Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
01. Juni 2026, Berlin
Unschöner Start in die Woche: Wir haben kein warmes Wasser. Was die Freude am morgendlichen Duscherlebnis erheblich trübt.
Wende alle meine Überredungskünste auf, um mich davon zu überzeugen, die Badewanne zu besteigen. In einer Mischung aus Selbsthass und Realitätsverweigerung rede ich mir ein, dass das alles schon nicht so schlimm wird.
Erstmal kaltes Wasser auf die Beine spritzen. Für den Gewöhnungseffekt. Der stellt sich nur äußerst langsam ein. Eigentlich gar nicht.
Jetzt den Strahl etwas höher richten. In die Leistengegend – unangenehm – und auf den Bauchnabel – noch unangenehmer. Anschließend auf Brusthöhe. Atemnot setzt ein, die Herzfrequenz nimmt zu.
Nun noch die Haare. Lasse mir Wasser über den Kopf laufen, das mir dann schwallartig über den Rücken läuft. So muss sich eine Nahtoderfahrung anfühlen. Nach dem Einseifen und Shampoonieren die gleiche Prozedur nur in umgekehrter Reihenfolge.
Mit Abschluss der Morgenwäsche habe ich wenigstens das gute Gefühl, die erste Hürde des Tages genommen zu haben. So viel zu Selbsthass und Realitätsverweigerung.
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Der Montag bringt auch gute Nachrichten: Kaufland hat Kaktus-Eis im Angebot. Das ist nicht nichts.

02. Juni 2026, Berlin
Heute ist „Ich liebe meinen Zahnarzt“-Tag. Ein Ehrentag, der wahrscheinlich nur von Partner*innen von Zahnärzten begangen wird. Wenn überhaupt.
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Termin beim Urologen. Im Wartezimmer blicken Ü50-Männer betreten auf ihre Smartphones oder in veraltete Automagazine. Hauptsache kein Blickkontakt.
Der Arzt beginnt unser Gespräch mit der Frage, warum ich da sein. Zur Prostata- und Hodenkrebsvorsorge, antworte ich. So wie jedes Jahr. Diesmal belehrt er mich, Hodenkrebs bekäme man in meinem Alter normalerweise nicht mehr. Eigentlich eine erfreuliche Information, aber seine Wortwahl lässt ein wenig an Sensibilität zu wünschen übrig.
Dann erklärt er, die aktuelle Behandlungsrichtlinie sähe keine Tastuntersuchung der Prostata mehr vor. Weil sie nicht genau genug sei. Ohne die rektale Untersuchung bliebe allenfalls bei einem von zehntausend Patienten ein Tumor unentdeckt. Er könne meine Prostata aber gerne abtasten, wenn ich das wünsche.
Damit liegt der Ball in meinem Feld. Ich muss im Bruchteil von einer Sekunde eine unverfängliche Antwort finden. Bestehe ich auf die Prozedur, signalisiert ihm das möglicherweise, ich misstraue seiner ärztlichen Fachmeinung. Das möchte ich natürlich nicht. Immerhin tastet er gleich meine Hoden ab.
Oder er hält mich für überängstlich. Oder denkt, ich habe Spaß daran, wenn er mir den Finger in den Po steckt. Ein Eindruck, den ich ebenfalls vermeiden will.
Verzichte folglich auf das Abtasten und hoffe, ich bin nicht der eine von den Zehntausend.
03. Juni 2026, Berlin
Mache mich auf den Weg zum Einkaufen. Im Hausflur treffe ich J., die polnische Nachbarin aus dem 3. Stock. Sie kontrolliert gerade ihren Briefkasten.
Vor der Tür stelle ich fest, dass ich mein Handy vergessen habe, und schließe direkt wieder auf. J. strahlt mich an und sagt: „Das ging aber schnell.“ Aus der Reihe „Sprüche, die jeder Deutsche schon mal gesagt hat.“ Somit steht J.‘s Einbürgerung nichts mehr im Weg. (Egal ob sie das will oder nicht.)
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Diese Woche Spam mal nicht online in der Inbox, sondern offline im Briefkasten. Eine DIN-A-4- Hochglanzbroschüre von 36 Seiten, also gar nicht mal so dünn. Der Titel: „Skalierung auf 150.000€ pro Monat. Als Coach, Berater, Agentur & Experte“ Also gar nicht mal so catchy.
Während das Cover mit großer silberner Schrift zu beeindrucken versucht, ist der Innenteil des Hefts eine ästhetische Zumutung. Gestalterische Linie, einheitliche Bildsprache, stimmiges Farbkonzept – alles Fehlanzeige. Ich empfinde das fast als persönlichen Affront gegenüber meinem Designempfinden.
Die Seiten sind alle sehr textlastig, ab und an tauchen Grafiken auf. Die sehen alle aus, als hätte sie jemand mit PowerPoint erstellt, der in den 80er-Jahren einen Einsteiger-Kurs absolviert und das Programm seitdem nie wieder benutzt hat.
Einige Fotos sind auch vorhanden. Auf diesen halten sich Menschen erstaunlich oft einen Finger oder die geschlossene Hand ans Kinn und legen dazu die Stirn in Falten. („Seht her, ich bin ein Denker!“) Eine beliebte Pose außerdem ist das breitbeinige Sitzen („Seht her, ich bin ein Macher!“), darüber hinaus werden auf den Fotos gerne Daumen in die Höhe gereckt, eine Geste, die, ginge es nach mir, sozial geächtet oder am besten gleich gesetzlich verboten werden sollte.
Die Qualität des Inhalts passt – um es freundlich auszudrücken – zum Layout. Die Texte lesen sich, als hätte eine KI sie geschrieben, die mit Beratersprech-Bingo-Wörtern aber nicht mit „Schöner schreiben“ gefüttert wurde. Es wimmelt nur so von Vokabeln wie Skalierung, Leadgenerierung, B2B, Ad-Creative, ROAS, Upsell-Potenzial. Hier textet der Unternehmensberater noch persönlich. Leider.
Dazu wird auf den Seiten so viel gefettet, unterstrichen, kursiv gesetzt und gelb hervorgehoben, dass du gar nicht weißt, wo du hinschauen sollst. (Am besten nicht in die Broschüre)
Vielleicht sollte ich der Unternehmensberatung, die das Heft verbrochen hat, ein Angebot schicken. (Kaltakquise!) Für eine visuell ansprechende und textlich überzeugende Broschüre. Mit Option auf eine Erweiterung zu einer fünfteiligen Serie (Upselling!), die maximalen Business Benefit verspricht. (Ad-Creative!). Der erste Schritt zu meiner 150.000-Euro-Skalierung.
04. Juni 2026, Berlin
Fronleichnam. Kein Feiertag in Berlin, aber in Süddeutschland. Was den Vorteil hat, dass meine bayerischen Kunden mich nicht behelligen. Wobei die ohnehin gerade Pfingstferien haben. Ein Feiertag in den Ferien. Was für eine Verschwendung.
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Um in WM-Stimmung zu kommen, treffen der Sohn und ich uns seit ein paar Tagen regelmäßig in der Mittagspause im Wohnzimmer und schauen Fußballdokumentationen. Über die „Mission Sommermärchen“ vom ZDF (Wie sympathisch ist bitteschön David Odonkor?), wie Tommi Schmitt Nick Woltemade, David Raum und Nadim Amiri auf dem Weg zur WM-Nominierung begleitet (relaxte Stimmung, aber überschaubarer Erkenntnisgewinn) und wie Bayern München 2013 in der Champions League triumphierte. (Wie unsympathisch ist bitteschön Louis van Gaal?)
Die ZDF-Doku zur WM ’94 lassen wir aus. Wenn ich mir die Laune vermiesen will, lese ich aktuelle Zeitungsartikel über Donald Trump.
05. Juni 2026, Berlin
Einkauf bei Kaufland. Meine Vorfreude auf superbilliges Kaktus-Eis war verfrüht. Das Eisregal ist leergeräumt. Dafür habe ich einen 20-Prozent-Coupon für Alpro-Produkte. Das ist auch nicht nichts. (Aber kein Kaktus-Eis)
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Mail von Revolut. Betreff: „Mehr Spielraum, damit dein Geld wachsen kann“ Mir wird mitgeteilt, mein Tagesgeld-Limit sei erhöht worden. Von 100.000 auf 5.000.000 Euro. Ich müsse lediglich sicherstellen, die aktuelle App-Version zu verwenden.
Sagen wir es so: Eine falsche App-Version ist nicht mein Problem, um das neue Tagesgeld-Limit auszuschöpfen.
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Auf LinkedIn möchte sich Johnathan Teh, laut seiner Bio Experte für die Suche nach Büroräumen, mit mir verbinden. Der Fußballer Jonathan Tah wäre mir lieber.
06. Juni 2026, Berlin
Samstagnachmittag. Einladung zu einer Geburtstagsfeier. In einer Kleingartenkolonie mit dem Namen „Sonntagsfrieden“. Was bei mir die Frage aufwirft, ob dort an den restlichen Wochentagen Krieg herrscht.
Wir müssen einen schier endlosen Weg bewältigen, links und rechts gehen unzählige Gärten ab. Die meisten penibel gepflegt, mit ordentlich gemähtem Rasen, akkuraten Blumenrabatten und üppig bewachsenen Hochbeeten. So viel Idylle, dass mir ein leichter Schauer den Rücken hinunterläuft.
In erstaunlich vielen Parzellen stehen Gartenzwerge – ich vermute allenfalls halbironisch –, die ein oder andere Buddha-Statue soll Weltoffenheit demonstrieren, an den Toren hängen Schilder à la „Vorsicht vor dem bisschen Hund“.
Meine Frau ist trotzdem begeistert. Das sähe alles so schön aus. Die Pflanzen, die Blüten, die Bäume. So ein eigener Garten wäre toll. Da könne man die Abende und Wochenenden verbringen und ein bisschen „rumhusslen“. Dinge einpflanzen, Beete umgraben, Sträucher beschneiden, Gemüse anbauen, Obst ernten und solche Sachen.
Für mich alles Argumente, die gegen einen Schrebergarten sprechen. Ich hasse Gartenarbeit. Vor meinem geistigen Auge steigen da sofort Bilder empor, wie ich früher faulige Äpfel vom Garten auflesen musste. Traumatisierende Erlebnisse einer ansonsten unbeschwerten Generation-Golf-Kindheit.
07. Juni 2026, Berlin
Die Woche endet so unerfreulich, wie sie begonnen hat: Nicht mit kaltem Wasser, sondern ohne Internet. Die DSL-Leuchte am Router blinkt, als hätte sie einen nervösen Tick. Ich drücke Stecker fester in Buchsen, tausche Kabel aus, rede gut zu. Die DSL-Leuchte feuert mich blinkend an, das Internet bleibt weg. Auch das mehrmalige Aus- und Einschalten – die Go-to-Lösung bei allen IT-Problemen – verschafft keine Abhilfe.
Führe im Fritz-Box-Center eine Fehlerdiagnose durch. Das Ergebnis: Kein Zugang zum Internet. Vielen Dank für die Information.
Danach warte ich erstmal eine halbe Stunde ab. Viele Probleme lösen sich bekanntlich von selbst. Durch Wegschauen, Ignorieren, Aussitzen. Meine Hoffnung auf eine spontane Selbstheilung des Routers erfüllt sich nicht. Die Leuchte blinkt weiter und die DSL-Verbindung verweigert sich immer noch.
Also Anruf bei 1&1. Eine Computerstimme informiert mich, wegen erhöhten Anrufaufkommens könne es etwas länger dauern. Ich werde mit Warteschleifen-Musik drangsaliert.
Schließlich meldet sich eine Frauenstimme. Nach kurzem Vorgeplänkel – Ist der Router am Strom angeschlossen? Ist das DSL-Kabel eingesteckt? Blinkt die Leuchte? – startet sie eine Ferndiagnose. Die dauere ein wenig, sagt sie, ich solle nicht auflegen. Schon hat sie mich in die Warteschleife geklickt inklusive sedierender Musik.
Nach ein paar Minuten ist die Frau zurück in der Leitung. Ich soll die Stromzufuhr des Routers für fünf Sekunden kappen. Ich tue, wie mir geheißen, und ziehe den Stecker. Dann zähle ich brav bis fünf – laut, damit sie hört, dass ich ordentlich mitmache – und stöpsele ihn wieder ein.
Der Router benötige jetzt ungefähr fünf Minuten, um sich zu konfigurieren, erklärt mir die 1&1-Mitarbeiterin. Ich solle nicht auflegen. Back to the Warteschleifen-Mucke.
Kurz bevor ich ins Wachkoma gedudelt bin, ruft mich die Stimme der Frau wieder ins Leben. Die DSL-Verbindung sei immer noch gestört – die Leuchte nickt blinkend –, da müsse ein Techniker kommen. Morgen würde das aber nichts mehr, erst am Dienstag von 8 bis 12. Gut, dann weiß ich wenigstens, dass auch die nächste Woche unschön beginnt. Vielleicht gibt es irgendwo Flutschfinger im Angebot.
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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Sein neues Buch „Wenn ich groß bin, werde ich Gott“ ist im November erschienen. Ebenfalls mehr als zu empfehlen sind „Hilfe, ich werde Papa! Überlebenstipps für werdende Väter“, „Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit“ sowie „Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“*. (*Affiliate-Links)
