Sardinien 2021 – Tag 07: Von Zeitgefühl-Verlusten, fehlenden Schäferhunden, Bäckerei-Eloquenz, Nutella-Testimonials, Lippenstiften, Kondomen und Sekundenklebern, Wasser-Volleyball-Losern und unnötigem Lippenherpes

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03.07.2021, Santa Teresa di Gallura

Die Sonne scheint, ich sitze auf dem Balkon, trinke einen Espresso und schaue aufs Meer. Mittlerweile habe ich vollkommen das Zeitgefühl verloren. Ich weiß, dass es Montage, Dienstage, Mittwoche, Donnerstage, Freitage, Samstage und Sonntage gibt, kann aber nicht sagen, welcher dieser Wochentag heute ist. Auf jeden Fall war gestern ein Tag, heute ist ein Tag und morgen wahrscheinlich auch.

Dass bei uns der gregorianische Kalender gilt, ist mir auch noch geläufig. Allerdings fällt mir auch nach größtmöglicher Denkanstrengung nicht ein, welches Datum heute sein könnte. Das Gute daran: Wenn dieser komplette Verlust meines Zeitgefühls weiter anhält, weiß ich nicht, wann wir zurückfliegen, und wir können für immer hierbleiben.

Ich nehme noch einen Schluck Espresso und schaue aufs Meer.

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Als ich auf meiner Laufrunde das Grundstück erreiche, wo die drei Schäferhunde immer eskalieren, wenn ich vorbei jogge, bleibt es heute still. Von den Hunden ist weit und breit nichts zu sehen. Das ist noch beängstigender als ihre heruntergezogenen Lefzen, ihre entblößten Zähne und ihr zorniges Knurren, wenn sie nur durch einen Maschendrahtzaun von mir getrennt neben mir herlaufen, um mir klarzumachen, dass meine Anwesenheit nicht erwünscht ist.

Nun muss ich damit rechnen, dass die drei den Zaun überwunden haben, mir auflauern – einer von vorne, einer von hinten und der dritte von der Seite – und eine Runde Real-Life Cujo spielen wollen. (Wahrscheinlich tragen sie sogar Bernhardiner-Kostüme, weil sie so ein Rollenspiel-Ding am Laufen haben.)

Liebe Familie, falls wir uns nicht mehr sehen: Es war schön mit euch. Bitte spielt auf meiner Beerdigung: „Who let the dogs out?“ (Und wenn ihr künftig Kartons ins Altpapier werft, denkt bitte immer daran, sie vorher ordentlich zu zerkleinern. Ich bin ja nicht mehr da, um das zu kontrollieren.)

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #27

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Nachdem ich routiniert wie eh und je meine „quattro panini, per favore“ bestellt habe und die Verkäuferin die Brötchen in eine Tüte gepackt hat, stellt sie mir eine Frage. Ich habe keine Ahnung, was sie gesagt hat, aber aufgrund meiner Erfahrungen von Gesprächen im Einzelhandel in Deutschland vermute ich, dass sie wissen möchte, ob ich sonst noch etwas möchte.

Ich zögere kurz und sage dann „tutti“, denn ich glaube, das heißt so viel wie „alles“. Die Eloquenz meiner Antwort ist möglicherweise noch leicht ausbaufähig, aber dafür untermauere ich meine Aussage pantomimisch, indem ich mit meinen nach unten gerichteten Handflächen eine Art Brustschwimmbewegung vollführe.

Erstaunlicherweise versteht mich die Frau, ich bezahle und verlasse mit einem selbstzufriedenen „Arrivederci!“ die Bäckerei. Toll, wie ich meinen Wortschatz stetig erweitere. Nicht mehr lange und ich träume auf Italienisch!

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #28

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Unsere Strategie „Viel, aber selten einkaufen“ geht weiterhin nur bedingt auf. Wir müssen heute schon wieder im Super Mercado unsere Vorräte auffüllen.

Insbesondere unser Nutella-Konsum nimmt rekordverdächtige und möglicherweise privatinsolvenzverursachende Züge an. Laut dem Etikett soll das große Glas, das wir immer kaufen, für 60 Portionen reichen. Ich gehe davon aus, dass es sich um Mengenangaben für Zwerghamster handelt. Bei uns reicht das Glas gerade mal drei Tage. (Und dann müssen wir am dritten Tag das Nutella schon ziemlich dünn auftragen.)

So viel Nutella, wie wir hier verbrauchen, könnten wir Werbebotschafter für den Nuss-Nougat-Aufstrich sein. Allerdings sieht es nicht immer besonders ästhetisch aus, wenn wir Nutella essen. Aufgrund der großen Nutella-Mengen auf den Brötchen sind anschließend Teller, Messer, Tassen, Gläser, Finger, Gesicht, Arme und Tisch schokoverschmiert. Manchmal auch der Boden. Wohlwollend betrachtet, sieht es nach dem Frühstück aus wie bei einer Kunstperformance der Blue Man Group. Nur mit Nutella statt mit blauer Farbe. Weniger wohlwollend – aber realistischer – betrachtet, sehen wir nach dem Frühstück aus wie eine Horde wilder Affen, die sich in frischem Dung gewälzt hat.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #29

Auf dem Weg zur Kasse fällt mir ein Aktionsständer mit einer kruden Produkt-Auswahl auf: Labello-Lippenstifte, Kondome und Sekundenkleber. Die Lippenstifte und die Kondome zusammen anzupreisen, ergibt für mich noch Sinn. Die Labellos machen geschmeidige Lippen, du küsst du dich leidenschaftlich und dann benötigst du eventuell später die Kondome. Aber wozu zur Hölle brauchst du den Sekundenkleber? Hoffentlich nicht, um ein undichtes Kondom zu flicken. Das wäre sowohl aus Gründen des urologischen und gynäkologischen Gesundheitsschutzes als auch für die Zuverlässigkeit der Verhütung wenig ratsam.

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Am Strand gibt es einen neuen Verkäufer. Er ist nicht zu übersehen, denn er trägt neongelbe Shorts, ein neongelbes Shirt und eine neongelbe Kappe. Seine Klamotten sind so grell, dass selbst die 80er sagen: „Alter, geht’s vielleicht ein bisschen dezenter?“

Der Neon-Mann schleppt zwei schwere Kühltaschen über den Strand und bietet Kokosnussspalten am Spieß an. Ein nur wenig einträgliches Geschäft, die Nachfrage ist ziemlich bescheiden. Ich sehe den ganzen Tag niemanden, der ihm einen seiner Spieße abkauft. Vielleicht war das in den 80er ein total angesagter Trend-Snack. Wahrscheinlich aber nicht mal damals.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #30

Anscheinend sind wir nicht die einzigen, die an der Rena Bianca beim Wasser-Volleyball Ehrgeiz zeigen. Im Wasser stehen zwei französische Pärchen und zählen, wie oft sie sich den Ball zupritschen. Sie kommen allerdings nie über 40 hinaus, sind also weit entfernt von unserem gestrigen 114er-Rekord. Ich finde, das kann als Revanche für die deutsche 0:1-EM-Niederlage gegen Frankreich gelten. Nun müssen wir uns noch ein paar untalentierte englische Wasser-Volleyballer:innen suchen, um die Achtelfinal-Schmach wettzumachen.

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Was ist im Urlaub so unnötig wie Lippenherpes? Genau, Lippenherpes! Und was habe ich? Genau, Lippenherpes! (Das überrascht sie jetzt wahrscheinlich wenig, denn warum hätte ich so eine elegante Lippenherpes-Herleitung konstruieren sollen, wenn ich an Schnupfen, Durchfall oder Hühneraugen leide.)

Um den leichten ziehenden Schmerz zu lindern und die Heilung zu beschleunigen, trage ich jetzt zwei Herpes-Pflaster auf der Lippe. Die sollen laut Marketing-Versprechen auf der Verpackung diskret und fast unsichtbar sein. Ich würde sagen, so diskret und fast unsichtbar wie ein Elefant in einer Stepptanz-Gruppe. Die Pflaster prangen so deutlich auf meiner Lippe, dass es weniger auffällig wäre, wenn ich ein Propellerhütchen trüge und ein blinkendes Plakat um meinen Hals hinge auf dem steht: „Huhu, ich habe Lippen-Herpes! Ja, ich!“ Vielen Dank auch.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #31

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Der Kniffelabend endet für mich triumphaler als für England, das im Viertelfinale 4:0 gegen die Ukraine gewinnt. Ich werfe zwei Kniffel und baue den Vorsprung auf den Sohn auf 150 Punkte aus.

Vor meinem inneren Auge sehe ich förmlich, wie ich mit der Wundertüte vor der Eisdiele stehe, während der Rest der Familie mit hängenden Schultern an ihren Kügelchen Eis schleckt. Toll.


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