Sardinien 2021 – Tag 11: Von Windmühlen-Läufen, sardischen Muttersprachler:innen, der Vereinbarung von Corona-Tests, cinque bomba und der deutsch-italienischen Völkerverständigung, Eltern-Kinder-Tauschtagen und einer unerfreulichen Kniffel-Wende

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07.07.2021, Santa Teresa di Gallura

Die Sonne scheint, ich sitze auf dem Balkon, trinke einen Espresso und schaue aufs Meer. Mithilfe der Handy-Kamera begutachte ich meinen Lippen-Herpes. Die Sonne, der Sand und das Salzwasser scheinen ihm gut zu bekommen. Mittlerweile ist er so groß, dass ich nicht länger einen Herpes habe, sondern der Herpes hat einen Christian.

Egal. Ich nehme einen Schluck Espresso und schaue aufs Meer.

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Ich mühe mich auf meiner Laufrunde einen der Hügel außerhalb von Santa Teresa hoch, als mich ein anderer Läufer überholt. „Überholt“ beschreibt diesen Vorgang allerdings nur unzureichend. Sie müssen sich das eher wie ein Wettrennen zwischen einem Fiat Panda und einem Maserati vorstellen. Wobei der Fiat Panda eine Fahrrad-Rikscha ist, die von einem 100-jährigen Greis ohne Beine gefahren wird.

Der Mann hat einen etwas ungewöhnlichen Laufstil. Er schwingt seine Arme nicht nur sehr weit nach vorne und hinten, sondern hält sie gleichzeitig in einem 45-Grad-Winkel von seinem Körper weg. Vielleicht ist das Geheimnis seines flotten Tempos diese Armtechnik. Ich versuche, sie nachzumachen, breche mein Experiment aber nach 150 Metern ab. Nicht nur werde ich nicht schneller, sondern meine Erschöpfung nimmt auch noch überproportional zu. Es ist nämlich sehr anstrengend, wenn du einen Berg hochläufst und dabei windmühlenartig mit den Armen ruderst.

Nun gut, ich muss mich hier in der Morgenhitze Sardiniens auch nicht mit Joggern messen, die auf Leistungssportniveau laufen, wenn nicht gar für die kommenden Olympischen Spiele trainieren. (Anders ist es nicht zu erklären, dass der Kerl mich überholt hat.) Dafür kann ich mir ja nichts kaufen, wenn in meinem Nachruf steht: „Christian war bekannt für seine Entschlossenheit, seinen Ehrgeiz und seine unbändige Willensstärke. Und für seine realitätsferne Selbstüberschätzung des eigenen Leistungsvermögens.“

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #49

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In der Bäckerei steht vor mir ein älteres deutsches Ehepaar. Die beiden beraten sich zu den verschiedenen Brötchensorten, dann bestellt die Frau in recht flüssigem Italienisch. Hört sich ganz okay an, für meine Ohren klingt es allerdings etwas hölzern. Wahrscheinlich hat sie es an der Volkshochschule gelernt. Das meine ich gar nicht abwertend. Schließlich kann sich nicht jeder sein Italienisch auf der Straße aneignen und im sardischen Dialekt mit den Menschen aus Santa Teresa parlieren.

„Quattro panini, per favore“, sage ich zur Verkäuferin.

„Quattro?“, vergewissert sie sich und hebt sicherheitshalber vier Finger in die Höhe.

„Si“, antworte ich.

„Panini?“, fragt sie und zeigt auf die Brötchen.

„Si.“

Wir quasi-Muttersprachler:innen verstehen uns fast ohne Worte.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #50

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Der Urlaub neigt sich allmählich dem Ende entgegen und wir müssen uns mit dem unschönen Thema unserer Heimreise beschäftigen. Und mit dem noch unschöneren Thema unserer Corona-Tests für den Rückflug. Die Tests könnten wir theoretisch am Flughafen in Olbia machen, aber um nicht kurz vor Abflug eine negative, weil positive Überraschung zu erleben, würden wir die lieber schon vorher machen. (Wenn ich schon in Corona-Isolation muss, dann lieber mit Meerblick in Santa Teresa als in einem stickigen Flughafen-Hotel in Olbia mit Blick auf Terminal 2.

Vor ein paar Tagen hatte ich an der Apotheke neben der Bäckerei einen Aushang gesehen, auf dem etwas von Covid-Tests stand. Nun muss ich mein in Brötchen-Bestellungen geschultes Italienisch der ultimativen Prüfung unterziehen und mich dort erkundigen, ob sie Corona-Tests anbieten und falls ja, einen Termin ausmachen.

Auf dem Weg zur Apotheke lasse ich mir vom Smartphone den Satz: „Guten Tag, kann man bei Ihnen einen Corona-Test machen lassen?” übersetzen. Als ich an der Reihe bin, sage ich „Ciao, puoi fare un test corona?“ Oder so etwas Ähnliches. Oder etwas ganz anderes, denn die Frau am Beratungstresen schaut mich fragend an, als hätte ich gerade ein Kantonesisches Volkslied zum Besten gegeben.

Also muss ich das tun, was ich eigentlich immer vermeiden möchte, und sie fragen: „Do you speak English?“ Sie schüttelt den Kopf. Ich improvisiere. „Corona-test possibile?“, frage ich. Ungünstigerweise singt jetzt Gianna Nannini in meinem Kopf diese Frage auf die Melodie von „Bello e impossibile“. Das ist einerseits zwar ganz nett, weil es bei mir nostalgische Erinnerungen an die WM 1990 in Italien hervorruft, als ich als 15-jähriger Spätpubertierender Gianna Nannini mit ihrer kratzigen Stimme wahnsinnig sexy fand. Andererseits ist das für meine Konzentrationsfähigkeit, die ich für die Apotheken-Unterhaltung benötige, nicht gerade zuträglich.

Die Apothekerin versteht mich trotzdem und mithilfe von Google Translate und pantomimischem Ausdruckstanz gelingt es mir für Freitag, 10 Uhr, vier Corona-Tests auszumachen. Wir freuen uns beide so sehr über die gelungene Verständigung, dass ich die Frau zum Abschied am liebsten abklatschen würde. Das Erlauben aber die Hygienevorgaben nicht. Wahrscheinlich müsste ich dazu vorher einen Corona-Test machen.

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Der Sohn und ich werfen uns im Wasser den Ball zu, als uns zwei junge Italiener ansprechen. Sie sind ungefähr Anfang 20 und fragen, ob sie mitmachen dürfen. Weil nichts dagegen spricht und weil wir keine unhöflichen, deutschen Stoffel sein wollen und weil wir einen Beitrag zur deutsch-italienischen Völkerverständigung leisten wollen, willigen wir ein.

Einer der beiden schlägt ein Spiel namens cinque bomba vor und erklärt auf Italienglisch die Regeln. Der Ball wird vier Mal in der Luft gehalten und beim fünften Mal wird versucht, einen Mitspieler abzuschmettern (cinque bomba). Der Getroffene scheidet dann aus. Fängt er jedoch den Ball, muss der Schmetterer raus. Verfehlt der Ball das Ziel, geht es einfach weiter.

Wir spielen fast eine Stunde lang und es macht eine Menge Spaß. Obwohl nicht allzu häufig eine cinque bomba gelingt. Das liegt zum einen an unserer aller mangelnden Treffsicherheit. Zum anderen haben wir alle gewisse Hemmungen, Menschen, die wir gerade erst kennengelernt haben, einen Volleyball gegen die Rübe zu donnern. Aber das ist vielleicht auch gut so. Auf jeden Fall für die deutsch-italienische Völkerverständigung.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #51

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Während meine Frau und ich Wäsche aufhängen, überlegen wir uns, morgen einen Eltern-Kinder-Tauschtag einzulegen. Die Kinder müssen Brötchen holen, sich um das Frühstück kümmern, das Geschirr erledigen, die Strandtasche packen, uns ans Eincremen erinnern, Wäsche waschen, das Abendessen kochen und all die anderen Erwachsenendinge übernehmen. Wir Eltern schlafen lange, beschäftigen uns ausgiebig mit unseren Handys, lesen, dösen vor uns hin, entspannen ausgiebig, fragen, was es zu essen gibt, und tun all die anderen angenehmen Kinderdinge. (Okay, den Müll müssen wir abends rausstellen.)

„Und die Kinder müssen morgens laufen gehen“, sage ich. Während meine Frau und ich bei dem Gedanken kichern, ruft die Tochter aus der Küche. „Wie geht die Spülmaschine auf?“

Vielleicht ist das mit dem Eltern-Kinder-Tauschtag doch keine so gute Idee.

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England und Dänemark spielen abends im EM-Halbfinale. Mein Herz ist für Dänemark, meine Gier für England. Weil ich während meines Studiums in London einen sehr lustigen dänischen Kommilitonen hatte, halte ich eigentlich zu Dänemark. Und weil den englischen Fans das Konzept des „winning with grace“ anscheinend kein Begriff ist, bin ich auch für Dänemark.

Allerdings habe ich bei unserem Familien-Tippspiel auf ein 2:0 für England gesetzt. Ich führe in der Gesamtwertung sehr knapp vor meiner Frau und sie hat auf Dänemark getippt hat. Deswegen benötige ich unbedingt einen englischen Sieg, um meine Führung zu verteidigen. Bei dem Tippspiel geht es auch nicht nur um die Ehre, sondern für den ersten Platz gibt es eine große Wundertüte beim Moabiter Eisdealer unseres Vertrauens. (Große Wundertüten sind in unserer Familie die akzeptierte Siegprämie für Gewinnspiele jeglicher Art.)

England bezwingt Dänemark in der Verlängerung durch einen zweifelhaften Elfmeter mit 2:1. Mein Herz ist ein bisschen enttäuscht, aber die Gier freut sich. Sie wissen schon: Es geht immerhin um eine große Wundertüte.

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So erfreulich wie das EM-Tippspiel heute Abend verlief, so unerfreulich ist das Kniffeln. Der Sohn haut eine 330er Runde raus. Weil ich mit 191 Punkten schwächle, übernimmt er die Gesamtführung. Mit 123 Punkten Vorsprung. Das ist ziemlich viel, um es in den zwei verbleibenden Spielen aufzuholen. Aber es ist nicht unmöglich.

Möglicherweise denken Sie jetzt: „Meine Güte, was stimmt mit dem Typ nicht? Da gewinnt er wahrscheinlich schon das EM-Tippspiel, dann kann er ja wohl seinem Sohn den Sieg beim Kniffel-Turnier gönnen.“

Darauf würde ich Ihnen – mit allem Respekt – folgendes erwidern: „Sind Sie noch bei Trost?“

Bayern München sagt schließlich auch nicht, wenn es das Double gewinnen kann: „Och, der DFB-Pokal ist doch ganz schön, der reicht uns eigentlich.“ Nein, die wollen alles gewinnen. Immer. Und bei denen geht es nur um Geld und Trophäen und nicht mal um Wundertüten.


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