Beobachtungen aus dem Krankenhaus (Tag 4): Every beat of her heart (2/3)

Tag 4 (1/3)


Nach dem anstrengenden Drainagen-Ziehen döst meine Frau etwas vor sich hin, ich streichle ihren Arm und übe mich im Rumsitzen und Nichtstun. Plötzlich gibt es am Nachbarbett einen kleinen Aufruhr. Der Vater eines knapp einjährigen Babys hat am Überwachungsmonitor den Alarm ausgestellt, als dieser anfing zu piepen. Eine der Krankenschwestern erklärt ihm, die Geräte dürften nur vom medizinischen Personal angefasst werden. Dabei zuckt ihr rechtes Auge leicht nervös. Der Vater erwidert beleidigt, auf Normalstation hätten sie die Geräte ausmachen sollen. Die Krankenschwester entgegnet mühsam beherrscht, dies sei aber keine Normalstation.

Irgendwie kann ich den Vater verstehen. Du sitzt den ganzen Tag rum, machst dir Sorgen um dein Kind, fühlst dich vollkommen ohnmächtig und nutzlos und bist körperlich und geistig total erschöpft. Gleichzeitig blinken die ganzen Geräte und  es piepst pausenlos wie bei einem aus der Kontrolle geratenen Tinnitus. Wahrscheinlich wollte sich der Vater nur ein wenig nützlich machen und die Krankenschwestern unterstützen. Trotzdem ist es keine besonders gute Idee, an einem Gerät rumzudrücken, dass die Vitalfunktionen deines Kindes überwacht.


Zum Mittagessen hole ich mir ein paar Sandwiches im Kiosk und setze mich wieder in den Lichthof. Dort schmücken zwei ältere Damen und ein Herr gerade die große Aufgangstreppe. Die beiden Frauen hängen Girlanden und Luftschlangen ans Geländer, der Mann steht daneben, hält eine Tesafilmrolle und tut geschäftig, um den Eindruck zu erwecken, er helfe auch. (Ich vermute, dass er bis zu seiner Pensionierung eine leitende Funktion in einer öffentlichen Verwaltung bekleidet hat.) Zwei andere Frauen schleppen ein paar Stehtische heran, auf die sie Sektflaschen, Gläser und Canapés anrichten.

Der Tesafilm-Mann verschwindet und kommt kurze Zeit später mit einem Leiterwagen zurück, auf den eine Art Thron geschraubt ist. Die Bezeichnung Thron ist vielleicht etwas irreführend. Eigentlich handelt es sich um einen klapprigen Holzstuhl, der mit mehr Enthusiasmus als Talent mit Goldfarbe angesprüht wurde. Die Deko-Frauen hängen nun ein paar Luftballons ans Geländer und es werden weitere Getränke und Kuchen angeschleppt.

Aus meinen Beobachtungen und der Unterhaltung des Schmück-Kommandos schlussfolgere ich, dass hier irgendwelche Promotionsfeierlichkeiten vorbereitet werden. Später werde ich Zeuge, wie die frisch promovierten Ärzte einzeln auf dem Leiterwagen über den Campus gezogen werden. Da studierst du mehr als zehn Semester, forschst und schreibst eine Doktorarbeit, bist bereit, Menschenleben zu retten und dann musst du dich demütigen lassen, indem du auf einem wurmstichigen Pseudo-Thron sitzend zum Gespött der medizinischen Fakultät gemacht wirst.

Da lobe ich mir mein Soziologie-Studium. Da hat sich an der Uni kein Schwein dafür interessiert, wenn du deinen Abschluss gemacht hast. (Was womöglich daran lag, dass ein Großteil der Soziologie-Studierenden ihr Studium nie beendet hat.)


Nach dem Ziehen der Drainagen geht es meiner Frau stündlich besser. Als ich nach der Mittagspause zurückkomme, erzählt sie, sie habe eben alleine ihre Wasserflasche vom Nachtschrank genommen und außerdem zwei Bissen Graubrot gegessen.

Für Sie hört sich das vielleicht nicht besonders spektakulär an, eine Flasche selbst nehmen und zwei Bissen Graubrot essen. Aber auf einer Intensivstation, zwei Tage nach einer zehnstündigen OP am offenen Herzen gelten andere Maßstäbe. Da sind das richtige Meilensteine. Wie bei einem Baby, das erstmalig sein Köpfchen hebt, sich auf den Bauch dreht oder ein Bäuerchen macht. Trotzdem sollte ich meiner Frau, wenn sie das erste Mal wieder alleine auf Toilette geht, nicht den Kopf streicheln und sagen: „Na, hast du einen Stinker gemacht? Ja? Fein hast du das gemacht. Einen ganz feinen Stinker, ganz, ganz fein.“


Ein Assistenzarzt kommt zur Blutabnahme. Er ist noch recht jung, sehr freundlich und äußerst sympathisch. Der Typ Mann, den du dir als Schwiegersohn wünschst, egal ob du Kinder hast oder nicht. Ich frage nach, für was die ganzen Blutröhrchen sind, die er mit dem Blut meiner Frau füllt, und lasse dabei einfließen, ich hätte meinen Zivildienst im Krankenhaus gemacht. Wir könnten quasi von Kollege zu Kollege fachsimpeln.

Meine Frau rollt mit den Augen. Wirklich beachtlich, welche Fortschritte sie macht. Gestern Vormittag hat sie die Augen kaum aufbekommen und heute rollt sie schon damit. („Ganz fein rollst du deine Augen. Ganz, ganz fein!“)

Der junge Arzt freut sich über mein Interesse und beschreibt minutiös jeden einzelnen seiner Schritte. Dabei verwendet er allerdings mehr lateinische Vokabeln, als der Sohn bei seiner Arbeit am Montag übersetzen musste. (Sie wissen schon, die, bei der er das beste Gefühl seit zwei Jahren hatte.) Ich hoffe allerdings, dass der lateinische Wortschatz des Sohns besser ist als meiner. Ich verstehe nämlich fast nichts, traue mich aber nicht, nachzufragen, aus Angst, die Antwort noch weniger zu verstehen. So wie früher in der Schule. Stattdessen werfe ich an Stellen, die mir passend erscheinen, ein „Okay“, „Das ist aber interessant“ oder gar ein „Verstehe!“ ein. Auch wie früher in der Schule.


Am Abend sitzt meine Frau erstmals etwas schräger im Bett und schafft vier Bissen Graubrot. Es geht weiter voran. Angesichts meines Kalorienüberschusses der letzten Tage, wäre das auch ein Meilenstein für mich. Bei einer Mahlzeit mit vier Bissen auskommen.

Die Zähne putzt sich meine Frau heute selbst, ich halte nur noch die Nierenschale zum Ausspucken. Die Krankenschwester meint, morgen könne meine Frau sicherlich auf Normalstation verlegt werden.


Fortsetzung (Tag 4, 3/3)


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