Der Weihnachtsbaum – heidnisches Traditionssymbol, das zur Weihnachtszeit aus keiner Kirche wegzudenken ist. Und nicht aus Shopping-Malls, Parfümerien oder Autohäusern. Drei Wochen lang ist er der Star im Wohnzimmer – anschließend landet er mit Lichterketten-Trauma auf der Straße.
Weihnachtslieder – der unvermeidliche, allgegenwärtige Dezember-Soundtrack, der dich ein bisschen sentimental werden lässt, während du gleichzeitig vorm Nervenzusammenbruch stehst.
Ab dem 1. Advent gibt es kein Entrinnen: Im Radio, im Supermarkt, auf dem Weihnachtsmarkt, in Reels, im Fahrstuhl, beim Zahnarzt. Wenn du Pech hast, sogar im Fitnessstudio – überall Weihnachtslieder. So viel „Friede auf Erden“ – und so viele Menschen kurz vor der inneren Eskalation.
Das Krippenspiel – der Eurovision Song Contest am 24. Dezember: mit Kostümen, Drama und der großen Frage: Wer gewinnt das Televoting beziehungsweise bekommt den längsten Applaus?
Als würden Geschenkestress, Plätzchen-Backmarathon und drei Weihnachtsfeiern – mit Wichteln – nicht ausreichen, packst du dir im Dezember noch einen Punkt auf die Wie-bekomme-ich-im-Advent-garantiert-einen-Burnout-Liste: Weihnachtspost. Persönlich, liebevoll, handschriftlich. Also alles, was du seit dem Abitur erfolgreich vermieden hast.
Früher war das einfach: Deine Eltern setzten sich am vierten Advent an den Küchentisch, holten den guten Füller raus und schrieben 25-mal: „Frohe Weihnachten und ein gesegnetes neues Jahr. Familie Lohse.“ Fertig war die Weihnachtskarten-Laube.
Heute reicht das nicht mehr: Heute musst du zeigen, dass du emotional reflektiert, kreativ UND leicht ironisch bist – mit sympathischem Hang zur Besinnlichkeit. Viel Spaß.
Gabriel – einer der Erzengel Gottes und so etwas wie der Projektmanager der Weihnachtsgeschichte. Ohne ihn wäre das eine ziemlich chaotische Nummer: fragwürdige Schwangerschaft, ratlose Teenagerin, überforderter Zimmermann, Geburt im Stall und überall Schafe. Was für ein Clusterfuck.
Lichterketten in der Adventszeit – wo es nichts gibt zwischen „nur ein paar warme Lichtakzente“ und „Weihnachtstechno in Sibirien“.
Das Unheil beginnt mit dem Satz: „Lass‘ uns mal die Weihnachtskiste aus dem Keller holen.“
Du steigst hinab in die Katakomben deines Hauses und kommst zurück mit einem altersschwachen Karton, nur noch zusammengehalten von Gaffer-Tape und leisem Beten. Auf dem Deckel steht mit schwarzem Edding: „WEIHNACHTEN – NICHT WEGWERFEN!“
Aus der Kiste blickt dich ein pausbackiger Engel ohne Flügel an und du erinnerst dich, vor einigen Jahren gesagt zu haben: „Den müsste man mal reparieren.“
Darunter Reste von Lametta und Kunstschnee verteilt auf einem Meer von Lichterketten. Wie viele? Unmöglich zu sagen. Fünf, zehn, zwanzig? Alle miteinander verknotet zum Kabelsalat der Hölle. Du verfluchst dein Vergangenheits-Ich, das die Ketten nicht ordentlich verpackt hat.
Wichteln – die Escape-Room-Variante des Schenkens. Alle sitzen in einem Raum, keiner weiß, wie er da reingeraten ist, jeder versucht, irgendwie heil wieder rauszukommen – und am Ende schaust du dir dein Geschenk an und fragst dich: „Dafür hat jemand Geld ausgegeben?“
Erfunden wurde das Wichteln von Menschen, die sich gesagt haben: „Geschenke kaufen ist super stressig. Lass uns das Ganze noch komplizierter machen: Mit Regeln, Erwartungsdruck und kollektivem Fremdschämen.“
Inzwischen wird überall gewichtelt: in der Kita, in der Grundschule, im Büro, im Chor, im Sportverein, in WhatsApp-Gruppen mit Leuten, deren Nummer du nicht mal gespeichert hast. Wenn du Pech hast, bist du im Dezember in vier verschiedenen Wichtelkreisen. Du brauchst dann keinen Adventskalender – du brauchst einen Projekt-Geschenke-Manager.
Hallmark Movies – ein Paralleluniversum, auf das du stößt, wenn du bei deinem Streamingdienst-Anbieter „Weihnachten“ in die Suchmaske eingibst und sehr weit nach unten scrollst. Dann erscheinen irgendwann Filmposter, die aussehen wie die Antwort auf die Frage: „Wie sehr kann man ein Bild airbrushen?“ und du denkst: „Krass, das wurde gedreht?“
Die Filme heißen alle gleich („A Christmas Love“, „Christmas in Love“, „Love at Christmas”), die Schauspieler sehen sich verwirrend ähnlich – weiß und blond oder brünett – und der Plot ist exakt immer derselbe, nur die Farbe der Pullover ändert sich.
Mandarinen und Nüsse – die Feigenblätter der Weihnachtsvöllerei. Das Vitamin-C- und Omega-3-Deckmäntelchen, mit dem wir unser schlechtes Gewissen verhüllen, wenn wir wieder zum Dominostein statt zum Obst greifen.
Denn jedes Jahr läuft es im Advent gleich ab. Du gehst zum Supermarkt und kaufst:
drei Netze Mandarinen
ein Kilo Nüsse (verschiedene Sorten, ungeschält)
Lebkuchen, Spekulatius, Dominosteine, Marzipankartoffeln, Schokoweihnachtsmänner, Printen, Pfeffernüsse und zwei Tafeln von der 300-Gramm-Vollmilchschokolade mit Meersalz, die mit Weihnachten nichts zu tun hat, aber im Angebot war
Zu Hause arrangierst du das liebevoll auf dem Wohnzimmertisch: ein Teller mit Schokolade, Lebkuchen und Gebäck, eine Schale mit den Mandarinen und eine weitere mit Nüssen. Dazu eine Kerze für die Besinnlichkeit. Sieht aus wie eine „Schöner Wohnen“-Fotostrecke: „Unser hyggeliges Weihnachten“.
Dann passiert Folgendes:
Die Schokolade ist nach zwei Tagen weg (und mit zwei Tagen meine ich am ersten Abend),
Die Plätzchen einen Tag später.
Die Nüsse liegen bis Ostern in dem Schälchen.
Die Mandarinen verwandeln sich allmählich in ein grünes, pelziges Kunstprojekt „Schimmel im Advent“ und laufen irgendwann von selbst in die Bio-Tonne.
Aber du kannst sagen: „Wir hatten Obst und Nüsse da.“ Der gute Wille zählt. (Deine Waage schüttelt den Kopf.)
Irgendeinem Psychopathen reichte das nicht aus: „Weißt du, was uns noch fehlt, um in der Weihnachtszeit wirklich dem Wahnsinn zu verfallen? Ein kleiner Psychowichtel, der im Dezember nachts heimlich durch die Wohnung tobt, Schabernack treibt und Kindern hinterherschnüffelt, um sie beim Weihnachtsmann zu verpetzen.“
Willkommen in der Welt von „Elf on the shelf“ – und seiner deutschen Spießerverwandtschaft, dem Weihnachtswichtel.
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