Corona-Föhrien 2020 – Vorbereitung 2: Von Friseurbesuchen, Klamottenshoppingverweigerung und Kofferpackenpatriarchat

Der (fast) alljährliche Urlaubsblog. Diesmal nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Zur besseren zeitlichen Orientierung sei erwähnt, dass der Urlaub Ende Juni / Anfang Juli stattfand. Die kompletten Beiträge finden Sie hier.

Niemand hat die Absicht, wie ein zotteliger Yeti in den Urlaub zu fahren

„Hallo, ich würde mir gerne die Haare schneiden lassen“, sage ich, als ich den Friseurladen betrete. Für mich fängt der Urlaub immer schon einen Tag vor der Abreise an, wenn ich mir meinen sommerlichen Strandschnitt verpassen lasse. Entsprechend gut gelaunt und erwartungsfroh schaue ich meinen arabischen Friseur an. Er schaut teilnahmslos, fast schon unenthusiastisch zurück. Anscheinend erkennt er mich nicht.

Kein Wunder, denn ich trage meine Maske und war außerdem schon länger nicht mehr da. Zuerst waren die Friseurläden coronabedingt geschlossen und dann habe ich das Social Distancing weiter ernst genommen und die Wohnung so selten wie möglich verlassen. Daher liegt mein letzter Haarschnitt mehr als vier Monate zurück.

Allmählich dämmert meinem arabischen Friseur, wer da vor ihm steht. Er schaut auf meine Haare und für den Bruchteil einer Sekunde weiten sich seine Augen in einer Mischung aus Entsetzen und Abscheu. Trotzdem kann er seinen Blick nicht abwenden. Wie bei einem Autounfall, bei dem du nicht nicht hinschauen kannst.

Nicht schön, aber zum Glück selten.

Eine Reaktion, die ich ihm angesichts des haarigen Elends auf meinem Kopf nicht verübeln kann. Nach ein paar Wochen Corona-Isolation hatte meine Frisur zunächst eine leichte Ähnlichkeit mit der von Jim Carey in „Ace Ventura“. Etwas später sah ich auf dem Kopf aus wie Wolverine in der Räude, und anschließend erreichte ich das Stadium „Amselnest, das von einer cholerischen Krähe verwüstet wurde“, bis meine Frisur schließlich wie eine verdammte Biberfellmütze aussah, die von einer Horde Schneehasen durchgerammelt worden war.

Inzwischen sind meine Haare so wild und voluminös, dass ich auf der Straße für ein misslungenes Klon-Experiment gehalten werde. Eine verlotterte Mensch-Orang-Utan-Chimäre oder so. Vielleicht sind meine Haare mittlerweile aber einfach eine eigenständige Lebensform, die mich lediglich als Wirtstier akzeptiert, das sie mit Nahrung versorgt, sauber hält und von A nach B transportiert. (Hauptsächlich zum Kühlschrank oder zur Toilette.)

Mit der Zeit wurde es auch immer schwieriger, mich zu kämmen, ohne dabei mehrfach und vor allem schmerzhaft hängen zu bleiben. So wie damals, als ich ungefähr fünf war und meine Mutter immer versuchte, meine blonde Lockenmähne mit einem rechenartigen Kamm zu bändigen, was immer fürchterlich zog und ziepte. Eine eher unschöne Erinnerung meiner ansonsten behüteten Generation-Golf-Kindheit.

Der arabische Friseur schaut unterdessen immer noch fasziniert-angewidert auf meine Haare und überlegt wahrscheinlich, ob er eine Erschwerniszulage verlangen sollte. Dann legt er mit Kamm und Schere los und 30 Minuten später sehe ich tatsächlich wieder wie jemand aus, der eine gewisse Ähnlichkeit mit mir hat. Beim Bezahlen gebe ich ihm ein großzügiges Trinkgeld. Zum einen, weil ich so lange nicht da war, zum anderen aus Dankbarkeit, dass er mich von Chewbacca in etwas Menschenartiges zurückverwandelt hat.

Niemand hat die Absicht, neue Klamotten zu kaufen

Vor dem Urlaub steht aber nicht nur das Haareschneiden, sondern auch das Kofferpacken an. Daher hatte ich schon vor meinem Friseurbesuch meine Urlaubsklamotten auf dem Bett gerichtet. Ungefähr 95 Prozent davon waren bereits bei unserem letzten Föhr-Urlaub vor zwei Jahren dabei. Und 70 Prozent bei unserem Föhr-Urlaub vor sieben Jahren. Das zeigt wenigstens, dass ich in den letzten Jahren mein Gewicht gehalten habe. Oder dass meine Klamotten einen überdurchschnittlich hohen Elasthananteil haben. Egal.

Auf jeden Fall ist es nachhaltig, sich nicht andauernd neue Kleidungsstücke zu kaufen. Sie wissen schon, unnötiger Ressourcenverbrauch, exzessiver CO2-Fußabdruck, globale Lieferketten und dann auch noch Kinderarbeit unter inakzeptablen Bedingungen. Das muss ja alles nicht sein. Deswegen trage ich meine Sachen immer so lange, bis sie Löcher haben. Und dann noch etwas länger.

Nach 23 Jahren Beziehung hat die Frau es aufgegeben, mich mehr oder weniger subtil darauf hinzuweisen, den Inhalt meines Kleiderschranks mal wieder aufzufrischen. („Soll das wirklich nochmal gewaschen werden?“) Allerdings habe ich sie im Verdacht, ab und an ein paar besonders zerschlissene Kleidungsstücke heimlich verschwinden zu lassen. Nun gut, so lange sie mir keine neuen Klamotten kauft oder mir abends meine Anziehsachen für den nächsten Tag rauslegt, denke ich, dass wir eine halbwegs normale Ehe führen. (Im Rahmen unserer Möglichkeiten zumindest.)

Bevor sie mir für meinen umweltverträglichen Klamottenkonsum die Greta-Thunberg-Gedächtnismedaille am langen Bande verleihen, muss ich ein Geständnis ablegen: Der hat gar nicht wirklich ökologische Gründe. Ich bin einfach sehr, sehr träge, und ich hasse Shoppen abgrundtief.

Das hat nichts damit zu tun, dass zur Zeit jeder Einkauf ein potenziell tödliches Ansteckungsrisiko darstellt. Nein, es war mir schon immer ein Graus, die Wohnung verlassen zu müssen, um etwas zu tun, das so wenig Befriedigung verspricht, wie Klamotten anzuprobieren, die bereits mit Hunderten anderen Körpern in Berührung gekommen sind. (Meine Eltern werden Ihnen das bestätigen können. Mit mir als Kind neue Anziehsachen zu kaufen, ist eine eher unschöne Erinnerung ihrer ansonsten harmonischen Generation-Golf-Elternschaft.)

Schon das Suchen nach Kleidungsstücken empfinde ich als Zumutung. Wenn ich nicht innerhalb von 30 Sekunden nach Betreten des Ladens etwas sehe, das mir gefällt, ist der Einkauf quasi schon gelaufen. Dann habe ich keinen Bock mehr. Meistens kommt dann eine eifrige Verkäuferin oder ein überengagierter Verkäufer und fragt etwas zu fröhlich-kundenorientiert: „Kann ich Ihnen helfen?“ Am liebsten würde ich antworten: „Ja, indem Sie mich in Ruhe lassen.“ Das Verkaufspersonal ist nämlich meistens mindestens 25 Jahre jünger als ich und da ruft die Frage „Kann ich Ihnen helfen?“ unangenehme Assoziationen von mir als tatterigem Altersheim-Bewohner hervor, dem auf die Bettpfanne geholfen wird. Bis jetzt hatte ich mich aber immer noch im Griff und murmle dann „Ich schaue mich erstmal um.“

Falls ich doch etwas Akzeptables zum Anziehen entdecke, stehe ich vor dem nächsten Problem. Weil ich so selten shoppen gehe, weiß ich meine Klamottengrößen nicht. Wahrscheinlich käme es nicht so gut an, eine junge Verkäuferin anzusprechen, sie könne mir jetzt tatsächlich helfen und zwar, indem sie mal hinten in meinem Hosenbund reinschaut und mir meine Hosengröße mitteilt. Stattdessen muss ich also vier bis fünf unterschiedlich große Hosen mit in die Umkleide nehmen, in der Hoffnung, dass mir eine davon schon passen wird. (Mehr als einmal hat sich diese Hoffnung als trügerisch erwiesen.)

In der Umkleide beginnt dann der richtige Horror. Anscheinend schreibt „Das große Buch des Umkleidekabinen-Designs“ vor, dass das Spiegel- und Lichtkonzept derart gestaltet werden muss, dass du selbst nach einem dreiwöchigen Südseeurlaub aussiehst, als hättest du die letzten acht Jahre in einem Kellerverließ gelebt und als wäre dein Körper großflächig mit besorgniserregenden Hautanomalien übersät. Würde Dante Alighieri seine Göttliche Komödie heute schreiben, wäre der neunte Höllenkreis eine Umkleidekabine, in der du dich tagein tagaus ohne Unterbrechung umziehen und dabei im Spiegel anschauen musst.

Und das, liebe Kinder, ist der Grund, warum ich fast nie Klamotten shoppen gehe.

Niemand hat die Absicht, sich vor dem Kofferpacken zu drücken

Gerade als ich mit dem Kofferpacken anfangen will, vibriert mein Handy. Mehrfach. Zeitgleich kommen drei Kunden-Mails rein. Eine Präsentation muss dringend finalisiert, ein Memo ergänzt und ein Angebot überarbeitet werden. Schnell verstaue ich meine Sachen in dem großen Reiserucksack und gehe dann ins Wohnzimmer, wo ich der Frau erkläre, sie müsse die restlichen Koffer leider, leider alleine packen. Dabei setze ich einen möglichst geschäftigen Gesichtsausdruck auf, damit es keine Missverständnisse bezüglich der Dringlichkeit der von mir zu erledigenden Aufgaben angeht, die mich vom Kofferpacken abhalten.

Ein bisschen schäbig komme ich mir trotzdem vor. Während der feine Herr wichtig am Schreibtisch sitzt, muss die Frau sich um Familiengedöns wie Kofferpacken kümmern. (Das Patriarchat zuckt gleichgültig mit den Schultern, der Feminismus spuckt Gift und Galle, bis er im Strahl kotzt.)

Anscheinend trage ich auch nicht gerade zur Verbesserung der Situation bei, indem ich regelmäßig ins Wohnzimmer gehe und die Frau freundlich daran erinnere, meine Laufschuhe einzupacken, die Badehosen nicht zu vergessen und zu kontrollieren, ob die Kinder bei ihren Sachen an alles gedacht haben. Merkwürdigerweise versteht die Frau das nicht als wertvolle Unterstützung meinerseits, damit sie nicht alleine an alles denken muss (Stichwort „Mental Load“ und so). Ganz im Gegenteil. Irgendwann schaut sie so genervt, dass ich glaube, sie benötigt dringend Erholung. Zum Glück fängt morgen der Urlaub an.

Gute Nacht!

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61 Kommentare zu “Corona-Föhrien 2020 – Vorbereitung 2: Von Friseurbesuchen, Klamottenshoppingverweigerung und Kofferpackenpatriarchat

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