Corona-Föhrien 2020 – Tag 10: Von euphemistischen Wettervorhersagen, sich schälender Haut, Mitbringsel-Shopping, Akkordeon-Konzerten und der Macht der Enkelkinder

Der (fast) alljährliche Urlaubsblog. Diesmal nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Zur besseren zeitlichen Orientierung sei erwähnt, dass der Urlaub Ende Juni / Anfang Juli stattfand. Die kompletten Beiträge finden Sie hier.


Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?

„Heute nur leichter Regen, am Nachmittag kommt vielleicht mal die Sonne raus und es werden immerhin bis zu 16 Grad.“ Die Wetterfrau legt sich mächtig ins Zeug und gibt alles, um in ihrer Vorhersage positive Aspekte hervorzuheben, die es eigentlich gar nicht gibt. Ob das wohl auch in anderen Berufen funktioniert? Zum Beispiel als Automechanikerin? „Ihr Auto hat nur einen leichten Totalschaden und vielleicht sind die Scheibenwischer noch ganz. Und immerhin sparen Sie jetzt erstmal Benzin, haben keinen Stress mit der Parkplatzsuche und zu Fuß gehen ist ja auch gesund.“

Der Radio-Moderator lässt sich von so ein bisschen Wetter ebenfalls nicht die gute Laune verderben. (Wahrscheinlich hatte er heute früh schon einen großen Schluck aus seinem obligatorischen Amphetamine-Kokain-Ecstasy-Cocktail.) „Der Regen hat ja auch sein Gutes. Da muss man wenigstens nicht die Blumen gießen und den Rasen sprengen!“, frohlockt er ins Mikrofon. Dann lacht er viel zu laut und viel zu übertrieben, wie ein Mensch, der sehr viele Jahre alleine auf einer einsamen Insel gelebt hat, und nicht mehr weiß, wie sich sozial akzeptiertes Lachen anhört. Obwohl ich versuche, ein positiv denkender Mensch zu sein, kann ich seine Begeisterung trotzdem nicht teilen. Wahrscheinlich, weil ich keine Blumen und keinen Rasen habe.

Sonnenbrand: Das Knibbeln der Lämmer

Trotz des durchwachsenen Wetters der letzten Tage habe ich es aus unerklärlichen Gründen geschafft, mir an den Oberarmen einen leichten Sonnenbrand zuzuziehen. Vielleicht auf der Rad-Tour? Oder wurde ich nachts von Aliens auf einen fernen Sonnenplaneten entführt?

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Nun schält sich meine Haut. Kaum hat die Frau das gesehen, fängt sie pflichtschuldig an, die Hautfetzen wegzuzupfen. Vielleicht mit ein klein wenig zu viel Begeisterung und Enthusiasmus. Ihre Augen strahlen regelrecht vor Freude. Ich würde gerne schreiben, so wie auf dem Standesamt beim Ja-Wort. Das würde aber nicht der Wahrheit entsprechen.

Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass das kein ungewöhnliches Verhalten ist und sich viele Paare gegenseitig die sonnenverbrannte Haut vom Körper knibbeln. Vielleicht irre ich mich aber auch und Sie halten uns jetzt für abartige Perverse, die einem bizarren Haut-Fetisch frönen. So wie der Typ aus „Das Schweigen der Lämmer“, der die jungen Frauen umbringt, um sich aus ihrer Haut einen Anzug zu schneidern.

So schlimm sind wir aber nicht. Wir können ja gar nicht nähen.

Mitbringsel: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft (zumindest manche)

Wir nutzen den verregneten Vormittag, um schon mal Mitbringsel zu besorgen. Nicht, dass wir den Rest der Woche strahlenden Sonnenschein und 25 Grad im Schatten haben und dann nicht an den Strand können, weil wir durch die Wyker Läden ziehen müssen, um für die Familie und Freunde kleine Aufmerksamkeiten zu kaufen. Ein eher unrealistisches Szenario, das aber umso tragischer wäre, träte es tatsächlich ein.

Unsere Mitbringsel beschränken wir traditionell auf Lebensmittel und Kosmetika. Essen ist immer gut – für einen persönlich – und wohlduftend zu riechen ebenfalls – vor allem für andere. Außerdem können die Sachen verzehrt oder verbraucht werden, so dass wir nicht dafür verantwortlich sind, die Wohnung von anderen Menschen mit ästhetisch herausfordernden Seehundfiguren, geschmacklosen kleinen Schatztruhen oder Tassen, die mit mäßig lustigen Sprüchen bedruckt sind, zu vermüllen.

Das ist uns ein besonderes Anliegen, seit wir vor einigen Jahren unsere Wohnung ausgemistet haben und wochenlang dutzende von großen, blauen Müllsäcken im Flur standen. Wir konnten nämlich immer nur ein paar wenige Säcke gleichzeitig in den Gemeinschaftsmülltonnen im Hinterhof entsorgen, weil sie sonst auf einen Schlag voll gewesen wären. So viel Sozialkompetenz besitzen wir dann doch, dass ein solches Verhalten einer guten, nachbarschaftlichen Beziehung nicht zuträglich ist. Deswegen haben wir die Tonnen immer nur zu circa 90 Prozent vollgestopft, so dass dann irgendwelche anderen Nachbar:innen sie mit einem kleinen Mülltütchen zum Überlaufen brachten. (Was für Assis!)

Zugegebenermaßen hätten wir auch einen Entrümpelungsservice für die Abholung der Müllsäcke bestellen können, aber wer konnte im Voraus ahnen, dass sich in unserer Wohnung mehr Plunder versteckt als Tine Wittler seinerzeit in ihrer Messie-Sendung aus Mehrfamilienhäusern geholt hat? Auf jeden Fall bringen wir seitdem immer nur Verbrauchswaren aus unseren Urlauben mit.

Knapp zwei Stunden später sind die Einkäufe und wir erledigt. Das ist unsere Mitbringsel-Bilanz: Echter naturreiner Honig – was  die Frage aufwirft, ob es auch unechten naturreinen Honig gibt –, Rosenblüten-Gelee, eine Salz-Gewürzmischung, eine Tüte Nougat-Schoko-Muscheln, noch eine Tüte Nougat-Schoko-Muscheln, weil wir die erste als kleine Stärkung zwischendurch aufgegessen haben, Algenseife, eine Tüte Lakritzsterne – hier besteht keine Gefahr, dass sie einer Heißhungerattacke unsererseits zum Opfer fällt –, ein paar Kühlschrankmagneten, die eigentlich unter das Vermüllungsverbot fallen, sowie zwei Flaschen Gin – nicht, weil wir eine bereits unterwegs getrunken haben, sondern weil eine davon für uns selbst ist, weil das ja auch mal schön ist, sich selbst etwas zu schenken, denn das zeigt, dass du dich im Großen und Ganzen magst.

Mitbringsel auf weißem Tisch vor weißer Wand

Wo Akkordeon gespielt wird, lass dich lieber nicht nieder

Während unserer Shopping-Tour passieren wir in der Fußgängerzone mehrfach einen älteren Herrn, der Akkordeon spielt. Er zieht von Straßenecke zu Straßenecke und gibt ein paar Lieder zum Besten. Das Akkordeon ist ja ein Instrument, das durchaus umstritten ist. Manche mögen es nicht, die anderen hassen es. In einem seiner Cartoons hat Gary Larson es folgendermaßen zum Ausdruck gebracht: Auf der oberen Hälfte seiner Zeichnung begrüßt ein Engel Neuankömmlinge mit den Worten „Willkommen im Himmel, hier ist deine Harfe“, in der unteren Hälfte sagt der Teufel zu den frisch Verstorbenen: „Willkommen in der Hölle, hier ist dein Akkordeon.“

Der Akkordeonist in der Fußgängerzone gibt zunächst ein paar Seemanns-Klassiker zum Besten. Als erstes „Eine Seefahrt, die ist lustig“, gefolgt von „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“. Ich versuche, dem Sohn weißzumachen, dass Hans Albers so etwas wie der Capital Bra der 1920er/30er Jahre war, aber er ist skeptisch. Anschließend quetscht der ältere Herr den Schunkel-Hit „An der Nordseeküste“ aus seinem Instrument. Der Sohn glaubt mir auch nicht, dass Klaus & Klaus in unserer Jugend den Status von Billie Eilish hatten. Das kommt davon, wenn du deine Kinder zu kritischen, mitdenkenden Menschen erziehst, die alles hinterfragen sollen.

Der ältere Herr wechselt nun das Genre und widmet sich dem deutschen Kult-Schlager. Als Übergangslied spielt er „Biene Maja“ von Karel Gott, danach den Pervie-Song „Im Wagen vor mir“, in dem Henry Valentino eine bedauernswerte junge Frau im Auto verfolgt und unappetitliche Alt-Herren-Phantasien ins Mikrofon röhrt. Danach ist das Akkordeon-Konzert vorbei und ich bin eher skeptisch, ob der Mann damit dem Instrument zu neuer Popularität verschafft hat.

Gut, so weit gehen wie der Karikaturist Honoré Daumier würde ich sicherlich nicht. Der soll Mitte des 19. Jahrhunderts folgenden Satz über das Akkordeon gesagt haben: „Man hat noch nicht das Recht, die Menschen zu töten, die dieses Instrument spielen, aber es gibt Hoffnung, dass wir es bald bekommen werden.“ Da hat es der Sängers Tom Waits doch etwas diplomatischer formuliert: „A gentleman knows how to play the accordion but doesn’t.“

Random Foto aus Wyk, um den Text etwas aufzulockern

Die Einsamkeit am Strand. Oder auch nicht

Nachmittags hört der Regen zwar auf, aber der Himmel bleibt Wolken verhangen. Die Frau und der Sohn beschließen ins Schwimmbad zu gehen, um überhaupt mal ins Wasser zu kommen. Ich entscheide mich dagegen, denn ich pflege ein sehr distanziertes Verhältnis zu Schwimmbädern. Sie bringen mir zu wenig Spaß – nämlich gar keinen – bei zu viel Fußpilzrisiko. Stattdessen setze ich mich in unseren Strandkorb, um ein bisschen zu lesen.

Außerdem möchte ich die Ruhe und das Alleinsein genießen. Corona-bedingt haben die Frau und ich seit Mitte März beide im Home Office gearbeitet und die Kinder hatten Home Schooling. Es gab so gut wie keine auswärtigen Termine für uns, so dass wir quasi immer alle gleichzeitig in der Wohnung waren. Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Für mich ist das sehr ungewohnt. Ich arbeite immer von Zuhause aus und normalerweise bin ich mehr als die Hälfte des Tages ganz alleine, bis das erste Kind aus der Schule kommt. In den letzten vier Monaten war ich schätzungsweise ganze fünf oder sechs Stunden ganz alleine in unserer Wohnung.

Verstehen sie mich nicht falsch, ich mag meine Familie und wir haben uns in der Corona-Zeit Zuhause wirklich blendend verstanden. Die Wohnung ist groß genug, jede:r hat ein eigenes Zimmer, niemand von uns leidet an cholerischen Persönlichkeitsstörungen, so dass es keine größeren Konflikte oder Streitereien gab. Trotzdem mag ich es sehr, für mich zu sein, ganz ohne andere Menschen. Beim Nachdenken durch die Wohnung latschen, ohne jemanden zu stören, die Musik auch mal lauter zu drehen, nicht das Gefühl haben, sich den achten Kaffee verkneifen zu müssen, weil die Frau denkt, sie müsse gleich den Notarzt rufen, wenn ich mit einer Koffeinvergiftung zuckend auf dem Boden liege.

Nun sitze ich alleine im Strandkorb und genieße es. Einfach mal für mich sein, ohne jemanden um mich herum zu haben. Herrlich. Vollkommen ungestört meinen Gedanken nachhängen. Nach knapp zehn Minuten stelle ich allerdings fest, dass ich gar nicht so viele nachhängenswerte Gedanken habe. Da klingelt bereits mein Telefon. Es ist die Frau. Das Schwimmbad sei schon voll und sie kämen jetzt auch an den Strand. Auf dem Weg würden sie sich ein Eis holen, ob ich auch eins möchte? Gut, das war‘s dann wohl mit dem Alleinsein. Aber dafür bekomme ich wenigstens ein Eis. Das ist ja auch schön.

Alle Macht den Enkeln

Kurz bevor wir gehen, kommt an unserem Strandkorb ein kleiner, knapp zweijähriger Junge mit seiner Oma vorbei. Er bleibt kurz stehen, schaut auf den Boden und ruft dann begeistert: „Da! Stein!“ Seine Augen leuchten voller Freude, als hätte er gerade nach einer lebenslangen Suche den Heiligen Gral gefunden. Für den Kleinen gibt es nichts Tolleres als diesen Stein und ihm ist vollkommen egal, dass es am Strand noch eine Milliarde davon gibt.

Seine Oma ist weniger begeistert von dem Fund. „Den nehmen wir aber nicht auch noch mit und schleppen uns damit ab.“ Dabei versucht sie möglichst resolut zu klingen. Also, so resolut wie es eine Oma gegenüber ihrem Enkelkind vermag. Großeltern pflegen für gewöhnlich ja einen eher – sagen wir mal – nachsichtigen Umgang mit ihren Enkelkindern. Beim Übergang von der Eltern- in die Großelterngeneration findet irgendeine Art von Metamorphose statt, die insbesondere den Bereich des Gehirns betrifft, der das Erlauben und das Verbieten steuert. Als Eltern verbietest du deinen Kindern alles und als Großeltern schlägst du deinen Enkel:innen nichts aus.

Ich spreche da aus Erfahrung. Mein Bruder und ich durften als Kinder beispielsweise auf dem Rummel nie Autoscooter fahren, mit der Begründung, eine Junge aus dem Ort habe dabei mal einen Zahn verloren. Zuckerwatte und Schoko-Banane waren ebenfalls tabu, mit Verweis auf das damit verbundene Kariesrisiko. (Anscheinend waren meine Eltern geradezu besessen davon, unsere Zähne zu schützen.) Als unsere Kinder zur Welt kamen und meine Eltern zu Großeltern wurden, änderte sich ihre Einstellung zu Rummelaktivitäten grundlegend. Wenn die Tochter und der Sohn sie in den Sommerferien besuchten, sind sie auf der Kirmes Autoscooter gefahren und haben Zuckerwatte und Schokobananen gegessen. (Wahrscheinlich während sie im Autoscooter saßen.)

Ich dagegen bin jetzt 45 und noch nie in meinem ganzen Leben Autoscooter gefahren und habe auch noch nie Zuckerwatte gegessen. Egal, ich warte einfach ab, bis ich Großvater werde und dann hole ich das mit meinen Enkelkindern nach. (Liebe Tochter, lieber Sohn, falls ihr das hier lesen solltet: Ich freue mich nicht so sehr darauf, dass ich unbedingt sofort Enkelkinder möchte. Das kann ruhig noch ein ein paar Jahre warten.)

Aber zurück zu dem kleinen Jungen, der immer noch vor unserem Strandkorb steht. Er schaut seine Oma ungläubig an und kann nicht fassen, dass sie tatsächlich gesagt hat, sie sollen den Stein liegen lassen. Sie muss von allen guten Geistern verlassen sein. Das ist immerhin nicht irgendein Tand, sondern ein Stein! Er schaut ihr fest in die Augen und sagt energisch: „Doch! Stein!“ Dann hebt er ihn auf, und um ihr ganz klar zu zeigen, wer das Sagen hat, gleich noch einen zweiten. Die Oma fügt sich ihrem Schicksal und die beiden ziehen weiter. Wahrscheinlich, um Zuckerwatte zu essen. Vielleicht gehe ich einfach mit.


Unser tägliches Kniffel-Spiel gib uns heute

Ich liege weiterhin in Führung. Es hat ein bisschen etwas oliver-kahn-übermotiviert-mäßiges, wenn ich beide Kniffel-Challenges gewinnen sollte, aber, wie bereits gesagt, es geht immerhin um Spaghetti-Eis.

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