Corona-Föhrien 2020 – Heimreise: Von verstörenden Träumen, letzten Bäcker-Besuchen, einer fast verspäteten Fähre und einer schnittigen Heimfahrt

Der (fast) alljährliche Urlaubsblog. Diesmal nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Zur besseren zeitlichen Orientierung sei erwähnt, dass der Urlaub Ende Juni / Anfang Juli stattfand. Die kompletten Beiträge finden Sie hier.


Alles nur geträumt

„Es ist ein Mädchen“, sagt der Gynäkologe und reicht mir ein weinendes und von der Geburt noch leicht derangiertes Baby. „Wie soll es denn heißen?“ Nach kurzem Überlegen antworte ich: „Waltraud.“

Dann wache ich auf. Verwirrt und mit einer gehörigen Portion Vaterstolz, was mich noch mehr verwirrt. Warum träume ich so etwas? Und vor allem, warum haben wir uns nicht mehr Mühe bei der Namenswahl gegeben? Okay, es ist nur ein Traum-Baby, aber auch das soll ja später nicht von seinen Traum-Klassenkamerad:innen gemobbt werden, weil es heißt als würde es schon als Kleinkind Kittelschürze und Lockenwickler trägt.

Was will mir mein Unterbewusstsein mit diesem Traum sagen? Hat es etwas mit unserer letzten Nacht in der Ferienwohnung zu tun? Wenn etwas endet – eine Schwangerschaft oder ein Urlaub –, fängt immer auch etwas Neues an – eine Elternschaft oder der Alltag und die Erwerbsarbeit? Auf jeden Fall sagt mir meine Interpretation, dass mir wohl keine große Zukunft als professioneller Traumdeuter bevorsteht.

Wenn die Reisenden kein Brot wollen, sollen sie Campingwecken essen. Und Streuselkuchen.

Ich gehe zum Bäcker, um Essen für die Heimreise zu holen. Wir haben beschlossen, dass wir nachher auf der Fähre frühstücken, damit wir in der Ferienwohnung kein Geschirr mehr abwaschen müssen. (Sie sehen, wir machen das nicht zum ersten Mal.) Für später im Zug haben wir uns aus Gründen des Corona-Hygieneschutzes wie schon auf der Hinfahrt ein striktes Essensverbot auferlegt.

Wir benötigen also hochkalorische Lebensmittel, die wir in kurzer Zeit verzehren können und die uns für den ganzen Tag mit Energie versorgen. Es wird Sie nicht wundern, dass ich dabei sofort an Campingwecken denke. Die Frau möchte außerdem, dass ich von dem leckeren Pudding-Streusel-Kuchen mitbringe, den wir uns in den letzten zwei Wochen des Öfteren gegönnt haben. Selbstverständlich komme ich ihrem Wunsch nach, immerhin hat die Frau heute Nacht ein Kind entbunden. Allerdings kann ich in der Bäckerei, die ich diesmal sogar mit Maske betrete (TAG 12), in der Auslage keinen Kuchen entdecken. Wahrscheinlich ist es noch zu früh.

Stattdessen nehme ich einfach ein paar Campingwecken mehr – das ist nie ein Fehler – und dazu noch ein paar Tüten Föhrer Muscheln, ein mit Pflaumenmus gefülltes Mürbeteig-Gebäck. Die hatten wir auch vor zwei Jahren auf der Heimfahrt gegessen und gerade in diesen schnelllebigen Zeiten ist es ja wichtig, Traditionen zu pflegen. Insbesondere, wenn es um den Verzehr von süßen Lebensmitteln geht, deren Hauptbestandteile Fett – essenziell für die Aufnahme bestimmter Vitamine – und Zucker – wichtige Energiezufuhr, um schweres Gepäck in Ablagen zu wuchten.

Gerade als ich bezahlen will, entdecke ich in einem Rollwagen in der hintersten Ecke der Bäckerei doch noch den Streuselkuchen und nehme ein großes Familienstück. Nun hat unsere dreiköpfige Reisegruppe für die 45-minütige Überfahrt so viel Proviant, dass du damit das Frühstück für ein einwöchiges Pfadfinder:innen-Camp bestreiten könntest. Egal, dann müssen wir halt hart zu uns selbst sein.

Schneiden wie ein Zen-Mönch

Während wir in der Ferienwohnung noch ein wenig Zeit totschlagen, bis wir zum Fähranleger müssen, zeigt mir der Sohn eine phantastische App. Ein ganz einfaches und simples Spiel, dessen einziger Zweck darin besteht, Objekte in Scheiben zu schneiden. Obst, Gemüse, Brot, aber auch Seifenstücke oder Radiogeräte. Einfach Schnitt für Schnitt, bis nichts mehr übrig ist. Hört sich so schlicht an, wie es ist, ist aber trotzdem – oder gerade deswegen – entspannender als jede Meditations-App.

Das Einzige, was an dem Spiel nervt, ist die viele Werbung, die immer wieder das kontemplative Schneiden unterbricht. Aber wenn es einen zu sehr aufregt, zerschneidest du einfach etwas, eine Eiswaffel oder so, und schon bist du wieder Zen wie ein buddhistischer Mönch.

Eine Fährfahrt, die ist lustig. Wenn sie pünktlich ist.

Meine durch das Zerschneiden diverser Gegenstände erzielte Entspannung ist allerdings nicht von langer Dauer. Als wir etwas später auf dem Oberdeck der Fähre sitzen, ist die Stimmung etwas angespannt. Der Grund: Die Fähre fährt nicht.

Gestern Abend noch hatte ich die Frau davon überzeugt, dass wir nicht schon die Fähre um 7.15 Uhr nehmen, sondern erst um 8.25 Uhr. Dann wären wir ungefähr zehn Minuten vor Abfahrt des Zuges in Dagebüll und das würde vollkommen ausreichen, denn der Bahnsteig läge ja direkt neben dem Fähranlieger und dann müssten wir nicht fast anderthalb Stunden im Hafen warten, wo es nichts zu tun gäbe, außer zu warten.

Die Frau war skeptisch. Wenn sich die Fähre verspätete, verpassten wir unseren Zug, müssten fast zwei Stunden im Hafen auf den nächsten warten, wo es nichts zu tun gäbe, außer zu warten, unsere Reservierungen verfielen, in Hamburg würden wir den Anschlusszug nicht mehr erreichen, hätten dann wieder keine Reservierungen und so weiter und so weiter. Ihre Kausalkette endete quasi damit, dass wir nie wieder zurück nach Berlin kommen. Unangenehm selbstgefällig erklärte ich, das werde nicht passieren, und fügte fast schon mansplainend hinzu, es sei sicherlich auch irgendwie zwischen der Deutschen Bahn und dem Fährbetreiber abgestimmt, dass der Zug nicht ohne die Passagiere abfährt, wenn die Fähre nicht ganz pünktlich komme. (Genau wusste ich das natürlich auch nicht, aber das gehört ja zum Mansplainen dazu. Dass du eigentlich keine Ahnung hast, aber deine Meinung trotzdem vehement vertrittst.)

Als wir vorhin am Fähranleger ankamen, waren zwei Fähren angekündigt, die zur gleichen Uhrzeit abfahren sollen, tatsächlich legt aber nur eine von ihnen pünktlich ab. Murphys Law befolgend, sitzen wir jetzt auf der anderen Fähre. Und die macht gar keine Anstalten, sich in Bewegung zu setzen, sondern es fahren erst mal Dutzende von Autos in aller Seelenruhe aufs Unterdeck. Die Verspätung nimmt immer mehr zu und beträgt inzwischen schon eine gute Viertelstunde. Das heißt, unser Puffer bis zur Abfahrt des Zuges ist schon aufgebraucht.

Die Frau schaut immer wieder nervös aufs Handy, um die Uhrzeit zu kontrollieren, und dann leicht vorwurfsvoll zu mir. Falsche Zuversicht ausstrahlend, behaupte ich einfach, dass die Fähre das bestimmt auf der Überfahrt aufholen kann, habe aber wieder keinen Schimmer, ob das stimmt. Trotzdem versuche ich, Gelassenheit auszustrahlen, werde aber langsam auch nervös. Stunden später als geplant nach Hause zu kommen ist schon nicht schön, aber noch unschöner ist es, wenn du dafür verantwortlich bist. (Das ist nicht gut für das Gleichgewicht der Mächte in einer Ehe. Realpolitiker der 70er-/80er-Jahre kennen das.) Um mich zu beruhigen, zerschneide ich eine Birne und eine Kerze. Und noch eine Ananas.

Erstaunlicherweise habe ich aber Recht und die Fähre kommt tatsächlich noch rechtzeitig am Hafen an. Wir müssen sogar noch an dem kleinen Bahnsteig auf den Zug warten. „Siehst du, war alles kein Problem“, sage ich zur Frau. Die rollt genervt mit den Augen. Vielleicht sollte sie auch mal irgendwas zerschneiden.

Maskenlose Nervbratzen

Der Zug nach Hamburg ist diesmal wesentlich voller als noch auf der Hinfahrt, so dass beim Einsteigen der Abstandshalter-Löwe hilfreich wäre. Ich bleibe aber ganz gelassen (Pflanze, Kopfkissen, Kochtopf – Schnitt, Schnitt, Schnitt!). Auch dass der Anschlusszug in Hamburg eine halbe Stunde Verspätung hat, kann mich nicht aus der Ruhe bringen. (Hamburger, Belgische Waffeln, Globus – Zack , zack, zack!)

Der ICE nach Berlin ist dann relativ leer, so dass das Risiko die Corona-Aerosole der Mitreisenden aufzuschnappen relativ gering ist. Eigentlich. Uneigentlich sitzen drei Teenagerinnen am Nachbartisch neben uns und haben ihre Masken vor sich liegen. Nur wenn der Schaffner vorbeikommt, ziehen sie sie schnell auf. Ich bin genervt von ihrem rücksichtslosen Verhalten und auch das Zerschneiden einer Melone hilft nicht weiter. Noch genervter bin ich von mir, dass ich die drei Mädchen nicht bitte, die Maske aufzuziehen. Auch nachdem ich eine Teekanne, eine Badeente und eine Toilettenpapierrolle zerschnitten habe, bin ich immer noch schlecht gelaunt.

Nun unterhalten sich die drei darüber, wie nervig und sinnlos das Masketragen doch sei. Mir platzt gleich der Kragen. Bevor ich einen Klaus-Kinski-Gedächtnisanfall bekomme, finde ich glücklicherweise im App-Store ein Spiel, bei dem du Objekte mit einer Hydraulikpresse zerstören kannst. Ein zerquetschter Maiskolben, Backsteinziegel und Diamant später, habe ich mich einigermaßen beruhigt.

Campingwecken gut, alles gut

Zuhause in der Wohnung beginnt dann der frustrierende Teil des Urlaubs. Koffer müssen ausgeräumt, Klamotten sortiert, Wäsche gewaschen, Post gesichtet und ein paar Einkäufe erledigt werden. Der Alltag holt uns wieder ein.

Zum Glück finde ich in einem der kleinen Rucksäcke noch zwei Campingwecken. Die zu zerschneiden, ist wirklich das Beruhigendste der Welt. Und während wir sie essen, holen wir uns den Föhrurlaub noch einmal für zehn Minuten zurück und denken dabei an die Lauf-Schafe, das Minigolfen, den Strandkorb in der ersten Reihe, unsere Rad-Tour, die Wattwanderung, das manchmal bescheidene Wetter, das Kniffeln, die Supermarktbesuche und den Spaß, den wir gemeinsam hatten. Schön war’s!

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53 Kommentare zu “Corona-Föhrien 2020 – Heimreise: Von verstörenden Träumen, letzten Bäcker-Besuchen, einer fast verspäteten Fähre und einer schnittigen Heimfahrt

  1. Vielen Dank für die amüsanten Schilderungen der 2020er Föhrien! Ich hatte sie letztes Jahr schmerzlich vermisst. Zum Glück vergehen die Jahre mit zunehmendem Alter immer schneller, sodass ich nicht lange auf die 2021 Föhrien oder was- auch- immer-Ferien-erlebnisse warten muss. Hoffentlich dann ohne Corona 😷. Herzliche Grüsse von einer sonst stillen Blogleserin aus Vorarlberg – das übrigens auch eine Reise wert ist. 😉

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