Sardinien 2021 – Tag 08: Von Fähren mit komischen Namen, Quallenwesen auf Lippen, drittklassigen Lokalpolitikern beim Bäcker, Wanderungen ins Tal des Mondes und ungeklärten Altersheim-Fragen

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04.07.2021, Santa Teresa di Gallura

Die Sonne scheint, ich sitze auf dem Balkon, trinke einen Espresso und schaue aufs Meer. In der Fern schiebt sich eine Fähre Richtung Korsika. Sie ist weiß, auf der Seite steht Moby und daneben prangt ein fröhlicher blauer Wal, der lacht und Wasser aus seinem Rückenloch pustet. Eine eher unglückliche Namenswahl, wie ich finde. Moby Dick war weiß und außerdem hat er die Pequod, das Boot von Kapitän Ahab, zerstört. Hat denn niemand in der Fährgesellschaft den Klassiker von Herman Melville gelesen und darauf hingewiesen, dass über dieses Namenskonzept vielleicht doch nochmal nachgedacht werden sollte? (Oder zumindest den Wikipedia-Artikel zu dem Buch, so wie ich, um hier mit kleinem Detailwissen zu glänzen und den Eindruck zu erwecken, ich sei belesen und literaturwissenschaftlich gebildet?)

Aber vielleicht ist die Fähre auch ein Investitionsprojekt des Techno-DJ Moby. Auf der Überfahrt zwischen Korsika und Sardinien wird immer seine Musik gespielt. Ein eher unglückliches Entertainmentkonzept, wie ich finde, wo es doch keinerlei Fluchtmöglichkeiten gibt. (No offence, DJ Moby!)

Oder Moby ist einfach ein Akronym für Master of booty-booty-shake-your-booty, yippie-ya-yay, Schweinebacke! Eine vielleicht etwas ungewöhnliche, aber dennoch sehr gelungene Abkürzung, wie ich finde.

Egal. Ich nehme einen Schluck Espresso und schaue aufs Meer.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #32

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Als ich mich im Spiegel betrachte, frage ich mich, ob die Herpes-Pflaster, die ich seit gestern trage, wirklich helfen. Meine Lippe sieht heute aus, als hätte dort ein weißliches, glibberiges Quallenwesen ein neues Zuhause gefunden. Aber im Urlaub möchte ich ja positiv denken: Ohne Pflaster wäre es vielleicht ein komplette Quallenwesenfamilie.

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In der Bäckerei begrüße ich die Verkäuferin mit einem freundlichen ,,Buon giorno!“ und sage mein Standardsprüchlein auf: „Quattro panini, per favore.“ Kurz überlege ich, ein „Signora“ anzuhängen. Schließlich sind wir schon eine Woche hier, da kann es ja mal etwas persönlicher werden. Andererseits ist das möglicherweise zu vertraulich. Schließlich sage ich in meiner Stammbäckerei in Berlin auch nicht: „Ich hätte gerne ein Roggenbrot, die Dame.“

Die Verkäuferin reißt mich aus meiner Grübelei. Sie hält eine neue Brötchensorte in die Höhe und fragt irgendetwas. Aus der Situation schließe ich, dass sie wissen möchte, ob mir die Sorte recht sei. Jeder gewöhnliche Touri, der sich radebrechend durch den örtlichen Einzelhandel dilettiert, würde jetzt verunsichert „si“ stammeln. Zu dieser bedauernswerten Kategorie zähle ich mich selbstverständlich schon längst nicht mehr. Gleichermaßen Zuversicht wie Lässigkeit ausstrahlend sage ich: „Bene!“

Da non-verbale Kommunikation auch wichtig ist, unterstreiche ich meine eloquente Äußerung mit einem hochgereckten Daumen. Dabei sehe ich allerdings ein wenig aus wie ein drittklassiger Lokalpolitiker bei einem Wahlkampfauftritt in der Provinz. (Oder wie ein drittklassiger Schauspieler, der einen drittklassigen Lokalpolitiker bei einem Wahlkampfauftritt in der Provinz spielt.)

Ich bin trotzdem sehr zufrieden mit meinen italienischen Konversationsfähigkeiten. Wenn ich weiter solche Fortschritte mache, kann ich demnächst Kurse Italienisch als Fremdsprache anbieten. Mit einem freundlichen „Arrivederci!” verlasse ich die Bäckerei. Das „signora“ lasse ich lieber wieder weg.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #33

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Heute steht der Aktivitätshöhepunkt unseres Urlaubs an: Wir wollen ins Tal des Mondes, zur Valle della Luna, das uns von unserem letzten Sardinien-Urlaub in bester Erinnerung geblieben ist. Dort gibt es eine malerische kleine Meeresbucht, umgeben von spektakulären Gesteinsformen und Granitblöcken.

Das Problem bei unserem Vorhaben: Die Valle della Luna liegt ungefähr fünf Kilometer westlich von Santa Teresa und wir müssen zu Fuß dort hinlaufen, da wir keinen Mietwagen haben. (Sie wissen schon: Ferienwohnung direkt im Ort, fußläufig zum Strand, keine Verwendung für ein Auto, Geld sparen und lieber für Eis und Pizza ausgeben, blablabla.) Als vorausschauende Eltern haben wir die Kinder schon wochen- wenn nicht gar monatelang auf diesen Fußmarsch vorbereitet, damit es nicht am Frühstückstisch zuerst zum Generationenkonflikt und anschließend zur spontanen Meuterei in der Via G. Verdi nummero undici kommt.

Damit unser Aktivitätshöhepunkt nicht in Aktionismus ausartet, brechen wir erst um 11 Uhr nach einem ausgiebigen Frühstück auf. Mit ausreichend Wasser und Proviant ausgestattet geht es los. Meine Frau schreitet mit gezücktem Handy und eingegebener Route gen Valle della Luna vorweg.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #34

Am Ortsrand von Santa Teresa stellen wir fest, dass der einzige Weg zur Valle de la Luna anscheinend die Schnellstraße Richtung Capo Testa ist. Nun müssen wir abwägen: Ein schöner Nachmittag in einer idyllischen Meeresbucht vs. das Risiko von Kurve schneidenden Tifosi zu Mus gefahren zu werden. Wir entscheiden uns dafür, unsere Auslandsreise-Krankenversicherung nicht auszutesten, und verzichten auf unsere Wanderung. Die Enttäuschung des Sohns hält sich in Grenzen.

Auf einem kleinen Umweg gehen wir zurück zum Ferienhaus. Plötzlich entdecken meine Frau und ich an einer Abzweigung am Wegesrand eine große Karte mit Wanderwegen nach Capo Testa. Wir können unseren Valle-della-Luna-Trip also doch in die Tat umzusetzen! Die Begeisterung des Sohns hält sich in Grenzen.

Nach einem fahrlässig kurzen Blick auf die Wanderkarte gehen meine Frau und ich mit übertriebenem Enthusiasmus los. Gleich bei der ersten Weggabelung sind wir ahnungslos, ob wir nach links oder rechts müssen. Wir entscheiden uns für den etwas weniger steilen Anstieg und täuschen Zuversicht und Souveränität vor, damit die Kinder gar nicht auf die Idee kommen, unseren Orientierungssinn und gleich das ganze Valle-della-Luna-Wanderunterfangen infrage zu stellen. Die beiden reagieren dann erstaunlich gelassen, als wir nach 500 Metern umkehren müssen, weil der von uns eingeschlagene Weg an einem Hügel endet, wo es nicht weitergeht.

Nach knapp zwei Stunden und nur noch zwei weiteren Irrungen und Wirrungen erreichen wir unser Ziel. Die Valle della Luna bietet immer noch seine faszinierende Felsenlandschaft, die aussieht wie eine Mischung aus einer Kulisse für die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg und eine Star-Trek-Außenmission auf einem fernen Planeten.

Am Eingang der Bucht sitzt im Schatten eines Felsens eine Gruppe von Alt- und Junghippies, raucht und verkauft selbst gebastelten Schmuck. Der Sohn ist fasziniert. „Die rauchen wohl ein Friedenspfeifchen“, stellt er fest und setzt ein paar Anführungszeichen in die Luft. „Toll, wenn man seinen Lifestyle lebt.“ Verträumt schaut er zu, wie eine Frau in Haremshosen und Batik-Shirt eine Zigarette an einen grauhaarigen Mann mit Pferdeschwanz und Nickelbrille weiterreicht.

Vielleicht bin ich etwas spießig, aber ich hoffe, dass das Lebensziel des Sohns nicht darin besteht, Dauer-Wildcamper in der Valle della Luna zu werden und den größten Teil des Tages damit zu verbringen, mit ein paar verstrahlten Eso-Kommunarden zu kiffen. Andererseits, wenn es ihn glücklich macht?! Und es ist immer noch besser, als Waffenlieferant oder AfD- Politiker zu werden.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #37

Wir klettern durch die Felsen, suchen uns ein Plätzchen zum Rasten und essen unseren Proviant. Nach circa zwei Stunden und nachdem wir zwei Trilliarden Fotos geschossen haben, machen wir uns auf den Heimweg.

Als wir ungefähr 800 Meter des steilen Pfads, der von der Bucht wegführt, zurückgelegt haben, kommt uns ein italienisches Paar entgegen. Der Mann fragt in gebrochenem Englisch, ob dies der Weg zur Valle della Luna sei. Ein wenig kränkt es mich, dass er mir nicht zutraut, eine Unterhaltung auf Italienisch mit ihm zu führen. Daher antworte ich mit einem höflichen, aber knappen „Si.“

Dann fragt die Frau, ob es da unten ein „bath“ gäbe. Oder eine „bar“. Genau weiß ich es nicht, denn ihre englische Aussprache reicht leider nicht ganz an mein fast muttersprachliches Italienisch-Niveau heran. Während ich noch grübele, ob die beiden schwimmen oder trinken wollen, antwortet meine Frau bereits „yes, yes!” Das Paar bedankt sich und geht weiter.

Als sie verschwunden sind, frage ich meine Frau, ob sie verstanden hat, was die beiden eigentlich wollten. „Nö, aber bis die unten waren und wieder zurückgelaufen sind, sind wir schon längst weg.“ Ich mag, wie meine Frau denkt.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #38

Auf dem Rückweg laufen der Sohn und ich ein Stück nebeneinander. So ein längerer gemeinsamer Fußmarsch ist schön, denn dann hast du Gelegenheit, mal über Dinge zu reden, über die du dich im Alltag sonst nicht unterhältst.

Zum Beispiel fragt der Sohn irgendwann etwas unvermittelt: „Wollen Mama und du später eigentlich ins Altersheim?“ Weil ich etwas irritiert schaue, schiebt er hinterher: „Versteh’ mich nicht falsch. Ich kümmere mich später gerne um euch. Aber es gibt ja Menschen, die möchten unbedingt ins Altersheim.“

„Aha?!?“, sage ich.

„Habe ich im Internet gesehen“, erklärt der Sohn.

Vielleicht sollte ich mal eine längere Unterhaltung mit ihm darüber führen, was Fake News sind und woran du sie erkennst.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #39

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Um kurz vor 17 Uhr erreichen wir die Ferienwohnung. Meine Frau schaut auf ihr Handy. „Das waren mehr als fünfzehn Kilometer“, freut sie sich. „Ein guter Test für unseren Wanderurlaub in Schottland nächstes Jahr.“

Der Sohn erklärt, da würde er passen und lieber daheimbleiben. Nun gut, er wird sich ja später um uns kümmern, wenn wir nicht ins Altersheim wollen. Da können wir nicht erwarten, dass er jeden Urlaub mit uns verbringt.

Random Foto aus dem Sardinienurlaub #40

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Auch nach anstrengenden Wanderungen wird selbstverständlich gekniffelt. Da gibt es keine Ausreden. Die Tochter holt sich mit 250 Punkten souverän den Tagessieg, während ich nur Dritter werde. Aber das interessiert mich nicht, denn ich baue meine Gesamtführung auf 163 Punkte aus.

„Eine Wundertüte, die meinen Namen trägt!“ (Aus der Reihe „Lieder, die du nur in deinem Kopf und nicht vor deiner Familie singen solltest“.)


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