Eine kleine Wochenschau | KW50-2023 (Teil 2)

Teil 1


15. Dezember 2023, Berlin

Die Altglastonne im Hof wurde seit Wochen nicht geleert und ist so voll, dass der Deckel nicht mehr schließt. Gleichzeitig quillt in unserer Küche die Kiste, in der wir unsere leeren Einwegflaschen und -gläser sammeln, über.

Wohl oder übel muss ich abends mit der Kiste zum Altglas-Container. Der ist zum Glück direkt um die Ecke. Trotzdem ist es mir unangenehm, mit der Kiste durch den Kiez zu laufen. Nicht weil sie voller Sekt-, Wein- und Schnapsflaschen ist, wie bei jemandem mit bedenklich hohem Alkoholkonsum. Aber in der Kiste sind so viele leere Schokocreme- und Erdnussbuttergläser, dass die Menschen in der Nachbarschaft sicherlich denken, ich bin hochgradig Zucker und Fett abhängig. (Vor allem in der Adventszeit eine nicht vollkommen falsche Einschätzung.)

Vor dem vermeintliche Altglas-Container stehend, stelle ich fest, dass es sich um eine Altkleider-Sammelstelle handelt. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, die Kiste einfach daneben abzustellen und zu gehen. Aber nur ganz kurz. Das wäre schade, um die Kiste. Worin sollten wir zukünftig unser Altglas sammeln?

Zudem habe ich mich kürzlich wie so ein Fensterrentner echauffiert, als in unserer Straße eine Frau ihr Taschentuch auf den Gehweg geworfen hat. Da kann ich jetzt schlecht unseren Glasmüll wild entsorgen. Vor allem weil um die Uhrzeit noch relativ viele Menschen unterwegs sind und mich dabei beobachten würden.

Ich recherchiere am Handy nach dem Standort des nächsten Altglas-Containers. Zu meiner großen Überraschungen sind diese tatsächlich bei Google Maps eingezeichnet. Zu meiner noch größeren Überraschung gibt es sogar Google-Rezensionen zu einzelnen Containern.

Wer macht so etwas? Wie viel freie Zeit musst du haben, wenn du, nachdem du dein Altglas weggebracht hast, denkst: „Mensch jetzt schreib ich doch mal eine schöne Bewertung zu meiner Altglas-Container-Experience.“

Und was sind die Kriterien für so eine Rezension? Die Größe des Einwurflochs? Die Sauberkeit der Umgebung? Die Beschaffenheit der Containerwand?

Einer der Container in der Nähe hat eine 5-Sterne-Bewertung. Dazu schreibt „Michael v“: „A spot to drop off glass for recycling.“ In meinen Augen mehr eine Definition als eine Rezension. Da der Container aber diesen Zweck erfüllt, hat er sich die Höchstbewertung verdient. Zumindest in den Augen von „Michael v“.

Zu einem anderen Container führt „Walle Bob“ aus, dass der angrenzende Park jetzt viel sauberer sei und man da endlich gemütlich sitzen könnte. Trotzdem vergibt er nur vier Sterne.

Ich entscheide mich dennoch für den Vier-Sterne-Container, weil er näher ist. Als ich dort ankomme, werfe ich – wie es sich gehört – die Gläser und Flaschen mit so viel Schmackes in die Öffnung, dass sie im Innern des Containers krachend zersplittern. (sorry, Nachbarn.)

Das macht richtig Spaß. Vielleicht schreibe ich zuhause eine Bewertung. Aber mit 5 Sternen.

16. Dezember 2023, Berlin

Der Judoverein des Sohns veranstaltet sein jährliches Weihnachtsturnier. Das heißt, wir verbringen als Helferlein den Samstag in Kladow. In der Turnhalle der Grundschule am Ritterfeld. Was eine sehr irreführende Ortsbezeichnung ist, denn in der Umgebung gibt es überhaupt keine Ritter. Auch keine Burg oder ein Schloss.

Wie letztes Jahr jogge ich abends nach Hause. Circa 20 Kilometer. Vorher klang das wie eine gute Idee, um nach einem Tag in der sticken Halle noch ein wenig frische Luft und Bewegung zu haben. Bereits nach zwei Kilometern bin ich nicht mehr ganz so überzeugt, dass frische Luft und Bewegung wichtig sind.

In Gatow komme ich am „Wirtshaus Gatow“ vorbei. Das sieht aus, wie es sich anhört. Der Name ist in altdeutscher Schrift auf die gelb gestrichene Fassade geschrieben, die Fenster sind von braunen Holzrahmen umschlossen und im Sommer stehen bestimmt überbordende Blumenkästen auf den Fensterbänken.

Nicht ganz zu dem Wirtshaus-Klischee passt das Poster, das über dem Eingang hängt:

Neue Bewirtschaftung ab 30.11.23:
Com Dang.
Asiatische Speisen & Sushi

17. Dezember 2023, Berlin

Der jüngere Bruder meiner Frau – oder wie sie ihn in Verleugnung der Größenverhältnisse nennt: „mein kleiner Bruder“ – ist seit gestern mit seinem Sohn J., seiner Freundin M. und ihrem Sohn T. zu Besuch.

Um kurz vor acht mache ich mir einen Kaffee, in der Hoffnung, das Koffein möge mich in einen menschenähnlichen Zustand versetzen. Dieses Ziel habe ich noch nicht erreicht, als T. in der Küche erscheint. Er ist neun und wie es sich für dieses Alter gehört, ist sein Energielevel sofort nach dem Aufstehen bei 100. Sein Mitteilungsbedürfnis ebenfalls.

Er erzählt mir etwas von der Schlafsituation im letzten Portugal-Urlaub, klärt mich darüber auf, dass er seine Hausaufgaben immer schon in der Schule macht, damit er die „Kack-Aufgaben“ nicht daheim erledigen muss, und erklärt mir dann die Spielregeln eines Kartenspiels, bei dem es darum geht, maximal gleiche oder maximal ungleiche Dreier-Sets zu bilden. Glaube ich zumindest. Ich nippe an meinem Kaffee und hoffe, dass ich an den richtigen Stellen nicke.

Zum Bäcker mitgehen will T. nicht. Das sei ihm zu kalt. Das verstehe ich gut, aber damit wir etwas zum Frühstück haben, gehe ich dennoch los.

In der Bäckerei steht hinter mir eine junge Frau mit ihrer Tochter. Diese ist schätzungsweise drei und sitzt im Kinderwagen. Sie schaut mich strahlend an und ruft: „Schneemann.“ Ich frage mich, ob mein Haar weißer ist, als ich mir eingestehen will, und sich der übermäßige Plätzchenkonsum der letzten Wochen allmählich figürlich unvorteilhaft auswirkt. Dann entdecke ich auf der Brötchentheke einen kleinen Stoff-Schneemann, den die Kleine gemeint hat. Wahrscheinlich.


Das perfekte Schrottwichtel-Geschenk

Sie sind noch auf der Suche nach einem Geschenk für Weihnachten? Oder fürs Schrottwichteln? Da könnte eines meiner Bücher genau das Richtige sein. Schreiben Sie mir einfach eine Mail.

Die Bücher kosten zwischen 10 und 12 Euro (plus Versandkosten). Gerne versehe ich das Buch auch mit einer persönlichen Widmung. (Das verhindert, dass es weiterverschenkt werden kann.)


Anstatt einem weißen, (mittel-)alten, heterosexuellen Mann Geld für das Sammeln und Zusammenstellen von Tweets zu spenden, ist es sinnvoller, Vereine und Gruppen zu unterstützen, die sich für die Überwindung gesellschaftlicher Probleme einsetzen. Daher poste ich künftig unter den Familien-Tweets nicht mehr den Spenden-Hut. Stattdessen können Sie ja vielleicht eine Kleinigkeit an Heimatstern e.V. überweisen. Oder eine Großigkeit.


Kann man kaufen. Muss man aber nicht. Wäre aber trotzdem schön. (Affiliate-Link)


Sie möchten informiert werden, damit Sie nie wieder, aber auch wirklich nie wieder einen Familienbetrieb-Beitrag verpassen?

Eine kleine Wochenschau | KW50-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


11. Dezember 2023, Berlin

Der Sohn ist den vierten Tag in Corona-Isolation. Das Zimmer verlässt er nur, um ins Bad zu gehen, und immer mit Maske. Wir stellen ihm regelmäßig Essen vor die Tür, später räumt er das benutzte Geschirr in den Flur, wo wir es abholen. Er lebt quasi wie ein Gefängnisinsasse in Einzelhaft. Allerdings wie ein Gefängnisinsasse, der bestens mit elektronischen Unterhaltungsgeräten und Streamingdiensten ausgestattet ist.

Ab und an legt der Sohn auch seine Schmutzwäsche raus. Vielleicht ist er doch kein Gefängnisinsasse, sondern ein Hotelbewohner mit Room Service. Allerdings ein Hotelbewohner, der sein Zimmer nicht bezahlt.

Weiterlesen

Eine kleine Wochenschau | KW49-2023 (Teil 2)

Teil 1


07. Dezember 2023, Berlin

Ich schreibe meinem jüdischen Bekannten L. eine Nachricht und wünsche ihm alles Gute zu Chanukka, dem jüdische Lichterfest. In den nächsten acht Tagen zünden Juden jeden Abend eine weitere Kerze an und die Kinder bekommen jeden Tag Geschenke und Süßigkeiten. Das stelle ich mir sehr schön für die jüdischen Kinder vor. Und ziemlich ruinös für die Eltern.

Zum Essen gibt es zu Chanukka in Öl gebackene Speisen wie Krapfen (Sufganiyots) und Kartoffelpuffer (Latkes). Damit soll an das Wunder des ewig brennenden Öls im Tempel gedacht werden. Eine sehr clevere Idee, um den Verzehr von Frittiertem zu rechtfertigen.

Im Christentum soll dagegen der Stollen an Christus als gewickeltes Baby erinnern. Eine merkwürdige kannibalistische Assoziation, die einem die Freude an einem Stück Stollen eher verleidet. Früher war das kein größeres Problem, denn der Stollen war eine Fastenspeise und wurde aus Wasser, Hafer und Rüböl zusammengemanscht. Das war geschmacklich ohnehin kein Hochgenuss.

Glücklicherweise fand irgendwann jemand, dass es dem Ansehen des Gottessohns bestimmt keinen Schaden zufügt, wenn Stollen lecker ist und hat ihm Zucker, Mehl und Butter beigefügt. Bis irgendein Trottel auf die Idee kam, man könne da auch noch Zitronat und Orangeat reinwerfen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll hier nicht noch einmal ausgebreitet werden.

###

Für die gestern gebackenen Zitronenherzen brauchte ich sechs Eigelb. Die komplementären sechs Eiweiß verarbeite ich heute zu Kokosmakronen. Damit nichts wegkommt und weil Kokosmakronen in der Herstellung unkompliziert und schnell sind.

Da bei den Zitronenherzen aber weniger rauskamen, als erhofft, backe ich heute noch eine weitere Rutsche davon. Nun habe ich wieder sechs Eiweiß übrig. Es ist ein Teufelskreis. Aber ein sehr leckerer.

Da meine Frau zurzeit an der Arbeit sehr viel zu tun hat, konnte sie sich bis jetzt nur eingeschränkt bei der Weihnachtsbäckerei einbringen. Viele Plätzchensorten habe ich daher allein gebacken. Ich finde das aber nicht schlimm. Mir ist das lieber als umgekehrt. Schließlich möchte ich nicht in ihrer Plätzchenschuld stehen. Das ist in einer Ehe wie bei der Mafia. Der willst du auch keinen Gefallen schuldig sein.

Sollte ich irgendwann mal unseren Hochzeitstag vergessen – möglicherweise nächstes Jahr –, kann ich stattdessen nun sagen: „Dafür habe ich im Dezember 2023 allein Zitronenherzen gebacken.“

08. Dezember 2023, Berlin

Vor ein paar Wochen habe ich mir ein Poster zum Hamburg Marathon bestellt. Auf dem ist der Streckverlauf als schwarze Linie auf hellgelben Untergrund abgebildet und darunter stehen das Datum, mein Name und die erreichte Zielzeit. Das Poster sieht sehr stylish aus. Ich habe es gerahmt und in meinem Arbeitszimmer aufgehängt. Unterhalb des Posters habe ich noch eine Halterung angebracht, an der ich meine gesammelten Volkslauf-Medaillen der letzten fünfzehn Jahre auffädeln kann.

Wenn Sie jetzt denken, dass hört sich wie ein Midlife-Crisis-Altar an, haben sie vermutlich recht.

###

Im Hausflur hängt ein Zettel. Er ist von R. aus dem dritten Stock. Sie wird heute 16 und feiert eine Party. Es kämen viele Leute und es könne etwas lauter werden. Sie werde jedoch dafür sorgen, dass um 0.30 Uhr alle gehen.

Ich weiß nicht, ob das alle Hausbewohner*innen so sehen, aber ich bin sehr enttäuscht von R., wenn die Party tatsächlich um halb eins vorbei ist.

###

Der Sohn ruft an. Das ist ungewöhnlich. Generell und vor allem, weil er im Bad ist und ich nebenan im Arbeitszimmer sitze. Wenn dich jemand aus dem Nachbarzimmer anruft, kann das nur zweierlei bedeuten: Entweder ist die Person sehr, sehr faul oder sie hat schlechte Nachrichten, die sie dir nicht von Angesicht zu Angesicht überbringen kann.

Beim Sohn ist letzteres der Fall. Als er von der Schule nach Hause kam, hatte er leichte Gliederschmerzen und sich deswegen in die Badewanne gelegt. Anschließend war er so umsichtig, einen Corona-Test zu machen. Nun informiert mich der Sohn über die zwei unerwünschten Streifen. Ich lege ihm eine Maske vor die Tür, dann isoliert er sich in seinem Zimmer.

Der positive Test ist für den Sohn doppelt doof: Erstens, weil er Corona hat, und zweitens muss er damit endgültig die Teilnahme an der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft abhaken.

###

17 Uhr. Der Sohn meldet sich. Er habe Hunger und möchte sich etwas zu essen bestellen. Am liebsten bei Smack Burger, einem Laden, der vor ein paar Monaten bei uns in der Gegend aufgemacht hat und dessen Signature Move darin besteht, auf alles sehr viel Käse zu machen. Ein kluger Move, denn nichts wird schlechter, wenn du es mit Käse überbäckst.

Die Bestellliste des Sohns umfasst zwei Cheeseburger, ein Patty Melt – ein Rindfleisch-Patty mit der käsigen Haussauce, doppeltem Cheddar und karamellisierten Zwiebeln zwischen zwei hausgemachten Scheiben Toast – sowie eine Portion Chicken Cheese Poutine – Pommes mit Hühnchen und Käsestücken.

Sagen wir es so: Corona scheint ihm nicht auf den Magen zu schlagen.

###

Als meine Frau nach Hause kommt, erkundigt sie sich beim Sohn nach seinem Wohlbefinden. Eigentlich gehe es ihm ganz gut, aber ihm sei sterbenslangweilig. Das ist ein wenig verwunderlich. Er hat den Großteil des Nachmittags damit verbracht, im Bett zu liegen, durch Insta, TikTok und Snapchat zu scrollen und dabei Fernsehen zu schauen. So wie jeden anderen Nachmittag auch. Aber anscheinend macht es einen Unterschied, ob du das aus freien Stücken tust oder dir keine andere Wahl bleibt.

###

Wir telefonieren abends mit der Tochter. Sie erzählt, sie habe schon seit vier Tagen kein Türchen an ihrem Schoko-Adventskalender geöffnet. Weil sie das morgens immer vergessen würde. Jetzt hätte sie daran gedacht, aber zum Frühstück schon von ihrem Schoko-Weihnachtsmann gegessen, so dass sie jetzt keine Lust auf Schokolade hätte.

Meine Frau und ich verstehen den Zusammenhang nicht und fragen uns, wie man keine Lust auf Schokolade haben kann. Aber das spricht eher gegen uns als gegen die Tochter.

09. Dezember 2023, Berlin

Wie schon gestern fällt auch heute früh bei meiner Frau und mir der Corona-Test negativ aus. Somit steht unserer Teilnahme beim Nikolauslauf am Schlachtensee nichts im Wege, für den wir uns vor ein paar Wochen angemeldet hatten.

Gemeinsam mit meinen Laufkollegen, mit denen ich mich regelmäßig samstags im Grunewald treffe, habe ich mir den Drittelmarathon über 16,2 Kilometer vorgenommen. O. und sein Sohn verwechseln versehentlich ihre Startnummern. Der Sohn wird Erster in der Altersklasse 50, O. dagegen Zehnter bei den 20- bis 25-Jährigen.

Ich belege in der Altersklasse 45 den dritten Platz. Was etwas beeindruckender wäre, wenn in meiner Gruppe mehr als fünf Teilnehmer am Start gewesen wären. Aber immerhin gibt es eine Teilnehmermedaille, die ich an meinen Midlife-Crisis-Schrein hängen kann.

10. Dezember 2023, Berlin

Während ich im Arbeitszimmer sitze und die Wochenschau editiere, höre ich, wie meine Frau in der Küche Kartons zerkleinert. Dann geht sie in den Hof und entsorgt sie in der Altpapier-Tonne. Allein, ohne mich. Damit hat sie mein Solo-Zitronenherzen-Backen wettgemacht und ich darf in den nächsten Jahren unseren Hochzeitstag nicht vergessen. Verdammt.

Später muss ich feststellen, dass sie auch noch die Schokoladenplätzchen kuvertiert und alle Flaschen und Dosen auf den Küchenregalen abgewischt hat. Nun stehe ich tief in ihrer Schuld. Wahrscheinlich liegt heute Abend ein Pferdekopf auf meinem Kopfkissen.


Das perfekte Schrottwichtel-Geschenk

Sie sind noch auf der Suche nach einem Geschenk für Weihnachten? Oder fürs Schrottwichteln? Da könnte eines meiner Bücher genau das Richtige sein. Schreiben Sie mir einfach eine Mail.

Die Bücher kosten zwischen 10 und 12 Euro (plus Versandkosten). Gerne versehe ich das Buch auch mit einer persönlichen Widmung. (Das verhindert, dass es weiterverschenkt werden kann.)

Eine kleine Wochenschau | KW49-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


04. Dezember 2023, Berlin

Morgendliche Laufrunde im Schlosspark Charlottenburg. Ich werde überholt. Das passiert schon mal. Allerdings nicht ganz so oft, dass es jemand auf Langlauf-Skiern ist.

Der Mann läuft im klassischen Stil. Dass er damit schneller ist als ich, spricht nicht für mein Tempo. Allerdings ist er bei dem verschneiten Untergrund mit seiner Wahl des Fortbewegungsmittels deutlich im Vorteil.

Weiterlesen

Eine kleine Wochenschau | KW48-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


27. November 2023, Berlin

Gehe morgens laufen. Über Nacht hat es geschneit. Vielleicht erinnern Sie sich, wie Sylvester Stallone in Rocky IV durch die sibirische Schneelandschaft rennt. Kraftvoll, dynamisch, entschlossen und maximal männlich. Er hängt sogar ein Auto mit KGB-Offizieren ab, die ihn Schritt auf Tritt verfolgen.

Mein Laufen hat rein gar nichts mit dieser Rocky-Szenerie zu tun. Ich tripple übervorsichtig auf den leicht verschneiten Gehwegen, immer darauf bedacht, auf dem matschigen Untergrund nicht auszurutschen. Wie ein gebrechlicher Greis, der Angst hat, hinzufallen und sich einen Oberschenkelhalsbruch zuziehen, von dem er sich nie wieder erholen wird. Mein Laufstil ist nicht maximal männlich, sondern maximal geriatrisch.

Auf der Putlitzbrücke überholt mich eine ältere Frau mit einem klapprigen Damenrad.

Weiterlesen

Eine kleine Wochenschau | KW48-2023 (Teil 2)

Teil 1


Meine Eltern besuchen uns für ein paar Tage. Aufgrund von Gleisbauarbeiten und damit einhergehender Streckensperrung zwischen Montabaur und Frankfurt mussten sie einen Teil der Anreise im Flixbus absolvieren. Schön, dass sie auch im Alter das Abenteuer nicht scheuen.

01. Dezember 2023, Berlin

Ich habe meiner Frau einen Schoko-Adventskalender besorgt. Um ihr eine Freude zu machen und um ihr zu zeigen, dass ich an sie denke. Weil sie mir keinen gekauft hat, konnte ich damit außerdem das fein austarierte Gleichgewicht der Mächte in unserer Partnerschaft wiederherstellen. Das war das eigentliche Ziel meines Adventskalendergeschenks.

Vor vier oder fünf Jahren hatten meine Frau und ich vor Weihnachten ausgemacht, dass wir uns nichts schenken. Allerdings hatten wir unterschiedliche Vorstellungen davon, was „nichts“ heißt. So kam es, dass mir meine Frau an Heiligabend „nur eine Kleinigkeit“ überreichte, während ich nichts vorbereitet hatte und mich nicht einmal mit einer spontan gebastelten Sockenpuppe revanchieren konnte.

Mit dem Schoko-Adventskalender sollten wir nun wieder quitt sein.

###

Ich habe einen neuen Follower auf Tiktok: Haarausfall-Beratung.shop. Fängt die Herrschaft der Künstlichen Intelligenz damit an, dass dich deine Social-Media-Kanäle mobben?

###

Wir besuchen abends den Weihnachtsmarkt am Schlosspark Charlottenburg. Dort, wo ich morgens regelmäßig laufe, pfeife ich mir fettige Bratkartoffeln und Glüh-Gin rein. Damit balanciere ich mein Ernährungs-und-Bewegungs-Ying-und-Yang aus.

Anschließend fährt der Sohn mit meinen Eltern mit Bus und Bahn nach Hause, meine Frau und ich laufen. Als Wegzehrung kaufen wir uns Churros, wodurch mein Ernährungs-und-Bewegungs-Ying-und-Yang leicht ins Ungleichgewicht gerät.

Meine Frau meint, eine kleine Portion würde für uns zusammen reichen. Zu ihrer Überraschung bestelle ich trotzdem eine große Portion. Normalerweise downsize ich immer auf kleinere Mengen. Weil ich den Hunger meiner Frau besser kenne als sie und vermeiden will, ihre Reste aufzuessen (siehe Ying-und-Yang-Balance).

Als die Verkäuferin für die große Tüte Churros zehn Euro von mir verlangt, dämmert mir, dass eine kleine Portion nicht nur für meine Kalorienbilanz die bessere Wahl gewesen wäre.

02. Dezember 2023, Berlin

Beim Joggen im Schlosspark überholt mich ein Mann auf Langlauf-Skiern. Noch ungefähr 69-mal Laufen gehen, bis ich wieder kurze Hosen tragen kann.

###

Abends gehen wir mit meinen Eltern ins Tipi am Kanzleramt. Zur Weihnachtsshow des Musik-Kabarett-Duos Ass-Dur. Musik-Kabarett hört sich etwas spießig und vermufft an, stellt sich aber als sehr lustig heraus. Vor allem die Aufführung von „Backe, backe Kuchen“ im Stile von Edvard Grieg gefällt mir sehr gut. Auch das möchte ich als Ausdruck meines sonnigen Gemüts verstanden wissen.

Allerdings lache ich auch mehr als unangebracht lange über den Witz „Warum hat der Nikolaus so einen großen Sack?“ – „Weil er nur einmal im Jahr kommt.“, was wiederum für die Schlichtheit meines Humors spricht.

03. Dezember 2023, Berlin

Nachdem wir uns gestern Kultur gegeben haben, ist heute wieder die Kulinarik an der Reihe. Wir gehen zum Nikolaus-Brunch in die Markthalle.

Für mich ist Brunchen die beste Mahlzeiten-Erfindung aller Zeiten. Du fängst mit Frühstück an, gehst zum Mittagessen über und bleibst dann noch sitzen, um Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Dazu versorgt einen der Prosecco-Butler wieder mit Getränken. Perfekt. Und eine gutes Vorbereitungstraining auf die Weihnachtsfeiertage.

###

Auf Spiegel Online lese ich einen Artikel über das Brutverhalten von Zügelpinguinen. Zum Schutz vor Raubmöwen-Attacken dürfen sie ihre Eier nicht aus den Augen lassen. Niemals und rund um die Uhr. Dafür haben sie ihren Schlafzyklus optimiert. Sie machen immer nur Vier-Sekunden-Nickerchen, davon aber rund 10.000 Stück am Tag. Ich denke, Eltern mit Säuglingen können sehr viel von den Zügelpinguinen lernen.

###

Der Sohn muss einen Essay für Philosophie fertigstellen. Von den vier zur Auswahl stehenden Themen hat er sich für „Sind die Menschen auf der Welt Gast oder Gastgeber?“ entschieden. Eigentlich bin ich ganz gut darin, bei einer Diskussion die verschiedenen Standpunkte zu erfassen und vertreten zu können. Bei dieser Fragestellung fällt mir aber partout kein Argument ein, warum wir Gastgeber sein könnten. Wer wären dann unsere Gäste? Aliens, die nie kommen, weil ihnen die Menschen zu doof sind?

Ich frage den Sohn, welche Themen es noch gab. Irgendwas mit Kunst, da sei er sofort raus gewesen, und die anderen beiden seien richtige Kackthemen. So betrachtet, scheint die Gast-Gastgeber-Frage doch die beste Wahl zu sein.


Das perfekte Schrottwichtel-Geschenk

Sie sind noch auf der Suche nach einem Geschenk für Weihnachten? Oder fürs Schrottwichteln? Da könnte eines meiner Bücher genau das Richtige sein. Schreiben Sie mir einfach eine Mail.

Die Bücher kosten zwischen 10 und 12 Euro (plus Versandkosten). Gerne versehe ich das Buch auch mit einer persönlichen Widmung. (Das verhindert, dass es weiterverschenkt werden kann.)

Eine kleine Wochenschau | KW47-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


20. November 2023, Berlin

Wir eröffnen die Weihnachtsbäckerei. Traditionell mit Christstollen. Der soll bekanntlich ein paar Wochen ziehen, damit er besonders gut schmeckt. Wobei ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann, dass er bereits nach ein paar wenigen Tagen ziemlich lecker ist.

Ebenfalls traditionell verwende ich kein Zitronat und kein Orangeat. Nur wer vollends geschmacksverwirrt ist, mag Zitronat und Orangeat. Ist zumindest meine persönliche Meinung. Die aber objektiv richtig ist.

Mir ist schleierhaft, woher überhaupt die Bezeichnungen Zitronat und Orangeat herkommen. Es gibt keine Lebensmittel, die weniger nach Zitrone und Orange schmecken als Zitronat und Orangeat. Geschmacklich scheint mir das eher ein Abfallprodukt der Autoreifenherstellung zu sein.

Das ist der Grund, warum Zitronat und Orangeat nichts im Stollen zu suchen haben. Ist zumindest meine persönliche Meinung. Die aber objektiv richtig ist.

Weiterlesen

Eine kleine Wochenschau | KW47-2023 (Teil 2)

Teil 1


24. November 2023, Berlin

Heute ist Black Friday. Einen Tag, den der US-amerikanische Einzelhandel erfunden hat, um konsumwillige Kund*innen einen Tag nach Thanksgiving durch eine Flut von Fake-Angeboten in den Kauf von Produkten zu manipulieren, von denen sie glauben, sie würden sie benötigen, weil ihnen die Black-Friday-Werbung das eingeredet hat.

Das Beste am Black Friday ist, dass ich ab morgen keine Mails mehr mit Black-Friday-Aktionen bekomme. Dafür mit Cyber-Monday, Advents-, Nikolaus- und Weihnachtsangeboten.

(Es kann sein, dass ich das Gleiche bereits letztes Jahr geschrieben habe. Ich möchte nicht ausschließen, dass ich es nächstes Jahr wieder schreiben werde.)

###

Bei dm steht ein kleiner, schwarz gelockter Junge vor einem Regal mit Honigkerzen. Er streckt seiner Mama eine der Kerzen entgegen und fragt: „Was kostet die?“ „3,99, mein Schatz.“

Er nimmt eine andere Kerze aus dem Regal. „Und was kostet die?“ „Auch 3,99.“ Der Junge zeigt auf eine weitere Kerze. „Und die?“ „Auch 3,99. Die Kerzen kosten alle 3,99“, antwortet die Mama in der Hoffnung, seine Fragerei damit zu beenden.

Da hat sie die Rechnung allerdings ohne ihren Sohn gemacht. In dem Regal stehen nicht gerade wenige Kerzen und er erfragt für jede einzelne den Preis. Schließlich ist nicht vollkommen ausgeschlossen, dass es bei einer der Kerzen eine preisliche Abweichung geben könnte.

Zehn Minuten später verlasse ich den Laden. Die beiden sind inzwischen ein Regal weitergewandert. Der Junge will jetzt wissen, was die Haarbürsten kosten. Ich hoffe für seine Mama, dass sie heute keine wichtigen Termine mehr hat.

25. November 2023, Berlin

Ich laufe heute 18 Kilometer. Aber in ganz gemächlichem Tempo. Schließlich besteht keine Notwendigkeit, sich im Winter in Höchstform zu trainieren.

Außerdem möchte ich bei den kühlen Temperaturen keine Verletzung riskieren. Letzten Samstag merkte mein Laufkumpan J. richtigerweise an, es wäre geradezu fatal, im Dezember mit dem Laufen aussetzen zu müssen. Dann wärst du angesichts der Flut an Plätzchen, Stollen und Gänsebraten im Kampf gegen die Adventskalorien chancenlos.

###

Nachdem die Weihnachtsbäckerei bei uns im vollen Gange ist, haben wir heute auch Weihnachten vom Schrank geholt. Etwas früh vielleicht, aber wir haben nächste Woche keine Zeit dafür.

Meine Frau dekoriert den Flur und baut unseren Adventskranz auf. Die vier Gläser mit den Kerzen füllt sie am Boden mit Engelshaar aus. Ich bin kein Experte für die Beschaffenheit von Engelshaar, aber Dicke und Konsistenz erinnern mich eher an Engelsschamhaar. Allerdings bin ich auch dafür kein Experte, so dass es möglich ist, dass ich mich diesbezüglich irre.

###

Wir verbringen den Samstagabend damit, Vanillekipferl zu backen. (What a time to be alive!) Bei meiner Mutter sind die Vanillekipferl immer perfekt in Form und Konsistenz. Ausnahmslos alle. Da gibt es keinerlei Abweichung, die sind alle wie genormt. Als seien sie von einer Maschine hergestellt.

Bei uns sind die Vanillekipferl nicht perfekt in Form und Konsistenz. Da gleicht kein Kipferl dem anderen. Unsere Vanillekipferl sehen aus wie das Ergebnis eines misslungenen Kita-Backprojekts.

26. November 2023, Berlin

Ein Thomas Sch. schickt mir eine Nachricht an meine Blog-E-Mail-Adresse. Ob ich möglicherweise Interesse am Kauf der Domain Klo-Werbung.de hätte. Möchte er mir damit subtil mitteilen, dass er meine Texte kacke findet?

###

Stoße im Internet auf ein Video, wie eine Python-Schlange in einer Wohnung die Haustür öffnet. Ist es überhaupt erlaubt, eine Python in der Wohnung zu halten? Und falls ja, warum sollte man das überhaupt wollen?


Alle Beiträge der Wochenschau finden Sie hier.


Sie möchten informiert werden, damit Sie nie wieder, aber auch wirklich nie wieder einen Familienbetrieb-Beitrag verpassen?

Eine kleine Wochenschau | KW46-2023

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


13. November 2023, Berlin

Für den Sohn ist heute ein schlechter und guter Tag zugleich. Schlecht, weil er Mathe schreiben muss. Aber trotzdem gut, weil es die letzte seines Lebens ist.

Für seine Mathelehrerin ist es ebenfalls ein guter Tag: Sie muss nie wieder eine Arbeit von ihm korrigieren.

Weiterlesen

Eine kleine Wochenschau | KW46-2023 (Teil 2)

Teil 1


In unserer Wohnung hält sich eine dicke Fliege auf. Ich finde das ungewöhnlich für die Jahreszeit. Wobei ich gar nicht weiß, ob das tatsächlich ungewöhnlich ist. Schließlich habe ich keine Ahnung vom Lebenszyklus von Fliegen und weiß nicht, ob sie Winterschlaf halten, im Winter in den Süden fliegen oder einfach sterben, wenn es kälter wird. Oder sich zum Überwintern eine gemütliche Wohnung suchen.

Unsere Stubenfliege ist ziemlich groß. Und ziemlich laut. Und sehr anhänglich. Wo wir sind, ist auch die Fliege. Wenn wir abends auf dem Sofa sitzen und schauen Netflix, schwirrt sie durchs Zimmer. Vielleicht will sie so wie wir am Ende des Tages einfach ein bisschen abhängen und netflixen.

Sie hängt aber nicht einfach ein bisschen ab. Wir alle kennen diese nervige Person, mit der du nicht Fernsehschauen kannst, weil sie die ganze Zeit rumzappelt und pausenlos quatscht. Unsere Stubenfliege ist diese Person. Sie fliegt unablässig durchs Wohnzimmer und das ist so laut, dass wir Schwierigkeiten haben, unserer Serie zu folgen.

Das geht seit Tagen so. Ich frage mich, wie hoch die Lebenserwartung einer Stubenfliege ist. Meine Frau schaut bei Wikipedia nach. Sechs bis 70 Tage. Hoffentlich ist unser Exemplar keine Grönlandhai-Fliege und wird 500 Jahre alt.

Die Fliege begleitet uns nicht nur im Wohnzimmer. Gehe ich in die Küche, um mir einen Kaffee zu kochen, wer surrt um die Deckenlampe? Die Fliege. Begebe ich mich ins Bad, weil ich auf Toilette muss, wer fliegt vor dem Spiegel auf und ab? Die Fliege. Liege ich abends im Bett und lese noch ein bisschen, wer brummt durchs Zimmer? Genau, die Fliege. Wenn irgendwo ein Licht angeht, ist die Fliege nicht weit. Möglicherweise hat sie Angst im Dunklen.

Meine Frau hat eine andere Vermutung: „Vielleicht hat sie keine Freunde, ist einsam und will deswegen bei uns sein.“ Nun habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich mir gewünscht habe, die Fliege stirbt bald.

17. November 2023, Berlin

Heute ist Tag des hausgemachten Brotes. Ich dachte, damit hätten wir nach dem letzten Corona-Lockdown aufgehört.

###

Meine Sportkopfhörer sind kaputt und ich muss neue bestellen. Da mein Modell nicht mehr hergestellt wird, werde ich nur noch bei eBay fündig. Es handelt sich aber um neue, originalverpackte Kopfhörer. Wer will schon gebrauchte In-Ear-Kopfhörer tragen? (Zumindest wollen erstaunlich viele Menschen bei eBay gebrauchte In-Ear-Kopfhörer verkaufen.)

Der Kopfhörer-Verkäufer firmiert unter dem Namen DealDon. Richtig vertrauenswürdig hört sich das nicht an. So ein bisschen nach Import-Export-Geschäften. DealDon ist auf den Verkauf von Handys, Video- und Audiogeräten sowie PC- und Videospiele spezialisiert. Das macht es nicht vertrauenswürdiger. Ich hoffe einfach, meine Kopfhörer sind nicht irgendwo vom Laster gefallen.

18. November 2023, Berlin

Ich treffe mich morgens um 7 mit J. zum Laufen im Grunewald. Die gute Nachricht: Ich habe vor dem Laufen daran gedacht, lange Hosen anzuziehen. Sogar Handschuhe. Die schlechte Nachricht: Es ist so kalt, dass ich trotzdem friere.

Sollten Sie diesen Blog regelmäßig lesen, wissen Sie, dass ich kein Mensch bin, der zu Übertreibungen neigt. Somit können Sie davon ausgehen, dass es sich um eine unumstößliche Tatsache handelt, wenn ich sage, dass noch nie jemand seit Menschengedenken so kalte Hände hatte wie ich, als ich nach dem Laufen mit dem Rad zurück nach Moabit fahre.

###

Wir erhalten einen Brief von der Postbank. Das Sparbuch könne noch nicht aufgelöst werden. Die Unterschrift meiner Frau fehle noch und müsse nachgereicht werden.

19. November 2023, Berlin

Der Sohn hat heute einen wichtigen Tag: Er hat Dan-Prüfung. Ich kann mich noch erinnern, wie er mit vier Jahren seinen ersten Judo-Anzug bekam und als blond gelockter Zwerg Rollen vorwärts und rückwärts übte. Heute ist er 17 und muss für eine der Prüfungsaufgaben seinen Partner mit ausgestreckten Armen quer über seinem Kopf halten und ihn dann auf die Matte werfen.

Dass der Sohn mit Judo anfing, hing damit zusammen, dass er als kleiner Junge eine sehr ausgeprägte Vorstellungskraft hatte. Auf dem Heimweg von der Kita erzählte er immer von Monstern, wilden Tieren und bösen Menschen, die die Welt beherrschen wollten, die er aber heroisch niedermetzelte. Quasi wie ein vierjähriger Witcher.

Seine Beschreibungen wiesen einen Detailgrad auf, der zwar für einen sehr umfangreichen Wortschatz für ein Kitakind sprach, aber gleichzeitig ein wenig bedenklich war. Davon abgesehen war der Sohn ein vollkommen friedfertiges Kind, schlug keine anderen Kinder und fiel auch nicht durch Vandalismus auf.

Irgendwann stand der Sohn aber im Streichelzoo vor einer Ziege und fragte, ob er sie töten dürfe. Da dachten wir, es wäre vielleicht gut, wenn er ein Ventil für seine Gewaltphantasien hätte. Schließlich wollten wir später nicht bedröppelt in eine RTL-Explosiv-Kamera schauen und sagen müssen, dass wir es uns absolut nicht erklären könnten, wie der Junge dazu kam, alle Nachbar*innen im Haus mit einer Machete zu massakrieren.

Also meldeten wir dem Sohn beim Judo an. Dort konnte er sich körperlich verausgaben, lernte Respekt und Disziplin, was ja nichts schaden kann, und gut für die Körperkoordination war es auch. Letzteres war nicht gerade seine Stärke. Er hatte zum Beispiel Schwierigkeiten, auf einem Bein zu hüpfen. Das Körperklausige hatte er wahrscheinlich von mir. Als Kind war ich körperkoordinativ eher herausgefordert. Vielleicht sollte ich mich auch beim Judo anmelden. Möglicherweise wird das beim TSV Gutsmuths im Bereich Senioren-Sport angeboten.

Schon als Fünfjähriger nahm der Sohn an seinen ersten Judoturnieren teil. Zunächst startete er mit einer niederschmetternden Niederlagenserie. Nach ungefähr einem Jahr stand seine Wettkampfbilanz bei 0:20. Der Sohn war quasi die Färöer-Inseln der Berliner Judo-Szene. Er kämpfte mit Einsatz und Engagement, bekam aber immer ordentlich auf die Mütze. Ich wollte schon nicht mehr mit auf die Turniere gehen, weil ich mir das Elend nicht anschauen wollte.

Eines Tages kam der Sohn dann mit meiner Frau von einem Turnier zurück und brachte vollkommen überraschend einen Pokal für den ersten Platz mit. Die größte Sensation der Sportgeschichte seit dem Sieg Griechenlands bei der Fußball- Europameisterschaft 2004.

Während die meisten anderen Kinder irgendwann zum Fußball, Handball oder Schwimmen abwanderten oder ihre Sport-Karriere ganz an den Nagel hängten, blieb der Sohn dem Judo treu. Zum einen lag das an seiner ersten Trainerin, die er abgöttisch liebte. Zum anderen an seinem jetzigen Trainer, für den er wortwörtlich über glühende Kohlen laufen würde und für den er Pferde stehlen würde, wenn er es von ihm verlangte. (Ich hoffe, dass er das niemals verlangen wird, denn was sollen wir in einer Stadtwohnung mit einem Pferd anfangen?)

Dass wir den Sohn beim Judo angemeldet haben, war sicherlich eine der besseren Entscheidungen von uns als Eltern. Er war vielleicht nicht der allererfolgreichste Judoka seiner Altersklasse, kann aber trotzdem eine sehr respektable Kinder-und Jugend-Wettkampfkarriere vorweisen. Mit zwei Berliner Einzel- und Mannschaftsmeisterschaften, einer Deutschen Vize-Mannschaftsmeisterschaft und einer Teilnahme bei der Deutschen Einzel-Meisterschaft dieses Jahr. Eine Ziege hat er auch nie getötet.

Und seit heute ist er Träger des 1. Dan.

Herzlichen Glückwunsch.
(Du musst trotzdem morgen den Müll runter bringen.)


Anstatt einem weißen, (mittel-)alten, heterosexuellen Mann Geld für das Sammeln und Zusammenstellen von Tweets zu spenden, ist es sinnvoller, Vereine und Gruppen zu unterstützen, die sich für die Überwindung gesellschaftlicher Probleme einsetzen. Daher poste ich künftig unter den Familien-Tweets nicht mehr den Spenden-Hut. Stattdessen können Sie ja vielleicht eine Kleinigkeit an Heimatstern e.V. überweisen. Oder eine Großigkeit.


Kann man kaufen. Muss man aber nicht. Wäre aber trotzdem schön. (Affiliate-Link)


Sie möchten informiert werden, damit Sie nie wieder, aber auch wirklich nie wieder einen Familienbetrieb-Beitrag verpassen?