Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
28. August 2023, Berlin
Die Tochter erzählt, eben auf dem Heimweg seien zwei Männer im Auto an ihr vorbeigefahren, hätten das Fenster runtergekurbelt und ihr hinterhergepfiffen. Für sie – wie die allermeisten Frauen – ist das keine Seltenheit. Im Gegenteil. Als sie während der Corona- Lockdowns täglich mit ihrer besten Freundin spazieren ging, gab es keinen einzigen Tag, an dem ihnen nicht hinterhergepfiffen oder -gerufen wurde.
Das erste Mal passierte der Tochter so etwas mit 14. Da sprach sie ein ungefähr 30-jähriger Typ auf der Straße an und wollte ihre Nummer haben. Sie holte ihr Handy raus und sagte, wenn er sie nicht in Ruhe ließ, würde sie die Polizei rufen. Glücklicherweise funktionierte das und er ging weiter.
Heute nahm der Catcalling-Vorfall eine sehr befriedigende Wendung. Die beiden Männer waren durch ihre Hinterherpfeiferei so abgelenkt, dass sie das vor ihnen abbremsende Auto nicht bemerkten und ihm hinten drauf fuhren. (Nur mit Blech-, ohne Personenschaden.) Geschieht ihnen recht. Oder wie die Tochter es nennt: „Instant Karma.“ Dabei lacht sie dreckig, was ich durchaus für angemessen halte.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
21. August 2023, Berlin
Heute ist Dirty-Dancing-Tag. Als ich den Film Ende der 80er im Kino gesehen habe, war ich Team Jennifer Grey und fieberte mit ihr mit, ob sie und Patrick Swayze aka Johnny zusammenkommen, und fand den Vater, der ihr das verbieten wollte, super spießig.
Mehr als 25 Jahre später sehe ich das etwas anders. In dem Film geht es um eine Minderjährige, die im Urlaub von einem Tänzer verführt wird, der zehn bis fünfzehn Jahre älter ist und einen eher unsteten Lebenswandel führt. Und den es anscheinend nicht stört, dass das 17-jährige Objekt seiner Begierde „Baby“ genannt wird. Da bin ich inzwischen Team Vater und würde mich auch nicht umstimmen lassen, weil die beiden so schön miteinander tanzen.
(Außerdem hat Patrick Swayze in „Fackeln im Sturm“ beim Heulen immer so viel gerotzt. Das fände ich, wenn er meine Tochter heiraten und bei der Hochzeit vor Rührung weinen würde, sehr unästhetisch.)
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Um meine Ernährung doch etwas nachhaltiger und klimafreundlicher zu gestalten, habe ich heute einen veganen „Joghurt“ gekauft. Dieser ist laut Etikett ein fermentiertes Erzeugnis – was auch immer das sein soll – mit Erbsen- und Ackerbohnenprotein – was auch immer das sein soll – sowie aktiven Joghurt-Kulturen, von denen ich ebenfalls nicht weiß, was sie eigentlich sind. Sie sollen für einen cremig milden Geschmack sorgen.
Sagen wir so: Ich möchte nicht behaupten, die Joghurt-Simulation riecht und schmeckt nach Kotze, aber auch nicht viel besser. Wenigstens lässt sich das Pappetikett von dem Plastikbecher lösen, so dass ich beides separat entsorgen kann. Wenigstens damit habe ich etwas für die Umwelt getan.
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Ich drucke für meine Frau ein Retouren-Label aus. Für eine Jeans, die sie zurückschicken will. Auf dem Rücksendeschein muss ein Grund angegeben werden, warum das Kleidungsstück returniert wird. Meine Frau hat „I don’t like it“ eingetragen. Ich schätze, das war eine der Optionen, aus denen sie auswählen konnte.
Ich finde, „I don’t like it“ ist ein sehr harsches Urteil. Das fühlt sich für die Hose bestimmt nicht gut an. Dabei gäbe es doch sensiblere Antwortmöglichkeiten. Zum Beispiel: „It’s a fine jeans but not for me.” Oder der Klassiker: „Es liegt nicht an dir, sondern an mir.“
26. August 2023, Berlin
Heute ist Tag des Toilettenpapiers. Wahrscheinlich wurde der im ersten Corona-Lockdown erfunden.
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Nachmittags muss ich nach Steglitz. Dazu habe ich gar keine Lust. Aber sowas von nicht. Ich habe per se nichts gegen Steglitz. Außer dass es knapp neun Kilometer von Moabit entfernt ist und ich nur hinmuss, um mir eine Startnummer für den morgigen Halbmarathon abzuholen. Die Nummer ist ungefähr DIN A 4 groß, passt in einen Briefumschlag und könnte problemlos per Post verschickt werden. Ich würde dafür auch bezahlen. Sogar mit Aufschlag.
Aber nein, ich muss knapp 40 Minuten durch die halbe Stadt radeln, in ein 70er-Jahre Einkaufszentrum latschen, meinen Ausweis und die Bestätigungsmail vorzeigen, damit ich dann meine Startnummer ausgehändigt bekomme. Ein Vorgang, der ungefähr 60 Sekunden dauert, bevor ich wieder knapp 40 Minuten durch die halbe Stadt radle. 39 Minuten davon denke ich darüber nach, dass ich morgen früh um kurz nach 7 die Strecke wieder zurücklegen muss.
27. August 2023, Berlin
Als ich letztes Jahr zu dem Steglitz-Lauf fuhr, sah ich früh morgens im Tiergarten zwei Leute, die Sex hatten. Heute bleibt die Fahrt ereignislos.
Friseur-Namen auf dem Weg nach Steglitz:
Helgas Salon
Unique Salon
Golden City Friseur
Friseur Erkan (aber kein Friseur Stefan)
Original Cut Masters
Becky’s Haar-Stübchen
Abschnitt 37
Ali Barber
Mata Haari
Hairlich Deluxe
Haarchitect
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Die Temperatur liegt bei circa 15 Grad, der Himmel ist leicht bedeckt und es weht eine erfrischende Brise. Eigentlich ziemlich ideale Bedingungen für einen Halbmarathon. Das verleitet mich in einer Mischung aus Übermut und Wahnwitz zu der Idee, heute unter 1:35 zu bleiben, mehr als eine Minute unter meiner Bestzeit.
Am Anfang läuft es recht gut und ich bleibe immer knapp unter den erforderlichen Zwischenzeiten. Zur Hälfte bin ich 30 Sekunden schneller als vorgesehen. Wie so ein Volltrottel, der noch nie einen Volkslauf mitgemacht hat. In der zweiten Hälfte zerreißt es mich förmlich und ich bleibe Kilometer für Kilometer hinter den Zielzeiten zurück und immer deutlicher, je länger der Lauf dauert.
Positiv ist nur, dass ich nicht, wie es mir mein innerer Schweinehund vorschlägt, ab Kilometer 18 den Rest der Strecke zum Auslaufen nutze, sondern weiterhin versuche, so schnell zu laufen, wie es mir noch möglich ist. Links und rechts ziehen die Läufer*innen, die sich das Rennen besser eingeteilt haben, zügig an mir vorbei. Ich dagegen überhole niemanden, weil sich anscheinend keine*r den Lauf noch schlechter eingeteilt hat als ich.
Als wäre das nicht schon unschön genug, verpasst mir der Laufgott eine zusätzliche Nackenschelle und lässt mich in 1:40:08 die Ziellinie überqueren, also noch nicht einmal unter 1:40. Vielen Dank für diese wertvolle Lektion.
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Heute ist der letzte Tag der Sommerferien. Da gehen wir traditionell zur Eisdiele um die Ecke und essen Spaghettieis aus der Waffel. Außer die Tochter. Die mag kein Spaghettieis. (Elterliches Scheitern hat viele Gesichter.) Sie nimmt stattdessen ein Eis mit dem grenzwertigen Namen Bimbo-Wunder, das aus drei Kugeln deiner Wahl, Sahne und einer Menge bunter Streusel sowie Mini-Smarties besteht. Die Tochter hat gerade Besuch von einer Freundin, die sie in Stockholm kennengelernt hat. Die bekommt natürlich auch ein Eis und entscheidet sich – aus Solidarität – ebenfalls für ein Bimbo-Wunder.
Meine Frau und ich sind etwas wehmütig. Es ist das letzte Mal, dass wir unser Sommerferienende-Spaghettieis-Ritual pflegen können. Nächstes Jahr macht der Sohn – voraussichtlich – Abitur, beide Kinder sind dann mit der Schule fertig, es gibt für uns keine Sommerferien mehr und somit keinen Grund, am letzten Ferientag Spaghettieis zu essen.
Dafür können wir ab nächstem Jahr außerhalb der Feriensaison Urlaub machen, dadurch Geld sparen und jeden Tag Eis futtern. Das Sommerferienende-Spaghettieis-Glas ist vielleicht doch halbvoll.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
14. August 2023, Berlin
Der Sohn ist bis Samstag im Judo-Trainingslager, die Tochter besucht für ein paar Tage die Großeltern im Westerwald. Meine Frau und ich können uns diese Woche also in der Rolle der Empty Nester üben. Ausprobieren, wie es so ist, wenn die Kinder groß und aus dem Haus sind.
Unsere Freizeitmöglichkeiten sind schier grenzenlos. Wir könnten uns ins Kulturleben stürzen, ins Kino gehen oder Restaurants und Bars besuchen und anschließend die Clubs der Stadt unsicher machen. (Sofern wir reingelassen werden.)
Wobei wir das alles auch sonst machen könnten. Die Tochter wohnt schließlich inzwischen den größten Teil des Jahres in Irland und der Sohn ist 16, da liegt er abends nicht im Bett und weint, wenn wir nicht da sind. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihm überhaupt auffallen würde.
Daher habe ich meine Zweifel, ob wir diese Woche kulturell, sozial und gastronomisch wahnsinnig aktiv sein werden. (Im Hintergrund nickt die Couch und kratzt sich am Kopf.)
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Großes Kino in der Straße vor unserer Wohnung. Ein Mercedes GTI Coupé in matt schwarz versucht einzuparken. Beziehungsweise der Fahrer des Mercedes versucht es. Vom Balkon aus sehe ich nur seinen muskulösen rechten Arm, mit dem er schaltet.
Die von ihm auserwählte Parklücke ist relativ groß und an der Straßenseite gegenüber parken keine Autos, so dass es ausreichend Platz gibt, um das Auto in die Lücke zu manövrieren. Allerdings parkt der Mann ungefähr so gut ein wie ich. Das heißt, sehr, sehr schlecht. Er fährt ein Stückchen vor, bremst ab, schlägt das Lenkrad ein, schaltet, fährt ein Stückchen zurück, bremst, schlägt das Lenkrad ein, schaltet, fährt ein Stückchen vor, bremst ab, schlägt das Lenkrad ein, schaltet, fährt ein Stückchen zurück, bremst, schlägt das Lenkrad ein, schaltet, fährt ein Stückchen vor, bremst ab, schlägt das Lenkrad ein, schaltet, fährt ein Stückchen zurück, bremst, schlägt das Lenkrad ein, schaltet und so weiter und so weiter.
Das geht fünf Minuten so, ohne dass er dem Ziel des Einparkens näherkommt. Das passt gar nicht zu dem Auto und dem Arm. Zumindest in meiner klischeebehafteten Vorstellung. In der können Männer mit dicken Autos und dicken Armen gut einparken. In der Realität nicht unbedingt. Ich habe fast ein bisschen Mitleid mit dem Mercedes-Fahrer.
Inzwischen stauen sich links und rechts die Autos die Straße hinunter. Allerdings traut sich niemand zu hupen. Wahrscheinlich wegen des muskulösen Arms.
Schließlich gibt der Mann sein Parkvorhaben auf, braust mit dröhnendem Motor davon und fährt bei rot über die nächste Kreuzung.
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Meine Frau und ich liegen abends im Bett und lesen. Gerade als ich mein Buch weggelegt habe und fast eingeschlafen bin, tut es draußen einen ohrenbetäubenden Schlag: ein krachender Blitz, dicht gefolgt von einem Donnerschlag. Starkregen setzt ein, innerhalb von Minuten steht das Wasser knöchelhoch in der Straße. Meine Frau meint, das Wetter sei kaputt, ich frage mich, ob möglicherweise so die Apokalypse anfängt.
Als Kind habe ich mich sehr vor Gewittern gefürchtet. Ich saß dann bei meiner Mutter auf dem Schoß und habe geweint. Irgendwann, ich muss so sieben oder acht gewesen sein, fragte sie mich, was ich denn später machen würde, wenn meine Kinder Angst vor Gewittern hätten. Ich erklärte, dass ich dann zusammen mit ihnen weinen würde. So weit ist es aber nie gekommen.
Meine Frau und ich stehen zusammen am Fenster, schauen uns den prasselnden Regen an und zählen die Sekunden zwischen den Blitzen und Donnern. Das habe ich als Kind mit meiner Mutter auch gemacht. Zur Ablenkung und Beruhigung. Was allerdings nur funktioniert hat, wenn die Abstände größer wurden.
Es blitzt zweimal hintereinander, ohne dass es dazwischen donnert. Ich bin verwirrt. Was bedeutet das? Dass das Gewitter ganz weit weg ist? Oder befinden wir uns mitten im Auge des Unwetters? Oder funktionieren Gewitter in der Apokalypse anders?
18. August 2023, Berlin
Heute ist Tag der schlechten Poesie.
„Bitte, liebe Mutter, reich mir mal die Butter. Danke sehr, bitte gib mir doch noch mehr.“
Damit sollte ich diesen Tag ausreichend gewürdigt haben.
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Apropos schlechte Poesie. Wir bekommen einen Brief von der Hausverwaltung. Die Neben- und Heizkostenabrechnung fürs letzte Jahr. Die gute Nachricht: Unsere Nachzahlung ist nicht vierstellig. Die schlechte: Es fehlen nur 70 Euro bis zur Vierstelligkeit.
Dabei waren wir sehr sparsam. Wir haben rund fünfzig Prozent weniger bei Heizung und Wasser verbraucht. (Robert Habeck nicht anerkennend, Winfried Kretschmann überreicht uns einen goldenen Waschlappen, Christian Lindner schaut unbeteiligt weg.)
Ich bin dankbar, dass wir in der privilegierten Position sind, in der so eine Nachzahlung zwar nervig ist – ziemlich nervig sogar –, wir sie aber verkraften können.
19. August 2023, Berlin
Unangenehmes Erlebnis beim Laufen. Heute steht der „lange Lauf“ auf dem Plan. 35 Kilometer, die letzten sechs davon im Marathontempo. Das ist aber noch nicht der unangenehme Teil.
Um auf die vorgesehenen Kilometer zu kommen, laufe ich zum Grunewald und im Grunewald herum. Bei Kilometer 15 trinke ich eines meiner Energiegels. Mit Orangen-Geschmack. Danach muss ich aufstoßen.
„Das ist nicht schlimm“, denke ich. „Hier ist ja niemand.“ Also lasse ich meinem Mund einen Röhrer entweichen, bei dem sich Hirschkühe im Umkreis von zehn Kilometern erschrocken fragen: „Scheiße, muss ich gleich ran?“
Kaum ist wieder Stille eingetreten, höre ich es links neben mir knacken. Ein dicklicher, weißhaariger Mann schiebt sich auf seinem Mountainbike an mir vorbei. Sofern er keine Noise-Cancelling-Kopfhörer trägt oder vollkommen gehörlos ist, hat er meinen Rülps er auf jeden Fall gehört.
Ich würde am liebsten im Erdboden versinken. Andererseits hat der Mann aber Glück gehabt. Wäre er eben vor mir gefahren, hätten ihn die Schallwellen vom Rad geweht.
20. August 2023, Berlin
Im Traum lädt mich eine (fiktive) Bekannte meiner Eltern zu einem Duft- und Aroma-Seminar ein. Ich habe keine Ahnung, was mir mein Unterbewusstsein damit sagen will. Ich weiß nicht mal, was überhaupt ein Duft- und Aroma-Seminar ist. Die fiktive Bekannte erklärt mir das auch nicht, sondern lädt mich ganz selbstverständlich dazu ein, als sei es genau das Richtige für mich.
Ist es aber nicht, denn ich rieche nicht gut. Damit meine ich nicht, dass ich stinke – zumindest meistens nicht –, sondern es fällt mir sehr schwer Gerüche zu erfassen. Das gelingt mir nur, wenn sie sehr intensiv sind. Ich bin anscheinend schwernasig. Das kann aber durchaus von Vorteil sein. Zum Beispiel im Sommer in der U-Bahn.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
07. August 2023, Berlin
Meine Frau ist gestern mit ihrer Mutter und der Tochter für eine Woche nach Föhr gefahren. Abends gerate ich auf 3Sat in eine Dokumentation über die spektakulärsten Bergbahnen der Schweiz. Genauer gesagt, über die Rigi-Bahn, die erste Zahnrad-Bahn Europas, ein Meisterwerk der Schweizerischen Ingenieurskunst, erfunden von einem Mann, der auf dem eingeblendeten schwarzweiß Foto über einen stattlichen Bart verfügt, dessen Namen ich jedoch vergessen habe. (Ich kann Ihnen also nicht sagen, wie der Zahnrad-Bahn-Erfinder heißt, könnte aber helfen, eine Phantombild-Zeichnung von ihm anzufertigen.)
Die Rigi-Bahn fährt von Arth-Goldau hoch auf den Gipfel der Rigi durch atemberaubende Berg-Landschaften mit Wasserfällen, Felsen und grünen Wiesen. Auf einer Strecke von achteinhalb Kilometern bewältigt sie circa 1.300 Höhenmeter. Vor der Eröffnung der Rigi-Bahn 1871 wurden betuchte Menschen in Sänften den Berg hinaufgetragen, was ich mir für alle Beteiligten unschön vorstelle.
Dreimal im Jahr, dem sogenannten Rigi-Historic-XXL-Day, werden die alten Züge aus dem Depot geholt, und fahren einen Tag lang hoch zum Rigi-Kulm. (Und im Idealfall auch wieder runter.) Einige der Triebwagen sind über 100 Jahre alt, der älteste sogar 149 Jahre. Der feucht-fröhliche Traum aller Trainspotter. Die reisen extra aus ganz Europa an, um dieses Ereignis in Bild und Video festzuhalten.
Als der Abspann läuft, frage ich mich, ob mir mein Strohwitwertum nicht so gut tut. Meine Frau ist nicht einmal zwei Tage weg und schon schaue ich Dokumentationen über historische Züge. Sollte sie mich jemals verlassen, sehe ich mich, wie ich an der Rigi-Strecke stehe und gemeinsam mit anderen Zug-Nerds – meinen neuen besten Freunden – alte Zahnrad-Bahnen fotografiere.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Ich stehe an ungefähr fünfzehnter Stelle in der Warteschlange bei Penny. Der Mann hinter mir ist ungeduldig. Er ist etwas jünger als ich und trägt vier Dosen Bier in den Händen. Seine leicht ins Rot-Lila spielende Nase deutet darauf hin, dass er in seinem Leben schon recht viel Alkohol getrunken hat.
Weil ihm das alles zu lange dauert, geht er zum Kassierer und fordert in mäßig freundlichem Ton, dass eine zweite Kasse geöffnet wird. Der Kassier murmelt etwas in sein Mikro und dann passiert erstmal nichts.
Drei Minuten später geht der Bierdosen-Mann wieder zum Kassierer und sagt in noch weniger freundlichem Ton, es sei eine Frechheit, wie die Kunden hier behandelt würden, und es solle jetzt unverzüglich eine weitere Kasse aufgemacht werden. Kurz danach erscheint tatsächlich eine Penny-Mitarbeiterin und setzt sich an eine der anderen Kassen.
Als der Bierdosen-Mann an der Reihe ist, hat er sich immer noch nicht beruhigt und schimpft, der Umgang mit den Kunden hier sei eine Unart. Die Kassiererin ignoriert den Mann und sagt gar nichts. Das macht ihn noch ungehaltener und er sagt, er würde heute Abend beim Filialleiter anrufen und sich über ihr unverschämtes Benehmen beschweren.
Ich frage mich, ob der Mann sich heute Abend tatsächlich die Mühe macht, bei Penny anzurufen, sich so lange durchstellen lässt, bis er bei dem Filialleiter landet, und sich dann bei diesem über die unhaltbaren Zustände in seinem Laden beklagt.
Unterdessen wird es einer Kundin in der Nachbarschlange zu bunt. „Mein Gott, jetzt lassen sie die Frau in Ruhe. Die will nur ihre Arbeit machen“, weist sie ihn zurecht. Wenig überraschend passt dem Mann das nicht.
„Ich lass´ mir von Ihnen gar nichts vorschreiben. Ich rede, wann ich will. Meinungsfreiheit, verstehn ´se?“ „Und es ist meine Meinungsfreiheit, zu sagen, dass sie die Frau in Ruhe lassen sollen.“ „Wissen Sie überhaupt wie man Meinungsfreiheit schreibt?“ „Das werd´ ich Ihnen nicht buchstabieren. Das können Sie schön selbst nachschlagen.“
Ich bin fasziniert von diesem Schlagabtausch. Zum einen, weil sich die beiden siezen. Zum anderen ist das Gespräch zwar scharf im Ton, gleichzeitig auch irgendwie sachlich. Also, vielleicht kein herrschaftsfreier Diskurs im Habermasschen Sinne, bei dem nur das bessere Argument zählt. Aber die Atmosphäre ist auch nicht übermäßig aggressiv und die beiden sind nicht kurz davor, sich an die Gurgel zu gehen.
Möglicherweise lebe ich allerdings einfach schon zu lange in Berlin, dass ich das für eine halbwegs normale Unterhaltung halte.
12. August 2023, Berlin
Ich gehe heute das Projekt Erdbeermarmelade kochen an. Dazu sind wir dieses Jahr noch nicht gekommen. Meine Frau wollte das noch kurz vor unserem Urlaub erledigen. Ich meinte aber, das könnten wir machen, wenn wir zurückkommen, im August gäbe es auf jeden Fall noch Erdbeeren. Meine Frau schaute skeptisch, ich nickte zuversichtlich und damit war die Sache erstmal erledigt. Um ehrlich zu sein, war ich von meiner Einschätzung selbst nicht vollkommen überzeugt, aber ich hatte keine Lust, parallel zum Kofferpacken Marmelade zu kochen.
Zu meiner eigenen Überraschung – und Erleichterung – lag ich mit meiner Erdbeer-Verkaufssaison-Prognose richtig. Vor der Heilandskirche, dem Erdbeer-Verkaufs-Hotspot in unserem Kiez, steht immer noch eines der markanten Erdbeerhäuschen von Karl’s Erdbeerhof. Es gibt sogar ein Sonderangebot. 500 Gramm kosten 5,45 Euro, das Kilo nur 8,90 Euro. Das ist zwar immer noch ein stattlicher Kilopreis für Erdbeeren, aber ich spare damit zwei Euro und das überzeugt den Sparfuchs in mir.
Ich entscheide mich für vier Kilo, damit ich einen großen Marmeladen-Vorrat kochen kann. Noch lieber würde ich acht Kilo nehmen, dann wären wir fast bis zum Beginn der nächsten Erdbeer-Saison versorgt, aber ich möchte nicht maßlos erscheinen. (Stattdessen werde ich in den nächsten Tagen nochmal kommen und die restlichen vier Kilo besorgen.)
Die junge Verkäuferin tippt auf dem Taschenrechner rum. „Das macht 26,70 Euro.“
Ich war nie besonders gut in höherer Mathematik. Also, falls Algebra und Analysis zu höherer Mathematik gehören. Falls nicht, war ich schon in mittlerer Mathematik nicht besonders gut. Dafür kann ich okay Kopfrechnen. (Zumindest im Zahlenraum bis 100.) Somit merke ich sofort, dass 26,70 Euro für vier Kilo Erdbeeren zu wenig sind.
Kurz überlege ich, nichts zu sagen. Dann hätte ich nicht nur zwei Euro pro Kilo gespart, sondern mehr als vier. Ich habe jedoch Skrupel. Nicht wegen Karl‘s Erdbeerhof. Bei deren Preisen können die einen Verlust von knapp zehn Euro verkraften. (Meine Moral ist flexibel genug, dass sie bei Wirtschaftsunternehmen endet.)
Aber vielleicht müsste die Verkäuferin ihren Fehler persönlich ausbaden und der Fehlbetrag würde von ihrem Lohn abgezogen. Das würde mir leidtun und wäre auch nicht gut für mein Karma. Dann verschimmelt mir die Erdbeermarmelade innerhalb von drei Tagen und darüber hinaus werde ich im nächsten Leben als Kellerassel wiedergeboren.
Also weise ich die junge Frau auf den zu niedrigen Betrag hin. Damit ich nicht zu mansplainig rüberkomme, sage ich: „Ich glaube, das ist zu wenig.“ Anstatt sich zu freuen, dass ich sie vor einem Lohnabzug bewahre, schüttelt sie den Kopf. „Das stimmt so.“ Sie hält mir den Taschenrechner hin, auf dessen Display 26,70 steht.
Nun könnte ich mir sagen: „Ich hab‘s versucht, dann will sie es nicht anders.“ und mich über meinen zusätzlichen Rabatt freuen. Noch lieber möchte ich meinem Kellerassel-Schicksal entgehen.
„Aber das Kilo kostet fast neun Euro, dann müssen das bei vier Kilo knapp 36 Euro sein“, insistiere ich und bin mir bewusst, dass das nun durchaus mansplainig rüberkommen könnte. Aber ich habe erstens recht und tue das zweitens für die Verkäuferin.
Die junge Frau gibt jedoch nicht klein bei. „Aber hier steht 26,70.“ Sie hält mir wieder den Taschenrechner vors Gesicht. Diskutiere ich hier wirklich mit der Erdbeerverkäuferin, damit ich zehn Euro mehr bezahle? Meine innere Kellerassel nickt.
„Vielleicht geben sie das nochmal neu ein“, schlage ich vor. „Vier mal 8,90“, ergänze ich zur Sicherheit. Die Frau verzieht unmerklich das Gesicht, als sei das ein vollkommen hirnrissiger Vorschlag, weil sowieso wieder das gleiche rauskommen wird. Trotzdem tippt sie auf ihrem Taschenrechner rum.
Im Gegensatz zu mir überrascht sie das Ergebnis. „Sie haben recht“, sagt sie. „Es sind 35,60 Euro.“ Ich verkneife mir ein: „Sehen Sie“ und gebe ihr 40 Euro.
„Da hätten sie fast ein Sonder-Sonderangebot bekommen“, sagt sie, als sie das Rückgeld abzählt. Ja, habe ich aber nicht. Weil ich nicht als Kellerassel leben will. Stattdessen erwarte ich, im nächsten Leben als irgendeine Gottheit wiedergeboren zu werden. Oder wenigstens als Chris Hemsworth.
13. August 2023, Berlin
Der Sohn fährt heute für eine Woche ins Judo-Trainingslager. Dafür kommen meine Frau und die Tochter heute Abend zurück. Selbstverständlich freue ich mich darüber. Wobei ein, zwei Tage später wäre auch nicht schlimm. Morgen kommt auf 3Sat nämlich die Doku „Dampfende Züge, dampfende Küche in der Toskana“.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
03. Juli 2023, Berlin
Heute ist Schmeichle-deinem-Spiegelbild-Tag. Umgekehrt würde mir der Tag erheblich besser gefallen. Wenn mir mein Spiegelbild schmeicheln müsste. Stattdessen muss ich tagein, tagaus, mir jeden Morgen im Bad einen weißbärtigen Mann anschauen, der für den älteren Bruder meines Vaters gehalten werden könnte. Und die Zähne muss ich ihm auch noch putzen. Danke für nichts, Spiegelbild.
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Der Sohn ist gestern Abend gut in Paris angekommen. Von Unruhen keine Spur. Zumindest nicht auf den Bildern, die er uns schickt.
Meine Frau und ich sind dennoch besorgt. Warum schickt der Sohn Fotos, ohne dass wir ihn vorher dazu aufgefordert haben? Das ist sehr ungewöhnlich. Ob es ihm gut geht? Vielleicht will er auch schonmal für gute Stimmung sorgen, falls sein Kursfahrt-Taschengeld nicht ausreicht und er uns später um einen kleinen Zuschuss bitten muss.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Ein Radfahrer schießt auf dem Bürgersteig an mir vorbei. Er schaut genervt, weil ich nicht mehr Platz mache, was mir schlicht unmöglich ist, da ich bereits mit einem Bein auf der Straße stehe. (Okay, ich könnte mich auch von einem Auto anstatt von ihm überfahren lassen.) Deswegen muss er minimal ausweichen, was er, wie mir seine Mimik signalisiert, nur äußerst widerwillig tut.
Ich bin kurz davor ihm hinterher zu rufen. „Geht das vielleicht auch ein wenig langsamer, junger Mann?“ Dann hat sich mein innerer Rentner wieder beruhigt und ich gehe wortlos weiter.
200 Meter später schnippt ein Mann seine Kippe knapp an mir vorbei an den Straßenrand. Ich schaue ihn irritiert an, er schaut maximal unirritiert zurück.
An der nächsten Ecke fährt eine ältere Dame auf einem E-Rolli mit beachtlichem Tempo um die Kurve und mich fast über den Haufen. Mit einem beherzten Sprung zur Seite bringe ich mich gerade noch in Sicherheit. Die Frau stört sich nicht weiter daran und rast kommentarlos von dannen.
Ich bin mir nicht sicher, ob diese Erlebnisse anekdotische Evidenz für die zunehmende Rücksichtslosigkeit und Verrohung der Gesellschaft sind. Vielleicht bin ich einfach nur unsichtbar geworden und die Menschen sehen mich schlicht nicht. Das wäre ganz schön, denn dann könnte ich dem nächsten Doofie unbemerkt eine Nackenschelle verpassen.
08. Juli 2023, Berlin
0.30 Uhr. Der Sohn ist zurück aus Paris. Heute früh saß er mit seinem Kurs pünktlich im TGV, doch der fuhr zwei Stunden lang nicht los. Dadurch verpassten sie ihren Anschlusszug in Karlsruhe um fünf Minuten. Warum der nicht warten konnte, blieb unklar. Möglicherweise haben die Passagier*innen darauf bestanden, weil sie kein Bock auf eine fünfstündige Fahrt mit einer 30-köpfigen Gruppe von Jugendlichen hatten.
Somit mussten sie einen anderen Zug nehmen, der eine Stunde später als geplant startete. Dank eines Böschungsbrandes auf der Strecke sowie eines Bundespolizei-Einsatzes in ihrem Zug verlängerte sich die Fahrzeit zusätzlich und sie kamen mit rund drei Stunden Verspätung am Berliner Hauptbahnhof an.
Trotz der späten Stunde erklärt sich der Sohn bereit, die Kursfahrt in knappen Worten für uns zusammenzufassen. Paris sei voll schön („Ganz viele alte Gebäude, alles in hellem Stein und die Straßen sind super breit.“), aber auch voll teuer. („8 Euro für ein kleines Baguette, von dem du nicht einmal satt wirst. Die spinnen doch.“)
Alle hätten sich gut verstanden, es hätte keinen Streit gegeben und sie hätten viel Spaß gehabt. Von Unruhen hätten sie nichts mitbekommen, aber es wäre ziemlich viel Polizei unterwegs gewesen.
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Das erhöhte Polizeiaufkommen wurde einem seiner Zimmernachbarn zum Verhängnis. Der meinte, am frühen Abend mit einem stattlichen Joint im Mund an einer Gruppe Polizisten vorbei gehen zu müssen. Warum er das für eine gute Idee hielt, blieb sein Geheimnis. Während ihn die ersten drei Polizisten nur befremdet anschauten, hielt ihn der vierte Kollege schließlich an.
Bei der unvermeidlich folgenden Leibesvisitation kam eine Menge an Gras zum Vorschein, die selbst mit sehr viel Wohlwollen nicht mehr als Eigenbedarf interpretiert werden konnte. (Wobei das natürlich eine subjektive Einschätzung ist und stark vom Ausmaß deines Haschkonsums abhängt. Wenn du beispielsweise Kette kiffst, können auch 12 Gramm durchaus als Eigenbedarf gelten.)
Der Sohn und zwei weitere Freunde erschienen den Polizisten verdächtig genug, um sie ebenfalls zu filzen. Da sie alle clean waren, blieb die Durchsuchung für sie folgenlos.
Eine ihrer Mitschülerinnen hielt die Szene von der anderen Straßenseite fotografisch fest, so dass nun ein Bild des Sohns existiert, wie er in Paris an einer Hauswand steht und von einem französischen Polizisten mit umgehängter Maschinenpistole abgetastet wird. Eine spätere Karriere als Bundeskanzler könnte damit schwierig werden.
Im Nachhinein ist diese Geschichte zwar recht amüsant. Aber es führt einem auch vor Augen, wie unterschiedlich der Kontakt mit der Polizei abläuft, wenn du ein weißer Jugendlicher aus Deutschland bist oder ein junger Mensch mit Migrationsgeschichte, der in einer der französischen Vorstädte lebt.
Für den kiffenden Mitschüler blieb die Geschichte nicht ohne Konsequenz. Gerade als er sich mit den Polizisten darauf geeinigt hatte, die Angelegenheit auf dem ganz kleinen Dienstweg beizulegen, indem er das Gras auf den Bürgersteig wirft und zertritt, meldete sich die Lehrerin, die vorher kontaktiert worden war.
Somit konnte der Vorfall nicht unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit in Vergessenheit geraten, sondern wurde doch aktenkundig. Nicht bei der Pariser Polizei. Deren Interesse an einer strafrechtlichen Verfolgung eines Berliner Jugendlichen mit ein paar Gramm Haschisch zu viel liegt weit unter Normalnull. Aber dafür bei der Schule.
Der Schüler musste am nächsten Morgen nicht nur die Heimreise antreten, sondern auch den Rest der Woche zur Schule gehen und obendrein ein wenig angenehmes Gespräch mit dem Schulleiter führen. Am Ende der Ferien entscheidet die Schulkonferenz dann noch über etwaige disziplinarische Maßnahmen.
Seine Eltern waren von der Aktion ebenfalls wenig angetan. Sie strichen ihm den Spanienurlaub mit seinen Kumpels, für den er bereits bezahlt hat. Ich denke nicht, dass er in naher Zukunft sein I love Paris-Shirt tragen wird.
09. Juli 2023, Berlin
Eine junge Frau läuft an unserem Haus vorbei. Sie ist Anfang 30, hat Kopfhörer in den Ohren und wirkt unauffällig. Abgesehen davon, dass sie ziemlich laut singt.
Als sie an zwei Männern vorbeiläuft, schaltet sie allerdings in den Nicht-mehr ganz-so-unauffällig-Modus und beschimpft die beiden lautstark. Was sie genau sagt, verstehe ich nicht. Nur dass mehrmals das Wort „hässlich“ fällt. Dann geht sie weiter, als sei nichts geschehen.
Eine ihr entgegenkommende ältere Dame weicht mit besorgter Miene aus. „Sie müssen keine Angst vor mir haben“, beschwichtigt sie die Frau. „Ich bin nicht verrückt, ich spüre nur manchmal die Aura von anderen Menschen.“
Mir liegt es wirklich fern, unsensibel zu sein und jemanden als verrückt zu bezeichnen. Aber auf der Straße laut singen, andere Menschen grundlos anschreien und Auren spüren, gelten im sozialen Miteinander gemeinhin nicht als normale Verhaltensweisen. Selbst in Berlin nicht.
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Die Wochenschau verabschiedet sich mit diesem Beitrag in die Sommerpause, kommt Mitte August zurück und wünscht allen eine schöne Ferienzeit.
Damit die Wartezeit aber nicht zu lange wird, gibt es ab nächstem Mittwoch die „Irischen Tagebücher“ über unseren kürzlichen Wanderurlaub.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
26. Juni 2023, Berlin
Die Tochter hat ihre Note für das erste Studienjahr erfahren. Beziehungsweise ihre Prozente. Die gibt es an irischen Universitäten anstatt Noten. Sie hat 68 Prozent. Das klingt nicht nach wahnsinnig viel, aber es gibt quasi nie mehr als 70 Prozent. Von daher sind ihre 68 Prozent ziemlich gut. Insbesondere weil sie das mit relativ überschaubarem Aufwand erreicht hat, ohne die sozialen Aspekte des First-Year-Student-Lebens zu vernachlässigen.
Etwas Angst hatte sie vor der Bewertung einer Geschichtsklausur. Die hatte sie leicht fiebrig und mit Halsschmerzen geschrieben. Sie wollte sich kein Attest besorgen und dann im August nachschreiben müssen. Ihre Sorge war allerdings unbegründet. Auch in dieser Arbeit hat sie 68 Prozent bekommen.
Ob das für die Leistung der Tochter oder gegen die Bewertungsmaßstäbe der Uni spricht, vermag ich nicht zu sagen. Ich vermute allerdings letzteres. Ihre Freundin kam auf 58 Prozent, obwohl sie in der gesamten Klausur auf die Verwendung von Jahreszahlen verzichtet hatte, weil sie sich nicht so richtig an sie erinnern konnte. Eine kreative Auslegung des Konzepts „Mut zur Lücke“.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
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