht inzwischen aus, als sei sie das Wirtstier für eine parasitäre außerirdische Lebensform. Ob sie mir und der Menschheit wohlgesonnen ist, vermag ich noch nicht zu sagen.

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Weil ich finde, dass ich bei meinen italienischen Konversationsfähigkeiten sehr erfreuliche Fortschritte erzielt habe, möchte ich in der Bäckerei nicht länger wie ein Zweijähriger mit einem Vier-Wort-Satz meine Brötchen bestellen, sondern mich wie ein kultivierter und gebildeter Zeitgenosse ausdrücken. Auf dem Weg zur Bäckerei lasse ich mir von Google den Satz „Ich hätte gerne vier Brötchen.“ übersetzen. „Vorrei quattro rotoli, grazie mille.“ (Den Satz. „Es wäre mir eine Freude und Ehre zugleich, vier ihrer köstlichen Brötchen erwerben zu dürfen.“ hebe ich mir für den nächsten Urlaub auf.)

Ich bin etwas nervös, als ich schließlich an der Reihe bin. Außerdem ist es schon ziemlich warm und ich habe nach dem Joggen etwas zu frühzeitig geduscht, ohne vorher ein wenig abzukühlen, so dass jetzt erst das Nachschwitzen richtig einsetzt. Der steile Weg zur Bäckerei hat die Schweißproduktion zusätzlich angekurbelt.

Aufgeregt nuschle ich mein eingeübtes Sätzchen, sage aber zum Schluss anstatt „grazie mille“ – warum auch immer – „s’il vous plaît“. Das ist für meine Schweißdrüsen anscheinend das Signal, nochmal richtig Vollgas zu geben. Mir läuft das Wasser nun Niagarafall-artig die Schläfen, den Nacken und den Rücken runter. Ich könnte mich als eine Art bizarre Performance-Kunst als Schweißskulptur in einem Museum für zeitgenössische Kunst ausstellen.

Die Verkäuferin schaut mich verwirrt an. Aus ihrer Perspektive kann ich das verstehen. Vor ihr steht ein Mann, der offensichtlich an einer starken und behandlungsbedürftigen Schweißdrüsenfehlfunktion leidet und in Zungen spricht. Also sage ich verschämt wie ein schüchterner Zweijähriger: „Quattro panini, per favore.“

Auf dem Heimweg überlege ich, was wohl „Schuster bleib bei deinem Leisten“ auf Italienisch heißt.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #42

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Unser Ferienhaus verfügt nicht nur über eine dieser italienischen Kaffeemaschinen, mit denen du deinen Kaffee auf dem Herd aufbrühst, sondern auch über eine moderne Kapselmaschine, bei der du eine Kapsel einlegst und die dir dann auf Knopfdruck dein Kaffeegetränk in die Tasse gießt. (Sofern du daran gedacht hast, eine Tasse unter den Kaffeeauslauf zu stellen.)

Selbstverständlich weiß ich, dass solche Kaffeekapseln eigentlich abzulehnen sind. Zum einen sind sie vollkommen überteuert. Der Grammpreis von Kapselkaffee ist wahrscheinlich höher als der von Gold, Platin oder Kokain. Zum anderen haben Kaffeekapseln aufgrund ihres Aluminiumgehäuses eine katastrophale Umweltbilanz. Wenn du die Wahl hast zwischen dem Trinken einer Tasse Kapselkaffee oder einer Fahrt mit einem uralten, Diesel betriebenen Schiff aufs Meer zu fahren, um dort Atommüll und rostige Ölfässer zu versenken, solltest du dich der Umwelt zuliebe immer für die zweite Option entscheiden.

Nun stand aber bei unserer Ankunft als Begrüßungsgeschenk ein Päckchen mit zehn Kaffeekapseln auf dem Küchentresen. Da es äußerst unhöflich gewesen wäre, die Kapseln zu verschmähen, und du als Deutscher im Ausland peinlichst darauf bedacht bist, nicht unangenehm aufzufallen – außer du fährst zum Saufen auf den Ballermann, dann ist dir alles egal –, habe ich meine ökologische Bedenkenträgerei beiseite gewischt und morgens immer einen Kapselespresso auf dem Balkon getrunken. (Manchmal auch zwei)

Nachdem ich alle Kapseln aufgebraucht hatte, kam mir der Gedanke, dass das vielleicht gar kein Begrüßungsgeschenk war, sondern der Privatbestand des Vermieters, den er versehentlich nicht weggeräumt hatte. Also besorgte ich vor zwei Tagen im Supermarkt ein neues Paket mit Kaffeekapseln, um das alte zu ersetzen. Zurück im Ferienhaus stellte ich allerdings fest, dass die Kapseln zu groß für die Maschine waren. Wer kann auch ahnen, dass diese Kapseln verschiedene Größen haben? Hat sich da irgendein Produktentwickler gedacht: „Mensch, da gibt es doch diese überteuerten und umweltsauigen Kaffeekapseln. Lasst uns die noch ’ne Nummer größer machen!“?

Jetzt stehe ich wieder im Supermarkt vor dem Regal mit den Kaffeekapseln und versuche, die richtigen zu finden. Während ich mir eine Verpackung anschaue, kommt meine Frau dazu und fragt mit unangemessen skeptischem Unterton: „Bist du dir sicher, dass das die passende Größe ist?“

„Ja“, erwidere ich Zuversicht vortäuschend. „Die Abbildung ist viel kleiner als auf der letzten Verpackung.“ Damit keine Zweifel an meiner Kaffeekapselgrößeneinschätzungskompetenz aufkommen, lege ich selbstbewusst zwei Maxi-Packungen in unseren Einkaufswagen.

Um es kurz zu machen: Die Zweifel meiner Frau an meiner Kaffeekapselgrößeneinschätzungskompetenz waren berechtigt. Wir sind nun im Besitz von 42 Kaffeekapseln, die nicht in die Maschine im Ferienhaus passen.

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Mein verstopftes Ohr hat sich in den letzten drei Tagen leider nicht selbst entstopft und ich höre rechts weiterhin alles nur wie unter einer kleinen Glasglocke. Im Supermarkt gibt es zwar Ohrenkerzen, aber laut einer kurzen Internetrecherche lässt nicht nur deren Wirksamkeit sondern auch ihre Sicherheit zu wünschen übrig. Weil ich weder mein Ohr noch mein Haupthaar noch mich insgesamt und auch nicht das ganze Ferienhaus abfackeln möchte, verzichtete ich auf den Kauf.

Stattdessen versuche ich es mit einem Hausmittelchen, einem Salzwassergemisch. Da ich motorisch nicht in der Lage bin, es mir selbst zu verabreichen, muss meine Frau mich dabei unterstützen. Ich beuge mich über die Tischplatte, wo ich meinen Kopf seitlich ablege, und sie tröpfelt mir den Salzwasser-Mix ins Ohr.

Ein eher weirder und für mich leicht demütigender Moment. Wahrscheinlich hat sich meine Frau, als wir uns damals im Studium in Marburg kennenlernten, auch nicht vorstellen können, dass sie diesem Typen mit der Nickelbrille ein Vierteljahrhundert später Salzwasser ins Ohr schütten muss. Nun ja, verbuchen wir das einfach unter den „schlechten Zeiten“, von denen im Ehegelübde die Rede ist. Und als Vorbereitung auf später, wenn ich bettlägerig bin und sie mich pflegen muss. (Falls der Sohn sich dann nicht mehr an seine Äußerung erinnern kann, dass er sich um uns kümmert, wenn wir nicht ins Altersheim möchten.)

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #43

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Als ich mich am Strand auf mein Handtuch lege, lande ich mit der Wirbelsäule auf einer kleinen Sanderhebung und ein stechender Schmerz durchfährt meinen Rücken. Meine Güte, was ist denn mit meinem Körper los. Auf meiner Lippe führt der Herpes ein Eigenleben, mit meinem verstopften Ohr höre ich schlechter als ein Tintenfisch, beim Treppensteigen haben meine Knie heute Morgen geknackt, als würde jemand trockenes Reisig zerbrechen und jetzt habe ich auch noch Rücken.

Wahrscheinlich lässt mich meine Familie zum Abdecken auf Sardinien zurück. Ich hätte dafür Verständnis. Schließlich möchte ich niemandem zur Last fallen. (Ab und an ein wenig Salzwasser ins Ohr geträufelt bekommen, mal ausgenommen.)

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #44

Trotz meiner nur schwer zu verleugnenden körperlichen Abnutzungserscheinungen bin ich dennoch zu sportlichen Höchstleistungen fähig. Der Sohn und ich schrauben den familieninternen Wasser-Volleyball-Rekord auf 127 hoch.

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Nach einer kurzen Schwächephase möchte sich der Sohn beim Kniffel-Turnier nicht kampflos geschlagen geben. Er gewinnt das heutige Spiel mit 259 Punkten, überholt seine Schwester und macht fast 50 Punkte auf mich gut.


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