Teil 1
Im Hinterhof ist alles wieder gut: Die riesige Monsterspinne ist zurück in ihrem Netz. Das einzige Problem: Da ihr Netz direkt neben den blauen Tonnen hängt, muss ich mir nun überlegen, wo wir unseren Papiermüll entsorgen.
Seit der Sohn die Spinne gesehen hat, öffnet er sein Fenster, das eine Etage über dem Büro liegt, nicht mehr. Damit sie nicht zu ihm reinkrabbelt. Ich schätze, so stickig wie es in seinem Zimmer ist, hat die Spinne daran kein Interesse.
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Um die innere Sicherheit müssen wir uns auch nicht mehr sorgen. Fahrradhelm und Handschuhe sind wieder aufgetaucht. Das Innenministerium kann den Krisenstab „Niemand klaut in unserem Haus“ wieder auflösen und sich voll und ganz dem Heimatschutz widmen.
19. Oktober 2024, Berlin
Besuch der Jugendstrafanstalt Berlin, der JSA, wie sie abgekürzt wird. Die hat heute Tag der offenen Tür. Also, nur für Besucher*innen, nicht für die Insassen. Der Vater eines Schulfreundes des Sohns arbeitet dort in der Tischlerei und hat uns eingeladen.
Ich war noch nie in einem Gefängnis und weiß nicht, was uns erwartet. Vor ein paar Jahren habe ich mal einen Bericht über Uli Hoeneß gesehen, damals als er wegen Steuerhinterziehung in den Knast musste. Das sah jetzt nicht so schlimm aus. Ich habe schon in kleineren Hotelzimmern übernachtet. Gut, die Zellen waren etwas spartanisch eingerichtet. Da sind die Zimmer in einem Kloster bei einem Schweige-Retreat aber auch. Da werden allerdings nicht abends die Türen von außen abgeschlossen. Vermute ich zumindest, denn ich war auch noch nie auf einem Schweige-Retreat im Kloster.
Abgesehen von der Uli-Hoeneß-Reportage ist mein Bild von Gefängnissen hauptsächlich durch Kabel1-Dokus über US-amerikanische Hardcore-Knäste sowie die Serie Prison Break geprägt. Ich hoffe, in der JSA herrschen bessere Bedingungen als in dem panamaischen Knast in Staffel 3.
Meine Frau und ich fahren morgens mit gemischten Gefühlen Richtung Jugendgefängnis. Einerseits ist es interessant, sich über die dortige Arbeit zu erkundigen, und das fördert ja auch Transparenz und Öffentlichkeit. Andererseits kommen wir uns wie sensationsgeile Voyeure vor, die wie im Zoo straffällige Jugendliche begaffen wollen. (Eine Sorge, die sich als unbegründet erweist, da es keinen Kontakt mit Inhaftierten gibt.)
Am Besuchereingang begrüße ich den Beamten hinter der Glasscheibe und erkläre ihm, wir seien für den Tag der offenen Tür angemeldet. Der Mann schaut mich befremdet an. Als sei ich etwas schlicht und hätte das Prinzip Gefängnis nicht verstanden, das selbstverständlich keine Offene-Türen-Tage vorsieht. Es stellt sich heraus, dass wir in der Erwachsenen-JVA gelandet sind und noch ein Stück weiter radeln müssen.
An der Fassade der JSA hängt ein Banner mit überraschender Botschaft. „30 Jahre Jugendstrafanstalt Berlin. Jugend hat Zukunft – wir feilen daran.“
Nachdem Einlass beginnt die Tour mit einem Einführungsvortrag der Vollzugsleiterin sowie der Leiterin des Servicebereiches. (Servicebereich wird nicht der einzige Begriff im Laufe des Tages sein, den ich nicht unbedingt mit einem Gefängnis assoziiert hätte.) Die JSA verfügt über rund 420 Plätze, die jedoch nicht alle belegt sind, die Insassen sind zwischen 14 und 27, im Schnitt circa 20. Ihre durchschnittliche Haftdauer liegt bei 20 Monaten, je nach Alter kann sie aber auch zehn oder fünfzehn Jahre betragen.
Die JSA verfolgt den Anspruch, jeder einzelne Tag soll für die Inhaftierten erzieherisch sinnvoll sein. Damit sie nach der Entlassung in die Lage versetzt sind, ein straf- und drogenfreies Leben zu führen. Ob die Arbeit von Erfolg gekrönt ist, ist eine klassische „Das Glas ist halb voll versus halb leer“-Einschätzung. Die Rückfallquote liegt bei 60 Prozent, was wiederum bedeutet, dass 40 Prozent nicht wieder im Gefängnis landen.
In der anschließenden Fragerunde erkundigt sich eine Besucherin, ob das Gefängnis für die Inhaftierten der Erst- oder Zweitwohnsitz sei und wer das Kindergeld bekäme, die Insassen, die Eltern oder die JSA. Sehr spezifische Fragen. Klingt ein wenig so, als träte ihr Sohn demnächst seine Haftstrafe an, und sie muss noch den Orga-Kram erledigen. (Zu den Antworten: Die Inhaftierten sind im Gefängnis gemeldet, das Kindergeld steht ihnen zu, nicht den Eltern und schon gar nicht der JSA.)
Bei dem Rundgang beeindruckt mich besonders ein Schließer, aus einem der Häuser, die hier Wohngruppen heißen. Er berichtet vom Alltag mit den Häftlingen und spricht respektvoll und empathisch über die „Jungs“. Ohne dabei den Eindruck zu erwecken, er wäre naiv und lasse sich auf der Nase herumtanzen. Ich wäre für diesen Job vollkommen ungeeignet. Ich hätte für alle Verständnis, würde allen alles glauben und mich andauernd verarschen lassen.
Auf der Heimfahrt denke ich darüber nach, wie ungleich und unfair Lebenschancen verteilt sind. Im Gegensatz zu der Bullerbü-Welt unserer Kinder sind die Jugendlichen und jungen Männer in der JSA in einem Umfeld aufgewachsen, das natürlich nicht den direkten Weg ins Gefängnis geebnet hat, aber sehr stark begünstigt hat, dass sie falsche Entscheidungen treffen und davon sehr viele.
Angesichts ihrer Taten und Verbrechen kann man dann auch etwas nachsichtiger mit den eigenen Kindern sein. So schlimm ist es vielleicht doch nicht, dass der Sohn nie ohne Aufforderung den Müll runterbringt.
20. Oktober 2024, Berlin
Auffallend viele der Buchbestellungen kommen aus kleineren Orten. Ein paar Bücher gehen nach Berlin, München oder Hamburg, aber der größere Teil in Kleinstädte oder Dörfer wie Lappersdorf, Ebersbach an der Fils, Kitzingen, Remseck am Neckar, Horb am Neckar oder Illertissen.
Alles Orte, die Schauplätze einer Provinz-Krimi-Reihe sein könnten:
- „Der Schlächter von Schalkau. Kommissar Schorleber ermittelt wieder.“
- „Das Schweigen der Kälber. Ein Nittendorf-Thriller.“
- „Todesgrüße aus Gilchingen. Ein Fall für Marianne Maisinger.“
Aus Am Mellensee Ortsteil Kummersdorf Gut gibt es auch eine Bestellung. Am Mellensee hört sich für mich nicht gerade nach Großstadt-Metropole an, die zur Wahrung der Übersichtlichkeit mehrere Ortsteile benötigt.
Die österreichischen Ortsnamen klingen nach Bergen, grünen Wiesen und Kuhglockengebimmel. Eggelsberg, Tiefgraben, Feldlach oder Mondsee. Da erwartest du, dass jeden Moment Heidi, der Ziegen-Peter oder der Alm-Öhi um die Ecke kommen.
Keine Ahnung, warum sich das Buch in ländlichen Gegenden so großer Beliebtheit erfreut. Vielleicht sind die nächsten Kinos, Theater und Galerien zu weit entfernt und die Internet-Anbindung fürs Streaming zu schlecht. Da müssen sich die Menschen mit „Wenn ich groß bin, werde ich Gott“ begnügen.
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